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Die Inquisition ist tot, es lebe das AMS

01 Mai 2018

Ideologische Operationen zur symbolischen Rettung der Arbeitsgesellschaft

Streifzüge 72/2018

von Peter Oberdammer

Teil II: Glaubenslehre

Im ersten Teil dieses Artikels wurde ein Wandel der staatlichen Arbeitslosenversicherung in Österreich im Zuge der Krise der Arbeitsgesellschaft hin zu einer quasireligiösen, Ideologie (re-)produzierenden Einrichtung postuliert, die ihrer ursprünglichen Aufgabe zur Regulation der Arbeitskraftverwertung großteils verlustig gegangen war. In diesem Teil soll die Funktion des neuen AMS (Arbeitsmarktservice) in ihrer Einbettung in die ideologische Krisenverarbeitung betrachtet werden. Ein Vergleich mit Phänomenen wie Inquisition und Hexenverfolgung aus Zeiten des Spätfeudalismus bietet sich zur Illustration an. So wie Inquisition und Hexenwahn in der frühen Neuzeit von regressiven geistesgeschichtlichen Tendenzen wie dem Rückfall in magisches Denken begleitet waren, ist auch am AMS die fortschreitende Degradierung der arbeitsgesellschaftlichen Ideologie – sozusagen von der „Hochreligion“ – zu einem primitiven Opferkult zu beobachten.

Ideologischer Notstand

In beiden Gesellschaften, der spätfeudalen wie der gegenwärtigen spätkapitalistischen kann folgende Konstellation konstatiert werden: Die gesellschaftlichen Umbrüche hatten grundlegende ideologische Standards zur systemkonformen Einordnung der Verhältnisse ins Wanken gebracht, ohne dass sich neue hegemoniale Interpretationsmuster durchgesetzt hätten. Gleichzeitig hatte der rapide gesellschaftliche Wandel ein verstärktes Bedürfnis nach stabilen Erklärungsschemata hervorgebracht. Die Gültigkeit traditioneller Deutungsmuster war nur – zumindest als vereinfachtes Glaubensbekenntnis –aufrechtzuerhalten, wenn die störenden Krisenrealitäten mit dem schuldhaften Handeln von Sündenböcken erklärt bzw. systematisch verdrängt werden konnten. Ein dermaßen verkürzter Sündenbockkult bedient dieses Bedürfnis der gesellschaftlichen Eliten und weiter Teile der Bevölkerung, und erlaubt es gleichzeitig, aufgestaute Angst und Unsicherheit in Aggression zu entladen. Insoweit sind der Hexenwahn und heutige Sozialschmarotzerdebatten strukturell miteinander verwandt.

Sündenbockgenerierung als Elitendiskurs

Sündenbockdiskurse sind für Eliten in Krisensituationen auf zweierlei Weise funktional, als Instrument des angestrebten System- oder des reinen Selbsterhalts als Gruppe.

  • Im ersten Fall erlauben Sündenböcke den Eliten, Verantwortung für die Systemprobleme zu delegieren, die Legitimation ihrer Stellung zu bewahren, und somit die Initiative zu behalten. Gestützt auf die Mobilisierung gegen die Schuldigen können die Eliten ihre systemstabilisierenden Ziele effizienter verfolgen und mangelnde politökonomische Ressourcen kompensieren. Der ideologische Kampf der hochmittelalterlichen Kirche gegen die Ketzer hatte – freilich in einem wenig krisenhaften Umfeld – die Machtmittel mobilisiert, um das kirchliche Monopol für Jahrhunderte zu sichern. Die Verelendung der überflüssigen Arbeitslosen durch Hartz IV hat zwar den Niedergang der Arbeitsgesellschaft nicht bremsen können, aber der deutschen Exportökonomie einen Niedriglohnsektor als Konkurrenzvorteil und damit eine Atempause beschert, auch wenn solche „Stabilisierungserfolge“ wohl nicht Jahrhunderte anhalten werden.
  • Wo solche ideologische Kompensation der realen Probleme nicht mehr greift, und je mehr die Stellung der spezifischen Elitenfraktionen auf ideologischen Arrangements beruht, besteht ein genuines Interesse, diese weiterzupflegen, wenn ihre gesamtgesellschaftliche Funktionalität schwindet; dies umso mehr, je stärker die institutionelle Identifikation mit den gefährdeten Gewissheiten und je absoluter der Wahrheitsanspruch ist.

Wie die römische Kirche bei Aufgabe ihres ideologischen Monopols aufgehört hätte, zu sein, was sie eben in der Feudalgesellschaft war, gilt Ähnliches für die wichtigsten Apologeten der gegenwärtigen Gesellschaft, wie Wirtschaftsforscher, insbesondere von Regierungen und Unternehmen besoldete, Interessensvertreter oder Wirtschaftsjournalisten, würden sie die Tiefe der Krisenrealität anerkennen.
In puncto Absolutheitsanspruch kann die arbeitsgesellschaftliche Ideologie der Moderne mit der feudalen Papstkirche durchaus mithalten, wenn auch nicht im offiziellen Kleid einer Religion. Wer die Arbeit durch Anthropologisierung enthistorisiert, zeigt sich gegenüber rationalen Argumenten und empirischen Tatsachen genauso resistent wie ein religiöser Dogmatiker.

