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Rutsch ohne Erdrutsch

18 Okt 2017

Am 15. Oktober wurde Österreich als Bollwerk gegen die Migration bestätigt

von Franz Schandl

Alles wie erwartet? Schon, aber doch nicht so ganz. Sebastian Kurz und seine türkis gefärbten Schwarzen haben zwar viel zugewonnen, aber so groß wie erhofft ist der Vorsprung wiederum nicht ausgefallen. Signifikant ist, dass auch die Freiheitlichen in ungefähr diesem Umfang zulegten und dass selbst die SPÖ ihr Ergebnis halten konnte. Die Zuspitzung nutzte also den Großen. Es mag ein Rutsch gewesen sein, ein Erdrutsch hingegen war es nicht, vor allem wenn man berücksichtigt, dass mit dem Ende des Team Stronach und Haiders BZÖ fast 10 Prozent an rechtspopulistischen Stimmen leicht abzuholen gewesen sind. Migration war jedenfalls die alles entscheidende Frage. Je restriktiver, desto besser.

Nachdem Kurz das Programm der Freiheitlichen erfolgreich kopiert hat, wäre es ein völliges Rätsel, wenn sich ÖVP und FPÖ nicht in einer Koalition wieder finden würden. Schwarz-blau ist logisch und wird auch kommen. FP-Chef Heinz-Christian Strache zeigte sich hocherfreut, dass das freiheitliche Programm nunmehr fast 60 Prozent Zustimmung gefunden hat. Auch dass Alexander Gauland Kurz als „Bollwerk gegen die Masseninvasion fremder Menschen“ lobte, passt in dieses Bild. Rechts ist die österreichische Mitte. Das Land driftet aber nicht weg vom europäischen Mainstream, sondern der Mainstream läuft in diese Richtung. Was zweifellos noch schlimmer ist.

Berücksichtigt man den absolut aus dem Ruder gelaufenen Wahlkampf der SPÖ, dann hat sie gar nicht so schlecht abgeschnitten. Ohne den Silberstein-Skandal wäre, hätte man noch ein paar Wochen Zeit gehabt, der erste Platz nicht ausgeschlossen gewesen. Skandale schaden, aber sie schaden oft nur auf sehr kurze Zeit. „Yes we Kern!“, skandierten die Fans der SPÖ im Partyzelt. Man war dabei durchaus guter Laune. Einen Teil der Verluste hat die SPÖ an Kräfte links von ihr weitergereicht. Selbst die sehr bemühte KPÖ fiel wieder unter die 1 Prozent-Marke.

Leidtragende waren aber insbesondere die Grünen. Sie sind nicht bloß abgestürzt, sie werden im nächsten Nationalrat nicht einmal mehr vertreten sein. Seit Frühjahr des Jahres waren sie stets in der Defensive, vor allem nachdem der auf der Kandidatenliste nicht ausreichend berücksichtige Peter Pilz die Partei verlassen hatte und eigenständig kandidierte. Pilz, der sich selbst als „Rechtslinker“ sieht, wurde von einer breiten Medienkoalition regelrecht ins Parlament getragen. Weder eine Bewegung noch ein Aufbruch zeichnet seinen Erfolg, wohl aber pushte der Wiener Boulevard den „Aufdecker der Nation“.

Mit herben Verlusten, ja sogar der Halbierung der Grünen konnte schon gerechnet werden, dass es aber so schlimm kommen wird, haben weder Feind noch Freund angenommen. Mehr als zwei Drittel der Stimmen gingen verloren, fast 9 Prozent, der Großteil übrigens Richtung SPÖ, die sich zuletzt noch eine Transfusion grüner Stimmen verabreichte. Die politische Rationalität hätte eigentlich eine umgekehrte Wählerbewegung erwarten lassen. Indes erlebte die Rationalität schon bessere Zeiten. Sehen wir uns die Wählerstromanalysen an, so sind 2017 tatsächlich vom alten Reservoir mehr Stimmen an die SPÖ gegangen als bei den Grünen geblieben.

