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Rock, Gebrauchswert, Revolution & Mode

08 Aug 2017

Streifzüge 70/2017

von Roger Behrens

Einhundertfünfzig Jahre Das Kapital, erster Band, Karl Marx: „Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt.“ (MEW 23, 56) Eine Rückkopplung: in den Streifzügen Nr. 34 vom Juli 2005 war dieses Zitat schon einmal Einstieg für die Kolumne: in Erinnerung an Helmut Salzinger, der Marx’ Satz assoziativ gedeutet auf die Rockmusik anwendete; wie ein Refrain ist er mehrmals zu lesen in seiner Textcollage „Rock Power oder Wie musikalisch ist die Revolution?“, 1972 zuerst erschienen und 1982, zehn Jahre später, noch einmal. Salzinger provoziert das vermeintlich Selbstverständliche, indem er das vermeintlich Selbstverständliche auf den Punkt bringt; damit irritiert er die Rockideologie, die Hypostasierungen der Musik, die längst zum Soundtrack der Protestgeneration geworden war, die aber auch, als Pop, längst das Große Geschäft war, einer der florierenden Sektoren der Kulturindustrie.

So ist allein schon der Titel als Provokation zu lesen: „Wie musikalisch ist die Revolution?“ ist doch eben nicht die Frage, die eigentlich erst einmal gestellt werden sollte: Wie revolutionär ist die Musik? Ja, mehr noch: Wie revolutionär ist eine Musik, die von Leuten gemacht und gehört wird, die mit dieser Musik behaupten, die Revolution zu machen? Solche Proklamationen charakterisierten den Zeitgeist, dessen Chronik dann Summer of Love 1967, Mai ’68 und Woodstock 1969 verzeichnet – einen Zeitgeist überdies, der mit seinem gesamten rock-, pop- und subkulturellen Revolutionspathos längst in die Annalen der offiziellen Geschichtsschreibung eingegangen ist, inklusive Filmen, Biografien und allen möglichen Anniversary-Sonderausgaben (aktuell: „Super Deluxe Edition“ vom „Sgt. Pepper’s …“-Album der Beatles, orig. 1967). Was fehlt, ist bei allem Pathos allein die Revolution, die eben nicht stattfand.

Rock Power“ ist dann eben doch nur die Macht der Musik, die Gegenmacht einer Gegenkultur, die sich allein auf eben diese Gegenkultur beschränkt: Die Rock Power ist vom Rock abhängig, und der Rock selbst – vom Rock. Salzingers Buch konnte freilich zu den Hochzeiten der Rockmusik und den sie zelebrierenden Jugend(sub)kulturen, also 1972, noch ohne weiteres missverstanden werden; ein Missverstehen, das 1982 dann, zehn Jahre später, im Nachhinein grotesk wirkt: „Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt.“ Okay. Aber dieses bestimmte Bedürfnis konnte 1982 nicht mehr über den Rock befriedigt werden, sondern orientierte sich jetzt an Punk, Hip-Hop, Disco, frühem Technosound. Demgegenüber war Rock insgesamt lahm und langweilig geworden, war nun auf einmal AOR (= Adult oriented Rock music), und die Rock Power hatte sich bestenfalls bei einigen Supergroups in Power Rock verdreht (AC/DC, 1978: „Powerage“).

Damit war allerdings die Revolution oder das Revolutionäre, das irgendwie Nicht-Angepasste oder sich zumindest der Anpassung Verweigernde des Rock wieder das, was Salzinger schon 1972 monierte: nicht Gebrauchswert, sondern bloßes Gebrauchswertversprechen. Und eben mithin eines, das schlechterdings Versprechen bleiben musste, das schließlich als unerfülltes und aufgeschobenes, aber eben nie und nimmer aufgehobenes Versprechen in den „Gebrauchswert“ der Rockmusik rückgekoppelt wieder eingeht, ja schließlich sogar die maßlose Messgröße des Werts darstellt, der sich im Konsum der Ware Rockmusik realisiert: Maßlos deshalb, weil sich hier die Maßlosigkeit kapitalistischer Produktion ästhetisch im einfachen Akt des Konsums wiederholt: Gerade Produkte aus dem Angebot der Popkulturindustrie werden ja über die allgemeine Phrase der Tauschwertideologie, dass etwas preiswert, also „seinen“ Preis „wert“ sei, hinaus bestaunt, wie überwältigend, also „super“ oder „großartig“ sie seien.