In der Herrschaftspraxis treten natürlich beide Motive parallel auf, und liegen die Unterschiede oft nur in Nuancen: Die neue bürgerliche österreichische Regierung dürfte sich aus den geplanten Kürzungen der Arbeitslosenbezüge auch Einsparungen im Budget erhoffen und legitimiert ihre Pläne recht unverhohlen mit einem Sozialschmarotzerdiskurs, während die bisherige individuelle Drangsalierung der Arbeitslosen unter SPÖ-Führung ideologisch mehr selbstzweckhafte Züge trug. Letzteres gilt insgesamt eher für die Vertreter der Arbeiterbewegung, verdankt sie ihre Daseinsberechtigung doch dem Kampf um die Beteiligung der Arbeiterschaft an den Erträgen des Geschäfts mit deren Arbeitskraft, und würde diese Legitimation glatt verlieren, würde sie anerkennen, dass sich ihr soziologisches Subjekt immer weniger als variables Kapital im kapitalistischen Produktionsprozess verwerten lassen kann. Das Leugnen der Historizität und damit der Vergänglichkeit der abstrakten Arbeit durch deren Anthropologisierung à la Marienthal-Studie wird hier zur Existenzfrage für die eigene Identität.

Ein Anspruch auf Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ohne dessen Begründung in einem Beitrag zur kapitalistischen Verwertung ist für Funktionäre der traditionellen Arbeiterbewegung so wenig vorstellbar, wie systemimmanent die Finanzierung der Sozialleistungen ohne einen erfolgreichen Verwertungsprozess möglich ist. Die aktuelle Diskussion um die Abschaffung der Notstandshilfe in Österreich illustriert dieses Problem recht deutlich. Während die Forderung nach sozialer Sicherheit für alle, also auch die Prekarisierten, die nie richtig im System drinnen waren, kaum über sozialdemokratische Lippen kommt, es sei denn im Sinne von Vollbeschäftigung, werden die roten Funktionäre nicht müde, das Lied der braven Pflichterfüller zu singen, die über Jahre in das System eingezahlt hätten, und deren Lebensstandard inklusive Zweitwohnsitz (etwa Sozialsprecher Muchitsch unlängst im ORF) man doch jetzt nicht in Frage stellen dürfe. Dementsprechend ist die SPÖ gegen die Abschaffung der Notstandshilfe auf Bundesebene, verschärfte aber in Wien gerade die Bedingungen für Mindestsicherungsbezieher, also für jene „Ausgesteuerten“ ohne ein aus früherer Arbeitskraftverwertung legitimiertes Existenzrecht.

So ist es nicht verwunderlich, dass gerade bei den Arbeitnehmerfunktionären in Einrichtungen wie dem AMS der quasireligiöse selbstzweckhafte Arbeitskult („Die Arbeit hoch“) besonders ausgeprägt ist, während Arbeitgeber dasselbe Lied nicht selten als Mittel zum Zweck singen, etwa zur Senkung oder Umgehung von Arbeitsstandards mithilfe von AMS-Schikanen.

Wie die mittelalterliche Kirche bei Verlust ihrer dominanten ideologischen Rolle auch um ihre materielle Grundlage fürchten musste (z.B. durch Einziehung des Kirchenbesitzes), sind es natürlich die Sozialpartnerfunktionäre im Allgemeinen und die von der Arbeitnehmerseite im Besonderen, denen mit ihrer gesellschaftlichen Funktion die Pfründen abhandenzukommen drohen. Die meist roten Funktionäre in Sozialbürokratien wie dem AMS haben daher auch ein höchst persönliches Interesse, den Arbeitsfetisch weiter zu pflegen wie das Phantomempfinden eines amputierten Körperteils.

Die Auflösung der ideologischen Sinnstifter

Das Bedürfnis nach zumindest symbolischer Aufrechterhaltung der alten Ordnung geht über die Eliten weit hinaus und hat eine ganz alltägliche Seite.