Keineswegs war der grüne Wahlkampf schlechter als der letzte, ebenso wenig die Kandidaten. Indes verfügen die Grünen über ein scheinbar hochgradig nervöses Publikum. Bei Schlechtwetter wird die Flucht ergriffen, denn inhaltlich gab es keine Gründe für diese Wanderbewegung. Außerdem ist die Ökopartei pleite, erhält in den nächsten Jahren keine Parteienförderung des Bundes mehr, sodass zahlreiche Mitarbeiter in Klub und Partei gekündigt werden müssen. Es geht an das Eingemachte.

10 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Cato meinte am 18. Oktober 2017, 10:47 Uhr

    Daß der Islamdruck zu Ängsten und Unruhen führt ist verständlich!
    Denn wenn es so weiter geht wird aus der Unterwanderung eine Islam
    Übernahme! Wer will die schon? Eine Rückkehr ins Mittelalter(Kemal
    Atatürk!)!

  2. 2 Siegfrid meinte am 19. Oktober 2017, 08:20 Uhr

    Man kann wahrlich davon ausgehen, dass den muslimischen Einwanderern der deutsche Kulturkreis nicht sonderlich zusagt. Kaum ein Syrer oder Afghane würde seine Heimat gern verlassen, um in ein ihm völlig kultur- und klimafremdes Land aufzubrechen. Nur die wenigsten verlassen gleichgültig den engen Familienkreis, die vertraute Landschaft der Heimat und verzichten auf traditionelle Speisen, Feste und Gewohnheiten.
    Solange Menschen aus wirklichem Interesse an der anderen Landeskultur aufbrechen – egal, wie viele – sollte man dies akzeptieren, denn es ist das Recht jedes Menschen, dort zu leben, wo es ihm am besten gefällt. Wenn ich mein Leben gern in Georgien verbringen möchte (weil mich die Sprache, die Mentalität, die Küche und die Landschaft faszinieren), dann muss das möglich sein.
    Derzeitig bewegen sich die Menschen aber nicht aus freien Stücken, sondern werden von miserablen Umständen und Überlebensangst getrieben, werden angelockt von einer Region, die ihnen und ihrer Familie ein besseres Auskommen ermöglicht.
    Aus diesem Dilemma ist nicht leicht herauszukommen, solange man auf der ganzen Welt nicht Zustände schafft (ökonomische, rechtliche und klimatische), die ein Auswandern der zweiten Kategorie überflüssig machen. Daran sollten wir arbeiten, denn alles andere führt zu keiner Lösung des Problems.

  3. 3 Andreas Exner meinte am 20. Oktober 2017, 20:45 Uhr

    @Cato, Siegfrid: Ich halte die Frage des Religionsbekenntnisses für absolut unerheblich. Mein syrischer Mitbewohner, der vor kurzem in eine eigene Wohnung gezogen ist, und ich teilen mehr „Werte“ als ich mit rund 60 Prozent der österreichischen Wahlberechtigten teile. Um ein aktuelles Beispiel heranzuziehen. Ich wüsste auch nicht, warum die Bewegung von Menschen im Raum – vulog „Migration“ – ein „Problem“ darstellen sollte. Auch ist bei weitem nicht so einfach, „erzwungene“ von „freiwilliger“ Bewegung zu unterscheiden. Dazu gibt es einen eigenen Wissenschaftszweig, und wie so oft: die Dinge liegen nicht so einfach, wie sie Laien scheinen. Es wäre schön, würden wir uns alle bemühen, weniger Unvernunft in die Welt zu setzen. Gerade auch im Internet. Danke im voraus.

