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Aus dem Inhalt
Ernst Lohoff: Das Schweigen der Lämmer. Neue soziale Frage im entsicherten
Kapitalismus VorwortUnablässig wird uns die immergleiche Botschaft ins Hirn gehämmert: Neue Arbeit braucht das Land. Die aber sei nur zu haben, wenn die betriebswirtschaftliche Rentabilität endlich bedingungslos als gesellschaftliche Leitkultur anerkannt werde. Dann blühe uns ein Leben in materiellem Wohlstand und Freiheit. Die gesellschaftliche Realität jedoch passt nicht so recht zu diesem Dogma. Die Länder des Südens und des Ostens haben die totale Entfesselung der Marktkräfte nach 1989 mit Verarmungsschüben bezahlt, zu denen sich höchstens in der Epoche der »ursprünglichen Akkumulation« (Marx) Parallelen finden lassen. Aber auch im Auge des Orkans wird es immer ungemütlicher. Mit rasanter Geschwindigkeit wird hier das gleiche Zerstörungswerk vollzogen wie in den Verliererländern des Weltmarkts. Nur um die kapitalistische Produktions- und Gesellschaftsform, die Warenproduktion, zu retten, werden alle sozialen und ökologischen Standards entsorgt. Der Abriss der sozialen Sicherungssysteme und die Plünderung der öffentlichen Infrastruktur hinterlässt eine breite Schneise gesellschaftlicher Verwüstung und sozialer Verrohung. Auch nach Deutschland kehrt die längst als angeblich gelöst vergessene ›soziale Frage‹ zurück. Die schöne neue Welt der Selbstvermarktung reimt sich für die Einzelnen auf prekäre Lebensverhältnisse, zunehmenden Stress, Mobbing und hochgradig unsichere Zukunftsperspektiven. Aber bitte, immer schön positiv denken und das penetrante Verkäuferlächeln nicht vergessen! Wenn ihre großspurigen Glücksversprechen nicht aufgehen, reagieren Sekten vorzugsweise mit verstärkten Druck auf ihre Anhänger. Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung; insofern liegt es allemal allein an den Jüngern, durch mehr Opferwille und Einsicht doch noch die Erlösung zu erlangen. Die Vertreter der marktwirtschaftlichen Heilslehre ticken keinen Deut anders. Können Sie tatsächlich in den ›Chancen und Risiken‹ der Selbstvermarktung nicht das höchste Glück auf Erden erkennen? Offensichtlich haben Sie ein massives Wahrnehmungsproblem. Wer die Welt zwanghaft negativ sieht, sabotiert seinen persönlichen Erfolg und zugleich den ›unseres Standorts‹. Ganze Weltregionen brechen weg und verelenden? Dort muss es an der Bereitschaft gefehlt haben, die verordnete Kur der totalen Ökonomisierung mit nötiger Konsequenz anzuwenden. Ausgerechnet Argentinien, der Musterknabe des IWF, ist wirtschaftlich ins Bodenlose abgestürzt? Das lässt nur einen Schluss zu: Die bei der Verfolgung der reinen neoliberalen Lehre eifrigste Führung auf der Welt war noch nicht eifrig genug. Die einstigen Lieblingskinder der viel gepriesenen ›New Economy‹, die neuen Informationsarbeiter, liegen zu Hunderttausenden auf der Straße oder räumen bei Aldi die Regale ein? Offenbar haben sie es nicht verstanden, alsbald neue Karrierechancen zu nutzen, und damit schon bewiesen, dass sie völlig zu Recht als untüchtig aussortiert wurden. Jedem das Seine. Der Markt hat immer Recht, und der Arbeitsmarkt sowieso. Die ›Reform‹-Hysterie die derzeit über Deutschland und andere europäische Länder hereinbricht, markiert einen historischen Einschnitt. Es geht nicht mehr bloß um die Rücknahme einzelner sozialer Standards, die dem Kapitalismus abgerungen werden konnten. Es geht um den Totalabriss. Die auf Arbeit und Warenproduktion basierende Gesellschaft ist in einen fundamentalen Krisenprozess eingetreten, der sie in ihren Fundamenten erschüttert. Gerade in diesem Prozess enthüllt sie noch einmal ihren zutiefst irrationalen und destruktiven Charakter und tritt in eine offen terroristische Phase ein. Sozialer Widerstand dagegen regt sich kaum. Hierzulande noch weniger als anderswo. Das Heer der Arbeitslosen wird auf Diät gesetzt, darf sich bei der Arbeitssuche alles gefallen lassen und rührt sich nicht. Millionen stellen sich resigniert darauf ein, dass ›überkommene Besitzstände‹ wie die Aussicht auf einen Zahnersatz demnächst zum überflüssigen Luxus werden. So manche Faust ballt sich – bislang aber leider nur in der Tasche. Der ökonomieterroristische Amoklauf schreit geradezu nach einer Gegenbewegung und nach einer Renaissance von Gesellschaftskritik. Und doch ist die antikapitalistische Opposition wie gelähmt, zeigt sich schicksalsergeben und orientierungslos. Weit davon entfernt, dem aufkeimenden Unwillen zur Sprache zu verhelfen, versinkt sie selber in Sprachlosigkeit und stellt alles andere als den Kristallisationskern für einen möglichen Widerstand dar. Zunächst einmal erscheint diese Paralyse als Folge einer thematischen Ausblendung. Krieg und Frieden, Rassismus, Sexismus, Ökologie und internationale Solidarität haben die Linke in den letzten Jahrzehnten immer wieder mobilisiert und heftige Debatten ausgelöst. Die soziale und Arbeitswirklichkeit im eigenen Land kam hingegen in den Diskussionen fast nicht mehr vor und spielte für das linke Selbstverständnis kaum eine Rolle. Daher versetzt die Wiederkehr der ›sozialen Frage‹ die antikapitalistische Opposition in die terra incognita eines ihr unvertrauten gesellschaftlichen Konfliktfelds. Für die grobe Vernachlässigung von Fragen der alltäglichen Reproduktion im Kapitalismus sind freilich nicht einfach nur die politischen Konjunkturen verantwortlich zu machen. Das systematische Desinteresse ist auch und vor allem der verqueren Perspektive geschuldet, unter der das antikapitalistische Denken diesen Problemkreis gewohnheitsmäßig wahrgenommen hat und (wenn überhaupt) bis heute wahrnimmt. Die Neue Linke begriff die soziale und Arbeitswirklichkeit nie als eigenständigen Kritikgegenstand. Stattdessen hat sie – dem marxistischen Erbe entsprechend – die Auseinandersetzung damit beharrlich der berühmt-berüchtigten ›Klassenfrage‹ untergeordnet. Der allgemeine gesellschaftliche Zwang, lebenslang die eigene Haut zu Markte zu tragen, verdiente Aufmerksamkeit nur unter einer Prämisse: Kapital und Arbeitskraftverkäufer seien per se antagonistische gesellschaftliche Kräfte und die Arbeit ein Gegenprinzip zur kapitalistischen Ordnung. In den 70er Jahren war für das linke Selbstverständnis noch wesentlich die positive, klassenromantische Variante dieser Vorstellung prägend. Man phantasierte sich die Lohnarbeiterschaft zum eingeborenen Träger einer emanzipativen Mission zurecht und schrieb der Arbeit ein mysteriöse befreiende Kraft zu. Diese Hoffnung blamierte sich zwar sehr schnell an der Wirklichkeit. Doch die abstruse Vorstellung, eine Kritik des kapitalistischen Arbeitsregimes müsse auf einem positiven Klassenstandpunkt fußen, überlebte negativ gewendet dieses Dementi. Generation um Generation von Linken diente das alsbald nur noch vom Hörensagen bekannte Proletkult-Intermezzo dazu, die eigene Ignoranz gegen die Arbeitswirklichkeit und jeden Bezug auf die ›soziale Frage‹ als Ausfluss höherer Einsicht zu legitimieren. Die Wiederkehr der ›sozialen Frage‹ deckt indes nicht nur massive inhaltliche Defizite auf. Sie bringt die Linke auch als Soziotop nachhaltig in die Bredouille. In oppositionellen Zusammenhängen finden seit jeher vorzugsweise Menschen zusammen, die in einer gewissen Distanz zum herrschenden Arbeits- und Konkurrenzwahn leben. Die Energie zum Engagement bringen in erster Linie jene auf, die es verstanden haben, die eigene Reproduktion vergleichsweise arbeitsarm zu organisieren und sich Zeit und Nerv für etwas anderes als die Verwertung und Regeneration des eigenen ›Humankapitals‹ zu reservieren. Obwohl jedoch die gesamte linke Subkultur auch und nicht zuletzt auf dieser stillen ›lebensweltlichen‹ Voraussetzung beruht, war Schaffung und Sicherung disponibler Zeit nie selber Inhalt linker Politik und blieb stets im schlimmsten Wortsinn Privatangelegenheit. Die arbeitsterroristische Generalmobilmachung ist drauf und dran diese Existenzbedingung zu zerstören. Wenn kaum mehr jemand mit Nebenjobs über die Runden kommt, wenn unter dem Druck der arbeitsreligiösen Offensive systematisch alle gesellschaftlichen Luftlöcher verschwinden, die das Bildungssystem und der Sozialstaat bis dato gelassen haben, dann wird damit nebenbei auch den linken Soziotopen die Luft abgedrückt. Die regierende Arbeitskirche tut alles, damit Menschen nur noch für zwei Dinge im Leben Zeit und Kraft haben: für die Arbeit und für die Arbeitssuche. Das individuelle Ausweichen vor diesen Zumutungen nimmt zusehends selber den Charakter einer Schwerstarbeit an. Damit verwandeln sich aber die bisherigen Formen oppositionellen Engagements für immer mehr Menschen in eine kaum noch dauerhaft in die eigene Biographie integrierbare psycho-soziale Luxusleistung. Auch insofern bedarf es einer grundsätzlichen Neuorientierung der gesellschaftlichen Opposition. Es gilt die ›soziale Frage‹ auch im Bezug auf den eigenen Alltag und die eigenen Lebensverhältnisse ernst zu nehmen. Nicht im Sinne einer ›Politik in der ersten Person‹, wie in der verblichenen Alternativbewegung, sondern als alle vom Kapitalismus gezogenen Grenzen überschreitende Solidarisierung jenseits von Stellvertreterpolitik und Romantisierung eines phantasierten revolutionären Subjekts. Die auf Zerstörung und Selbstzerstörung programmierte Herrschaft von Arbeit, Warenproduktion und Verwertung stellt radikale Antikapitalisten prinzipiell vor die gleichen Probleme wie alle anderen Menschen, die ein Leben als Konkurrenzautomat und Selbstverkäufer unerträglich finden und denen es vor der um sich greifenden sozialen Verwilderung graut. Insofern ist der Wechsel von einem positiven Bezug auf die Arbeit zu einer konsequenten Kritik dieses Allerheiligsten der Warengesellschaft nicht nur unerlässlich, um eine Kritik des globalisierten Krisenkapitalismus auf der Höhe der Zeit zu entwickeln. Vielmehr liegt für radikale Gesellschaftskritik in der arbeits- und sozialkritischen Neuorientierung zugleich die Chance, eine Ausstrahlungskraft weit über die bisherigen oppositionellen Segmente und Subkulturen hinaus zu gewinnen. Die Arbeitskirche begegnet der fundamentalen Krise der Arbeit mit Gesundbeterei, dem Auftürmen hohler Ideologiegebirge und verschärfter Repression. Vor allem setzt sie darauf, dass der Überlebenskampf in der Vereinzelung keinen Widerstand aufkommen lässt. Das gilt es zu durchbrechen. Radikale Gesellschaftskritik kann ihren Beitrag dazu leisten, indem sie die Unerträglichkeit und die Unhaltbarkeit der Arbeits- und Warengesellschaft beim Namen nennt und damit möglicherweise einem allgemeineren Bedürfnis mit zur Sprache verhilft. Einen Schritt in diese Richtung zu unternehmen, ist die Intention des hier vorliegenden Buches. Es versteht sich als Fortsetzung einer Kritik, die im Rahmen der Zeitschrift Krisis entwickelt und mit dem »Manifest gegen die Arbeit« (Gruppe Krisis, 1999) sowie dem Buch »Feierabend! Elf Attacken gegen die Arbeit« (Hrsg.: Robert Kurz, Ernst Lohoff und Norbert Trenkle, Hamburg 1999) in eine breitere Öffentlichkeit getragen wurde. Weitere Schritte werden folgen. Wer sich dafür interessiert, sei insbesondere auf die Krisis und auf das arbeits- und wertkritische Magazin Streifzüge sowie auf unsere Homepages verwiesen (www.krisis.org und www.streifzuege.org). Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed und Maria Wölflingseder Mai 2004 Die AutorInnen