  • Hartmut Rosa definiert Gegenwart als jenen Zeitraum, für den Handlungsorientierungen stabil bleiben, und konstatiert eine „Steigerung der Verfallsraten von handlungsorientierenden Erfahrungen und Erwartungen ...“ in den raschen gesellschaftlichen Umbrüchen der Zeit, die demnach zu einer „Gegenwartsschrumpfung“ in „Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst, Beschäftigungsverhältnissen, Familienarrangements, moralischen wie alltagspraktischen Orientierungen“ führten (Rosa 131f). Fix ist nur mehr, dass nichts fix ist. Nun mögen die Zeitspannen, in denen alltägliche Orientierungssysteme stabil blieben, in der Feudalgesellschaft viel länger als in der schnelllebigen kapitalistischen Konsumgesellschaft gewesen sein; was beiden in ihren Spätphasen gemeinsam sein dürfte, ist eine krisenbedingte Beschleunigung.
  • Die Auslöser solcher alltagsweltlicher Orientierungslosigkeit können heute im Wesentlichen als direkte oder indirekte Folgen der Krisenentwicklung dechiffriert werden: Der technologische Wandel in Arbeit und Freizeit und die soziale Unsicherheit infolge von Arbeitslosigkeit und Sozialabbau gehören ebenso dazu wie die Folgen des erreichten Niveaus der Unterwerfung von immer mehr Lebensbereichen unter die Warenform. Die fortschreitende Selbstverdinglichung, Individualisierungswahn, die Jagd nach der Selbstverwirklichung als Selbstverwertung und -optimierung in Arbeits- und Privatleben erodierten systematisch die wenigen Knautschzonen sozialer Verhältnisse wie Familie, Beziehungen, Betriebsbelegschaft, usw., die dem Einzelnen alltagsweltliche Stabilität und etwas Deckung vor der nackten Gewalt der Warenwelt boten. Ökonomische Krise und soziale Erosion gehen also Hand in Hand mit der ideologischen Regression zu einem quasireligiösen Opferkult.
  • Orientierungslosigkeit erzeugt Ohnmachtsgefühle, die entwürdigen; denn der Mensch bedarf als denkendes Wesen der Herstellung von Sinnzusammenhängen, um zielgerichtet handeln zu können. Aber selbst wo diese praktisch wenig hilfreich sind, stärken Deutungsmöglichkeiten für ihr Schicksal Menschen persönlich bei der Bewältigung und Verarbeitung ihrer Lebensumstände in psychischer wie physischer Hinsicht. „Das Verstehen der Welt ist aber einer der Faktoren, der den Menschen in seiner Gesundheit bestärken würde, ohne dieses Verstehen ist man gesundheitlich geschwächt“, meint etwa der Arzt Manfred Nelting, der mit Burn-Out-Geschädigten arbeitet (Nelting 145). Man weiß aus Berichten, dass politische KZ-Insassen, die ihr Leiden in einen antifaschistischen Kampf einordnen konnten, in dieser Extremsituation häufig persönlich stabiler blieben, als etwa Opfer rassistischer Verfolgung, die sich überhaupt keinen Reim auf ihr (zufälliges) Schicksal machen hatten können. Kognitive Dissonanzen sind für den homo cogitans schwer zu ertragen, und so haben alle fetischistischen Gesellschaften immer ideologische Angebote von Sinnzusammenhängen bereitgestellt, um die Herrschaft des sinnlosen Fetischs für den Einzelnen erträglicher zu machen. Deren nachlassende Wirksamkeit steigert die gefühlte Unerträglichkeit.
  • Ist die Gesellschaft des Warenfetisches schon an sich geradezu die Apotheose der Sinnlosigkeit, so verschwinden zunehmend subjektive und objektive Möglichkeiten der Befriedigung des Bedürfnisses, den eigenen Alltag zu „begreifen“. Während nicht nur die Gegenwartsschrumpfung sondern auch die fortschreitende audio-visuelle Debilisierung in der Konsumgesellschaft dem Einzelnen das Herstellen von Überblick und Sinnzusammenhang erschweren, werden die traditionellen ideologischen Tröster in der Arbeitsgesellschaft immer dysfunktionaler.

 

Die Rabiatisierung aus der Mitte

Den ideologischen Notstand der spätkapitalistischen Gesellschaft führen die Arbeitslosen sinnfällig vor Augen, wie auch immer das einzelne Warensubjekt sich seine ökonomische Verwertung „erklärt“ haben mag:

  • Wer ganz prosaisch die Arbeit als notwendige Voraussetzung für den Lebensunterhalt zu verstehen gewohnt war, den muss die massenhafte arbeitslose Existenz in seiner Realitätskonstruktion irritieren, und – bei knappem eigenen Budget trotz arbeitsgesellschaftlicher Plackerei – an dem systemimmanenten Gerechtigkeitsschema zweifeln lassen. Die Gut-Verdienenden, die sich der „Leistungsideologie“ entsprechend für den Schmied des erreichten Wohlstandes halten, folgern notgedrungen, dass die nicht mehr Verwertbaren individuell etwas falsch gemacht haben müssen – andernfalls sie selbst die Urheberschaft für das eigene „Glück“ in Frage stellen und dieses als ganz ungeschmiedetes anerkennen müssten. Dies erklärt, warum die moderne Leistungsideologie immer Einfallstor für timokratische Tendenzen war, und gesellschaftspolitisch durchaus liberale Menschen bei Arbeitslosen allerhand Abstriche von Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechten usw. zu akzeptieren bereit sind.
  • In dieselbe Richtung wirkt, dass die Individuen in der Moderne sich als Warensubjekte imaginieren und daher gewohnt sind, „… (b) ihr Gegenüber nur noch als Objekt einer erfolgreichen Transaktion anzusehen und schließlich (c) ihr eigenes Vermögen nur noch als ‚Ressource‘ bei der Kalkulation von Verwertungschancen zu betrachten“ (Honneth 20), was zur zunehmenden „Selbstverdinglichung des Menschen“ (vgl. Anders) führt. Wer also seine Verwertbarkeit als Quelle der gesellschaftlichen Anerkennung betrachtet, wird letztere Unverwertbaren schnell abzusprechen bereit sein.
  • Selbst für Individuen, die ihre Arbeit als sozialen Beitrag zur Gesellschaft betrachten und daraus Anerkennung und Selbstwertgefühl beziehen, sind Arbeitslose etwas durchaus Irritierendes. Menschen in Sozialberufen müssen die Vermehrung des Elends als eigenes Scheitern erleben, was manche wohl auch zu Schuldzuweisungen an die eigene Klientel veranlasst. Arbeitet man selbst in bescheiden dotierter Position und/oder notorisch unterbesetzten Sozialeinrichtungen, mag das „arbeitslose“ Einkommen doppelt aufreizen, weil es doch so viele sinnvolle Tätigkeiten gäbe, für die Hände und Hirne fehlen. Da liegt der Gedanke nahe, Arbeitslose zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit wie diverser Notstände im Sozialwesen, Kommunen. usw. zu staatlich verwalteter Zwangsarbeit zu vergattern, und gebiert naive Apologien des so genannten zweiten Arbeitsmarkts, der natürlich kein Markt, sondern öffentlich finanzierte Arbeitssimulation ist.
  • „Die Arbeits- und Leistungsgesellschaft ist keine freie Gesellschaft. Die Dialektik von Herr und Knecht führt am Ende nicht zu der Gesellschaft, in der ein jeder ein Freier ist, der auch zur Muße fähig wäre. Sie führt vielmehr zu einer Arbeitergesellschaft, in der der Herr selbst ein Arbeitsknecht geworden ist“ (Han, 35). Die Idee, seine gesellschaftliche Position ständig als Arbeitsknecht in einer entfesselten Konkurrenz neu behaupten zu müssen, ist nicht einmal für erklärte „Meritokraten“ jemals eine behagliche Perspektive gewesen (vgl. Wallerstein), und tendierten auch sie dazu, einmal erreichte Positionen intergenerationell verfestigen zu wollen, in der Regel über das Bildungssystem und Patronage, gegebenenfalls aber auch über ganz illiberalen Ausschluss unerwünschter sozialer Konkurrenz oder als gesellschaftlicher „Ballast“ empfundener Gruppen. Wenn die „Leistung“ anderer als geringer als die eigene imaginiert wird, sind diese weniger gut als man selbst. Gilt die Leistung als nicht existent, sind sie nur faul. Von der liberalen Leistungsideologie war es, insbesondere in Krisenzeiten, immer nur ein Schritt zu Phantasmen von der „genetischen Minderwertigkeit Asozialer“ wie denen eines Sarrazin.

