Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!

Kapitalismus aufheben

24 Jul 2018

Streifzüge 73/2018

von Simon Sutterlütti und Stefan Meretz

Ohne Ziel kein Weg. Ohne Utopie ist die Überwindung des Kapitalismus nicht erforschbar. Der Großteil der emanzipatorischen Bewegungen versucht die Utopie einer befreiten Gesellschaft durch negative Bestimmungen – kein Staat, kein Markt, keine Vergesellschaftung über Arbeit etc. – anzudeuten. Innerhalb der Utopietheorie gibt es zwei Positionen.

Die beschreibende Utopie sieht kein Problem in der Bestimmung der Utopie und skizziert, plausibilisiert, pinselt die utopische Gesellschaft munter aus. Sie wird kritisiert von der zweiten Position des Bilderverbots, welche betont, dass jedes Nachdenken über die Zukunft eine Verlängerung heutiger Vorstellungen ist, und somit Herrschaft, Arbeitswut und Sphärentrennung nur verlängert. Sie verlangt eine Abkehr von der „Utopisterei“ und eine Hinwendung zur reinen Kritik des Bestehenden.

In unserem Buch suchen wir den Ausweg mittels einer dritten Position, der kategorialen Utopie. Hier wird die Utopie nicht ausgepinselt, nicht in ihren Details beschrieben, sondern ihre grundlegenden Dynamiken entwickelt und diskutiert. Eine kategoriale Utopie beschreibt nicht, wie wir konkret re/produzieren oder wohnen werden, sondern versucht zu denken, wie eine Gesellschaft ohne den Zwang zur Arbeit, ohne Eigentum und ohne Staat funktionieren kann.

Eine solche freie Gesellschaft kann nur die Realisierung menschlicher Möglichkeiten sein. Diese Möglichkeiten gilt es zu ergründen. Hierfür benötigen wir eine Theorie von Mensch und Gesellschaft, die diskutiert, geprüft und hinterfragt werden kann. Durch diese explizite Begründung wird die Utopie selbst diskutierbar, und wir können sie wie jede andere Theorie verbessern und weiterentwickeln. Utopie kann mit der kategorialen Utopietheorie zur Wissenschaft, zu einer begründeten Auseinandersetzung werden.

In der gesamten Geschichte entfalteten wir unsere menschlich-gesellschaftliche Potenz bisher nur eingeschränkt. In Exklusionsgesellschaften ist es naheliegend, meine Bedürfnisse auf Kosten der Bedürfnisse anderer zu befriedigen. Für mich ist es subjektiv funktional, den billigeren Käse zu kaufen, aber damit fördere ich Arbeitsverhältnisse, die anderen Menschen und der nicht-menschlichen Natur Schaden zufügen. Für mich ist es naheliegend, andere Menschen direkt oder strukturell-mittelbar auszunutzen, um meine Bedürfnisse besser zu befriedigen.

Diese Exklusionslogik kann nicht einfach ethisch durch individuell anderes Handeln überwunden werden. Wir können sie nur überwinden durch gesellschaftliche Strukturen, in welchen die beste Befriedigung der eigenen Bedürfnisse daran gebunden ist, die Bedürfnisse anderer Personen einzubeziehen. Es ist eine Gesellschaft „in welcher das Glück weder zufällig, noch vom Unglück der anderen gemacht“ (Jochen Schimmang) ist, eine Gesellschaft in welcher es mir besser geht, wenn ich die Bedürfnisse anderer einbeziehe.

Diese commonistische Inklusionsgesellschaft ist die kategoriale Utopietheorie, welche wir in dem Buch „Kapitalismus aufheben“ entwickeln. Und wir fragen, welche gesellschaftlichen Strukturen, welche Vermittlungsformen, welche „Beziehungsweisen“ (Bini Adamczak) diese Inklusionsstrukturen herstellen. Dabei stoßen wir – basierend auf der Commonsforschung – auf zwei Grundlagen: Freiwilligkeit und kollektive Verfügung.