Achim Bellgart, geb. 1952, lebt in Bremen. Kennt sich in der Welt der Ausbildungen
(Lehrer, Systemanalytiker, Religionswissenschaftler), der Arbeit und der Arbeitslosigkeit
annähernd gleich gut aus. Hat sich nach vielen Jahren lustvoller Rödelei im
Kommunistischen Bund zur Wertkritik empor gerackert. Heute Redakteur der Krisis. REZENSIONENCopyright © Frankfurter Rundschau online 2005 Dokument erstellt am 05.04.2005 um 14:52:05 Uhr Erscheinungsdatum 06.04.2005 PARS PRO TOTO VON RUDOLF WALTHER "Der entfesselte Kapitalismus hatte sich schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts als ein Irrweg erwiesen." - "Die regierende Arbeitskirche tut alles, damit Menschen nur noch für zwei Dinge im Leben Zeit und Kraft haben: für die Arbeit und für die Arbeitssuche." Der erste Satz stammt aus dem Traktat Vom Nichtstun des konservativen Publizisten und früheren FAZ-Redakteurs Eberhard Straub. Der zweite Satz steht im Vorwort zu einem Buch linker Autoren aus dem Umkreis der Zeitschrift Krisis, wobei schon der Titel des Sammelbandes deutlich macht, worum es den Autoren darin geht: Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. Wer nach dem Erfolg von Corinne Maiers Anleitung zum Faulsein noch Beweise braucht: Auch diese Übereinstimmung ist ein Indiz dafür, wie tief die Krise ist, in der die "Arbeitsgesellschaft" steckt. In der Analyse beziehen sich der konservative und die linken Autoren auf Marx, für den sich die Freiheit der Menschen wie jene einer ganzen Gesellschaft daran bemessen, über wie viel "freie Zeit" (disposable time) sie verfügen und nicht daran, wie lange und wie intensiv gearbeitet wird. Der aktuelle Kapitalismus "kennt nur eine, die unpersönliche Freiheit des Marktes". Sie mündet in einer Sackgasse: wer Arbeit hat, hat keine Zeit, und wer Zeit hat, ist arbeitslos. Für Straub liegt "die Zukunft des Menschen jenseits von Arbeit und Leistung", weil "die Zeit der Arbeit… vorbei" ist. Der Glaube, wonach Arbeit, Markt und Wachstum automatisch für Freiheit bürgen, ist relativ jung. Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit galt Arbeit als Zwang und als eines freien Bürgers unwürdig. Nur in Muße und abseits der wirtschaftlichen Effizienz- und Verwertungszwänge entfalten sich Bildung, Lebenskultur und Geschmack - bei Aristoteles wie bei Schiller, Humboldt und Marx sind das die wahren Garanten von Selbstverwirklichung und Freiheit. Straubs Analyse der historischen Entwicklung, die Arbeit zum "Zauberwort" jener "marktfrohen Apostel" machte, die von den Menschen "die Arbeit nahmen" und sich selbst bereicherten, überzeugt. Weniger einfallsreich sind seine Überlegungen zur "Wiedergewinnung der Muße in einer Welt ohne Arbeit". Hier gleitet er ab in Kulturpessimismus der öderen Art, baut auf die Wiederbelebung von Humboldts Bildungsidee und entdeckt ausgerechnet die Arbeitslosen als "wahrscheinlich bald unerschöpfliches Reservoir humaner Bildung". Straub rechnet auch "weitere Krisen und weitere Ratlosigkeit" zu den Wegweisern in eine Welt ohne Arbeit. Radikale Gesellschaftskritik Die linken Autoren des Sammelbandes sind realistischer und werden konkreter. Sie setzen nicht auf eine Lohnarbeiterschaft als vermeintlich revolutionäres Subjekt und Träger einer "emanzipativen Botschaft". Sie plädieren für "radikale Gesellschaftskritik" - für Aufklärung über den "herrschenden Arbeits- und Konkurrenzwahn". Ihre Kritik will "die Unerträglichkeit und die Unhaltbarkeit der Arbeits- und Warengesellschaft beim Namen" nennen und damit jene Oppositionellen unterstützen, die sich mit "einem Leben als Konkurrenzautomaten und Selbstverkäufer" nicht abfinden. Eberhard Straub: Vom Nichtstun. Ernst Lohoff / Norbert Trenkle / Karl-Heinz Lewed / Maria Wölflingseder (Hrsg.): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. Unrast-Verlag, Münster 2004, 302 Seiten, 18 Euro.
aus: die standard.at | Politik 28.9.2005 Dead Men Working hg. von E. Lohoff, N. Trenkle, K. Lewed, M. Wölflingseder Von Gastautorin Ruth Devime Dead Women Working sollte es heißen, das Buch, weil Frauen mehr betroffen sind von den Verschlechterungen der Arbeits- bzw. der Lebensbedingungen; und es ist eine Veränderung zum Schlechten, auch wenn noch soviel geredet wird von: Standortsicherung, Profilings, New Economy, Reform, Reformkurs, Reformstau, Flexibilität, Mobilität, Wachstumsdynamik, Qualitätsmanagement, Wettbewerbsvorteil, Siesta-Consulting, Bewerbungscoach, Aquisitionsoffensive und vielem mehr... In diesem Buch liest frau einige wichtige Beiträge für Frauen allgemein und für arbeitslose Frauen im Speziellen. Besonderes lege ich diesen Sammelband MitarbeiterInnen der Arbeitsmarktverwaltung ans Herz. Leider haben die männlichen Autoren zuwenig Augenmerk auf die Geschlechterverhältnisse gelegt, aber Maria Wölflingseders Texte tun dies um so mehr. Die Autorin gibt in einem einen ausführlichen Bericht die menschenfeindlichen Erlebnisse als arbeitslose Wissenschaftlerin in den AMS – Maßnahmen wieder und sie beschreibt, wie aus dem Esoterik-Ideologem "Positives Denken" ein "selbstverordnetes Gleitmittel" wurde. Herzerfrischend und/oder kopferfrischend, aber auch sehr ernüchternd sind ihre Aufsätze mit dem Titel "Von der Zurichtung zur Hinrichtung": Es gibt inzwischen wirklich ArbeiterInnen und Angestellte, die während ihrer Arbeitszeit die Toilette nicht aufsuchen können. "Power – Napping" schreibt jetzt auch noch vor, wann und wie lange du tagsüber zu schlafen hast. Die grauslichen Befunde der "Schönheitschirurgie" und die schrecklichen Gewalttaten des Handels mit Mädchen und Frauen werden von ihr in Zusammenhang mit patriarchaler Arbeitsmarktpolitik gestellt. Ein ebenso wichtiges Kapitel (für Frauen, die im Gesundheitsbereich arbeiten sieht die Zukunft nicht rosig aus) ist der Beitrag zu Durchkapitalisierung des Lebens am Beispiel der Krankenhäuser. Nach der ausgiebigen Lektüre des vorliegenden Bandes erklingen viel der Floskeln der heutigen Zeit ganz grauenhaft in meinem Ohren und "Qualitätssicherung" wird zu dem, was es ist: Ein neues Kontrollorgan, das die Menschen gängelt und Arbeitsplätze und Menschlichkeit abbaut. Sehr erleichternd nach der Lektüre der Erfahrungen, die die AutorInnen in den verschiedenen Abteilungen der großen Arbeits(losen)mühle gemacht haben, sowie der theoretischen Beiträge zum Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit, ist der Text: "Wind des Südens - Funken eines nicht-entfremdeten Bewusstseins inmitten des argentinischen Zusammenbruchs" und wieder einmal weiß ich wie wenig ich von den herrschenden Medien über den Zustand dieser Welt. Texte zu Migration, Rassismus und prekären Arbeitsverhältnissen, zu der Illusion der Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, zu sinnlosem Lernen und sinnlosen Arbeiten, Attac und die Krise der Arbeitsgesellschaft, über eine Anti-Arbeitsaktion in Thüringen etc. vervollständigen diesen bemerkenswerten Band. Dieses Buch müsste ein Bestseller sein, damit in diesem Land wieder mehr gedacht und weniger programmiert, mehr diskutiert und weniger meditiert, weniger gearbeitet und mehr und lustvoller gelebt wird. Und wenn eine noch weiterlesen, weiterdenken möchte: "Manifest gegen die Arbeit" und das Buch "Feierabend" gibt es auch noch zu erwerben!
Internationale Zeitschrift für Sozialpsychologie und Gruppendynamik in Wirtschaft und Gesellschaft, Wien Uni.Prof. Dr. Rudolf Zucha Heft 110 (Jg. 30) auf Seite 44 f. DAS AKTUELLE WISSENSCHAFTLICHE BUCH Ernst LOHOFF, Norbert TRENKLE, Maria WÖLFLINGSEDER, Karl-Heinz LEWED (Hg.) Dead Men Working - Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs ISBN 3-89771-427-2, Unrast, Münster 2004, 302 S. Die derzeitige Generalmobilmachung gegen den Sozialstaat, die zunehmende Repression gegen Arbeitslose und Ausgegrenzte und die Schaffung eines breiten Sektors von Elendsarbeit sind noch nicht das letzte Wort einer Krisenverwaltung der Arbeits- und Warengesellschaft. Je klarer zu Tage tritt, daß die rasante Produktivitätsentwicklung immer mehr Arbeit überflüssig macht, desto heftiger klammert sich diese Gesellschaft an die entgegengesetzte Perspektive. Unter der Prämisse "Arbeit schaffen um jeden Preis" werden die Potentiale gesellschaftlichen Reichtums rücksichtslos der kapitalistischen Form geopfert. Im vorliegenden Buch werden irrationale Mechanismen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung aufgedeckt und infrage gestellt. Insbesondere werden persönliche Erfahrungen der AutorInnen in den verschiedenen Sektoren der irrationalen Arbeits(losen)mühle geschildert, die für Außenstehende fast unglaublich klingen. Der Leser des verständlich verfaßten Buches gewinnt einen tieferen Einblick in die tragikomischen Verquickungen der nur scheinbar rationalen sozio-ökomischen Prozesse, die einmal mehr als anarchisch entlarvt werden.