  4. 4 franz zeder meinte am 21. Oktober 2017, 16:08 Uhr

    Die Problemsicht auf die „Religionszugehörigkeit“ ist wahrlich nicht die Hauptsache in der CAUSA PRIMA. Blickwechsel: Ohnehin bereits marginalisierte inländische Bevölkerungsgruppen werden die alimentationsbedürftigen Millionen Zuwanderer als unmittelbare Futterkonkurrenten empfinden, die ihrer eigenen brüchigen Existenz a la longue das Lebenslicht ausblasen. Diese Szenarien sind worst case, zugegeben, aber wenn eines Tages nicht mehr allein „die Islamisten“ mit schauerlichen Gewaltaktionen auf ihre Ausgrenzung reagieren, sondern auch die friedlichen Mitbewohner aus Syrien – dann gute Nacht, Europa. Die Religion spielt dabei die Rolle des Feigenblatts. Kulturelle Differenzsignale, wie die Vollverschleierung, tun ein Übriges, um durch befremdende Gesten der Alterität das mühsame Integrationsprojekt zu gefährden. Die Botschaft solcher folkloristischer – nicht tiefgläubiger -Gesten lautet unausgesprochen: Wir werden mehr. Wir erobern den öffentlichen Raum im eingewanderten Land. „Wir haben die rechte Religion“ dürfte hingegen reine Symbolpolitik sein. Doch wird sich diese lächerliche „Allahu akbar“-Ostentation keine Gesellschaft auf Dauer gefallen lassen. Es stimmt also: „Die Dinge liegen nicht so einfach“. Friede Ihnen und Ihrem Mitbewohner.

  5. 5 Andreas Exner meinte am 21. Oktober 2017, 22:32 Uhr

    @franz zeder:

    Ich sehe eine Reihe von empirischen Irrtümern in Ihrem posting und eine grundlegende Problematik.

    Zunächst zu Ihren Irrtümern, die sich empirisch beheben ließen – während das für die zugrundeliegende Problematik leider nicht gilt, daher nur eine Bemerkung dazu am Schluss:

    (1) Die „Bevölkerungsgruppen“, die ÖVP oder FPÖ wählen, sind nicht „marginalisiert“ und ihre Existenz ist nicht notwendig „brüchig“. Jedenfalls nicht „brüchiger“ als jener Gruppen, die andere Parteien oder nicht wählen.

    Ich möchte nicht annehmen, Sie halten die Mehrheit der Wählenden in Österreich für „marginalisiert“.

    Sollten Sie selbst FPÖ wählen – das wäre ja keineswegs unmöglich, wie ich Ihren Äußerungen entnehme – dürften Sie wohl auch nicht gerade Ihre eigene These belegen. Eine Situation zu konstruieren, wo „Millionen Zuwanderer“ den imaginierten „Marginalisierten“ das „Lebenslicht ausblasen“ ist jedenfalls FPÖ-Diskurs.

    Der Hauptgrund FPÖ zu wählen sind autoritäre und sozialdarwinistische Haltungen, das ist für Österreich in einer Studie mit quantitativen Daten nachgewiesen. Für die ÖVP habe ich die entsprechenden Analysen basierend auf der letzten Nationalratswahl nicht mehr in Erinnerung. Hier würde ich einen stärkeren Anteil von sozialdarwinistischen Haltungen vermuten. Wahlmotivforschung ist jedenfalls ein komplexes Feld wissenschaftlicher Analyse (needless to say, dass die so genannten Wahlmotivanalysen des ORF weit davon entfernt sind, und auch vieles, was eins dazu in den besseren Printmedien zu lesen bekommt). Ihre simple „Marginalisierungsthese“ gehört jedenfalls nicht zum Repertoire der Erklärungen, die in der Wissenschaft dazu diskutiert werden.

    Die neuere psychologische Forschung unterscheidet, das zur Erklärung, zwischen autoritären und sozialdarwinistischen Haltungen. Ein großes EU-Projekt zur Analyse rechtsextremer Wahlerfolge in Europa ist zu gleichlautenden Schlüssen wie besagte Studie zu Österreich gekommen: sowohl autoritäre Menschen, die sich „Führung“ wünschen, als auch solche, die „Führung“ ausüben wollen, wählen rechtsextrem oder ziehen dies in Erwägung. Das ist der Nachfragefaktor.

    Der Angebotsfaktor ist einerseits das politische System und die politische Kultur Österreichs. (So zeigt eine weitere Studie, dass institutionelle Faktoren die Existenz rechtsextremer Parteien am besten statistisch im Ländervergleich erklären.) Andererseits die zunehmende Konkurrenz, die der Sozialdarwinismus als politische Haltung offen ausdrückt.

