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Der Esel und das Messer

12 Mai 2017

Streifzüge 69/2017

von Emmerich Nyikos

 

1. Es ist ein wohldurchdachtes Prinzip jeglicher Wissenschaft, die diesen Namen auch wirklich verdient, alles das an „Argumenten“ sauber wegzuschneiden, was nicht notwendig ist, um einen Sachverhalt zu erhellen – das Überflüssige mit dem Messer zu entfernen, das uns Wilhelm von Ockham als ideales Instrument diesbezüglich empfiehlt.

Was nun die Wissenschaft von der Geschichte betrifft, so hat sich, mit Bezug auf das ockhamsche Messer, zwanglos ergeben, dass der Rekurs auf die actio, die agency der Akteure, nicht nur überflüssig ist, die Trajektorie der Geschichte plausibel darzustellen, sondern darüber hinaus auch noch ihr Verständnis erheblich erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht.

Das Gebaren und die Transformation von historischen Systemen ist Funktion dieser Systeme selbst und nicht des bewussten Handelns irgendwelcher Akteure, eines Handelns, das freilich gleichfalls zur Geschichte gehört, aber eben nur so wie die Nahrungsaufnahme oder das Atmen – es betrifft nicht das Ganze, sondern nur dessen elementare Partikel. Und genau aus diesem Grund muss hier das ockhamsche Messer angesetzt werden.

2. Und dennoch kann es auch vorkommen, dass, wenn man das Messer Ockhams anzuwenden gedenkt, man gelegentlich in die missliche Lage gerät, dass das Resultat, was immer abgetrennt wird, sei es der eine oder der andere argumentative Komplex, sich in beiden Fällen als plausibel erweist: Entfernt man den einen Komplex, so reicht der andere hin, den Sachverhalt aufzuklären, aber auch umgekehrt gilt, dass, trennt man den anderen ab, der erstere diesbezüglich hinreichend ist.

Man befindet sich somit in der Lage von Buridans Esel, der, von zwei Heubüscheln gleich weit entfernt, sich nicht zu einem Entschluss aufraffen konnte, welchem er sich nun zuwenden sollte – und darob verhungert ist.

3. Nehmen wir etwa die Sanktionen, Blockaden und militärischen Interventionen der Tauschwertgemeinschaft, dessen, was sich selbst als „freie Welt“ tituliert, so ist man versucht, all diese „Aktivitäten“ aus dem Umstand abzuleiten, dass die Clique der Strategen des Westblocks, also das Personal des bürgerlichen Staatsapparats, sich hier wie dort seit langem befleißigt, die respektiven Staaten wie eine Firma zu führen, deren alleiniges Kriterium der globale Profit der Kapitalgesellschaften ist, als deren volonté générale sie agieren, ganz nach dem Motto: „Was gut ist für General Motors, ist gut für Amerika“. Dies impliziert natürlich dann eine bornierte Sicht auf die Dinge, das Ausblenden all dessen, was nicht mittel- oder unmittelbar mit den Kapitalprofiten zu tun hat.

Nun ist es so, dass, um den Profit auf globalem Niveau zu bedienen, im Idealfall sämtliche Barrieren wegzuräumen sind, welcher Art sie auch seien, unter anderem auch die „Regime“, die ein solches „Hindernis“ sind oder zumindest als ein solches erscheinen. Das ist ein völlig normales Verhalten, da es ein Systemmerkmal ist, die Konkurrenz oder all das, was als Konkurrenz aufgefasst wird, zu zerstören. Der Staat, der sich als Firma versteht, für die der Profit der Konzerne der Angelpunkt ist, befleißigt sich all diejenigen, die als Spielverderber erscheinen, als eine Barriere des globalen Profits, mit Stiel und Stumpf zu entfernen.

4. Das wäre das eine. Man kann die Sache aber auch dergestalt sehen, dass, insofern sich das kapitalistische Prinzip nunmehr weltweit durchgesetzt hat und niemand mehr da ist, der es noch anzweifeln würde, in letzter Konsequenz alle bereit sind, den transnationalen Konzernen so oder so entgegenzukommen. Interventionen sind überflüssig geworden, weil es im Grunde keine Feinde der bürgerlichen Ordnung mehr gibt: Das Privateigentum an den Produktionsmitteln ist hier wie dort sakrosankt. Was sich heute vielleicht noch stur und widerborstig gebärdet, das lässt sich morgen anstandslos kaufen.

So gesehen erscheinen dann all die Interventionen der „Wertegemeinschaft“ als reiner Ausfluss ideologischer Praxis: des Bestrebens, die Oberfläche der Realität, die Erscheinungswelt, dem „Bild von der Welt“ anzupassen, dem „Bild“, das man sich von der Welt draußen macht und das der Forderung genügt – als wesentliche Bedingung –, dass es die eigene Praxis, das Alltagstun, nicht desavouiert, denn eine Diskrepanz zwischen Denken und Tun wäre mental auf Dauer kaum zu verkraften.

Nun ist es so, dass das Bild von der Welt“ für all diejenigen, die systemkonform agieren, das einer Ordnung ist, als deren Wesenskern die human rights, freedom and democracy und all die anderen bürgerlichen Stereotype erscheinen, nämlich ein „Bild“, aus dem die Substanz dieser Gesellschaft, deren Perzeption die Praxis der Handelnden anfechten könnte, insofern als diese Substanz in der Perversion des Tauschwerts besteht – es wird produziert nicht der Gebrauchswerte wegen, sondern die Gebrauchswerte sind, umgekehrt, nur der Vorwand der Profitmacherei –, dadurch eliminiert ist, dass die Spotlights, das Scheinwerferlicht der Rezeption, Nebensächlichkeiten beleuchten, womit der Rest, worauf es eigentlich ankommt, gänzlich im Schatten verschwindet.

Insofern nun allerdings die krude Realität durch die Erscheinungsoberfläche immer wieder durchschimmern will, ist man beständig versucht, durch ideologische Praxis die reale Fassade dem „Bild“ anzupassen, unter anderem dadurch, dass die, welche dort draußen in der Welt im Geruch stehen, „Tyrannen“, „Despoten“, „Regime“ zu sein, erbarmungslos ausgemerzt werden, was freilich nicht dazu führt, dass sich die human rights, freedom and democracy weltweit verbreiten, sondern das Chaos, das allerdings, weil es als solches neutral ist, dem „Bild von der Welt“ viel besser entspricht.

5. Was nun? Wird man wie Buridans Esel verhungern, weil man nicht weiß, was man mit Ockhams Messer wegschneiden soll?

Nun, der Esel Buridans hätte wohl nicht verhungern müssen, wenn er zuerst sich das eine der Büschel und dann noch das andere einverleibt hätte. So auch hier. Denn die beiden argumentativen Komplexe sind, wie so oft, nur die zwei Seiten ein und desselben Blattes Papier: Das eine schließt das andere nicht aus. Denn der gemeinsame Nenner beider Verhaltensweisen ist ihre Borniertheit, der Standpunkt des Partikularen und nicht der der Geschichte.

 

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