Es ist nur logisch, dass die Irritation traditionell sinnstiftender Erklärungen der eigenen Arbeitskraftverwertung – als quasi natürliche Basis von materieller Existenz und Verteilungsgerechtigkeit, aber auch von Selbstwertgefühl, Anerkennung und individuellen Konstruktionen von Lebenssinn – durch Massenarbeitslosigkeit in der Mitte der Gesellschaft besonders groß sein wird. Jene Warensubjekte, die systemimmanent alles „richtig“ machen, verschärfte Zumutungen in der Arbeitswelt ertragen, sich dabei Burn-Out holen und trotzdem weitermachen, in der Konkurrenz andere erfolgreich niedergetrampelt haben, jedem aktuellen Konsumtrend hinterherhoppeln, notfalls durch Überschuldung und permanente Schnäppchenjagd, und privat für alle Eventualitäten vorsorgen, um niemandem „zur Last zu fallen“, mit Unsicherheit und drohendem Statusverlust zu belohnen, ist, wie Gläubigen, die die zehn Gebote eingehalten haben, die Hölle zu versprechen.

Da schlägt der nackte Fetisch hart ins Gesicht, und die aus heiterem Himmel Getroffenen schlagen zurück; gegen wen auch immer, den sie verantwortlich machen können. Die Radikalisierung, besser die Rabiatisierung der Mitte mündet in „angepasste Rebellionen“ (vgl. Räthzel), seien es Revolten gegen die da oben, die nur das Personal gegen die besseren Populisten austauschen, oder verschärfte Drangsalierungen von Sündenböcken in den beliebten Ausgaben des „Asylanten“ und des „Sozialschmarotzers“. Wie sehr dies das gesellschaftliche Klima auch verschärfen mag, am Status quo ändert es wenig, tragen doch alle politischen Lager den „stillen Gesellschaftsvertrag“ (Blühdorn 2013) mit, dass sich nichts ändern darf, obwohl es so nicht weiter geht. Statt einem Zurück in die alten Bahnen ohne Krise, erhalten die Rabiatisierten ein Weitermachen in der Krise, angereichert um quasireligiöse Opferrituale, deren es nie genug geben kann, weil sie letztlich Ersatzbefriedigung bleiben müssen.

Ketzerkonstruktion und Ketzerverdammung

Da starre Kategorisierungen bei der Zuweisung von sozialen Rollen wie im Ancien Regime in der aufgeklärten Gesellschaft der Moderne abgelehnt werden, muss Ungleichheit entweder als flexibel, individuell und sachlich gerechtfertigt gelten oder naturalisiert, also biologisch bzw. quasi-biologisch mythologisiert werden. Ersteres gilt als legitime, meritokratische Allokation von Ressourcen und Lebenschancen, letzteres als illegitime Diskriminierung, etwa in Ideologien wie Rassismus, Sexismus, usw., die nicht unzutreffend als die „schwarze Serie“ der Moderne bezeichnet worden sind (vgl. Nairn). Auch wenn empirisch die beiden Kriteriensets konvergieren, weil „meritokratische“ Selektionsmechanismen in biologistische Stigmatisierung und Verfestigung von Gruppenkonstruktionen übergehen können, etwa bei älteren Arbeitslosen, und umgekehrt, ist die Unterscheidung ideologisch wirkmächtig und daher analytisch zu berücksichtigen.