    (2) „Zuwanderer“ sind nicht per se „alimentationsbedürftig“. Der österreichische Staat verwehrt Asyl-Werber_innen den Zugang zum Arbeitsmarkt und „alimentiert“ sie mit Beträgen, die lächerlich gering sind. Die wichtigste politische Forderung von Asyl-Werber_innen ist das Recht auf Arbeit. Selbst wenn die vom Staat selbst erzwungende „Alimentierung“ auf ein menschenwürdiges Niveau angehoben würde, wäre sie für den Staatshaushalt nicht das geringste Problem. Menschen, die aus der EU nach Österreich kommen, sind ebenso wenig „alimentationsbedürftig“. Dies gilt des weiteren auch für Menschen aus Afrika, um nur ein weiteres Beispiel anzuführen. Es soll ja Menschen geben, die meinen, die Erde hat noch mehr Regionen, und es sollen schon Menschen aus Deutschland, den USA, ja, sogar Südamerika in Österreich gesichtet worden sein. Es ist mir folglich ein Rätsel, woher Sie Ihre Annahmen beziehen.

    Sie korrespondieren jedenfalls mit dem Diskurs der FPÖ. Vielleicht ist dort ja eine Quelle zu suchen.

    (3) Die von Ihnen vermutlich gemeinten „schauerlichen Gewaltaktionen“ sind wohl nicht jene der Einrichtung und Bestärkung tödlicher nationaler Grenzen oder des zunehmenden brutalen Rassismus, oder die Gewalt gegen Frauen, die mehrheitlich ganz ohne Menschen aus anderen Ländern auskommt; um nur einige Beispiele zu nennen. Die von Ihnen also vermutlich gemeinten Aktionen werden in Europa, den Medienberichten zufolge, in der Mehrzahl, wenn nicht ausschließlich von geistig verwirrten Individuen begangen, die es nicht einmal dahin bringen, so genannte „Bekenntnisse“ abzugeben, weshalb der IS inzwischen fast jedwede irrsinnige Gewalttat problemlos „für sich reklamieren“ kann, wie es in den Medien dann in der Regel heißt. Die von Ihnen vermutlich gemeinten „schauerlichen Gewaltaktionen“ auf „Ausgrenzung“ zurückzuführen, ist mir nicht nachvollziehbar. Oder wollen Sie Saudi-Arabien, das solchen Extremismus unter anderem fördert, als „ausgegrenzt“ bezeichnen? Ich spitze hier zu. Jedenfalls müssten Sie zur Untermauerung Ihrer These schon eine empirische Studie zur Hand haben, die zeigen würde, wie sich derlei „Gewaltaktionen“ mit Erfahrungen von „Marginalisierung“ vermitteln.

    (4) Mein syrischer Mitbewohner ist nicht ausgegrenzt, was seine persönlichen Lebenszusammenhänge angeht. Sie haben keine Ahnung, welche Menschen das sind und aus welchen sozialen Milieus sie kommen, wie Ihr posting offenkundig macht.

    (5) Haben Sie sich einmal die Frage gestellt, warum es eine Wissenschaft der Anthropologie gibt um Phänomene wie Trachtenjanker, Biertrinken oder Vollverschleierung zu ergründen? Anders gesagt: Es ist mir rätselhaft, woher Sie zu Ihren Erkenntnissen über die Bedeutung der Vollverschleierung kommen. „Kulturelle Differenzsignale“ senden Sie und ich schließlich in unseren postings ebenso aus wie jede Geste irgendeines Menschen auf der Straße. Da müssten Sie also schon etwas mehr ins Detail gehen, um mit Ihrem Satz Erhellung in die Frage der Vollverschleierung zu bringen. Die Wahl der FPÖ ist jedenfalls – soviel kann ich zu meinem eigenen Empfinden sagen – eine überaus „befremdende Geste der Alterität“, und das gilt auch für die Übernahme der FPÖ-Ideologie seitens Kurz und seiner Leute in der ÖVP. Sollte das der Anfang eines „Integrationsprojekts“ für die FPÖ sein, so möchte ich es durchaus „gefährden“. Auch wenn das „mühsam“ ist.