In einer Gesellschaft, welche auf Freiwilligkeit aufbaut, kann ich niemanden dazu zwingen, für mich Erdbeeren anzubauen oder den Müll zu beseitigen. Tätigkeiten müssen so organisiert sein, dass es Menschen wichtig ist und auch Freude bereitet, diese auszuüben. Dies gilt für das Putzen und Kochen in einer WG, wie für die Straßenausbesserung in einem Stadtviertel, wie für die Tätigkeiten am Hochofen in einem Stahlwerk. Freiwilligkeit verlangt von all diesen Strukturen, die Bedürfnisse der Beitragenden zu inkludieren. Leisten sie dies nicht, müssen sie sich verändern oder untergehen.

Kollektive Verfügung
verlangt, dass wir unsere gegenseitigen Bedürfnisse bei der Nutzung von Ressourcen und Mitteln einbeziehen. Ich kann nicht einfach das Haus mit dem schönsten Meerblick mittels struktureller Herrschaft – Geld – kaufen, oder mir den Stahl, den sowohl der Schulbau als auch die Käsefabrik braucht, für die Käsefabrik aneignen. Nein, wir müssen unsere Bedürfnisse miteinander in Beziehung setzen und mit begrenzten Mitteln umgehen. Wir müssen auftretende Konflikte austragen – und zwar auf eine Weise, in der es nicht möglich ist, sich auf Kosten anderer durchzusetzen.

Wir können Konflikte nur dann lösen, wenn wir für uns alle eine gute Lösung finden. Auch hier ist es nahegelegt, die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, auch hier wirkt die Inklusionslogik. Die gesamte Gesellschaft wird somit durch ein Netz von Inklusionslinien durchzogen, die es für mich subjektiv funktional machen, die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, und für andere, die meinigen zu inkludieren. In dieser commonistischen Inklusionsgesellschaft ist tatsächlich „die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller“ (Marx/Engels).

Es gibt ein Wechselverhältnis zwischen Utopie und Transformation: Umso klarer wir die Utopie begreifen, desto besser können wir die Transformation bestimmen. Denn die Transformation muss jene Beziehungen und Vermittlungsformen entwickeln, welche die Zielgesellschaft ausmachen. Die freie Gesellschaft fällt nicht vom Himmel, sondern kann nur vor dem gesellschaftlichen Bruch in einer noch unentfalteten, begrenzten Form entwickelt und aufgebaut werden.

Dieser Entwicklungsprozess einer neuen Form der Vergesellschaftung verbindet die zwei zentralen Elemente von Reform und Revolution. Während die Revolution den Bruch ins Zentrum rückt, ist es für die Reform der Prozess. In unserer Aufhebungstheorie beinhaltet der Prozess einen Formbruch. Die Aufhebung muss die befreienden Strukturen der Inklusionsgesellschaft aufbauen und entwickeln. Diese Strukturen können wir in unseren heutigen Organisationsformen auf einer interpersonalen Ebene schon vielfach erkennen. Die entscheidende Frage nun aber ist: Wie werden die Beziehungen der Freiwilligkeit und kollektiven Verfügung zur gesellschaftlich bestimmenden Beziehungsweise?

Das Buch ist „eine Einladung, über Utopie und Transformation neu nachzudenken“. Es ist als Druckwerk käuflich und auf der Website https://commonism.us/ frei erhältlich.