Oberösterreichischer "planet", Die Grünen Nr. 38, Juli 05 - Spt. 05 Arbeit und Geld infrage stellen von Marco Vanek Den heutigen Arbeitsbegriff zu kritisieren ist ein Tabu. Doch im Buch "Dead Men Working" wird er gebrochen. Die heutigen Versprechungen von Glück und Freiheit sind stets warenförmig. Wir können zwischen 60 Fernsehprogrammen wählen, zwischen 20 Sorten Katzenfutter oder zwischen 10 Marken Öko-Packerl-Suppen. Die Freiheit in einer gesunden Umwelt zu leben, unvergiftete Lebensmittel zu essen, Zeit und Muße zu haben, die haben wir nicht. Immer mehr Lebensäußerungen und Naturressourcen, die bisher nicht kommerzialisiert gehalten wurden, werden in Warenformen gepackt: der Verkauf von Luftverschmutzungskontingenten, die Patentierung aller menschlichen, tierischen und pflanzlichen Gene, menschliche Organe... Auch zwischenmenschliche Zuwendungen werden immer öfter gegen Geld erworben: Therapien aller Art, Flirt- und Trauerseminare, PartnerInnenvermittlung u. v. m. Niemand wünscht sich dies, doch alle spielen mit gemäß der "Sachzwänge", wie die menschenverachtenden Gesetze des Kapitalismus genannt werden. Die Ökonomie kennt nur ein Gebot: die Minimierung der einzelbetrieblichen Kosten. Die Natur, die Arbeitenden und die Gesellschaft haben für diese Minimierung einen hohen Preis zu entrichten. Politik und Wirtschaft halten es für selbstverständlich, dass die ökonomischen Kriterien den Vorrang vor allen anderen haben. Die HerausgeberInnen des Sammelbandes "Dead Men Working" Ernst Lohoff und Maria Wölflingseder bringen die heutigen gesellschaftliche Entwicklungen auf den Punkt: "Wer gegen diese Verrücktheiten etwas unternehmen will, kann sich nicht mit einer Kritik an den politischen und wirtschaftlichen MachthaberInnen begnügen." Die AutorInnen des vorliegenden Buches reagieren dabei mit einem bewussten Tabubruch: Sie sprechen der Arbeit ihren Rang als unhinterfragbare Grundlage des Lebens ab. Wer Kritik an der Notwendigkeit zu arbeiten äußert, gilt im allgemeinen als weltfremder Spinner. Dabei war es vor langer Zeit selbst unter renommierten bürgerlichen WissenschaftlerInnen ein Allgemeinplatz, dass die Arbeit im Zuge der technischen Revolution verschwindet. Offenbar ist das völlig in Vergessenheit geraten. Den AutorInnen ist klar, dass die Menschen Dinge für ihr Überleben herstellen müssen und dies nicht immer ohne Mühsal möglich ist. Sie kritisieren aber den Umstand, dass es beim Einsatz von Arbeit nicht in erster Linie um die Herstellung nützlicher Dinge, sondern vor allem um deren Verkäuflichkeit geht. Arbeit wird nur nachgefragt, wenn sich mit ihrem Einsatz Geld verdienen lässt. Dieser Zusammenhang hat zur Folge, dass viele lebenswichtige Dinge kaum noch hergestellt werden, weil hinter ihnen keine zahlungskräftige Kundschaft steht. Wer sich auf diesen Kritik-Ansatz einlässt, gelangt zu überraschenden Einsichten. Vieles erscheint als völlig irrwitzig. Auch die gegenwärtige Krise: Obwohl sich an den konkreten Produktionsbedingungen nichts verschlechtert hat, werden immer mehr Menschen vom Wohlstand ausgeschlossen. Berge von Gütern liegen in den Läden und finden keinen Absatz. Die AutorInnen betrachten Arbeitskritik als Akt der sozialen Notwehr. Da das System von Arbeit und Geld zunehmend unser Leben in Frage stellt, ist es höchste Zeit, das System von Arbeit und Geld in Frage zu stellen. Auch eine von "Arbeit" befreite Gesellschaft sähe nicht aus wie das Schlaraffenland, aber es könnte weniger unnötiges Leid geben. Ernst Lohoff, Maria Wölflingseder u.a.: Gebrauchsanweisung zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. UNRAST-Verlag, Münster 2004, 304 S., 18,60 Euro
Radio Darmstadt Gegen die Arbeit Besprechung von : Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Maria Wölflingseder und Karl-Heinz Lewed (Hg.) – Dead Men Working, Unrast Verlag 2004, EUR 16,00 Allenthalben ist davon die Rede: es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden. Bundesregierung und Opposition palavern in trautem Einklang mit Wirtschaftsverbänden, Massenmedien und Wirtschaftsweisen hierüber, so als kümmere sie die Realität nicht. Man und frau könnte den Eindruck eines autistischen Kaffeekränzchens bekommen. Dabei geht es nicht um Arbeitsplätze, sondern darum, die Ausbeutung profitabler zu gestalten. Alle Gesetzesvorhaben der letzten Jahre hatten nur ein Ziel: die Massenarbeitslosigkeit zu nutzen, um den Arbeitsmarkt einmal so richtig aufzumischen. Daß hierbei ganz konkrete Menschen auf der Strecke bleiben, ist nicht etwa beklagenswerter Kollateralschaden, sondern geradezu erwünscht. Eine Demonstration wie in Berlin oder wie die für Anfang November in Nürnberg geplante wird jedoch an diesen Verhältnissen wenig ändern. Das spricht nicht dagegen, an diesen Demonstrationen teilzunehmen. Nein, es verweist darauf, daß die sozialen Erosionsprozesse kapitalistischer Deregulierung im Bewußtsein der lohnabhängig arbeitenden oder nicht mehr arbeitenden Menschen sich so festgesetzt haben, daß wir fest daran glauben: Widerstand ist zwecklos [6]. Der heilige Markt verkündet es uns tagtäglich: Wir müssen unser Humankapital nur richtig einsetzen, unsere Chancen nur richtig wahrnehmen, das damit verbundene Risiko billigend in Kauf nehmen und vor allem positiv denken. Davon entsteht zwar kein neuer Arbeitsplatz, aber es fördert den Konkurrenzgeist und zerstört die letzten Reste zwischenmenschlicher Solidarität. Allein machen sie dich ein – genau darum geht es. Und so schwierig es ist, so wenig erfolgversprechend oder vielleicht gar utopisch: wenn wir uns nicht aufgeben wollen, wenn wir nicht überrollt werden wollen, wenn wir uns auch morgen noch im Spiegel anschauen mögen wollen – dann müssen wir uns überlegen, wie wir dem neoliberal aufgeblasenen Wahn einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft etwas entgegensetzen. Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Maria Wölflingseder und Karl-Heinz Lewed haben in dem von ihnen im Unrast Verlag herausgegebenen Buch Dead Men Working eine Art Gebrauchsanweisung zur Arbeits– und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs zusammengetragen. Sie zeigen: wir sind nicht allein; unsere Lage ist kein Schicksal. Nicht wir sind daran Schuld, sondern die Verhältnisse, die uns aufgezwungen werden. Im Kapitalismus wird nur das produziert, was sich vermarkten läßt, was Profit einbringt. Dem Kapital ist es dabei völlig schnuppe, ob es sich um Giftgas, Babypuder, Kopfschmerztabletten oder Werkzeugmaschinen handelt. Nicht die Bedürfnisbefriedigung der Menschheit ist das Ziel, sondern die Produktion von Gütern, die sich verkaufen lassen. Pervers, wie die sich daraus ergebende Logik ist, werden Bedürfnisse, die sich nicht in barer Münze äußern, ignoriert. Wenn dabei Menschen krepieren, gehört dies geradezu zum Geschäft. Das kapitalistische Modell ist in eine Krise geraten. Es ist zwar erst einmal nur eine Verwertungskrise, aber sie erfordert einen grundlegenden Umbau aller gesellschaftlichen Beziehungen. Die neoliberale Konterrevolution, die 1973 erstmals in Pinochets Chile eingeführt wurde, hat längst die Metropolen des Kapitals erreicht. Alles steht auf dem Prüfstand. Die dritte technologische Revolution hat einen Produktivitätsfortschritt hervorgebracht, bei dem mehr produziert wird als sich verkaufen läßt. Es überlebt, wer kostengünstiger produziert als sein Konkurrent. Der Angriff auf die Löhne und sozialen Errungenschaften ist daher folgerichtig. Daß es ausgerechnet eine rot–grüne Koalition ist, welche das neoliberale Brutalisierungsprogramm durchzieht, mag ein Treppenwitz der Geschichte sein. Allerdings zeigt sich durchaus, daß gerade die Grünen mit ihrer auf Individualismus und Verzicht gegründeten Programmatik die besten Sachwalter neoliberaler Ideologie und Praxis sind. Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten sind ohnehin dem Arbeitsethos unterworfen; deshalb tun sie alles, um Arbeit zu schaffen, Arbeit zu sichern und Arbeit zu propagieren – selbst auf die Gefahr hin, ihre eigene Klientel vor den Kopf zu stoßen. Wir sehen: nicht nur das Kapital, auch die Arbeit wird zum Problem. Fanatischer Markt Das Reformprogramm der Agenda 2010 bringt den Schulterschluß von neoliberalen Grünen, sozialdemokratischen Arbeitsethikern, christlichen Kapitalfetischisten und liberalen Yuppies zustande. Das Programm ist zwar nicht konsistent, weil es widersprüchliche Vorstellungen und Erfordernisse vereinen muß; einig sind sie sich aber alle in einem Punkt: im Angriff auf das arbeitsscheue Pack. Und das sind nicht nur die Arbeitslosen, sondern auch all diejenigen, die als Lohnabhängige mit ihrer Leistung geizen, die nicht flexibel und belastbar genug sind, die sich weigern, sich jeder Erpressung zu beugen, die krank feiern oder ihren wohlverdienten Urlaub nehmen. Ernst Lohoff, einer der Autoren von Dead Men Working schreibt: Fanatiker können nie genug bekommen. Das ist allerdings nicht der einzige Grund für das nimmermüde Klagelied und immergleiche Spiel. Bei aller inneren Kohärenz, in ein konsistentes Gesamtkonzept übersetzt sich das arbeitsterroristische Programm tatsächlich in keiner Weise. Nicht nur, dass Teilmaßnahmen unerwünschte fatale Nebenwirkungen zeitigen, sie geraten auch regelmäßig in Widerspruch zueinander; keines der lauthals verkündeten Ziele wird erreicht. Mit einer dauerhaften Stabilisierung der Sozialversicherungskassen ist ebenso wenig zu rechnen wie mit einer Senkung der Arbeitslosenzahlen – von statistischen Effekten einmal abgesehen. [7] Wobei durchaus danach zu fragen wäre, ob es wirklich darum geht. Wer braucht noch eine Sozialversicherung, wenn der Arbeitsmarkt genügend Arbeitskräfte bereitstellt, die bereit sind, jeden Dreck zu fressen? Wer nicht mehr arbeiten kann, fliegt raus und wird sich selbst überlassen. Wenn wir das neoliberale Dogma vom homo oeconomicus in aller Brutalität zu Ende denken, ist dies genau das, was uns erwartet: wir werden von früh auf dazu getrimmt, uns auf Kosten Anderer einen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Die sozialen Folgekosten interessieren nicht, solange sie keinen Aufruhr verursachen oder sich nicht profitabel verwerten lassen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, daß wir geradezu noch im Auge des Wirbelsturms leben. Zwei Drittel der Erdbevölkerung werden jetzt schon sich selbst und der Plünderungsökonomie terroristischer Warlordstrukturen überlassen. Diese zwei Drittel wurden zuvor mit Hilfe von IWF und Weltbank systematisch ausgeweidet und werden es noch heute. So gesehen bekommt die Wahl von Horst Köhler zum Bundespräsidenten noch einen ganz eigenen unappetitlichen Beigeschmack. Horst Köhler weiß nämlich, wovon er redet. Als Präsident des Internationalen Währungsfonds war er in die Geheimnisse dieser globalen Ausplünderung eingeweiht. Dead Men Working ist ein spannendes Buch. Mit möglichst wenig Illusionen über die Grausamkeiten, die uns zugemutet werden, und einem klaren Blick für die globalen Ausbeutungsverhältnisse versuchen die Autorin und die Autoren den Grund allen Übels herauszuarbeiten. Wo im Marxismus das Kapital als Gegner ausgemacht wird, ist es hier die Arbeit. Die Arbeit gleichermaßen als sinnentleerter abstrakter Begriff und als Grundlage für Wertschöpfung, Ausbeutung und Profit. Deshalb versuchen sie erst gar nicht, sich an der Reparatur des Kapitalismus abzuarbeiten, sondern empfehlen gleich die Abschaffung des allgemeinen Wahnsinns. Lothar Galow–Bergemann beispielsweise beleuchtet den wohlklingenden Begriff des Qualitätsmanagements im Gesundheitswesen. Heraus kommt die nüchterne Sicht, daß die Krankenhäuser nicht nur entbürokratisiert werden sollen, sondern so umgestaltet, daß durch profitable Rationalisierungsprozesse die nun Kundinnen und Kunden genannten Patientinnen und Patienten effizient durchgeschleust werden. Ein wesentliches Ziel von Qualitätsmanagement ist es deshalb auch, die Umdefinition von [Patientinnen und Patienten] und deren Angehörigen zu Kunden in den Köpfen der Klinikbeschäftigten zu verankern. Dabei wird geschickt an dem in diesen Kreisen durchaus verbreiteten Unbehagen an dem Begriff »Patient« angesetzt. Der leidende, unmündige Patient ist nicht das, was man sich eigentlich wünscht. Zu Recht wird die im Bild des Patienten enthaltene reduktionistische Sicht des Menschen kritisiert. Als scheinbare Alternative wird nun der Begriff »Kunde« ins Spiel gebracht. Aber diese Neubestimmung läuft nur auf eine noch radikalere Reduktion von Menschen hinaus. »Kundenbeziehungen« sind Geldbeziehungen. Der Kunde ist nur solange König, wie er zahlungskräftig ist. [8] Mittels Qualitätsmanagement und Kundenorientierung sollen die Beschäftigten der Kliniken für den Verdrängungswettbewerb »fit gemacht« werden. Aus dem Munde des Managements hört sich das so an: »Wir müssen das Gold in den Köpfen unserer Mitarbeiter heben.