    Im übrigen ist mir erneut rätselhaft, was Integration sein soll und wer sie braucht?

    Sie drücken sich trotz Ihres kulturellen Kapitals recht nebelhaft aus.

    Was ich mir nicht gefallen lasse – wer Ihre „Gesellschaft“ ist, das müssten Sie mir schon näher erklären, und zwar in der ersten Person – ist der rassistische Diskurs, dem Sie mit Ihrem posting zuarbeiten.

    Kein Friede dem Rassismus.

  6. 6 Franz Zeder meinte am 22. Oktober 2017, 14:52 Uhr

    Sehr geehrter Herr Exner,
    ich nehme Ihre Replik zur Kenntnis und versichere Sie, dass meine Meinung nicht aus einer ideologisch-politischen Ecke kommt. Ich artikulierte mich als neutraler Beobachter einer zuhöchst beunruhigenden, angespannten Lage, wie sie uns seit einigen Jahren durch politisch-demografische Verwerfungen aufgedrängt wird und deren sich sukzessive aufschaukelnde Konfliktträchtigkeit wohl kaum von singulären eigenen Erfahrungen eines guten interkulturellen Zusammenlebens beruhigt werden kann. Man kann auch kritisch beobachtender Zeitgenosse sein und muss nicht gleich mit dem strategischen Verlautbarungs- und Begründungsgetändel politischer Parteien in Kumpanei leben. Ich bin auch kein sozial- oder kulturwissenschaftlicher Forscher, der aus empirischen Studien schöpft. Statistisches Datenmaterial über die folgenreiche Brisanz der Migrationsströme auch für den sozialen Frieden in den Aufnahmeländern ist ohnehin hinlänglich bekannt. Ihr Reflex ist, wie ich glaube, ein typisch institutioneller, indem er ständig ideologische Verdachtsmomente in den Raum stellt. Ich weiß schon, dass man den Sozialdarwinismus instrumentalisieren kann, um damit jemanden ins „rechte“ oder gar „rechtsextreme“ Eck zu dirigieren. Meine Migrationsskepsis, die ich mir auch nicht durch die xte Studie und den permanenten Diskussionskiller der „rechtsextremen Gesinnung“ werde nehmen lasse, ist ein rein defensiver, sich um die Zukunft sorgender Reflex. Man kann anderer Ansicht sein wie Sie, ohne deshalb FPÖ-Wähler zu sein oder – gruselig zu denken – was auch immer. Man kann zum Wunsch nach Integration (die nur möglich ist, falls nicht weitere Hunderttausend Arbeitssuchende zu uns kommen und eine ausweglose Situation herbeiführen) nur in demütiger Haltung den weiteren Wunsch anschließen, dass nicht die momentan zufriedenstellend dahindampfende Wirtschaftslokomotive zu stottern beginnt (was wiederum aus ökologischen Gründen durchaus wünschenswert wäre, usw.).Usw.
    Ich möchte, sehr verehrter Herr Exner, nur noch einmal mein Motiv unterstreichen, warum ich Ihren Kommentar nicht ohne ein Wort der Erwiderung lassen wollte: Der idyllisierende Bericht aus Ihrer harmonischen Zusammenlebensmonade hat für mich als eine singuläre Erfahrung (leider sind nicht alle Syrer so erstklassig sozialisiert wie Ihr Mitbewohner) keinerlei Erklärungswert, um beispielsweise die immer wieder aufflammende Militanz des Islamismus zu falsifizieren und auf diese Weise Religionen vom Verdacht loszusprechen, über ein Gewalttätigkeitspotential zu verfügen. Auch in diesem Punkt könnte man endlos weiterdiskutieren, etwa über den Zusammenhang zwischen genuiner Religiosität und der religiösen Instrumentalisierung ganz anderer Motive.