Obwohl es genügend Rassismus, Sexismus, usw. im AMS geben mag, sind die Ideologien der schwarzen Serie nicht dessen Geschäftsgrundlage. Da gibt es im Service durchaus Abteilungsleiter, in deren Zimmern Plakate zu Diversity-Management prangen, ja die sich rühmen, ihren Mitarbeitern Rassismus oder Sexismus gegenüber den „Kunden“ keinesfalls durchgehen zu lassen, und in der letztjährigen Neuausschreibung der AMS-Vorstandsposten wurde explizit „Gender-Kompetenz durch klare Haltung zu Antidiskriminierung und Gleichstellung“ verlangt. Der sarrazin’sche genetische Sozialdarwinismus (und Rassismus) für den dummen Kerl wäre den quasireligiösen Intentionen des AMS auch hinderlich, denn wer genetisch nicht anders kann, kann individuell schwer der Sünde bezichtigt werden. Das Feststellen von Sünden ist die negative Affirmation der Gültigkeit des Gebots; und genau darum ging es der Inquisition – und geht es dem AMS. Das ideologische Rohmaterial des letzteren sind die „sachlich“ begründeten „Defizite der Arbeitslosen“, womit sich die zum Kult verkommene Ideologie der Moderne als „Erlöserreligion“ outet, die niemanden prinzipiell von ihrer „heilbringenden Botschaft“ ausschließt, vielmehr die universelle Geltung arbeitsreligiöser Dogmen zu erhalten trachtet. Die Verwandlung der Unverwertbaren in Sünder erfolgt in zwei Stufen, die in sich nicht ganz widerspruchsfrei sind, und die man – in Anlehnung an manche Rassismustheorien – Ketzerkonstruktion und Ketzerverdammung nennen könnte.

Das Defizitwesen

Die Ketzerkonstruktion setzt bei den „sachlichen“ Umständen des einzelnen Arbeitslosen an, die nicht notwendigerweise als schuldhaft interpretiert werden können. Der Versuch, die realen Verhältnisse individuell – mit im Einzelfall manches Mal plausibeln, aber systematisch verkürzten Ursachen – zu erklären, konstituiert durch die Verallgemeinerung des Defizitcharakters der Arbeitslosen und die Ausblendung struktureller Ursachen bereits eine erste ideologische Metamorphose: Arbeitslosigkeit ist von einem Problem für den Betroffenen zu einem von diesem verursachten geworden. Der Anspruch der „aktiven Arbeitsmarktpolitik“, die Individuen durch Um- und Nachqualifizierung für den Arbeitsmarkt besser verwertbar zu machen, ist ihr Anknüpfungspunkt.

  • Die augenscheinlichsten Beispiele sind die von AMS und Medien gerne zitierten Grundschulabsolventen. Nun mag es stimmen, dass in deren Arbeitsmarktsegment Arbeitsplätze am schnellsten wegrationalisiert werden, auch wenn in der Krise keineswegs nur qualifizierte Arbeitskräfte nachgefragt werden, aber ändert dies an der generellen Schrumpfung des Arbeitsmarktes nichts. Deshalb verschweigt das AMS auch gerne dieser individualisierten Erklärung entgegenstehende Tatsachen, wie z.B. dass über die Hälfte der gemeldeten Arbeitslosen über eine Berufsausbildung oder einen höheren als einen Grundschulabschluss verfügt, oder dass die Akademikerarbeitslosigkeit zwar in Summe relativ niedrig ist, aber inzwischen am schnellsten wächst (2015: 15 %, 2016: 14 %, 2017 immer noch 5 %), auch schneller als das akademische Arbeitskräfteangebot. Die mediale Darstellung von Arbeitslosen schlägt in dieselbe Kerbe, und lehnen Journalisten auf der Suche nach einer „Arbeitslosen-Story“ arbeitslose Akademiker oft grundsätzlich als Gesprächpartner ab, weil diese nicht „ins Bild passten“.
  • Dieses Bild wird häufig mit anderen individuellen „Defiziten“ aufgefettet, wie mangelnder physischer oder psychischer Gesundheit oder – der Arbeitskraftverwertung hinderlichen – sozialen Umständen, etwa familiären Betreuungspflichten. Das AMS schickt Arbeitslose gerne zu Gesundheitsuntersuchungen und von da weiter zum Psychiater. Auch wenn dies meist den Zweck hat, Einschränkungen der Vermittelbarkeit bei befreundeten Institutionen „wegdiagnostizieren“ zu lassen, bleiben solche amtlichen Defizitfeststellungen jedenfalls stigmatisierend.

    Diese Ketzerkonstruktion erlaubte denen, die noch Jobs haben, die Massenarbeitslosigkeit zumindest für bestimmte Zeit zu verdrängen. Wer nicht unqualifiziert, krank oder Alleinerzieherin mit drei Kindern, eines davon behindert, ist, kann sich so beruhigt zurücklehnen und in der falschen Sicherheit wiegen, er/sie werde seinen Arbeitsplatz schon behalten. Mit Fortschreiten der Krise erschöpft dieses Denkmuster seine Glaubwürdigkeit, und bedarf die verunsicherte Masse „echter“ Sündenböcke, weshalb das AMS in einer zweiten ideologischen Metamorphose aus Defizitwesen individuell Schuldige machen muss. Denn Qualifikation hin oder her, für arbeitswilliger als die Arbeitslosen kann sich jeder halten.