« […] Die Goldgrube in den Köpfen gilt es also zu heben. Womit sie anschließend aufzufüllen ist, ist auch kein Geheimnis: Mit Angst. Um den Arbeitsplatz. Wer nicht immer mehr »Leistung« aus sich herauspresst, verliert seine Existenzgrundlage. [9] Einübung in die Sinnlosigkeit Wer durch diesen auf dem Rücken der Patientinnen, pardon: der Kunden, ausgetragenen Konkurrenzkampf nicht überlebt, darf sich dies als eigene Schuld zurechnen. Es ist nicht etwa das gnadenlose Verwertungsprinzip, sondern die angebliche eigene Unfähigkeit, das Qualitätsmanagement effizient umgesetzt zu haben. Aber es gibt ja noch eine Chance, man und frau muß sie nur nutzen: Der aktivierende Staat fordert und fördert [10]. Frank Rentschler untersucht im Sammelband Dead Men Working die ideologischen wie praktischen Auswirkungen des allgemeinen Schwachsinns, der jedoch Methode hat. Denn wie sollen die Arbeitsagenturen ihre Zielvorgaben erfüllen? Beziehungsweise: welche Zielvorgaben? Auch hier ist die Kostenreduzierung Leitmotiv. Das Arbeitsamt sortiert sich seine Fälle nach ganz eigenwilligen Kriterien heraus. Kosten fallen nur dann an, wenn Leistungen bezogen werden. Also sorgt man und frau durch aktive Verfolgungsbetreuung dafür, daß Arbeitslose sich in den Fallstricken des Sozialgesetzbuchs verheddern. Dabei wird auch nicht davor zurückgeschreckt, gesetzwidrige Methoden anzuwenden. Das Zauberwort heißt Sperrzeit und es werden ganz konsequent in den Arbeitsämtern dann auch Hitlisten geführt, um herauszufinden, wer nicht genügend Druck auf die Arbeitslosen ausgeübt hat. Kein Wunder, daß jede mögliche und unmögliche Gelegenheit zur Verhängung von Sperrzeiten genutzt wird. Wer hierbei nicht auf der Strecke bleibt, soll gefordert und gefördert werden. Ganz freiwillig wird der Kunde Arbeitslose durch die staatliche Verwaltung dazu gebracht, an der eigenen Verhaltenskorrektur mitzuwirken. Denn es liegt ja an jeder und jedem einzelnen selbst, daß es keine Jobs gibt. Die sinnlosesten Fördermaßnahmen haben nur einen Sinn: Anpassung. Die Position der Arbeitslosen dem Arbeitsamt gegenüber ist nicht mehr bestimmt durch den erworbenen Anspruch auf Leistungen, sondern sie gelten nach dem Hartz–Konzept jetzt als »Kunden« [11]. Dieser Begriff ist durchaus treffend, da dem Antrag auf Arbeitslosengeld zukünftig eine Überprüfung der »Kreditwürdigkeit« des Antragsstellers vorausgeht. Es muss geklärt werden, ob sich die Investition in sein »Humankapital« überhaupt lohnt. Das Arbeitsamt hat die Aufgabe zu überprüfen, ob die Menschen, die [es] aufsuchen, angepasst genug sind, und welcher Aufwand betrieben werden müsste, um sie fit für den Arbeitsmarkt zu machen. [12] So betrachtet macht auch das sinnloseste Bewerbungstraining wieder Sinn. Es ist so wie in der Schule und an der Universität. Neben den offiziellen Fächern gibt es noch den heimlichen Lehrplan. Und dieser besteht aus Disziplin, Anpassungsfähigkeit, Flexibilisierung und Maul halten. Das Beratungsgespräch soll dann abklären, ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt. Maria Wölflingseder beschreibt aus ihrer österreichischen Sicht, was Menschen hierbei zugemutet wird zu schlucken; und zwar durchaus im wahrsten Sinne des Wortes. Erich Ribolits faßt deshalb auch zurecht den Übergang vom Job zum Arbeitsamt mit den Worten Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen zusammen. Wenn die Unterwerfung das Ziel ist, ist lebenslanges Lernen sozusagen der Knast, in dem die Gehirnwäsche abläuft. Was jedoch auch bedeutet: Arbeit im Kapitalismus mag zwar subjektiv (und oftmals nur eingebildet) befriedigend sein, aber in Wahrheit ist sie entfremdet und macht krank. Marco Fernandes beschreibt anhand des argentinischen Beispiels, wie sich eine Betriebsbesetzung auf politisches Bewußtsein, soziale Kommunikation und Zufriedenheit mit sich auswirkt. Ohne Chefs arbeitet es sich besser – und wer von uns wüßte dies nicht selbst aus eigener Erfahrung? Die Liebe zur Arbeit Holger Schatz bringt jedoch noch einen anderen Gedankengang hinein, der sehr verführerisch zum Weiterspinnen einlädt. In einer Kultur, in der Arbeit derart positiv besetzt ist wie in der unseren, lassen sich die Folgen eines Arbeitsplatzverlusts etwa mit den einer Auflösung einer Liebesbeziehung vergleichen. Arbeit wie Beziehungspartner waren vor der Trennung Objekte libidinöser Besetzung. Im Falle der Liebesbeziehung ist das Subjekt nun bestrebt, das Objekt aufzugeben, um Selbstbewusstsein wiederzuerlangen und sich auf sein Leben konzentrieren zu können. »In der Situation der Arbeitslosigkeit würde dies bedeuten,« [zitiert er] die Psychoanalytikerin Christine Morgenroth, «sich endgültig mit dem Zustand der Nicht–Arbeit abzufinden oder bewußt auszusteigen.« Gerade dies entspricht aber weder den Interessen der meisten Arbeitslosen noch der gesellschaftlichen Erwartungshaltung. Deshalb bleibt der Arbeitslose auch in der Regel negativ auf Arbeit bezogen und ist mit all den Konsequenzen konfrontiert, die eine misslungene Trauer– und Loslösungarbeit nach sich ziehen: Ich–Schwäche, Depression, Unterwürfigkeit, gesellschaftliche (Selbst–)Isolation. Auch wenn man nicht beweisen kann, dass es gesellschaftliche Interessen gibt, die genau diesen Zusammenhang von Angst und Arbeitslosigkeit konserviert wissen wollen, so laufen doch alle Maßnahmen der Arbeitslosigkeitsverwaltung faktisch darauf hinaus. Der Arbeitslose hat sich latent schuldig zu fühlen dafür, auf Kosten der Allgemeinheit »alimentiert« zu werden. Es wird erwartet, dass es ihm schlecht geht. [13] Und wenn ich jetzt weiterspinne, dann fragt sich, inwieweit das allgemeine Liebesbrimborium auch dazu dient, die Schuldgefühle auf einer ganz anderen Ebene einerseits ausleben zu können, andererseits gesellschaftlich nützlich zu verstärken. Da hilft doch nur noch, positiv zu denken; und es ist sicher kein Zufall, daß diese Ideologie mitsamt ihren esoterischen Begleiterscheinungen Mitte der 80er Jahre aufkam und als Placebo für die arme gebeutelte Seele verordnet wird. Dabei ist es doch so einfach, wie Maria Wölflingseder bemerkt: Das Gegenteil von Positivem Denken ist keineswegs Negatives Denken, sondern schlicht Kritik und Veränderung in Richtung Emanzipation. [14] Die Esoterik hingegen ist für die Flucht in Scheinwelten zuständig. Das ist nicht einmal als Anklage an diejenigen zu verstehen, die ihr Leben esoterisch zu bewältigen versuchen. Aber in einer Welt, die immer mehr an ihren Widersprüchen zugrunde geht, in der der Schein längst mehr zählt als alles andere, ist Positives Denken das wirksamste Mittel zur Anpassung. Früher wurden Sklaven brachial zur Arbeit gezwungen, heute ist jeder sein eigener Sklaventreiber – ganz positiv eingepeitscht. [15] Auch die moderne neoliberale Gesellschaft hat ihre Sklavinnen und Sklaven. Karl–Heinz Lewed weist auf die vielen Migrantinnen und Migranten hin, die sich mit prekären Arbeitsverhältnissen und oftmals illegal durchschlagen müssen. Einmal abgesehen vom folkloristischen Mehrwert der Multi–Kulti–Gesellschaft ist es auch ganz praktisch, sich die nützlichen Migrantinnen und Migranten herauspicken zu können. Da sind sich übrigens Christdemokraten, Sozialdemokratinnen und Grüne einig. Apropos Grüne ... Die Ökologiedebatte, so Martin Dornis, die in den 70er Jahren begonnen hat und in den 90er Jahren in die Parlamente führte, betrachtete die gesellschaftliche Verschwendung und Müllproduktion unter dem Blickwinkel des Verzichts. Anstatt sich eine Gesellschaft vorzustellen, die ihren Reichtum verantwortungsbewußt organisiert, predigten sie Askese und Nischenexistenzen. An den Futterkrippen angekommen, füllten sie ihren neuen Wein in den altbekannten Schläuchen der Verzichtsethik. Neoliberal gewendet – und das sind die meisten Grünen ja –, wird diese Verzichtsideologie auf einmal auch noch gesellschaftlich nützlich – für's Kapital zumindest. Gaston Valdivia führt uns schließlich noch einen ganz anderen Blickwinkel vor Augen. Die absurdeste Reproduktionsweise der Menschheitsgeschichte, so sagt er, beruht auf einer absolut irrsinnigen Zeitverschwendung. Das sind nicht nur die Monate unseres Lebens, die wir vor den Supermarktkassen Schlange stehen [16], sondern auch die nur im Kapitalismus beheimateten Geldgeschäfte, Transportwege, Fahrtzeiten von und zur Arbeit oder zum Sozialamt, Wartezeiten bei Ärzten, in Behörden oder im Stau – nur weil dies im Kapitalismus die einzig Art und Weise ist, Warenproduktion, Geldzirkulation oder persönliche Bedürfnisbefriedigung zuzulassen. Was also tun? Wenn der Irrsinn Methode hat, macht es wenig Sinn, Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, um den Wahnsinn ein wenig erträglicher zu gestalten. Der Sozialstaat ist kein Rückzugsgebiet, die Arbeit kein Lebenselixier. Nur eine Gesellschaft, in der die Menschen ihre Bedürfnisse gemeinsam artikulieren, kommunizieren und die Produktion entsprechend ausrichten, ohne Chefs und Herrschaft, ohne Rassismus und Sexismus, nur eine solche Gesellschaft kann ein Ausweg aus dieser Misere sein. Utopisch? Ganz sicher! Aber allemal besser als das, was wir hier vorfinden. Und das finden sicher auch und vor allem die Milliarden Ausgegrenzten dieser Erde. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits– und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs nennt sich das im Unrast Verlag erschienene Buch Dead Men Working. Anstatt sich totzuarbeiten, sollten wir lieber eine Pause einlegen, darüber nachdenken, was wir hier eigentlich tun, und dazu ein gutes Buch wie dieses lesen. Vielleicht auf der Busfahrt nach Berlin, während die anderen noch ein wenig ausschlafen. Es kostet 16 Euro. Ausgrenzungen grenzenlosen Wahns Besprechung von : Mittelweg 36, Heft 4/2004, EUR 9,50 Um Ausgrenzung, auf Neudeutsch Exklusion, geht es auch im August / September–Heft der Zeitschrift Mittelweg 36 aus dem Hamburger Institut für Sozialforschung. Die neoliberale Wahnwelt benötigt nur noch eine bestimmte Masse an möglichst billigen Arbeitskräften. Während in den Zeiten des sozialstaatlichen Kompromisses der 60er und 70er Jahre nur Randgruppen nicht wirklich zur Gesellschaft gehörten, führen die ökonomischen Erosionsprozesse heute dazu, daß sich selbst die Mitte der Gesellschaft nicht sicher sein kann, auch morgen noch dazuzugehören. Der Soziologe Heinz Bude schreibt hierzu: Die Formel von der »Ich–AG« bringt die zeitgenössische Problematik der Exklusion auf den Punkt. Das unternehmerische Selbst soll für diejenigen die Rettung bringen, die in der Gefahr stehen, den Anschluß zu verlieren. [17] So wird im politischen Alltagsgeschwätz dann auch von Chancen und Risiken geredet, als ob die individuellen Schicksale nebensächlich wären. Doch was geschieht, wenn man oder frau den eigenen Platz in dieser Welt verloren hat, wenn es scheinbar und oftmals auch tatsächlich keine wirkliche Perspektive gibt? Nun, die gesellschaftliche Polarisierung sortiert die Nützlichen aus, säubert ihre öffentlichen Orte der warenförmigen Lustbarkeiten vom verkaufsschädlichen Gesindel, und sperrt sie – falls nötig – weg. Dies ist oftmals nicht einmal nötig: die Ausgegrenzten sperren sich selbst in ihre eigenen vier Wände ein und erflimmern sich eine eigene Welt. Oliver Callies ergänzt in einem zweiten Beitrag zum Thema Exklusion, daß die hiervon Bedrohten oder gar Betroffenen dennoch mit unterschiedlicher Selbstwahrnehmung damit umgehen. Erst die