    Um noch etwas zu sagen: Ich besuchte diese Seite aus Neugierde auf den Artikel Franz Schandls, nachdem ich mit größtem Vergnügen seinen „Spectrum“-Debattenbeitrag zur fundamentalen Miserabilität diverser Beraterkollektive der politischen Parteien gelesen habe. Chapeau! Und mich störte keinen Augenblick die ideologische Provenienz des Autors als Verfechter einer weit links stehenden Kritik des „Kapitalismus“ (falls ich mich nicht irre).

  7. 7 Andreas Exner meinte am 23. Oktober 2017, 08:45 Uhr

    @franz zeder:

    (1) Sofern Sie sich auf dem Boden empirischer Befunde bewegen wollen, so dürfte ich Sie bitten, „statistisches Datenmaterial über die folgenreiche Brisanz der Migrationsströme auch für den sozialen Frieden in den Aufnahmeländern“ vorzulegen. Dann können wir weiter diskutieren. Mir ist eine solche Untersuchung nämlich nicht bekannt. Das schließt selbstredend nicht aus, dass es eine solche gibt – wenn es sie gibt, so wäre sie zu diskutieren; wie das bei wissenschaftlichen Studien so üblich ist: welche Konzepte werden verwendet; wie werden sie begründet; wie werden sie operationalisiert; wie werden die operationalisierten Konstrukte gemessen; wie wird mit konfundierenden Variablen umgegangen; wie werden die Analysen interpretiert? Etc. Alles andere dürfen wir bis dahin als Imagination betrachten.

    Während Hinz und Kunz durchaus meinen würden, es wäre keine gute Idee – sinnlos vielleicht – ohne gewisser technischer Kenntnisse einen Computer reparieren zu wollen oder Mais anzubauen, scheinen sich eben diese sehr wohl als berechtigt anzusehen, über Dinge zu sprechen, von denen sie ebenso wenig Ahnung haben; und die weitaus komplexer sind, mitunter, als die zuvor genannten Aufgabenstellungen. Das nennt sich dann inzwischen gemeinhin eine „politische Debatte“.

    Damit impliziere ich klarerweise keine „Expert_innen-Regierung“, denn auch wissenschaftliche Erkenntnisse sind notwendig umstritten, deren Validität hängt von sozialen Institutionen ab, die nur bis zu gewissem Grade verallgemeinert werden können und sollen; und auch vermachtet sind. Und die Wissenschaften der Gesellschaft haben es mit qualitativ anderen Fragen zu tun als jene von den Sternen und dem Pflanzenbau. Ich impliziere allerdings durchaus einen höheren Stellenwert von Wissenschaft in politischen Debatten insgesamt, und im Bildungswesen im besonderen. Das Ziel wäre zumindest, die gröbsten und fahrlässigsten Fehler zu vermeiden. Das wäre schon ein großes Ziel, wie ich glaube. Denn solche Fehler werden meist ohne jede Rücksicht auf Validität verbreitet. Die bloße Etablierung von gewissen Standards der Rationalität wäre also schon ein erheblicher, um nicht zu sagen enormer Fortschritt. Dass dem die allgemeinen ökonomischen und politischen Verhältnisse entgegen stehen ist kein Geheimnis.

    (2) Woher Sie wissen, wie „Syrer“ „sozialisiert sind“ ist mir erneut ein Rätsel. Meine Erfahrung ist auch nicht strikt singulär, weil besagter Mitbewohner – welch Überraschung – auch über Freundinnen und Freunde verfügt. Diese – wir dürfen uns wundern – entstammen auch nicht allein der Geburtsstätte des neueren arabischen Religionskreises, also von Christentum, Islam und jüdischer Religion (nebst einigen anderen, die vermutlich im Zeitverlauf verschwunden sind).

    Schauen Sie, es ist so ähnlich wie mit jener in den sozialen Medien vielfach geteilten Debatte eines Islam-Experten in den USA – Universitätsprofessor seines Zeichens – mit CNN Journalisten, die auf fast schon drollige Art nicht glauben wollten, dass so genannte islamische Länder insgesamt in Fragen der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht schlechter abschneiden als so genannte christliche Länder; und in bedeutenden Fällen sogar besser als bekannte „christliche“ Länder. Dass des weiteren die Beschneidung von Frauen in christlichen Ländern verbreitet ist, nicht in islamischen. Etc.