Verhetzung jenseits des Verhetzungsparagraphen

Verhetzung „gegen eine Kirche oder Religionsgesellschaft oder eine andere nach den vorhandenen oder fehlenden Kriterien der Rasse, der Hautfarbe, der Sprache, der Religion oder Weltanschauung, der Staatsangehörigkeit, der Abstammung oder nationalen oder ethnischen Herkunft, des Geschlechts, einer körperlichen oder geistigen Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung definierte Gruppe“ ist in Österreich verboten (§283 StGB), nicht jedoch gegen soziale Gruppen wie Arbeitslose. Der soziale Status ist und bleibt meritokratisch imaginiert, weshalb jeder für diesen – und die negativen gesellschaftlichen Folgen in Form der Überbeanspruchung der sozialen Systeme, etc. – auch verantwortlich gemacht werden darf, so die arbeitsgesellschaftliche Ideologie.

Wie definiert also die AMS-Bußkirche die dem Defizitwesen Arbeitsloser zugeschriebenen individuellen „Mängel“ in Folgen eines willentlichen Handelns um?

  • Besonders einfach ist dies bei der Qualifizierung: Denn wer bei eintretender Arbeitslosigkeit immer noch nicht unter Anleitung der „heiligen Mutter AMS“ auf dem rechten Pfad des LLL zu wandeln bereit ist, also sich „schulen“ zu lassen, der ist eben an seiner mangelnden Verwertungsfähigkeit selbst schuld, zumindest wenn man die praktische Sinnhaftigkeit des arbeitsreligiösen Firmunterrichts nicht genauer besieht.
  • Auch die Diskriminierung älterer Arbeitssuchender am Arbeitsmarkt wird beim AMS unter dieser Überschrift abgehandelt. Dass wegen ihres Alters Diskriminierte qualifiziert, nicht verjüngt werden, ist auch so ein kleines Paradoxon des Service, und ignoriert die Tatsache, dass diese über hohe Qualifikation und umfangreiche Berufserfahrung verfügen können. Wie auch immer Qualifikation altersbedingter Diskriminierung abhelfen soll, in der Glaubenswelt des AMS ist solcher Unfug durchaus funktional; denn verweigert der 55-jährige Akademiker mit langjähriger Berufserfahrung ein aufoktroyiertes Bewerbungstraining, ist er nicht mehr ein Diskriminierungsopfer, sondern arbeitsunwillig. Und die Verwandlung von objektiven Umständen in subjektives Fehlverhalten ist gelungen.
  • Bei längerer Arbeitslosigkeit wird der Schulungsreigen des AMS ein perpetuum mobile; denn die Lehre lautet: Wer länger arbeitslos ist, verliert seine Befähigung zur Arbeitskraftverwertung mehr oder weniger automatisch über den Zeitenlauf. Damit sind nicht spezifische Kenntnisse, die veralten können, gemeint, sondern die prinzipielle Fähigkeit, sich regelmäßig dem Arbeitstrott zu unterwerfen. Es geht also um keinerlei besondere Eigenschaften des variablen Kapitals, sondern um die generelle Eigenschaft als variables Kapital, und die vom AMS verordneten Maßnahmen zu deren Einübung haben keine spezifischeren Namen als Arbeitstraining, Arbeitserprobung, Praktikum etc. Die Verweigerung einer solchen Zurichtung ist – erraten – ebenfalls Arbeitsunwilligkeit.
  • Das erwähnte „Wegdefinieren“ von gesundheitlichen Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit erlaubt es auch hier, einen individuellen sachlichen Umstand in Schuld arbeitsunwilliger Simulanten zu verwandeln. Der verordneten Fitness to work sind in der Arbeitsrealität aber doch gewisse Grenzen gesetzt, etwa wenn die angeblichen Simulanten unter zugewiesener Arbeit zusammenbrechen. Die Metamorphose mangelnder Gesundheit in Arbeitsunwilligkeit erfolgt daher gerne im Vorfeld einer echten Arbeitsaufnahme; denn schon die Verweigerung einer ärztlichen Untersuchung ist sanktionierbar, und natürlich auch die Verweigerung von AMS-Maßnahmen zur Erhaltung oder Wiederherstellung seiner Gesundheit, mit so sprechenden Namen wie „Fit-to-work“.

Die Metamorphose von objektiven „Defiziten“ in subjektives Verschulden konstruiert ein Arbeitswesen, dessen Lebenszweck nichts anderes zu sein hat, als sich für eine – überwiegend nicht mögliche – Arbeitsaufnahme vorzubereiten.

Die konzentrischen Kreise der Schuld

Wenn mangelnde Qualifikation, Alter, Krankheit, ja eine längere Arbeitslosigkeitsdauer in den eucharistischen Wandlungen des AMS die Metamorphose in Arbeitsunwilligkeit durchmachen können, so steht bei stereotyper Ausblendung des gravierenden Mangels an Arbeitskräftenachfrage außer Zweifel, dass die Annahme einer Beschäftigung eine Willensentscheidung ist. Dennoch setzt die unerbittliche Arithmetik des Verhältnisses von offenen Stellen und Arbeitssuchenden der Möglichkeit zur Beschäftigungsverweigerung enge Grenzen.