fehlende Zukunftsperspektive macht auch in der eigenen Wahrnehmung das Ausgegrenzte aus. Berthold Vogel schließlich betrachtet den Nachmittag des Wohlfahrtsstaats, der seiner Meinung nach noch nicht seine Bedeutung eingebüßt hat. Allerdings nimmt die Verletzbarkeit Einzelner und auch bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu und es stellt sich die Frage, welche Rolle der Staat in Zukunft für die Reproduktion gesellschaftlicher Verhältnisse einnehmen wird. Hier wäre den Autoren jedoch zu wünschen gewesen, sie hätten sich illusionsfrei mit der Frage beschäftigt, ob der Staat überhaupt für die Menschen da ist. Es könnte ja sein, daß der Staat nicht nur der Ausschuß ist, der die Geschäfte der gesamten Kapitalistenklasse führt, sondern seinen Bürgerinnen und Bürgern gegenüber als Summe aller hierfür notwendigen Ordnungsmaßnahmen auftritt. Was Adorno zur Ikone macht Geradezu spannend hingegen ist der Aufsatz von Christian Schneider über den Holocaust als Generationenobjekt. Seine These ist, daß die zweite Generation nach dem Holocaust den Umgang mit diesem bewacht und dabei bestimmte Deutungsmuster dieses Verbrechens kanonisiert und monopolisiert. Diese zweite Generation hat nicht nur – Ende der 60er Jahre – ihren Eltern den Prozeß gemacht, sondern sich ein Generationenobjekt erwählt, welches für diese Generation eine ganz besondere Bedeutung besitzt. Christian Schneider fragt weiter: Warum können Achtundsechziger so schwer alt werden? Warum haben viele von ihnen den problematischen Habitus von »Berufsjugendlichen«? [18] Interessant ist der immer wieder vorzufindende Bezug auf die Kritische Theorie, insbesondere auf Adorno und Horkheimer. Sie galt den 68ern als Schlüssel zur Welt und sie versprach die Antwort auf die Frage, wie es zu Auschwitz hat kommen können. Als jüdische Intellektuelle waren Adorno und Horkheimer Identifikationsfiguren und sie nahmen diese Rolle schon Ende der 40er Jahre auch bewußt an. Das Ganze kann jedoch auch als Tauschgeschäft gesehen werden. Der unbewußte Pakt zwischen [Adorno] und seinen Studenten basierte darauf, daß er ihnen mit seiner Theorie, seiner Art des Denkens und Redens die Möglichkeit einer alternativen intellektuellen Herkunft bot – und sie es ihm, das war die andere Seite des Bündnisses, mit ewiger Schülerschaft vergolten. […] Das Bündnis zwischen dem ungewöhnlichen Lehrer und seinen Schülern basierte letztlich auf einer unaussprechbaren Schuld. [19] Die zweite Schülergeneration rebellierte jedoch und behandelte die Kritische Theorie dennoch als Glaubensbekenntnis. Dies funktionierte deshalb, weil die 68er sich auf die Frühschriften Adornos und Horkheimers beriefen, um praktisch tätig werden zu können. Um das Schweigen der Elterngeneration zu dechiffrieren, wurde der Holocaust das Thema dieser Generation. Und da sie sich daran abgearbeitet hatten und somit etwas glaubten verstanden zu haben, machten sie dieses Verstandene zum Objekt ihrer eigenen Identität. Den Nachgeborenen konnten sie nur unterstellen, diese Arbeit nie leisten zu können, sich nie gegen die Elterngeneration durchgesetzt haben zu müssen, woraus folgt: nur sie selbst sind im Besitz der Wahrheit. Vielleicht erklärt dies das zuweilen hartnäckige Beharren darauf, daß sie die heutigen Schülerinnen und Schüler immer wieder mit der Geschichte des Nationalsozialismus zu beschäftigen haben. So als bestehe der Verdacht, daß diese nachwachsende Generation unfähig sei, eine ähnlich intensive Einfühlung in die Geschichte und auch eine Identifikation mit den Opfern des Holocaust zu erreichen. Es gibt somit ein Monopol des Verstehens und die Metapher von der Singularität von Auschwitz entfaltet hier ihre volle Bedeutung. Würde diese Metapher an Bedeutung verlieren, entfiele ein wesentlicher identitätsstiftender Bezugspunkt. Und vielleicht auch der Jugendwahn. Ich gebe zu, daß mir der Schluß daraus nicht gefällt, auch wenn ich das selbstgefällige Moralisieren der 68er ablehne. Aber die Frage drängt sich schon auf: wohin führt dieses Festhalten am eigenen Identifikationsobjekt? Joschka Fischer mußte ja bekanntlich Krieg gegen Jugoslawien führen, um ein neues herbeiphantasiertes Auschwitz zu verhindern. Aber wohin führt es uns, dieses Absolute des Singulären neu zu bewerten? Wie leicht wird die historische Schuld geleugnet und wie schnell die daraus zu ziehende Verantwortung beiseite geschoben? Dennoch ist Christian Schneiders Gedankengang sinnvoll. Denn historisches Bewußtsein, Verantwortung und Emanzipation lassen sich nicht verordnen [20]. Sie müssen jedesmal neu in der Auseinandersetzung mit den herrschenden ungerechten Verhältnissen erarbeitet, wenn nicht erkämpft werden. Ich empfehle daher, den Aufsatz selbst zu lesen und sich eigene Gedanken hierzu zu machen. Nachzuschlagen in Heft 4/2004 der Zeitschrift Mittelweg 36. Das Heft kostet 9 Euro 50. ANMERKUNGEN [1] Darmstädter Echo vom 22. September 2004 [2] Moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt, Bericht der [Hartz–]Kommission, Seite 327 [3] Siehe hierzu beispielsweise von Gerd Wiegel: Die Union und der rechte Rand. Zur Strategie der CDU/CSU–Fraktion mit Parteien der extremen Rechten [4] Freie Presse (Chemnitz) vom 24. September 2004; zit. nach DeutschlandRadio Berlin, Nachrichten vom 24. September 2004 [5] Darmstädter Echo vom 28. September 2004: "SPD und CDU trotz Verlusten zufrieden". DeutschlandRadio Berlin, Nachrichten vom 26. September 2004: "Die Landesvorsitzenden der Parteien zeigen sich mit den Ergebnissen zufrieden." [6] Die kapitalistische Gesellschaft als Borg–Kollektiv? [7] Ernst Lohoff : Das Schweigen der Lämmer. Neue soziale Frage im entsicherten Kapitalismus, in: Dead Men Working, Seite 15 [8] Lothar Galow–Bergemann : Der Nächte bitte ... – Bemerkungen zur aktuellen Durchkapitalisierung des Lebens am Beispiel der Krankenhäuser, in: Dead Men Working, Seite 51 [9] Galow–Bergemann, Seite 56 [10] Silke Lautenschläger, Roland Koch und all ihre treuen Fans werden sich hier wiederfinden. [11] Woraus wir für's Leben lernen: Immer wenn von uns als Kunden (seltener als Kundinnen) geredet wird, sollten wir höllisch vorsichtig sein! [12] Frank Rentschler : Der aktivierende Staat macht mobil. Auswirkungen des »Forderns und Förderns«, in: Dead Men Working, Seite 92 [13] Holger Schatz : Last Exit Meritocracy. Zur Herrschaftsrationalität der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, in: Dead Men Working, Seite 144–145 [14] Maria Wölflingseder : »Je mehr Magenschmerzen, desto süßer lächeln sie«, in: Dead Men Working, Seite 155 [15] Wölflingseder, Seite 156 [16] Eine durchschnittliche Mitteleuropäerin verbringt im Verlauf ihres Lebens wahrscheinlich zwei bis drei Monate (24 Stunden, jeden Tag!) schlangestehend vor den Kassen von Supermärkten, Einkaufszentren oder Lifestyle–Shops. Dies wird dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Michael Rogowski, wohl kaum widerfahren. Weshalb er – autistisch, wie die Manager der Macht nun einmal sind und denken – das Einkaufen zum Erlebnis hochstilisiert, das auch noch Spaß machen soll. Absurd wird der Gedanke erst recht, wenn wir das berühmt–berüchtigte Frustkaufen bedenken, das nicht nur der Leistungs– wie der Leidensbereitschaft der Ware Arbeitskraft dient, sondern auch einen durchaus profitablen Aspekt besitzt. So läßt sich aus der psychischen Zurichtung der Menschen auch noch etwas Nützliches herausschlagen. [17] Heinz Bude : Das Phänomen der Exklusion. Der Widerstreit zwischen gesellschaftlicher Erfahrung und soziologischer Rekonstruktion, in: Mittelweg 36, Heft 4/2004, Seite 3–15, Zitat auf Seite 12 [18] Christian Schneider : Der Holocaust als Generationsobjekt. Generationengeschichtliche Anmerkungen zu einer deutschen Identitätsproblematik, in: Mittelweg 36, Heft 4/2004, Seite 56–73, Zitat auf Seite 61 [19] Schneider, Seite 63 [20] Das ist nicht zuletzt der Grund dafür, warum die Geschichtslektion "Holocaust" von nicht wenigen Schülerinnen und Schülern als so quälend erlebt wird. Staatlich verordnete Gedenkpolitik setzt nämlich gerade nicht auf Erziehung zur Emanzipation, Selbstbestimmung und Verantwortung. Schulziel ist die möglichst reibungslose Integration in den Arbeitsmarkt nach Kriterien der Verwertbarkeit. Es liegt also nicht an der "heutigen Jugend", daß politisch so wenig mit ihr anzufangen ist, sondern an den gesellschaftlichen Umständen, die Kinder und Jugendliche systematisch daran hindern, zu reflektierten, kritischen und (im Sinne der kapital–patriarchalen Systemlogik) zu widerspenstigen Menschen zu werden. Doch nur Menschen des emanzipatorischen Widerspruchs sind auch solche, welche die richtige Lehre aus dem Holocaust ziehen könnten: nämlich eine Gesellschaft abzuschaffen, welche dieses Verbrechen erst ermöglicht hat.
Aus Progress, 3/ 2005, Bundesweite Zeitschrift der österreichischen HochschülerInnenschaft, mit einer Auflage von rund 100.000 Stück (die wohl nicht der Zahl der LeserInnen entspricht) Arbeit - ein Auslaufmodell? von Michael Katzmayr Wenn in Zeiten zunehmender struktureller Arbeitslosigkeit ein weiteres Buch zum Thema Arbeit erscheint, so mag das nicht weiter verwundern. Mit dem im Unrast-Verlag erschienenen Sammelband "Dead Men Working" liegt allerdings ein außergewöhnliches Werk vor: Statt Rezepte und Vorschläge zu präsentieren, wie Arbeitsplätze geschaffen, Standorte gesichert und Qualifikationen von Arbeitslosen erhöht werden können, sehen die AutorInnen die selbstzweckhafte Verwertung menschlicher Arbeit in der Warenproduktion als das Grundübel an. Durch diesen radikalen Ansatz erfolgt eine deutliche Abgrenzung zum gesellschaftskritischen Mainstream, da nach ihm der Kapitalismus nicht gezähmt oder reformiert werden könne, sondern überwunden werden müsse. Um die grundlegende Problematik des Kapitalismus zu verdeutlichen, finden sich im Buch mehrere Beiträge unterschiedlicher literarischer Gattung, theoretisch fundierte Aufsätze werden durch Essays und launige Miniaturen aufgelockert. Der Blickwinkel erstreckt sich, angefangen bei grundsätzlichen arbeits- und kapitalismuskritischen Betrachtungen, über ausgewählte thematische Schwerpunkte (etwa Gesundheits- und Bildungswesen, ökologische Problematik) bis hin zu von den AutorInnen selbst erlebten, tagebuchartigen Aufzeichnungen von Erlebnissen in der Arbeitslosenverwaltung. Diese Vielfalt an Form und Inhalt verlangt bei der ersten Durchsicht des Buches zwar einiges an Orientierungsvermögen, erleichtert aber den inhaltlichen Einstieg durch eine Vielzahl thematischer Anknüpfungspunkte. Ausformulierte Utopien und vorgefertigte Ausstiegsszenarien aus der Abwärtsspirale kapitalistischer Produktion und Arbeitsverwertung sucht man/frau allerdings vergeblich. So ist es denkbar, dass sich nach dem Lesen des Buches ein Gefühl der Ratlosigkeit und Desillusionierung einstellt. Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Maria Wölflingseder und Karl-Heinz Lewed (Hg.): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. Münster: Unrast- Verlag 2004. 302 S., € 18