3 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Juri Nello meinte am 27. Juli 2018, 21:38 Uhr

    Das ist aber eine schöne Einladung! In Deutschland scheitert sie nur an den menschlichen Gegebenheiten. Dominanz, Kontrolle, Drangsal, Repression, Druck, Routine, Selektion und Gewalt sind die alltäglichen Freuden der Deutschen. Dabei geht den Leuten -unabhängig vom Geschlecht- eher einer ab, als beim Softporno.
    Nachlesen kann man das u. a. auch in den Kommentaren hierzu:
    https://www.zeit.de/arbeit/2018–07/arbeit-alter-altersarmut-ruhestand-erwerbstaetigkeit
    Wer nicht »Arbeit macht frei« auf seinem Shirt stehen hat, der hat da »Jedem das seine« drauf stehen. Die Mitläufer dann halt als günstige Kopie via Spreadshirt & Co..

    Ich bleibe aber lieber Utopist und favorisiere eine Änderung der Verhältnisse und lese weiter.

  2. 2 Peinhart meinte am 28. Juli 2018, 21:00 Uhr

    Vielen Dank hier erstmal für die Vorstellung sowie natürlich Dank – und Glückwunsch – an die Autoren. Ich glaube, da ist euch eine sehr gute Diskussionsgrundlage gelungen und es wurden auch gleich ein paar hilfreiche Werkzeuge (in Form von Begriffen) mitgeliefert. Ein paar Anmerkungen dennoch schon mal hier:

    – Ich denke, dass der Begriff ‚Verbindlichkeit‘ noch hilfreich sein könnte. Zum einen natürlich als Ergänzung der ‚Freiwilligkeit‘, die natürlich nicht in ‚Beliebigkeit‘ ausarten sollte. ‚In freier, aber verbindlicher Abrede‘ habe ich in dem Zusammenhang mal formuliert. Zum anderen möchte ich eine Anregung von Cesar Renduelez in seiner ‚Soziophobie‘ aufgreifen, wo er ‚Verpflichtung‘ als den eigentlichen und besseren Gegenbegriff zum ‚Egoismus‘ vorschlägt statt des doch etwas konstruierten ‚Altruismus‘. ‚Verbindlichkeit‘ würde ich dann aber auch hier der doch etwas preussisch konnotierten ‚Pflicht‘ vorziehen.

    – Zur Frage des ‚Naturverhältnisses‘ (4.4): warum nicht ‚einfach‘ die Inklusion auch auf alle anderen Lebewesen und letztlich den ‚Organismus Erde‘ ausdehnen? Zwar ist mit diesen keine unmittelbare verbale Kommunikation möglich, aber über Stigmergie lässt sich hier auch einiges an ‚Dialog‘ verwirklichen. Schließlich sind wir auch nicht immer schon Teil der Gesellschaft, sondern ebenso unhintergehbar der ‚äußeren Natur‘. Deren ‚Bedürfnisse‘ sind genauso mitzudenken wie die anderer Menschen. Neben wegfallenden Anreizen zur Externalisierung drängt sich dadurch geradezu ein ‚minimalinvasiver‘ Umgang mit dieser ‚äußeren Natur‘ auf, in Fragen der Technikanwendung der Begriff der ‚technischen Suffizienz‘ wo wir heutzutage eher von ‚technischem Overkill‘ sprechen müssten.

    – ‚Freund*innenschaft’…? Echt jetzt…? Dann müsst ihr euch aber die Frage gefallen lassen, warum ihr ‚Herrschaft‘ nicht auch ‚gendert’…

  3. 3 Stalinchen meinte am 31. Juli 2018, 11:03 Uhr

    Das Menschenbild, das sich im Buch „Kapitalismus aufheben“ zeigt, ist ein sehr optimistisches… Möglicherweise muss man es zum Axiom erklären, wenn man kritisch handlungsfähig bleiben will. Mir fehlt jedoch mittlerweile oft schlicht der Glaube – keine sensationelle Entwicklung, das passiert Linken beim Älterwerden öfter. Kann auf „Autorität und strenge Führung“ (Chinas KP-Vorsitzender hob das auf dem letzten Parteitag 2017 als unabdingbare Voraussetzung für möglichst viele Freiheiten möglichst vieler hervor) verzichtet werden?

Dein Kommentar

Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.




top