Um den Kern des verschwindenden Anteils von Fällen, in denen Arbeitslose überhaupt die Chance hatten, eine ihnen konkret angebotene Beschäftigung zu verweigern, hat das Service im Laufe der Jahre in konzentrischen Kreisen von der Arbeitsmarktrealität immer weiter entfernte Handlungen identifiziert, die als Arbeitsunwilligkeit definiert werden, auf dass der AMS-Beicht- und Bußindustrie ein ausreichendes Maß an Sünden zugeführt werden kann. Diese reichen von der Vorschreibung von Eigenbewerbungen unter Ausklammerung der Arbeitskräftenachfrage, über die Verweigerung all jener Maßnahmen, die Defizite des Arbeitslosen meist nur – symbolisch – beheben sollen, bis zu einem bunten Potpourri von unter dem Begriff Vereitelung zusammengefassten Verhaltensweisen des Arbeitslosen im Umgang mit dem AMS, Stellenangeboten und potentiellen Arbeitgebern. (Details dazu im nächsten Teil dieses Artikels.)

Soweit die AMS-Sanktionsstatistik die im Jahre 2017 sanktionierten 111.451 Sünden der Arbeitslosen aufschlüsselt, bestätigt sie das Gesagte.

  • Ziemlich exakt 50 % der Sanktionen wurden wegen Kontrollterminversäumnis verhängt, worunter manches Mal nur eine Verspätung verstanden wird (§49 AlVG).
  • Weitere 27 % bestraften Sünden während der vorangegangen Phase der Arbeitskraftverwertung, nämlich arbeitnehmerseitig verursachte Auflösungen des Dienstverhältnisses, seien diese schuldhaft oder nicht, durch Sperrfristen am Beginn des AMS-Leistungsbezuges (§11 AlVG). Die arbeitsreligiöse Ausgabe der christlichen Todsünde des Hochmuts (laut Erzdiözese Wien ein Mangel an Demut und Einsicht in die eigenen „Schattenseiten“) besteht wohl darin, eine Arbeitsstelle freiwillig zu verlassen und freie Arbeitsplatzwahl zu beanspruchen.
  • Nur 0,21 % der Sanktionen betrifft die Beendigung des Leistungsbezugs wegen genereller Arbeitsunwilligkeit (§9 AlVG), was auch zeigt, dass der völlige Ausschluss, sozusagen die Exkommunikation aus der Arbeitskirche, (noch) nicht das Hauptaugenmerk des AMS ist.
  • Die Mehrzahl der „Arbeitsunwilligen“ kommen also nicht in die Hölle der Mindestsicherung, sondern in das Fegefeuer vorübergehender Sanktionen wegen Arbeitsunwilligkeit (§10 AlVG), die die restlichen 22 % ausmachen. Aus diesen wurden 2017 erstmals ca. 5,5 % tageweiser Sanktionen wegen unentschuldigten Fehlens in AMS-Schulungen herausgerechnet, so dass die restlichen 17 % alle oben genannten Fälle von Arbeitsunwilligkeit enthalten.

Echte Verweigerungen einer echten Stelle dürften also äußerst selten sein, und das Gros der von der arbeitsgesellschaftlichen Inquisition bestraften Sünden sind nichts anderes als Verstöße gegen vom AMS vorgeschriebene Rituale mit wenig bis gar keinem Bezug zu Annahme einer Beschäftigung. Damit wird die letzte Stufe der Metamorphosen erreicht, die aus dem an seiner Arbeitslosigkeit Schuldigen einen Sünder wider den reinen Glauben macht.

Sünden wider den Glauben

Dass das AMS mangels ausreichender Gelegenheit der Arbeitslosen zum Sündigen, sprich zur Verweigerung der Arbeitsaufnahme, die Sünden vor allem in seinen selbst verordneten Ritualen suchen muss, ist einerseits eine praktische Notwendigkeit, andererseits eine Folge seiner spezifischen Stellung bei der Aufrechterhaltung der arbeitsreligiösen Hegemonie. Das AMS ist nicht abstrakte Lehre, Theologie oder Mission sondern arbeitsreligiöse Reproduktionseinrichtung. Jede Religion bedarf der Rituale, die ihre Lehre in der Praxis in Erinnerung rufen, einüben und zum Bestandteil der alltäglichen Lebensvollzüge machen. Mit jedem Ketzer, der verbrannt wurde, wurde vor Augen geführt, wohin der Unglaube führt, und mit jedem, der noch rechtzeitig widerrief, dass es nur einen rechten Weg geben kann. Rituale sind auch das Zugeständnis an sinnliche Bedürfnisse und die abstrakte Enthaltsamkeit der Gläubigen und vermitteln zwischen der Lehre und dem Alltag. Glaube wird in diesen Praxen ein Teil der Wirklichkeit, auch wenn in den meisten Religionen nach wie vor der Unterschied zwischen dem Inhalt von Ritualen und der sinnlich und rational wahrnehmbaren Welt erkennbar bleibt.

Von der Realpräsenz Christi und der fehlenden Arbeitsplätze

So kann die Wandlung in der christlichen Eucharistie je nach Konfession als Zeichen, Vergegenwärtigung, Symbol, „geistige Gegenwart“ oder Realpräsenz Christi verstanden werden, und selbst die Anhänger der letzteren Interpretation, räumen ein, dass sich an der sinnlich wahrnehmbaren Gestalt von Brot und Wein nichts ändere, sondern nur an deren – unsichtbarer – Substanz (Transsubstantionslehre).