    Es verwundert Menschen immer wieder, wenn Sie hören, dass die weltweit größte matriarchale Gesellschaft islamisch ist. Wobei hier schon ein wenig deutlich werden sollte, dass es mit den Essenzen – „islamisch ist“ – so ihre Problematik hat. Was auch sollte an „Österreich“ – grandiose Abstraktion! – „christlich“ sein? Oder „atheistisch“?

    Auch scheint es notwendig nochmals zu wiederholen, dass ich die Kategorie der Religion in politischen Debatten tatsächlich für restlos uninteressant halte. (Weil eine spezifische Religion kein politisches System vorgibt und auch keine Umgangsformen; weil deren praktischer und diskursiver Inhalt mit allgemeineren kulturellen und sozialen Formen, ökonomischen Bedingungen, sowie geschichtlichen Entwicklungen und geopolitischen Kräfteverhältnissen vermittelt ist; und weil der Fokus darauf in politischen Debatten ein Kernmerkmal des heute dominierenden Kultur-Rassismus geworden ist.)

    (3) Die „Zusammenlebensmonade“ ist hierzulande unter dem Vulgo-Namen „Wohngemeinschaft“ bekannt.

    (5) Sie schrieben zuerst davon, „Religion“ sei für Sie keine relevante Kategorie, meinen nun hingegen, es wäre darum zu tun, „die aufflammende Militanz des Islamismus“ zu „falsifizieren“ – ein Ansinnen, dem sie keinen Erfolg voraussagen – und stellen einen „Verdacht“ in den Raum, „Religionen“ verfügten über ein „Gewalttätigkeitspotenzial“. Wenn „Religionen“ über ein solches schon verfügten, dann wäre ja wohl politische Ideologie in eben solchen Rang zu heben. Ganz zu schweigen von Staaten. Oder von menschlicher Beziehung allgemein? – Wir sind also erneut bei derart allgemeinen Aussagen angelangt, dass ich damit nichts anzufangen weiß. – Wenn Sie aber mit allgemeinen Aussagen derart konkrete – und zudem falsche – politische Schlüsse ziehen, dann sollten Sie sich über meine Kritik und Einschätzung nicht wundern.

    (6) Was die Frage des „Kapitalismus“ betrifft, so ist dies wohl kaum der richtige thread für eine Debatte dazu. Ich schreibe jedenfalls vor dem Hintergrund eines Literatur-Reviews, das ich zu Migration für ein Forschungsprojekt verfasst habe, sowie eines weiteren Literatur-Reviews zu rechtsextremen Parteien in Europa für eine Seminararbeit, den ich – die nötige Zeit vorausgesetzt – gern zu einem Fachartikel ausarbeiten würde.