aus: akin, Nr. 20, 14. September 2004 Tote arbeiten länger Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs hg. von Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, Maria Wölflingseder Unrast Verlag, Münster 2004, 302 Seiten, 18 Euro, ISBN 3-89771-427-2 Was bin ich? So hieß es früher bei Robert Lembke. Was bin ich? Sozialarbeiter, Netzwerkadministratorin, Buchhalter, Bauer, Politikerin. Was bist du? Auf diese Frage sagt niemand: 36 Jahre alt, ledig, Heimwerker, Tarockspieler, Tangotänzer, Biertrinker, Wiener, Zigarrenraucher, Warmduscher. Selbst wenn man nicht einer Lohn- oder Einkommensarbeit nachgeht, definiert man sich über den Beruf: Schülerin, Pensionist, Hausfrau oder arbeitslos. Das sind die gängigen Antworten. So ist es kein Wunder, wenn ein Buch zur Arbeitsgesellschaft "Dead Men Working" heißt. Was sind wir schon ohne unsere Arbeit? Sind wir irgendwas? Existieren wir überhaupt? Und falls doch: Haben wir denn überhaupt ein Recht, zu existieren? Der Buchtitel spielt natürlich auf den Ausspruch "Dead man walking" hin, jenen Ausruf, der in den USA Männer zur Hinrichtungsstätte begleitet, und der durch den gleichnamigen Film auch bei uns bekannt geworden ist. Man kann es auch so lesen: Wir sind schon tot, aber wir wissen es noch nicht, denn wir arbeiten ja noch. Die Arbeit tötet uns täglich und hält zugleich uns Tote auf einer untoten Existenzstufe, quasi "am Leben". Wir lieben unsere Arbeit - weil wir nichts anderes kennen, weil wir nicht anders können, weil wir es uns anders nicht leisten könnten, dieses Leben. Doch die mutige, ja schöne neue Marktwirtschaft will nicht so ganz den Wohlstand für alle bringen. Überall kracht es im Gebälk. Dennoch: Die totale Entfesselung der Marktkräfte nach 1989, die "Empfehlungen" des IMF, die Logik der neuen Freiheit durch Deregulierung bleibt von der landläufigen Kritik unangetastet. Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes vergleichen in ihrem Vorwort die kapitalistische Arbeitsgesellschaft mit einer Kirche: "Die Doktrin darf nie das Problem sein, sondern stets nur mangelnde Konsequenz und fehlende Hingabe bei deren Umsetzung: insofern liegt es allemal allein an den Jüngern, durch mehr Opferwillen und Einsicht noch die Erlösung zu erlangen." Das Volk muß endlich lernen, wie toll doch die Segnungen dieser neuen Freiheit sind und diese auch nützen und sich nur voll in die Arbeit knien, dann wird alles gut. Gehts der Wirtschaft gut, gehts uns allen gut. Oder so. Da aber nicht alle so denken, müssen sie zu ihrem Glück gezwungen werden. Und das bedeutet, es müsse auch die letzten Nischen anderer Existenzen zugekleistert werden, damit sich niemand mehr darin verstecken kann: Erschwernisse beim Zugang zur Arbeitslosenunterstützung, Aufhebung von Zumutbarkeitsgrenzen, Infragestellung der Pensionen - das alles beim gleichzeitigen Trommelfeuer des Konsumterrors, bei den Versprechungen des warenförmigen Glücks, das man sich halt immer weniger wird leisten können, wenn man nicht an die Grenzen seiner Arbeitsfähigkeit geht Daß die Linke dabei ziemlich schmähstad geworden ist, liegt nicht nur an der Frustration, die durch den Niedergang der Sowjetunion - die trotz allem doch noch als Gegenmodell erschien - ausgelöst wurde, sondern auch daran, daß sie ihre Kapitalkritik nur selten auch als Arbeitskritik verstehen konnte. Man wußte zwar schon, daß es ziemlich sinnlos ist, Waren zu produzieren, die eigentlich niemand braucht, nur um sich Waren leisten zu können, die man selber nicht braucht - und alles deswegen, damit einige wenige sich jene goldenen Nockerln leisten können, die diese offensichtlich doch fressen können. Aber so wirklich vom Arbeitsfetisch trennen wollen sich weite Teile der Linken immer noch nicht so recht. Denn der Proletarier galt doch immer als revolutionäres Subjekt und die Arbeit hatte neben der Revolution sein höchstes Ziel zu sein. Arbeitslosigkeit war ein Übel, Faulheit gar eine Sünde. Der Lumpenproletarier hatte ganz einfach das falsche Bewußtsein - denn nach der Revolution hatte die Sonn´ ohn Unterlaß aufs Arbeiter- und Bauernparadies zu scheinen. Eine Warnung: Das vorliegende Buch ist an vielen Stellen ähnlich polemisch wie diese Rezension. Und es ist auch ziemlich dick: 302 Seiten sind für diese Art der Lektüre und für unsere heute so schnellebige Zeit schon viel und der Rezensent gesteht: Er hat das Buch nicht ganz gelesen. Denn es ist kein Werk zum zügigen Durchlesen. Es ist ein Buch zum Schmökern. Da trifft staubtrockene Theorie auf pointierte Polemik, Texte zum Thema Jugend- und Siegerwahn auf Texte zum Thema Hatz auf "Arbeitsscheue", der sehr persönliche Bericht einer arbeitslosen Geisteswissenschafterin auf die fast nüchterne Schilderung der gesellschaftlichen Akteptanz des Selbstmords wegen Arbeitslosigkeit in Japan. Es ist ein Lesebuch, das man immer in die Hand nehmen kann, wenn man sich fragt: Wozu das alles? Und: Bin ich der einzige, der sich diese Frage stellt? Es ist ein Buch, das vielleicht mit dazu beitragen kann, daß man sich dazu entschließt, a) sein Leben und b) die Gesellschaft verändern zu wollen. Ob man es dann aber tatsächlich auch ernsthaft versucht, ist eine andere Frage. Das kann das Buch - wie alle anderen seiner Thematik - natürlich nicht leisten, das müssen wir schon selber tun. Bernhard Redl Mehr über das Buch auf: http:\\www.streifzuege.org und http:\\www.krisis.org In akin 9/04 erschien als Vorabdruck aus dem vorliegenden Buch: "Je mehr Magenschmerzen, desto süsser lächeln sie" von Maria Wölflingseder ************************************************* 'akin - aktuelle informationen' Aus: analyse und kritik 487: Und tschüss! Wertkritikerinnen verabschieden sich von Arbeit und Geld - eine Buchbesprechung "Wir behaupten nicht wie die Nostalgiker des Wohlfahrtsstaates, dass Geld genug da sei. Das ist uns aber schlicht egal!" Mit diesem Zitat lässt sich die Grundaussage eines neu erschienenen Sammelbandes aus dem Umfeld der" wertkritischen" Zeitschriften Krisis und Streifzüge zusammenfassen. Nach dem "Manifest gegen die Arbeit" sowie "Feierabend" will nun auch "Dead Men Working" einer arbeitskritisch unterlegten Reformulierung von Gesellschaftskritik zum Durchbruch verhelfen. Die AutorInnen greifen eine "Arbeitsgesellschaft" an, die willkürlich einige Tätigkeiten als "Arbeit", andere dagegen als "Hobby oder "Privatsache" deklariert. Arbeit wird in Waren oder Dienstleistungen und dann in Geld verwandelt, also" verwertet". Der Rest der menschlichen Existenz ist reines Abfallprodukt. Im Gegensatz zu vielen aktuellen KritikerInnen, die etwa den familiären Bereich in die Arbeitssphäre überführen wollen, beharren die AutorInnen von "Dead Men Walking" darauf, dass Arbeit generell verwerflich ist. Für Ernst Lohoff etwa ist die sozialstaatliche Regulierung der Arbeit genauso gescheitert wie alle Modelle einer "Zukunft der Arbeit". Die mikroelektronische Revolution laufe auf eine radikale "Entkoppelung der Reichtumsproduktion von der Anwendung lebendiger Arbeit" hinaus; es komme zu einem "globalen Dumping-Wettbewerb der Lohnabhängigen". Arbeit macht krank, dumm und hässlich Seine Thesen von der Endzeit-Krise der Arbeit untermauert Lohoff dadurch, dass er der kapitalistischen Gesellschaft einen "irrationalen und destruktiven Grundcharakter" unterstellt. Sie erkenne nur das als gesellschaftlich gültig an, was sich kaufen und verkaufen lasse. Alles andere sei "wertlos und im Prinzip zur Vernichtung freigegeben". Lohoff verweist damit auf den fundamentalen Unterschied zwischen stofflichem und abstrakt-monetärem Reichtum. Gerade die Gleichsetzung dieser zwei Arten des Reichtums sei für eine Gesellschaftskritik verhängnisvoll, schließlich verwandele sich in einer Verwertungskrise der "fiktive Reichtum" des Geldes in seine Ursubstanz zurück: in "heiße Luft" .Immer wieder sind in dem Buch zwischen die 16 längeren Essays kurze Skizzen eingestreut, die eine Brücke zum Alltag schlagen. So berichtet Maria Wölflingseder vom "Power Napping", einem 20 minütigen Mittagsschlaf, den die Firma Siesta Consulting in Wien bei Unternehmen einführen und überwachen will - für Wölflingseder ein typisches Beispiel für die "Seuche Entmündigung": Niemand dürfe mehr eigenständig lachen, flirten, berühren oder lieben. Dazu gebe es Lach- und Flirtseminare. Noch surrealer ist der Beitrag über Selbstmord in Japan in Zeiten der Wirtschaftskrise. Seit er seinen Job verloren habe, möchte er nicht mehr leben, berichtet ein Mann der Telefonseelsorge. Und weiter: "Meine Frau akzeptiert das und sagt, ich könne zu Hause im Bett eine Überdosis Schlaftabletten nehmen." Wölflingseder beschreibt auch die verrückte Welt der "Serviceangebote" der Arbeitsämter: "Arbeitslose AkademikerInnen werden Jobcoaches, die (wiederum) Arbeitslose als Jobcoaches 'werben' (...) Die Grenzen zwischen Gewinnspiel, Job, Weiterbildung und Sekte verschwimmen immer mehr." Aber auch gesellschaftliche Kernbereiche werden darauf untersucht, wie sie in die Verwertungslogik überführt werden. Erich Ribolits beschreibt, wie der Bildungsbereich zu einem Sektor reduziert wird, der ausschließlich auf "berufliche Bildung" setzt. Lernen soll keinen "Akt der Befreiung in Gang setzen, sondern einen der Unterwerfung". Ziel sei lediglich die " Qualifizierung", "das Brauchbarmachen des Menschen für die Erfordernisse seiner profitablen Verwertung". Und Lothar Galow-Bergemann verweist in seinem Beitrag über die Durchkapitalisierung der Krankenhäuser, dass bei Durchblutungstörungen der Arme und Beine eine Amputation den Kliniken noch am meisten Gewinn bringt. Die AutorInnen von "Dead Men Working" kritisieren zurecht die Ausrichtung der Warengesellschaft auf monetären Reichtum. Jeden Tag kann man nachvollziehen, wie die "stofflichen" Bedürfnisse der Menschen hinter die so genannten Sachzwänge der Akkumulation von abstrakten "Werten" in Banken, Sparkassen und Aktiendepots zurücktreten müssen. Die AutorInnen kritisieren auch den fragwürdigen Arbeitsbegriff, auf den sich nicht zuletzt auch die ArbeiterInnebewegung immer wieder bezogen hat. Die Kritik der "Arbeit" als historisch konstruiert und zutiefst ideologisch ist für eine radikale Gesellschaftskritik unerlässlich. Arbeit ist für die meisten Menschen ein nervtötendes, krankmachendes, Zeit raubendes Unterfangen. Und gerade die unter "Arbeit" subsumierten Tätigkeiten sind für die menschliche Reproduktion oft komplett unnötig, sogar widersinnig. Sag zum Abschiedleise Servus Dabei kommt die Kritik allerdings etwas einhämmernd daher. Exzessiv zitiert man sich gegenseitig, verwendet die gleichen Zitate, Theoriebestandteile werden fast exzerptartig von einem Artikel in den anderen übernommen. Zudem kommen die Beiträge vielfach apodiktisch und extrem geschichtslos daher: "Es gilt, von einem Widerstand, der sich auf die aus sichtslose Verteidigung des Status quo reduziert, zu einer emanzipativen Konfliktbestimmung gegenüber dem Selbstverbrennungskapitalismus zu kommen." So weit, so abstrakt. Am problematischsten ist aber die durchgehende Sehnsucht nach der Apokalypse. Viele der AutorInnen leben mit der Vorstellung eines "Offenbarungsereignisses", an dem der Kapitalismus endgültig seine hässliche Fratze zeigt. Widerstand ist da nur noch als totale Hau-Ruck-Gesamtaktion denkbar, als "kollektive Notwehr"; alles andere - etwa die politische Arbeit im Kleinen - erscheint als sinnlos. Für die Diskussion jenseits der gegenwärtigen Sachzwänge wäre es von Vorteil, die Arbeits- und WertkritikerInnen würden sich produktiv auch auf andere Ansätze einlassen. Umgekehrt kommt heute keine politische Bewegung an der Utopie einer Negation von Arbeit und Verwertung vorbei. Schon aus diesem Grund lohnt sich die Lektüre von "Dead Men Working". Carl Mosel Ernst Lohoff u.a. (Hrsg.): Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs. Münster (UnrastVerlag), 2004. 