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Call for Papers 69: POPULISMUS

02 Nov 2016

Die Nummer 69 der Streifzüge soll im Frühjahr 2017 erscheinen.

Artikel zu verschiedensten Themen sind willkommen, nicht nur Texte zum Schwerpunkt.

Primär kümmern wir uns diesmal um den

POPULISMUS

Alle reden davon, vor allem vom grassierenden Rechtspopulismus, doch was sagt die Formel aus, und vor allem – trifft sie? Erschien vor 15 Jahren der Terminus noch als tauglicher Hilfsbegriff (insbesondere um sich nicht der billigen Rechtsextremismusformel und damit der Totalitarismustheorie zu unterwerfen), so ist jener heute ziemlich fragwürdig geworden, ohne dass das Phänomen, das er beschreiben will, deswegen unwichtig ist. Im Gegenteil, dieses ist von äußerster Brisanz.

„Wladimir Putin, Sonnengott der europäischen Populisten“, lesen wir etwa in der Wiener Presse. Inzwischen scheint von Putin bis Strache, von Trump bis Tsipras, von Lafontaine bis Erdogan, von der FPÖ bis zum ÖGB alles in die Schachtel zu passen. „Das ist doch populistisch“, tönt es da vor allem aus den marktkonformen Basislagern in Wirtschaft und Politik. Doch passt das? Und vor allem für wen passt das?

Der Populismus ist so zu einer Totschlagformel geworden, die akkurat jene nicht trifft, die sie angeblich in erster Linie treffen soll. Wenn Strache oder Petry als Populisten bezichtigt werden, ist ihnen das herzlich egal. Was soll es sie auch tangieren?

Suggeriert wird einmal mehr eine goldene Mitte. In dieser Mitte thront ein unschuldiger Liberalismus, der ganz im Sinne von freedom and democracy gegen die Bedrohungen von rechts und links verteidigt werden muss. Affirmation erschlägt Kritik und Ressentiment durch deren Gleichsetzung. Das ist auffällig, wenn auch kaum Gegenstand.

Das universelle Wiedererstarken der Rechten führt auch zu einer unseligen Front zwischen blanker Anpassung und konformistischer Revolte, obgleich die beiden „Feinde“ in ihren Grundpositionen übereinstimmen.

Fragestellungen wären unter anderen:

o Was kann der Populismus-Begriff leisten, was nicht?
o Sind Demokratie und Populismus Gegensätze?
o Ist es möglich, jenseits kulturindustriell verfertigter Fans heute noch eine kritische Menge zu konstituieren?
o In welchem Verhältnis stehen Populismus und Rassismus?
o Wie beurteilt man den (links)liberalen Antifaschismus?
o Woher rührt das autoritäre Publikum? Ist der Mob nur ein Gesindel?
o Was kennzeichnet die moderne Rechte, parlamentarisch wie außerparlamentarisch, institutionell wie intellektuell?
o Wie sind diverse Bündnisse und Konstellationen zu beurteilen?
Etc.-

Artikelvorschläge bitte ab sofort an die Redaktion redaktion-at-streifzuege.org (zur Vermeidung von Spam “@” durch -at- ersetzt)).
Ab geplanten 12.000 Zeichen (2 Seiten) ersuchen wir um einen kurzen Abstract: etwa 1200 Zeichen, plus Angabe wie viele es letztlich werden sollen.
Folgende Textsorten stehen zur Verfügung:
* 2000 Zeichen abwärts,
* Rezens eines Buches (1600 Zeichen),
* Aufriss (1 Seite mit bis 6.000 Zeichen),
* Essay (2 oder 3 Seiten mit 12.000 bzw. 18.000 Zeichen Obergrenze) oder
* Abhandlung (auf 4 oder 5 Seiten mit 24.000 bzw 31.000 Zeichen Limit)

Genaue Modalitäten zu Textsorten und -länge siehe:
www.streifzuege.org/hinweise-fuer-autorinnen

Die fertigen Aufsätze sind bis zum vereinbarten Termin, aber spätestens bis 10. Februar 2017 an uns zu senden.