  8. 8 franz zeder meinte am 23. Oktober 2017, 12:14 Uhr

    Sehr geehrter Herr Exner,
    nun, als wissenschaftspropädeutisch geschulter Verfasser einer SE-Arbeit zu dem Thema rekurrieren Sie zu Recht auf wissenschaftspräzise Kriterien. Dennoch möchte ich entgegenhalten, dass sich die „politische Debatte“, wie Sie es nennen, nicht jederzeit auf judiziale Vorgaben und empirisch valide Studien abstützt. Es gibt die Evidenz des Augenscheins. Ich brauchte keine „Studie“, um mir vor zwei Jahren das Phänomen kohärent zu deuten, dass plötzlich unsere südsteirische Grenze Tausende migrierende Menschen aus einem anderen Kulturkreis ungehindert passiert haben und dass die politischen Stellen dem Ganzen ohnmächtig gegenübergestanden sind. (Ich las soeben einen Beitrag des pension. „Caritas“-Präsidenten Küberl über das Ethos des Helfens – von solchen Szenarien war darin nicht die Rede.) Ich glaube tatsächlich, dass Sie dem Phantasma hinterherjagen, dass ein expertokratischer Politikbegriff die Lösung aller Probleme wäre (Soeben höre ich auf Ö1 den Gesamtkünstler und Menschheitsfreund André Heller, wie er den Generalschlüssel „aller“ Probleme in der Frage der „Bildung“ erblickt. Sein Wort in Gottes Ohr. Wenn es bloß so einen universellen Lösungsalgorithmus gäbe!).
    Für mich neigen Sie zu ebensolchen Kurzschlüssen, etwa zu dem, allen Ernstes die Gleichberechtigung der Frau in muslimischen Gesellschaften mit der Gleichberechtigung in unseren westlichen Demokratien gleichzusetzen. Eine solche – verzeihen Sie! – Chuzpe schadet zuletzt massiv den muslimischen Frauen. Und was Sie zur Neutralität der Religion sagen, so frage ich mich, was eigentlich passiert, wenn der (Ab-)Schlachtruf „Allahu akbar!“ mörderische Gewaltaktionen gegen unschuldige und friedliche Menschen legitimieren soll. Der Vergleich mit politischen Ideologien hinkt, weil diese oft als sogenannte „totalitäre“ tatsächlich eine imperialistisch-erobernde Herrschaftskomponente aufweisen, während die Religionen per definitionem einen Versöhnungsanspruch haben sollten. Im Falle der auseinandergefallenen Weltreligionen jenen, den Lessings „Ringparabel“ in einem humanistisch-aufklärerischen Sinn formuliert. Ich komme selten nach Wien – aber ich bin froh, aus der Zeitung zu erfahren, dass die salafistisch inspirierte Verteilungsaktion des „Korans“ auf der Mariahilferstraße beendet worden ist. Dass dort demnächst ein Auto in die Menge Unschuldiger rast, würde ich allerdings nicht mehr ausschließen, nachdem uns diese irrsinnige Tötungsaktion im Namen einer – vielleicht auch nur pro forma ausgeschrienen – Religion seit einigen Jahren auf grausamste Weise vorgeführt wird.
    Ich weiß jetzt nicht, ob ich diese Diskussion AD AETERNAM forsetzen werde. Ich schlage Ihnen vor, Sie schicken mir eine Kopie Ihrer SE-Arbeit, zu deren Gelingen ich Ihnen das Allerbeste wünsche. Obgleich mit Leseanforderungen bis obenhin eingedeckt, werde ich nicht säumen, mir Ihre wissenschaftstheoretisch akribische Widerlegung der Brisanz interkultureller Konflikte in Zeiten überbordender Migrationsströme und der aufgeheizten Militanz eines blindwütig dreinschlagenden Islamismus zu Gemüte zu führen.

  9. 9 m.pacher meinte am 26. Oktober 2017, 11:58 Uhr

    DIE URSACHE FÜR DIE FLÜCHTLINGE DIE NACH EUROPA KOMMEN LIEGT GENAU DORT WO DIE WAFFENLIEFERUNGEN HERKOMMEN UND WO DIE NATOLÄNDER ILLEGALE KRIEGE ANZETTELT, NACHZULESEN BEI DANIELE GANSER: ALSO MITTEN IN EUROPA UND DER WESTLICHEN WELT.

    FRANZ RUPPERT BELEUCHTET MIT SEINER WEGWEISENDEN IOPT = IDENTITÄTSORIENTIERTEN PSYCHOTRAUMATHEORIE WIE ANDERS BREIVIK UND ADOLF HITLER ZU MASSENMÖRDERN WURDEN, INDEM SIE DEN KRIEG UND DIE EXISTENZÄNGSTE IN IHREM INNEREN NACH AUßEN PROJIZIERTEN. NACHZULESEN IM BUCH TRAUMA ANGST & LIEBE. DORT BESCHREIBT ER AUCH DIE
    TÄTER – OPFER – DYNAMIK IN DER WIR DANK DER KRIEGE UND UNSERES WIRTSCHAFTSSYSTEMS STECKEN.

    ER

  10. 10 Andreas Exner meinte am 27. Oktober 2017, 09:05 Uhr

    @franz zeder: eine Diskussion kann nur mit Argumenten geführt werden. Ich denke, es ist alles dazu gesagt. In diesem Sinne.

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