302 Seiten, 18 Euro. aus: Augustin, Straßenzeitung Wien, November 2/04 Dead Men Working: das neue Buch für ambitionierte FaulenzerInnen Die mächtigste Kirche der Welt Dürfen wir Sie zu einem Seitensprung ins Psychoanalytische verlocken? In einer Kultur, in der Arbeit derart positiv besetzt ist wie in der unseren, lassen sich die Folgen eines Arbeitsplatzverlustes etwa mit denen der Auflösung einer Liebesbeziehung vergleichen. Arbeit wie Beziehungspartner waren vor der Trennung Objekte libidinöser Besetzung. Im Falle der Liebesbeziehung ist das Subjekt nun bestrebt, das Objekt aufzugeben, um Selbstbewusstsein wiederzuerlangen und sich auf sein Leben konzentrieren zu können. In der Situation der Arbeitslosigkeit würde das bedeuten, sich endgültig mit dem Zustand der Nicht-Arbeit abzufinden oder bewusst auszusteigen. Gerade das entspricht aber weder den Interessen der meisten Arbeitslosen noch der gesellschaftlichen Erwartungshaltung. Deshalb bleibt der Arbeitslose in der Regel negativ auf Arbeit bezogen und ist mit all den Konsequenzen konfrontiert, die eine misslungene Trauer- und Loslösungsarbeit nach sich ziehen: Ich-Schwäche, Depression, Unterwürfigkeit, gesellschaftliche (Selbst-)Isolation. Der Arbeitslose hat sich schuldig zu fühlen dafür, "auf Kosten der Allgemeinheit" alimentiert zu werden - darauf laufen z. B. alle AMS-Maßnahmen hinaus. Im heuer bei UNRAST erschienenen Buch "Dead Men Working" lädt uns der Beitrag des Freiburger Soziologen Holger Schatz zu diesem Ausflug ins Psychoanalytische ein; er beruft sich bei dem Arbeit-Liebe-Vergleich auf die Psychoanalytikerin Christine Morgenroth. Wie aus einer Institution, die dem Namen und der Selbstdarstellung nach ein Service, eine Hilfestellung für Arbeitslose bieten müsste, de facto ein System zur Herstellung von Schuldkomplexen geworden ist, eine große Krankmacherin, veranschaulichten die Texte von Betroffenen, die sich in den jüngsten Augustin-Ausgaben unter dem Titel "AMS - die Zentrale des Kafkaesken" ansammelten. Dabei könnten sich die "Schuldigen" spielerisch entlasten: Der offiziellen Arbeitsmarktverwaltung als Apparat zur Erzeugung unglücklicher Arbeitsloser könnten sie etwa eine Bewegung nach Art der Glücklichen Arbeitslosen entgegensetzen. Doch diese Berliner Initiative hat in Wien bislang kein Pendant gefunden (obwohl sich der Augustin gelegentlich bemüht, das Konzept der Berliner Zeitgauner und Müßiggangster zu popularisieren). Gebrauchsanweisung ohne Handlungsanleitung "Wir geben die Taktik des Nichts-Tuns an die weiter, die wegen ihres Nichts-Tuns depressiv waren: indem wir nichts tun und darüber reden. Wir geben die Jahrhunderte alten Weisheiten der Kampfkunst an die nächste Generation weiter. Wir schärfen den kämpferischen Geist, indem wir sanft sind. Nur wer sich im Gegner vollständig aufzulösen vermag, kennt dessen Schwäche und kann ihn zerschlagen. Gelassenheit macht unerschütterlich. Eine bestimmte chinesische Kampfart beruhe auf zwei Prinzipien: dem Nichts-Tun und der Ausnutzung der Fehler des Gegners. Es gäbe nichts, was das Nichts-Tun nicht könnte. Wir laden die Menschen ein, den Beschäftigungswahn ihrer Zeitgenossen zu beobachten. Wenn Untertanen sich öffentlich zum Nichts-Tun bekennen, beginnen sie zu stören. Aber es müssen viele sein, wenn sie nichts tuend das System untergraben wollen", so formulierte ein Sprecher der Glücklichen Arbeitslosen die Philosophie der Gruppe. Im Buch "Dead Men WorkIng" wird auf Beispiele praktischer, aktivistischer, spaßguerillamäßiger, aber durchaus theoretisch fundierter Kritik an der allgemeinen Religion der Arbeit nicht eingegangen. Im Gegenteil: Solche Anti-Arbeits-Bewegungen werden ziemlich ignoriert. Mitherausgeber Ernst Lohoff, Soziologe aus Nürnberg, Mitbegründer der Theoriezeitschrift "Krisis", wagt in seinem Textbeitrag sogar die Behauptung: "Die konsequente Kritik von Arbeit und Warenform existiert heute nur als theoretischer Ansatz." Das klingt ein wenig nach "Was konsequente Kritik ist, entscheide i c h !", ein wenig nach intellektuellem Dünkel. Dass die tatsächlich existierenden Beispiele lebendiger Praxis von Arbeitsverweigerern oder konsequenter Kritiker des Arbeitsethos den hohen Ansprüchen Lohoffs nicht genügen, mag respektiert werden, aber dass im gesamten Buch die ermunternden Bewegungsvorbilder fehlen, ist schade; das Buch hätte andernfalls dem Untertitel "Gebrauchsanweisungen zur Arbeitskritik" gerechter werden können. Das einzige Kapitel, das mit Sympathie eine Widerstandsbewegung porträtiert, nämlich die Praxis der argentinischen Fabriksbesetzungen, ist eigentlich ein Statement für die Arbeit, das sich in ein Buch gegen die Arbeit verirrt bzw. hineingeschwindelt hat. Es werden AktivistInnen zitiert, die ihren wieder gewonnenen Stolz, ihre Würde daraus beziehen, dass sie nun zeigen können, "dass die Arbeiter die Produktion selbst organisieren können". Verfolgungsbetreuung statt "Hilfe zur Selbsthilfe" Die Stärke des Buches liegt darin, dass es zur Renaissance der konsequenten Gesellschaftskritik beiträgt und dass seine AutorInnen die kapitalistische Ordnung als Ganzes angreifen, wobei sie den Terminus "Arbeitskirche" vorschlagen, um die Diktatur der Ökonomie über die Gesellschaft zu beschreiben, aber auch die Bereitschaft der Menschen, diese "Religion" - weil Widerstand unbequem ist - zu verinnerlichen. Aus dieser Sicht können übrigens den AMS-Verantwortlichen mildernde Umstände angerechnet werden. Wenn Mitherausgeberin Maria Wölflingseder ihre AMS-Erlebnisse (als "überqualifizierte" arbeitslose Geisteswissenschaftlerin) schildert oder wenn im Augustin über schikanöses Verhalten von AMS-"Betreuern" berichtet wird, muss den Lesenden bewusst sein, dass die beamteten Arbeitsmarktverwalter im Auftrag der Politik und ihres Zuhälters, der Wirtschaft, exakt so funktionieren müssen, wie sie funktionieren. Nicht nur das Arbeitsamt, sondern leider auch Einrichtungen der Sozialarbeit werden zunehmend in das "arbeitskirchliche" Gesamtsystem integriert. AugustinleserInnen wird der Inhalt jenes Kapitels in "Dead Men Working" vertraut vorkommen, in dem der Marburger Soziologe Frank Rentschler die "Verfolgungsbetreuung" skizziert, die zunehmend das frühere sozialarbeiterische Konzept der "Hilfe zur Selbsthilfe" ablöst. Der Terminus "Verfolgungsbetreuung" drückt die verschärfte Praxis der Arbeitsmarktverwaltung aus, die "Betreuten" mit dem Entzug der Arbeitslosenhilfe zu bestrafen, wenn sie die Vorgaben der "Betreuer" nicht erfüllen, aber auch die Praxis der sozialen Arbeit in manchen so genannten sozialökonomischen Betrieben, in denen betreuten "TransitarbeiterInnen" Arbeitsdisziplin beigebracht wird, die durch einen möglichen Aufstieg in den "regulären Arbeitsmarkt" belohnt werde. Die Betroffenen lassen sich meist vergeblich disziplinieren. Denn der "reguläre Arbeitsmarkt" holt sich seine Sklaven lieber aus den länger werdenden Warteschlanken jener, die in höherem Ausmaß "jobready" und fit sind als die (oft durch Suchtprobleme beeinträchtigten) KlientInnen der subventionierten Als-ob-Werkstätten. SozialarbeiterInnen, die resistent sind gegen das neue Leitbild, das ein Fitmachen für die raue Arbeitswelt als oberstes Ziel sozialer Arbeit vorschreibt, ist das Buch als Argumentationshilfe zu empfehlen. Robert Sommer aus: CONTRASTE Nr. 240 (September 2004) Dead Men Working. Herausgeber: Maria Wölflingseder und andere. UNRAST Verlag, Münster www.unrast-verlag.de REZENSION ZUM BUCH DEAD MEN WORKING Gegen die Gesundbeterei in der Arbeitskirche In Zeiten kollektiven Arbeitswahns ist jede Arbeitskritik zu begruessen. Noch dazu, wenn es sich um "Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs" handelt, wie im Untertitel des hier besprochenen Buches mit Aufsaetzen von fuenfzehn AutorInnen, die fuer LeserInnen der krisis-Homepage keine Unbekannten sind. Die Arbeitsgesellschaft ist die groesste Sekte aller Zeiten, schreibt Ernst Lohoff. Je weniger menschliche Arbeitskraft gebraucht wird, desto heftiger wird Arbeit gefordert, desto haerter werden diejenigen, die nach dem "Warum?" fragen oder einfach nur arbeitslos sind, verfolgt. Als ob es helfen wuerde, wenn alle gemeinsam halluzinieren. Hauptsache Arbeit und jede Arbeit ist besser als keine? Ist es nicht vielmehr so, dass nicht nur ein paar Millionen Arbeitsplaetze fehlen, sondern der Gesellschaftsform Kapitalismus insgesamt die Puste ausgeht, weil sie gemaess ihres Ansatzes allen Reichtum endlich erfolgreich in Warenreichtum verwandelt hat? Da kann es also nicht darum gehen, nur hier und dort etwas Kosmetik zu betreiben, nur den Sozialstaat noch in Teilen zu retten, an die Vernunft der Politiker zu appellieren. Als Gegenstrategie fordert Ernst Lohoff, angebliche Sachzwaenge nicht anzuerkennen, offensiv gegen die Reduktion auf Geldbeziehungen und Vereinzelung vorzugehen und mit der direkten, kollektiven Aneignung endlich zu beginnen. Dem kann ich voll zustimmen, nicht aber seiner Analyse, es gaebe diese konsequente Kritik von Arbeit und Warenform heute leider nur als theoretischen Ansatz. Richtig, diejenigen, die sich Linke nennen, sind zum grossen Teil selbst in der Warenwelt verfangen oder beten die Arbeit an, wie es grosse Teile der Arbeiterbewegung in den vergangenen Jahrhunderten taten. Aber ich kenne viele Leute, die den Ausstieg praktisch probieren. Vielleicht nur im kleinen Kreis, vielleicht ohne grossartig darueber zu berichten. Das ist ja auch angesichts der medialen Mobilmachung gegen "Arbeitsscheue" nicht ganz ungefaehrlich. Vielleicht schaffen sie auch nur kleine Schritte, muessen trotzdem zeitweise erwerbsarbeiten und anerzogene Denkmuster bekaempfen. Aber es gibt sie: in Kommunen, Umsonstlaeden, Umsonst-Initiativen, Freien Radios, linken Buchlaeden, Arbeitsloseninitiativen ... und sie vernetzen sich zunehmend und werden dann hoffentlich stimmgewaltiger. Norbert Trenkle entlarvt den Neoliberalismus als "pure Ideologie". Als demagogische Standortdebatte werden soziale Einschnitte "logisch" begruendet. Widerstand dagegen gibt es zwar weltweit, aber dieser bleibt bisher weitgehend wirkungslos, weil er zu oft von der These ausgeht, bei veraenderten Kraefteverhaeltnissen waere auch wieder eine "andere Politik" machbar. Mit Verweis auf das Brasilien unter Lula zeigt Trenkle, dass mit dem sich selbst zersetzenden Staat nicht mehr viel Staat zu machen ist, es also nicht das Ziel der Linken sein darf, die Regierung in der ueblichen Form zu uebernehmen. Nur durch Antipolitik kann die derzeitige Pluenderungsoekonomie wirkungsvoll bekaempft werden. Das heisst, dass alle wichtigen Kaempfe, etwa um die Verhinderung der Wasserprivatisierung, mit der Perspektive gefuehrt werden muessen, das warenproduzierende System aufzuheben. Das heisst aber auch, den Staat als Akteur durchaus ernst zu nehmen, denn er schuetzt immer noch mit aller Gewalt das Privateigentum. Dies wurde kuerzlich in Argentinien deutlich, wo selbst von ihren Besitzern wegen Unrentabilitaet geschlossene Fabriken von der Polizei wieder geraeumt wurden, nachdem sie von der Belegschaft besetzt worden waren. Wie diese Besetzungen verliefen, beschreibt Marco Fernandes. Er befragte Menschen, die durch Arbeitslosigkeit und drohende Verarmung als Folge des grossen argentinischen Finanzcrashs zu Selbstorganisation und Solidaritaet fanden. Sie besetzten ihre Fabriken, lernten, die Produktion selbst zu organisieren, fuehrten basisdemokratische Entscheidungsstrukturen ein und organisierten eine gerechte Entlohnung. Auch wenn inzwischen die meisten Betriebe durch Polizeigewalt wieder in der Hand der urspruenglichen Besitzer sind, wird diesen Arbeiterinnen und Arbeitern die Erinnerung bleiben, dass sie viel mehr Faehigkeiten haben, als ihnen die Obrigkeit bisher zugestanden hatte. Mit der Verwaltung der Arbeitslosigkeit hierzulande setzen sich gleich mehrer AutorInnen auseinander. Frank Rentschler beschreibt die Auswirkungen des "aktivierenden Staates" auf die Arbeitslosen. Ihr Ausschluss von jeglichem Leistungsbezug bei kleinsten "Vergehen" durch die sogenannte Verfolgungsbetreuung soll in erster Linie die Kassen der Bundesagentur fuer Arbeit entlasten und zwar in Milliardenhoehe. Auf der anderen Seite steht angeblich das Konzept des Forderns und Foerderns, nur werden die "geeigneten Angebote" fuer Arbeitslose inzwischen bis ins Absurde ausgelegt, ebenfalls in der Hoffnung, dass die Arbeitslosen sich entweder entnervt aus der Arbeitslosenverwaltung verabschieden, oder ihnen Sperrzeiten aufgebrummt werden koennen. Achim Bellgart hat sich eine privatisierte Coaching-Massnahme angetan, denn Nichterscheinen bedeutet ja die Sperre, also den Verlust des Einkommens fuer Monate. Private Berater geben vor einigen hundert Arbeitslosen ihre Patentrezepte zum Besten. Etwa Todesanzeigen in der Zeitung lesen und zum Telefonhoerer greifen, denn die Unternehmen wuerden aus Pietaetsgruenden die verwaisten Arbeitsstellen nicht sofort neu ausschreiben. Maria Woelfingseder schreibt ueber den Beginn ihrer Arbeitslosigkeit, die demuetigenden Pflichtuebungen fuer Arbeitslose, das Unverstaendnis Aussenstehender, die Selbstzweifel und bisher ungekannte Gesundheitsprobleme. Wer selbst schon mal in der Muehle der Arbeitslosenbekaempfung war, kann beim Lesen viel selbst Erlebtes finden. Arbeitslose sind nach offizieler Propaganda selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit. Sie muessen nur genug Optimismus und Selbstvertrauen verspruehen und schon haben sie einen Arbeitsplatz. Dazu gibt es jetzt sogar