Die Ausgabe wird betreut von Franz Schandl

2 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 US-Wahl MartinG meinte am 9. November 2016, 23:41 Uhr

    Zusammen mit einem Kollegen habe ich an unserer kleinstädtischen Volkshochschule eine Wahlnacht organisiert. Nett geschmückter Raum, zwei große Leinwände mit Live-Übertragung und interaktiver US-Landkarte, etwas zu essen und allerhand zu trinken; natürlich gab es auch den – zumindest im mittleren Westen der USA – als Nationalgetränk bekannten Jack Daniels. Eigentlich wollten wir von 22 Uhr bis 6 Uhr in der Früh machen – für zur Verwegenheit neigende Nachtmenschen kein Problem. Der Wahlausgang verlängerte die Veranstaltung jedoch bis zu der Zeit, in welcher Schüler in ihre Anstalt müssen.

    Mehrere Spiele hatten wir uns ausgedacht; nichts anstrengendes, es ging eher in Richtung heiteres Bundesstaaten- und Präsidenten-Raten. Informationsbroschüren der Bundeszentrale für politische Bildung über das politische System der USA lagen aus, eine US-Flagge – die wir vielsagend auffällig geknittert hatten – hing zwischen den beiden Leinwänden, eine euch wohlbekannte Flugschrift gegen den Anti-Amerikanismus des Antideutschen-Ablegers „Emanzipation und Frieden“ lag auf einem Tisch, gleich daneben eine Querfront-Zeitschrift mit dem Titelblatt „Ami go Home“ – wir wollten den Besuchern alle Möglichkeiten geben, sich so zu desorientieren wie sie es für richtig hielten. Jede halbe Stunde erzählten abwechselnd mein Kollege und ich eine Anekdote aus der US-amerikanischen Geschichte. Um fünf Uhr früh zeigten wir unkommentiert einen kurzen Pornofilm von 1972 aus Kalifornien, der niemanden und nichts mehr hoch brachte; im Gegenteil, Gleichgültigkeit überall – bekanntlich eine der vorherrschenden Verhaltensweisen der Selbstentfremdung. Grund war weniger das müde Bildmaterial, sondern die sich abzeichnende Niederlage für Clinton. Obwohl… – stimmt gar nicht: Es war mehr der drohende Sieg für Trump, der alles egal werden ließ.

    Die Biographien der Anwesenden konnten unterschiedlicher nicht sein. Freude bereitete der Besuch zweier älterer Damen, die bis vor 50 Jahren in Kansas wohnten – seitdem in Deutschland. Einige Bundesfreiwilligendienste besetzten mit Popcorn und Zero-Cola einen Tisch. Mehrere 68er – von denen keiner es zum Zyniker geschafft hatte – hielten ihrer Generation die Treue und fielen somit mit einem besonderen Hang zur Lustigkeit auf. Ein klassischer Neurotiker – den wir im Zuge der Inklusion ganz sich selbst sein ließen – kritisierte die halbe Nacht die seines Erachtens fehlende Professionalität unserer Veranstaltung; alles sei doch ziemlich heruntergekommen, so der Dauervorwurf. Dabei guckte er uns stets so intensiv an, dass wir sicher waren, dass er vor allem uns meinte.

    Fast alle der anwesenden über 50-Jährigen waren mal irgendwann Kommunist gewesen – oder ähnliches. Zuweilen wussten sie nicht, ob sie es eigentlich immer noch sind; man kennt sich aus in den Diskussionen, die Linke seit 182 Jahren so führen und wie viel Gründe es gibt, dem parlamentarischen Wahlzirkus mit inneren Abstand zu verfolgen. So stand auch man dem eigenen Ohnmachtsgefühl freundlich gegenüber, das sich infolge des zusammenhanglosen Gefasels sämtlicher Akteure der eingeschalteten Live-Übertragung bei einem breit machte. Trotz dieser „Arroganz des Klügeren“ wussten jedoch alle, dass es keine Alternative zur Maulwurfsarbeit und somit unter Umständen auch dazu gibt, eine bürgerliche Wahl ernst zu nehmen. Diese amerikanische Präsidentenwahl sowieso.

    Wie ernst, zeigte sich dann so gegen halb sieben Uhr. Keiner war gegangen; einige befanden sich schon in der Vorbereitung auf dem Weg zur Arbeit – man trank neuerdings Kaffee. Kein Witz mehr, kein widerständiges Bellen mehr, kein Wort der Verachtung mehr. Wir konnten es schlicht und einfach nicht fassen, was da gerade vor uns auf der Leinwand Wirklichkeit wurde. Trump, dieser Chauvinist und Pflegel und Reaktionär und Sexist und …, wird Präsident. Gute Nacht.