Was hier der Gebrauchswert des Rock als besonderes Bedürfnis zu befriedigen verspricht, hat seine Analogie im Glücksversprechen, über das Adorno schreibt: „Stendhals Diktum von der promesse du bonheur sagt, dass Kunst dem Dasein dankt, indem sie akzentuiert, was darin auf die Utopie vordeutet. Das aber wird stets weniger, das Dasein gleicht immer mehr bloß sich selber. Kunst kann darum immer weniger ihm gleichen. Weil alles Glück am Bestehenden und in ihm Ersatz und falsch ist, muss sie das Versprechen brechen, um ihm die Treue zu halten. Aber das Bewusstsein der Menschen, vollends der Massen, die durchs Bildungsprivileg in der antagonistischen Gesellschaft vom Bewusstsein solcher Dialektik abgeschnitten sind, hält am Glücksversprechen fest, mit Recht, doch in seiner unmittelbaren, stofflichen Gestalt. Daran knüpft die Kulturindustrie an. Sie plant das Glücksbedürfnis ein und exploitiert es.“ (Ästhetische Theorie, GS Bd. 7, 461) – Das Glücksbedürfnis geht vollends ein in die kulturindustrielle Wunschproduktion – und manifestiert sich im Gebrauchswert und seinem Versprechen.

Der Gebrauchswert verwirklicht sich nur im Gebrauch oder der Konsumtion.“ (MEW 23, 50) Entscheidend für die Verschiebung zum Gebrauchswertversprechen ist, dass der Gebrauch einer Ware sich keineswegs in Zweck und Nützlichkeit erschöpft, so wenig wie ein „bestimmtes Bedürfnis“ sich materiell versachlichen lässt. Beim „Gebrauchswert“ der Rockmusik ist klar, dass hier Geschmack, Begehren, Lust, Erinnerungen, Intimitäten etc. bestimmend sind, nicht etwa ein krudes Reiz-Reaktions-Schema; ähnliches gilt aber auch schon für die Bekleidung, die Marx meinte, als er schrieb: „Der Rock ist ein Gebrauchswert, der ein bestimmtes Bedürfnis befriedigt.“ Schon im 19. Jhdt. bediente die kapitalistische Textilindustrie nicht allein Bedürfnisse nach etwa witterungsgemäßer Kleidung, sondern auch schon das „bestimmte Bedürfnis“, das ideologisch durch die Mode erzeugt wird: „Die Mode schreibt das Ritual vor, nach dem der Fetisch Ware verehrt sein will“, notierte Walter Benjamin (GS Bd. V·1, 51). Das wiederum ist vom Kleidungsstück Rock als Gebrauchswert auf die Rockmusik als Gebrauchswert zu übertragen, schließlich auf alle Musik, ja sämtliche Kulturwarenproduktion: von der Mode vorgeschriebene Rituale sind heute in vielfältigster Gestalt in das Alltagsleben integriert. Was indes den Gebrauchswert der Rockmusik angeht, den Salzinger zumindest in Hinblick auf dessen – wenn auch ästhetisch oder ästhetizistisch gefilterten – Revolutionsverheißungen infrage stellte, so wäre heute die Frage zu korrigieren: Wie musikalisch ist die Mode? Sie, und nicht „die Revolution“, ist heute der Gebrauchswert, der als allgemeines Versprechen, als gewöhnliche promesse du bonheur allenthalben produziert und reproduziert wird.

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