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Alltagsblau

26 Aug 2016

Kolumne DEAD MEN WORKING

Streifzüge 67/2016

von Maria WölflingsederSo vieles ist in den letzten 100 Jahren erfunden und für alle erschwinglich geworden, das uns den Alltag erleichtert und angenehmer gemacht hat. Jammerschade nur, dass gar manches davon im allgemeinen Immer-schneller-weiter-höher-und-noch-innovativer-Getümmel übers Ziel hinausschießt.

Die alles revolutionierende Digitalisierung hat zwar viel Segen gebracht, aber wollen wir wirklich bald alle mit der Virtual-Reality-Brille herumlaufen, die die I-Phones über kurz oder lang ablösen werden? Wollen wir uns das Leben wirklich von Apps diktieren lassen? Wollen wir wirklich digitalen Sex via Teledildonics? Auch der mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Sexroboter Roxxxy, in beiderlei Geschlecht erhältlich, ist nicht nur heiß auf Kopulation, sondern auch auf Konversation und Evolution, um ein Mensch zu werden. Und das interaktive Stofftier, eine Roboter-Robbe, dient in Wiener Pflegewohnhäusern bereits dazu, alte Menschen bei Laune und in Kontakt zu halten.

Oder die epochalen Fortschritte in der Medizin. Sie haben unzählige Leben gerettet und vielen Krankheiten ihren Schrecken genommen. Aber wie sieht der heutige Kranken(haus)alltag aus? Warum werden wir buchstäblich zu Tode therapiert? „Zwei Drittel der in Mitteleuropa verschriebenen Arzneien sind sinnlos und schaden mehr, als sie nutzen. Fakt ist auch: Falsche Medikamente gehören zu den häufigsten Todesursachen.“ Das diagnostiziert der Wiener Neurologe Fahmy Aboulenein, der kürzlich das Buch „Die Pharmafalle“ vorgelegt hat. Ganz zu Schweigen von den Unmengen an unnötig verabreichten Antibiotika gegen leichte Erkältungen oder – völlig nutzlos – gegen virale Erkrankungen sowie ihr leichtsinniger Einsatz in der Tierzucht. Ihre zunehmende Unwirksamkeit sowie die Resistenz von Krankenhauskeimen, an denen immer mehr Menschen sterben, sind die Folgen.

Auch was die Ernährung betrifft, ist das Angebot dank Hybridweizen, Turbokühen und Gigatonnen von zweifelhaften Zusätzen in der Produktion und im Endprodukt so groß wie noch nie, jedoch weitgehend unbekömmlich geworden.

Diese Maßlosigkeit korrespondiert mit dem Sog, alles zur Ware machen zu müssen, um Geld zu lukrieren. Nicht nur der Konzerne bzw. der Aktionäre wegen, auch ist jeder Einzelne gezwungen, seine Arbeitskraft zu verhökern, um Wohnung, Nahrung, Kleidung, Fortbewegung, Bildung, Kultur usw. kaufen zu können. Die Folge dieses auf Profit basierenden Wirtschaftssystems ist Konkurrenz. Und Konkurrenz führt unweigerlich zu Misstrauen, Neid, Stress und Entfremdung. Entfremdung von uns selber, Entfremdung zwischen den Menschen und Entfremdung von der Natur. Das macht krank und unglücklich. – Die Menschen wirken in ihrer nervösen Hektik so leblos, so eintönig im Lärm, so steril in aller Buntheit, so reizlos im Tohuwabohu; sie ähneln zunehmend Maschinen: vorprogrammiert, berechenbar und berechnend. Menschliches gibt es in unserem Alltag immer weniger. Das Wesentliche wird ständig vom Bedeutungslosen überschwemmt und ausgehöhlt.