  2. 2 US-Wahl meinte am 9. November 2016, 23:50 Uhr

    Zusammen mit einem Kollegen habe ich an unserer kleinstädtischen Volkshochschule eine Wahlnacht organisiert. Nett geschmückter Raum, zwei große Leinwände mit Live-Übertragung und interaktiver US-Landkarte, etwas zu essen und allerhand zu trinken; natürlich gab es auch den – zumindest im mittleren Westen der USA – als Nationalgetränk bekannten Jack Daniels. Eigentlich wollten wir von 22 Uhr bis 6 Uhr in der Früh machen – für zur Verwegenheit neigende Nachtmenschen kein Problem. Der Wahlausgang verlängerte die Veranstaltung jedoch bis zu der Zeit, in welcher Schüler in ihre Anstalt müssen.
    Mehrere Spiele hatten wir uns ausgedacht; nichts anstrengendes, es ging eher in Richtung heiteres Bundesstaaten- und Präsidenten-Raten. Informationsbroschüren der Bundeszentrale für politische Bildung über das politische System der USA lagen aus, eine US-Flagge – die wir vielsagend auffällig geknittert hatten – hing zwischen den beiden Leinwänden, eine euch wohlbekannte Flugschrift gegen den Anti-Amerikanismus des Antideutschen-Ablegers „Emanzipation und Frieden“ lag auf einem Tisch, gleich daneben eine Querfront-Zeitschrift mit dem Titelblatt „Ami go Home“ – wir wollten den Besuchern alle Möglichkeiten geben, sich so zu desorientieren wie sie es für richtig hielten. Jede halbe Stunde erzählten abwechselnd mein Kollege und ich eine Anekdote aus der US-amerikanischen Geschichte. Um fünf Uhr früh zeigten wir unkommentiert einen kurzen Pornofilm von 1972 aus Kalifornien, der niemanden und nichts mehr hoch brachte; im Gegenteil, Gleichgültigkeit überall – bekanntlich eine der vorherrschenden Verhaltensweisen der Selbstentfremdung. Grund war weniger das müde Bildmaterial, sondern die sich abzeichnende Niederlage für Clinton. Obwohl… – stimmt gar nicht: Es war mehr der drohende Sieg für Trump, der alles egal werden ließ.
    Die Biographien der Anwesenden konnten unterschiedlicher nicht sein. Freude bereitete der Besuch zweier älterer Damen, die bis vor 50 Jahren in Kansas wohnten – seitdem in Deutschland. Einige Bundesfreiwilligendienste besetzten mit Popcorn und Zero-Cola einen Tisch. Mehrere 68er – von denen keiner es zum Zyniker geschafft hatte – hielten ihrer Generation die Treue und fielen somit mit einem besonderen Hang zur Lustigkeit auf. Ein klassischer Neurotiker – den wir im Zuge der Inklusion ganz sich selbst sein ließen – kritisierte die halbe Nacht die seines Erachtens fehlende Professionalität unserer Veranstaltung; alles sei doch ziemlich heruntergekommen, so der Dauervorwurf. Dabei guckte er uns stets so intensiv an, dass wir sicher waren, dass er vor allem uns meinte.
    Fast alle der anwesenden über 50-Jährigen waren mal irgendwann Kommunist gewesen – oder ähnliches. Zuweilen wussten sie nicht, ob sie es eigentlich immer noch sind; man kennt sich aus in den Diskussionen, die Linke seit 182 Jahren so führen und wie viel Gründe es gibt, dem parlamentarischen Wahlzirkus mit inneren Abstand zu verfolgen. So stand auch man dem eigenen Ohnmachtsgefühl freundlich gegenüber, das sich infolge des zusammenhanglosen Gefasels sämtlicher Akteure der eingeschalteten Live-Übertragung bei einem breit machte. Trotz dieser „Arroganz des Klügeren“ wussten jedoch alle, dass es keine Alternative zur Maulwurfsarbeit und somit unter Umständen auch dazu gibt, eine bürgerliche Wahl ernst zu nehmen. Diese amerikanische Präsidentenwahl sowieso.
    Wie ernst, zeigte sich dann so gegen halb sieben Uhr. Keiner war gegangen; einige befanden sich schon in der Vorbereitung auf dem Weg zur Arbeit – man trank neuerdings Kaffee. Kein Witz mehr, kein widerständiges Bellen mehr, kein Wort der Verachtung mehr. Wir konnten es schlicht und einfach nicht fassen, was da gerade vor uns auf der Leinwand Wirklichkeit wurde. Trump, dieser Chauvinist und Pflegel und Reaktionär und Sexist und …, wird Präsident. Gute Nacht.
    Martin

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