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When there’s no future how can there be Sinn?

27 Dez 2016

Streifzüge 68/2016

Homestory von Ricky Trang

Die Sonne wird in ihrer neuen Funktion als Roter Riese die Geschichte der Erde, dann ohnehin nur noch ein heißer toter Planet, auf dem die Zellmembran des letzten Bakteriums längst zerplatzt ist, in sieben Milliarden Jahren (ein paar Jahre auf oder ab) beenden. So viel zur Zukunft.

Aber nachdem dies nicht die Art der Transformation ist, mit der wir uns bei den Streifzügen beschäftigen, will ich versuchen mich dem Thema anders anzunähern.

Die Zukunft ist laut Duden die Zeit, die noch bevorsteht, die noch nicht da ist; die erst kommende oder künftige Zeit und das in ihr zu Erwartende; und hatte als solche im Mittelhochdeutschen (natürlich) auch eine religiöse Dimension im Sinne des bevorstehenden „Herabkommens Gottes“, aber das ist eine andere Geschichte.

Die bevorstehende Zeit also …
Um es mir nicht noch schwerer zu machen, folge ich der klassischen Physik, ignoriere Quantisierung und Raumzeit, belaste mich nicht mit der Idee, dass die Zeit eine bloße Illusion ist, sondern betrachte sie als etwas, das die Abfolge von Ereignissen beschreibt und im Gegensatz zu anderen physikalischen Größen eine eindeutige, unumkehrbare Richtung hat, die als Zunahme der Entropie bestimmt werden kann.

Diese Zeit ist etwas ganz besonderes. Sie hält für mich stets eine aktuelle und ausgezeichnete Stelle bereit, die wir die Gegenwart nennen und die sich unaufhaltsam in Richtung Zukunft zu bewegen scheint. Oder auch umgekehrt, je nach Betrachtungsweise. Und nachdem das menschliche Gehirn die Gegenwart in Einheiten zu etwa 2,7 Sekunden verarbeitet, dauert das Jetzt nicht einmal 3 Sekunden.

Das Jetzt ist also die Zeit, in der alle Ereignisse stattfinden. Somit ist die Zukunft die Summe aller kommenden Gegenwart-en. Hier lässt mich nicht nur die Physik, sondern auch die Sprache im Stich. Die Physik kennt die Gegenwart nicht einmal im Singular, ich muss also mit dem Zeitpfeil der klassischen Physik vorliebnehmen, der die Richtung der Zeit von der Vergangenheit in die Zukunft bestimmt. Zumindest hier besteht die Vergangenheit aus der Menge aller Ereignisse, die kausal mit dem als Gegenwart bezeichneten Ereignis verbunden sind, dieses also beeinflussen konnten.

Mit diesem (Nicht-)Wissen ausgestattet kann ich beginnen meine Gegenwart zu konstruieren, was ich (mehr oder weniger bewusst) ohnedies ständig mache. Und somit auch die Zukunft, die nichts anderes als auf dem Zeitpfeil verschobene Jetzt-e ist.

Das einzige, was ich sicher über meine noch vor mir liegenden Gegenwart-en weiß, ist, dass ihre Anzahl, wie groß auch immer sie sein mag, mit jedem Augenblick kleiner wird. So lange, bis keine mehr übrig sind. Was für mich ab diesem ersten für mich nicht mehr vorhandenen Jetzt aber bedeutungslos sein wird, weil auch dieses „mich“ dann nicht mehr existiert.

Mein Plan für die Zukunft war immer im kohärenten Zusammenhang mit anderen und der radikalen Theorie die menschliche Geschichte, die Geschichte der Warenproduktion, der Akkumulation und der Entfremdung mit der sozialen Revolution zu Ende zu bringen und mich in dieser Aufhebung zu verwirklichen. Und all das nur aufgrund meines unwiderstehlichen Verlangens nach Genuss.

Wieso auch nicht – wir Kohlenstoffeinheiten haben es offensichtlich weit gebracht. Längst haben wir gelernt Atome zu spalten, wir sequenzieren und manipulieren Genome und werden demnächst künstliches Leben schaffen. Und doch scheint dies alleine nicht zu reichen, vielmehr ergibt die Relation von technisch-wissenschaftlichem Fortschritt und unserer sozialen/empathischen Entwicklung einen Quotienten des Schreckens.

Egal, wohin ich den Zeitstrahl verschiebe, es bleibt ein „gegen“, Unterdrückung und Vernichtung, weil es Spaß macht und schmeckt und jedeR schauen muss, wo er oder sie bleibt. Eine Differenz zur Rechtfertigung ist stets leicht konstruiert. Und wenn es zu schlimm wird, bleiben immer noch unsere imaginären Freunde oder spirituellen Fluchthelfer aus der Realität, der wir uns nicht stellen wollen und können. Und nachdem wir unsere Zeit, unsere Vergangenheit und Gegenwart nicht begreifen und ohne Empfindung unserer Praxis sind, wird die Unsicherheit zur Geburtsstunde ewiger Sicherheiten.

So ist alles, was für meine Zukunft bleibt, der Subjektivismus des zusammenhangslos existierenden Einzelnen, das Denken des sich Durchschlagens, ohne jemals durchschlagenden Erfolg zu haben, die Sicht des Einzelnen, die das Eingeständnis der Unfähigkeit zu radikal sozialem Verhalten, das Sich-auf-die-Abwesenheit-einer-sozialen-Bewegung-Einrichten und Sich-damit-Abfinden ist. Die Welt der Genüsse ist nicht zu gewinnen, es bleibt die Langeweile.

Ob das noch eine Homestory wird?
Aber letztlich ist es schon genau das. Geht es doch um alles und ist es alles, was mir at home oder sonstwo noch widerfahren wird.
Oder auch nicht, denn die klassische Physik hat längst ausgedient.

 

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