All dem möchte ich als Inspiration ein paar Szenen und Aussagen gegenüberstellen. Um mit dem Lukullischen zu beginnen: Unlängst las ich über die Verwunderung, dass „Mahlzeit“ nicht nur beim Essen gewünscht wird, sondern im Büroalltag um die Mittagszeit stets als Gruß verwendet wird: sei’s beim Kopierer, in der Garage oder am Klo. Und das, obwohl die meisten gar nicht essen gehen. Das „Mahlzeit“ ersetzt vielfach die Mahlzeit. Ganz anderes berichtet Brunhild Seeler-Herzog im Buch „Fiesta im Schnee der Mandelblüten“ über die anhaltende Tradition auf Mallorca: Wie die Hirten in einem alten Lied, so machen es heute noch die Bauarbeiter: „Wo gibt es das schon noch: dass fum, fum, fum (sehr viel Rauch) – gegen zehn Uhr in aller Seelenruhe erst mal botifarra oder botifarró, eine mit Pinienkernen und Anis gewürzte Blutwurst, am Straßenrand gebrutzelt wird? Merke: ,Si no tens temps per menjar, bé, per què trebales?‘ (Wenn Du keine Zeit hast, um zu essen, wofür arbeitest du dann?)“

Ein anderes Land, in dem die Tradition des Mittagessens auch gegenwärtig noch hochgehalten wird, ist Frankreich. Joseph Roth – dessen umfangreiches Feuilleton von höchster Empfindsamkeit zeugt – schreibt in der Frankfurter Zeitung vom 26.10.1925 über das Lyon der 1920er Jahre: Die Menschen „eilen in die Mittagspause wie in ein großes Glück“. „Man hört auch das Tuten der Automobile, das Klappern der Geschirre und das Rasseln der Rollbalken vor den Läden, und eine Stunde lang bereitet man diesen großen, erhabenen Feiertag vor, der in den weißen Städten Südfrankreichs ,Essen‘ heißt. Und dann ist der Feiertag da: die Mittagspause.“

Jegliche Sinnesfreude jenseits von Konsum oder reiner Pose droht auszusterben. Um welche zu empfinden und bei anderen auslösen zu können, braucht es Menschen, die im Dasein fest verankert sind. Die Schriftstellerin Marie Cardinal vergleicht ihr Lebensgefühl in Algerien, wo sie aufwuchs, mit jenem in Frankreich, wohin sie später zog: „Anderswo leben als dort hat für mich den Sinn des Wortes Leben verändert. Anderswo leben ist gleichbedeutend geworden mit: mein Leben fristen, mein Leben organisieren, mein Leben strukturieren, mein Leben planen. … Seit ich nicht mehr in Algerien lebe, gibt es für mich nur Mühsal, Ferien, Kämpfe. Es gibt keine Augenblicke mehr, in denen ich ohne Einschränkung in vollkommener Harmonie mit der Welt bin.“ (Die Reise nach Algerien)

Auch Albert Camus hinterlässt uns viele Beschreibungen seiner Eindrücke in Algerien. Er ist erstaunt über „die reiche Sinnlichkeit dieser Menschen“, die „mit dem äußersten Elend zusammentrifft“. (Hochzeit des Lichts) In Griechenland überraschen ihn die „Dorfbewohner und ihre liebenswürdige Vertraulichkeit. Frei in Auftreten und den Bewegungen, obschon es hier keine politische Freiheit gibt.“ (Tagebuch 1951–1959)

Kaum ein Philosoph hat solch eine sinnliche Präsenz hinterlassen wie Camus. Er zieht den Körper der „unsterblichen Seele“ vor. In „Hochzeit des Lichts“ schreibt er: „Alles hier lässt mich gelten, wie ich bin; ich gebe nichts von mir auf und brauche keine Maske. … was ist das Glück anderes als jener einfache Einklang eines Geschöpfes mit seiner Existenz. … Ich lerne, dass es kein übermenschliches Glück gibt und keine Ewigkeit außer dem Dahinfließen der Tage“.

Ein kleines Gedicht von mir lautet:

GLÜCK
Ein Meer
voll
blauer Tage.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Charly meinte am 17. Juli 2017, 11:35 Uhr

    Ich hatte keine Frau, keine Arbeit, kein festes Ziel, kein Bankkonto, keinen Bedarf an grösseren Geldsummen, keinen Hunger auf Prestige und war nicht versucht, irgendetwas davon anzustreben. (John Glassco)

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