Gebrauchswert

Kolumne Immaterial World

Streifzüge 70/2017

von Stefan Meretz

Karl Marx hat in genialer Weise die kategoriale Struktur des Kapitalismus analysiert. Dennoch gibt es auch in seinem Werk deutliche Widersprüche, und einer ist die Verwendung des Begriffs Gebrauchswert. Einerseits definierte Marx Gebrauchswert als überhistorisch gültige Kategorie: „Gebrauchswerte bilden den stofflichen Inhalt des Reichtums, welches immer seine gesellschaftliche Form sei“, schrieb er gleich zu Beginn im Kapital.

Andererseits verwendete Marx den gleichen Begriff eindeutig historisch-spezifisch, nämlich kapitalismus-analytisch – etwa, wenn er vom Gebrauchswert des Geldes schreibt und damit die gesellschaftliche Eigenschaft der unmittelbaren Austauschbarkeit meint. Oder wenn er den Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft als Fähigkeit fasst, Wert zu produzieren. Hier geht es nicht um einen in jeder Gesellschaft findbaren „Inhalt des Reichtums“, sondern um „spezifisch gesellschaftliche Funktionen“ im Kapitalismus, wie Marx eigentlich wusste.

Ich möchte ein zweigeteiltes methodologisches Argument entwickeln, warum Gebrauchswert keine überhistorische Kategorie sein kann und Marx hierin also irrte – mit Hilfe der Hegelschen Dialektik, die auch die Grundlage der Marxschen Analysen bildete.

Erstens versteht Marx den Gebrauchswert immer als Moment der Ware. Er weist in einer Fußnote darauf hin, dass noch im 17. Jahrhundert häufig „‚Worth‘ für Gebrauchswert und ‚Value‘ für Tauschwert“ verwendet wurde, „ganz im Geist einer Sprache, die es liebt, die unmittelbare Sache germanisch und die reflektierte Sache romanisch auszudrücken“. Gebrauchswert bezieht sich auf das unmittelbare, sinnlich-konkrete und Wert auf das reflektierte, vermittelt-gesellschaftliche Moment der Ware.

Der Witz ist nun: Als gegensätzliche Momente haben sie, unmittelbarer Gebrauchswert und vermittelter Wert, keine eigenständige Gestalt, sie drücken jeweils nur einen Aspekt eines Ganzen aus, in diesem Fall der Ware. Die gleiche Struktur finden wir bei einer weiteren, eng verbundenen Doppelform, die Marx gar zum „Springpunkt“ seiner Theorie erklärte: die Gebrauchswert erzeugende konkrete Arbeit und die wertschaffende abstrakte Arbeit. Beide sind nur Momente der warenproduzierenden Arbeit, sie existieren aber nicht für sich. Auch wenn wertkritische Redeweisen das manchmal nahelegen.

Wenn Gebrauchswert und Wert nur Unterschiedene im Identischen sind, könnte man auf die Idee kommen, dass eben das Identische, also die Ware, und mit ihr ihre beiden Momente überhistorisch sind. Diese Idee verfolgen tatsächlich nicht wenige traditionelle Marxist*innen.

Zweitens, ist nun aber dagegen einzuwenden, existiert die Ware als solche nur im kapitalistischen Systemzusammenhang. Wir haben es bei Ware und System nicht mit dem horizontalen Verhältnis zweier gegensätzlicher Momente, sondern mit dem vertikalen Verhältnis von Element und Totalität zu tun. Es ist dies das Verhältnis wechselseitiger Erzeugung.

Die Ware als basale Sozialform auf der Mikroebene erzeugt die systemische Sozialform des Ganzen, des Kapitalismus. Das Systemganze wiederum ist die erzeugende formgebende Bedingung für die Ware. Ihre horizontal gegensätzlichen Momente, Gebrauchswert und Wert, stehen nicht still, sondern werden im systemischen Gesamt in eine Bewegung gebracht, deren Kern Marx formelhaft mit G–W–G’ gefasst hat: Aus Geld muss durch Warenproduktion mehr Geld werden. Kurz: Die Ware ist Element im System des Kapitalismus, das sie erzeugt, und nur darin entfaltet sie ihre volle Warenhaftigkeit.
Das bedeutet jedoch, dass es die entfaltete Ware außerhalb des Kapitalismus nicht geben kann. Vor dem Kapitalismus gab es zwar „Waren“, aber nur als Frühform oder Keimform, weil die ihr angemessene und sie entfaltende Systemumgebung noch fehlte. Wer kapitalistische mit mittelalterlichen Waren vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen: Sie haben etwas gemeinsam, unterscheiden sich aber dennoch.

Das wiederum bedeutet, dass auch die Momente der Ware keine überhistorischen Eigenschaften sind und somit auch keine vorkapitalistische ausgebildete Existenz in der von Marx bestimmten Bedeutung haben können. Zwar gab es ebenso wie von der ganzen Ware auch Frühformen der Momente. Irgendwie geht es immer um sinnlich-stofflichen Reichtum und immer um gesellschaftliche Vermittlung, doch ihre wahre Gestalt und Funktion bekommen Gebrauchswert und Wert erst als Momente der kompletten, der entfalteten Ware im System des Kapitalismus.

Was sind die Konsequenzen dieser Überlegungen? So wie die Ware nicht bloß unschuldiges Produkt ist, sondern die Exklusionslogik des Systemganzen in sich trägt, in dem es sie erzeugt, so sind auch ihre Momente nicht separierbar, sondern enthalten einander. Es gibt keinen unschuldigen Gebrauchswert, sondern dieser trägt die Form und den Zweck der Vermittlung über den Wert in sich. Externalisierungen wie Umweltzerstörung, Ressourcenvernichtung und Menschenverschleiß oder geplante Obsoleszenz sind keine nachlässigen Flüchtigkeitsfehler, sondern genuines Resultat der Warenproduktion: It’s not a bug, it’s a feature.

Wer sinnlich-stoffliche Aspekte der Ware retten will, muss Re-/Produktion in einem völlig neuen Zusammenhang entwickeln, in dem die unmittelbar-sinnlichen und vermittelt-gesellschaftlichen Momente nicht in einem Gegensatz stehen. Sondern Ausdruck dessen sind, um was es bei der vorsorgenden Schaffung der Lebensbedingungen überhistorisch geht: um die Befriedigung von Bedürfnissen.

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