Volkshochschulkurse in Selbstmanagement und Positivem Denken. Also schnell ein Laecheln ins Gesicht gemeisselt, teure Klamotten uebergestreift und los geht's. Und das ist bei weitem nicht alles, was Menschen auf sich nehmen, um einen Job zu ergattern. Die Lektuere empfehle ich vor allem denjenigen, die immer noch glauben, wer aktiv und kreativ ist, findet schnell wieder einen Job. "Menschen haben nur eine Wuerde, wenn sie einen Wert haben" formuliert es Franz Schandl treffend. Und das Bummeln am Arbeitsplatz (ein Ausdruck fuer Solidaritaet) soll ausgemerzt werden, verlangen die Unternehmen. Damit endlich "jeder sich selbst und des anderen Blockwart wird", meint Schandl. Wie ungleich schwerer das Ueberleben hierzulande fuer MigrantInnen, besonders wenn sie nicht im Besitz gueltiger Papiere sind, ist, beschreibt Karl-Heinz Lewed. Erich Ribolits haelt das ganze offizielle Gefasel vom "lebenslangen Lernen" nur fuer einen Trick, um die spuerbare Umstellung des Bildungssystems zu einer Zulieferinstanz fuer das Wirtschaftsgeschehen zu rechtfertigen. Statt mit Bildung die Faehigkeit zu erlernen, sein Leben selbst gestalten und Zusammenhaenge begreifen zu koennen, geht es heute quasi um ein staendiges "update von Humanverwertungseinheiten", die lebenslange, bewusstlose Anpassung an die aktuellen Verwertungsbedingungen. Erschuetternd fand ich die Aussichten von Lothar Galow-Bergemann auf die geplante Entwicklung der Krankenhaeuser zu reinen Wirtschaftsbetrieben. "Lukrative" Patienten werden sofort behandelt (durch die Privatversicherung ist das teilweise heute schon so), andere abgeschoben, Operationen nur gemacht, wenn es sich finanziell lohnt. Oder gleich mehrmals operiert, weil es sich besser abrechnen laesst. Der "Kunde" Patient taucht als Verrechnungseinheit auf, das Personal soll nicht nach persoenlichem Bedarf pflegen, sondern Punktekataloge abarbeiten. Bloss nicht ernsthaft krank werden! Am Ende seines leider schwer verstaendlichen Beitrages "Last Exit Meritocracy" kritisiert Holger Schatz die Verfasser von "Die Kunst, weniger zu arbeiten", weil sie Lifestyle-Arbeitskritik betreiben wuerden. Nun gehoeren Axel Braig und Ulrich Renz zweifellos zu den gutbetuchten Mitmenschen, die es sich einfach leisten koennen, aus dem Lohnarbeitsleben zumindest teilweise auszusteigen und sie geben dies auch zu. Aber mit ihren Lesungen und ihrer Webseite www.arbeitswahn.de machen sie doch vielen Menschen Mut, anders ueber ihr eigenes Leben nachzudenken. Und ihr Buch hat den Charme, den ich bei wissenschaftlichen Betrachtungen zum Thema Arbeit leider viel zu oft vermisse. Auf praktische Erfahrungen, wie Mitmenschen auf der Strasse und in Behoerden auf konsequente Arbeitskritik reagieren, kann Christian Hoener, Mitverfasser des Thueringer Aufrufes "Gegen die Arbeit - fuer das Leben", zurueckblicken. Gerade solche provokativen Denkanstoesse finde ich mindestens ebenso wichtig wie eine ausgefeilte Theorie, denn diese braucht eben jede Menge Vermittlung, um Wirkung entfalten zu koennen. Martin Dornis und Andreas Exner kritisieren die oft oberflaechlichen Analysen von Umweltbewegten und Globalisierungskritikern. Oekonomie und Oekologie sind nachweislich ueberhaupt nicht versoehnbar, wenn die heutige Oekonomie gemeint ist. Und Geld ist zwar genug da, aber essen kann man's trotzdem nicht, schreibt Andreas Exner und fordert seine Attac-MitstreiterInnen und uns auf, die Krise der Arbeitsgesellschaft in ihrem ganzen Ausmass wahrzunehmen. Gleichermassen wichtig wie witzig fand ich die Abrechnung mit der Marktwirtschaft von Gaston Valdivia. Wer es noch nicht wusste: Die Marktwirtschaft ist keineswegs die Krone menschlichen Organisationsvermoegens, sondern die absurdeste Reproduktionsweise seit Menschengedenken! Insgesamt ist "Dead Men Working" ein sehr gelungenes Buch fuer alle, die sich in der groessten Sekte aller Zeiten - der Arbeitsgesellschaft - zunehmend unwohl fuehlen. Uta Knischewski, Red. Dresden Ernst Lohoff u.a. (Hg.): Dead Men Working, UNRASTVerlag Muenster, ISBN 3-897771-427-2 www.krisis.org ********************************************************* CONTRASTE ist die einzige ueberregionale Monatszeitung fuer Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum. Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen breitmacht, wird hier regelmaessig aus dem Land der gelebten Utopien berichtet: ueber Arbeiten ohne ChefIn fuer ein selbstbestimmtes Leben, alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur, Neugruendungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele andere selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhaenge. Desweiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt, nuetzliche Infos ueber Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt undogmatisch und unabhaengig. Die RedakteurInnen sind selbst in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten ehrenamtlich und aus Engagement. Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und kostet im Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erstmal kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 5 EUR in Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo bestellen. Dieses laeuft ohne gesonderte Kuendigung automatisch aus. Bestellungen an: CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg, Tel. (0 62 21) 16 24 67, Fax 16 44 89 EMail: CONTRASTE@t-online.de Internet: http://www.contraste.org Zusaetzlich gibt es eine Mailingliste. An-/Abmeldung und weitere Informationen unter: http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list Wenn Sie Ihr Abonnement fuer diese Gruppe kuendigen moechten, senden Sie eine E-Mail an: contraste-list-unsubscribe@yahoogroups.de ************************************************************ CONTRASTE - Monatszeitung für Selbstorganisation www.contraste.org aus: Gesundheitsladen-Rundbrief 3/2004, München "... Ein bemerkenswerter Sammelband von Eindrücken der absurden Widersprüchlichkeit zwischen Arbeitsdruck und Arbeitsmangel, Arbeitsmoral und Arbeitslosigkeit. Das Buch müsste angesichts der gesellschaftlichen Situation den Status Bestseller spielend erreichen, mittelbar oder unmittelbar betroffen von der Thematik sind wir schließlich alle." von Stefan Fleming, Bremen Kein Staat ohne Revolution? Das neue Buch der Krisis-Gruppe Die Gruppe Krisis hat die Reihe ihrer arbeitskritischen Veröffentlichungen fortgesetzt mit dem Band "Dead Men Working. Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs". Diese erste größere Veröffentlichung nach dem halben Hinauswurf und der halben Abkehr des Gründungsvaters Robert Kurz im Frühjahr 2004 ist eine Mischung aus theoretischen und praxisorientierten Texten sowie einigen feuilletonistischen Arbeiten und Erfahrungsberichten. Zum Eingang aktualisiert Ernst Lohoff die Arbeitskritik der Krisis-Gruppe vor dem Hintergrund der deutschen Einschnitte in die sozialen Sicherungssysteme. Bereits bekannte Theoreme (siehe das "Manifest gegen die Arbeit" (1999) und "Feierabend. Elf Attacken gegen die Arbeit" (1999)) wie das vom Ausbrennen der kapitalistischen Akkumulationsfähigkeit aufgrund des mikroelektronischen Fortschrittes werden angereichert mit kritischen Betrachtungen der "Selbstkannibalisierung des Kapitalismus" (32 ff.). Lohoff meint damit das Phänomen, in zunehmendem Maße die staatliche Infrastruktur zu Ware und Geld zu machen. Zwar waren Bildungs- und Gesundheitssystem, Verkehrs- und Kommunikationsnetze nie menschenfreundliche Leistungen, aber gerade der weitgehend allgemeine Zugang sicherte den Nachschub ausgebildeter, angemessen gesunder Arbeitskräfte und den Rahmen der Warenzirkulation. Nun wird dieser bisher staatliche Sektor an private Interessenten (kaum noch Investoren) in Kungelrunden verscherbelt. Die ein, zwei Euro Entschädigung werden in den unermesslichen Schlund des staatlichen Schuldendienstes geworfen und die neuen Privatbesitzer kassieren bei jedem Schulbesuch, jeder Erkrankung und jeder Fahrt ab. "Die allgemeinen Voraussetzungen gesellschaftlicher Reproduktion wandern als Brennstoff in den Rachen der Profitmaschine, und was partout keinen Heizwert freisetzen will, geht als Ballast über Bord" (S. 33). Weit weniger abstrakt: Wer nicht zahlen kann, dem wird medizinische Leistung vorenthalten, den zerstört leibhaftig und frisst auf kaltem Wege die Diktatur der Ökonomie. Lohoff kommt daher zu der Auffassung, dass die Arbeit und die zentrale gesellschaftliche Zielsetzung, Arbeitsplätze zu erhalten, nicht mehr wie in den Zeiten des strukturellen kapitalistischen Aufschwungs dem Einschluss aller Gesellschaftsmitglieder dient, sondern genau umgekehrt einen immer größeren Teil der Gesellschaft ausschließt; diese Entwicklung und die ihr innewohnende sozialpsychologische Dynamik wurde bereits Anfang der 1990er Jahre von Grönemeyer/Eisenberg als "Entvergesellschaftung" treffend beschrieben. "Solange die Kapitalverwertung langfristig expandierte und darauf angewiesen war, immer neues Menschenmaterial einzusaugen, blieb indes immerhin noch die Möglichkeit, die Abhängigkeit von der Arbeitsmühle in eine gemeinsame Angelegenheit zu verwandeln. Auf dem Boden der repressiven Integration in die Arbeitsmühle ließen sich kollektiv abgefederte und damit erträglichere Knechtschaftsverhältnisse erkämpfen, solche, die auch potentiellen und außer Kurs gesetzten Rädchen ein Existenzrecht zustanden. 150 Jahre lang haben die Arbeiterbewegung und ihre Erben dieser Möglichkeit zur Wirklichkeit verholfen" (S. 22). Heute, unter historisch unumkehrbaren Bedingungen der extremen Verkleinerung des Arbeitsmarktes bei gleichzeitiger Zunahme des Angebotes an Ware Arbeitskraft-Besitzern und dem daraus resultierenden Standort-Vernichtungswettbewerb, schlage die sozialdemokratisch-realsozialistische Parole "Arbeit, Arbeit, Arbeit" auf ihre Befürworter zurück. Der Preis der Ware Arbeitskraft sinkt und sinkt, sozialstaatliche Überschüsse für Arbeitslose, Kinder, Alte und Kranke gibt es nicht mehr, Standortsicherung in ihrer kapitalistischen Form bedeutet Einwilligung in jede Art der unmittelbaren und mittelbaren Lohnsenkung und des Ausschlusses aller Arbeitsunfähigen und Arbeitsunwilligen. Insofern ist Lohoffs in zwei Artikeln aufgestellte These, dass "sozialer Widerstand ... heute deshalb nicht auf die Beine (kommt), weil er nach 200 Jahren Internalisierung der Arbeitsdiktatur darauf konditioniert ist, sich selber auf den arbeitsgesellschaftlichen Boden zu stellen" (S. 39; vgl. S. 40 und 293 f.), verständlich aber kurzschlüssig und falsch, vielleicht verursacht durch einen allzu eurozentristischen Blick. Tatsächlich verweist der Artikel des brasilianischen Autoren Marco Fernandes, der unter dem Titel "Wind des Südens. Funken eines nicht-entfremdeten Bewusstseins inmitten des argentinischen Zusammenbruchs" (S. 191 - 211) die Erfahrungen einer Argentinien-Rundreise zusammenfasst, nachdrücklich auf die Möglichkeiten sozialen Widerstands unter dem Banner der Arbeit. Allerdings erreichen die Betriebsbesetzungen bisher nicht einmal annähernd das Niveau von 1964, als 3 Millionen Arbeiterinnen und Arbeiter rund 4000 Betriebe besetzten, Fernandes dagegen von gerade mal 180 Betrieben mit rund 10.000 Besetzerinnen und Besetzern berichten kann. Während seiner Reise interviewte Fernandes Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus besetzten Betrieben. Er präsentiert die Interviewauszüge mit einem bemerkenswerten Blick für sozialpsychologische Zusammenhänge und gut gegliedert zu den Hauptthemen Hierarchie und Betriebsdemokratie, Diktatur der Zeit und Aufhebung der Trennung von betrieblichem und privatem Raum. Der Aufsatz liefert Hinweise auf die Zwischenformen, in denen sich die weitere Ablösung von den bisherigen gesellschaftlichen Formen der Hierarchie (S. 197 ff.) und des Zeitdiktates (S. 199 ff.) in den besetzten Fabriken vollziehen kann. Dabei haben die Interviewpartner von Fernandes keineswegs ein arbeitskritisches Bewusstsein, sondern sie beziehen sich bis dato positiv auf ihre Fabrik und ihre Arbeit, betreiben sozusagen Standortsicherung unter Arbeiterkontrolle. Das kann unter den Bedingungen der "Revolte in |