Nicht so in der Arbeitsreligion des AMS. Dieses besteht im wörtlichen und materiellen Sinn auf der „Realpräsenz“ der Arbeitsplätze, die durch die sanktionierte Arbeitsunwilligkeit verweigert, oder deren Annahme vereitelt worden sei, auch wenn es nicht erklären kann, wie das Wahrnehmen eines Kontrolltermins, eine bestimmte Schulung oder Bewerbung zu einer Arbeitsaufnahme für den Arbeitslosen hätte führen können. Das AMS-Regime ist in dem Sinne wahnhaft, als es die Realität nicht nur quasireligiös interpretiert, sondern diese weitgehend durch Rituale zu ersetzen trachtet, in denen die Glaubensinhalte ihren Ausdruck finden. Diese Rituale wurden und werden – krisenbedingt – immer mehr zur Simulation der erheischten Wirklichkeit, in deren Rahmen vermittelt, geschult, gearbeitet, usw. wird. (Für Details zum simulativen Charakter dieser Rituale siehe den nächsten Teil des Artikels.) Verglichen mit einem christlichen Hochamt im Mittelalter wäre das so, als ob in dessen Rahmen das Bestellen der Felder oder handwerkliche Tätigkeiten nachgestellt worden wären.

Der Glaube als Wirklichkeit

Dass das AMS seine Rituale als Wirklichkeitsersatz konstruiert und nicht als, sagen wir, sonntägliche Gottesdienste, das Aufsagen von Glaubensbekenntnissen, Gebete an die arbeitsplatzschaffende Gottheit, usw. hat natürlich einen spezifischen Grund. In den Gesellschaften des religiösen Fetisches wirkt der Glaube in erster Linie über die Gottheit auf die Realität ein, oder wird das Heil des Menschen überhaupt ins Jenseits verlegt. Der Warenfetisch der Moderne kann nicht offen im religiösen Kleid auftreten, sondern muss zumindest vorgeben, instrumentell rational die Wirklichkeit im Diesseits zu beeinflussen, zu verändern bzw. zu verbessern. Die Rituale des AMS nehmen daher die Form der Fortführung seiner ursprünglichen sozioökonomischen Funktion an, auch wenn sie nur mehr – zur wahnhaft übersteigerten – Affirmation der Glaubensinhalte taugen.

Religionen kleiden sowohl ganz praktische Regeln des Zusammenlebens in religiöse Formen als auch auf die Aufrechterhaltung und Anerkennung des religiösen Fetischs selbst gerichtete Gebote, also einerseits „Du sollst nicht töten“, andererseits „Du sollst den Tag des Herrn heiligen“. Dem Anspruch nach fällt dies bei den Geboten des AMS zusammen. Sei arbeitswillig, auf dass Du Deine Arbeitskraft verwertest und damit dem Fetisch der abstrakten Wertvermehrung dienst. Wenn aber die praktische Konsequenz des Arbeitswillens mangels freier Arbeitsplätze wegfällt, gilt der Appell nur mehr der Aufrechterhaltung des Glaubens als Selbstzweck. „Arbeitsunwilligkeit“ wird im AMS-Kanon daher zunehmend zu einer Sünde gegen den reinen Glauben, und die erzwungene Demonstration von Arbeitswilligkeit zu einer – in der sozioökonomischen Praxis dysfunktionalen – Inszenierung von Rechtgläubigkeit.

Es wird berichtet, dass sich in der aztekischen Gesellschaft am Vorabend der spanischen Eroberung Verunsicherung und Desorientierung breit gemacht und die Priester immer nur eine Antwort auf diese Herausforderung gegeben hätten: mehr Opfer, mehr Opfer und noch mehr Menschenopfer, um die Götter zu besänftigen. Der vom AMS verwaltete eskapistische Opferkult wird Thema des letzten Teiles dieses Artikels sein.

Literatur

Anders, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen, Bd. 1 und 2. (München 1956/1980).
Blühdorn, Ingolfur: Neue Politik nach der postdemokratischen Wende, (Berlin 2013).
Han, Byung-Chul: Müdigkeitsgesellschaft (Berlin 2011).
Honneth, Axel: Verdinglichung (Frankfurt am Main 2005).
Nairn, Tom: Der moderne Janus, in: Nairn, Tom/Hobsbawn, Eric/Debray, Regis/Löwy, Michael (Hg.), Nationalismus und Marxismus (Berlin1978), 7-45.
Nelting, Manfred: Burn out. Wenn die Maske zerbricht. Wie man Überbelastung erkennt und neue Wege geht (München 2011).
Räthzel, Nora: Formen von Rassismus in der Bundesrepublik, in: Jäger, Margret/Jäger, Siegfried (Hg.): Aus der Mitte der Gesellschaft. Zu den Ursachen von Rechtsextremismus und Rassismus in Europa (Duisburg 1992), 39-41.
Rosa, Hartmut: Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstruktur in der Moderne (Frankfurt am Main 2005).
Wallerstein, Immanuel: Bourgeois(ie): Begriff und Realität, in: Balibar, Etienne/Wallerstein, Immanuel, Rasse – Klasse – Nation: Ambivalente Identitäten (Hamburg-Berlin 1992), 167-189.

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