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Verfolgungseifer

Zwei Leserbriefe zu „Marx, Neo und ich“ von Nikolaus Piper, Süddeutsche Zeitung vom 28. Juli 2015

In der Folge veröffentlichen wir hier exemplarisch zwei Statements unserer Autoren Peter Klein und Hermann Engster zu einerRezension Nikolaus Pipers betreffend das neue Buch von Yanis Varoufakis

von Peter Klein

Man muss die Argumentation des Herrn Varoufakis, zumal wo sie sich antikapitalistisch gibt, nicht für überzeugend halten. Aber derart platt, inkompetent und mit Allerweltsphrasen abgefertigt zu werden, wie es in diesem Artikel geschieht, hat niemand verdient. Auch Herr Varoufakis nicht.

Der Autor ist sich offensichtlich nicht darüber im Klaren, dass wir es beim Kapitalismus nicht mit moralischen Subjekten zu tun haben: den berüchtigten „Konzernen“, die für ihre „unanständige Gewinne“ zu kritisieren wären, sondern mit einem inzwischen weltweit dimensionierten System der gesellschaftlichen Produktion. Und da ist die volkswirtschaftliche Betrachtungsweise angesagt. Was machen denn „die Griechen“ mit dem Geld, dass „wir“ ihnen leihen? Sie kaufen Waren – und zwar dort, wo sie technisch am besten und effektivsten hergestellt werden. Exportüberschuss Deutschland-Griechenland: etwa 3:1, mindestens 2:1. Deutschland subventioniert, überall wo es mit Krediten „hilft“, seinen Export, nicht nur den nach Griechenland. Und das gilt überhaupt für die „Hilfe“, die die Industrieländer den industriell weniger oder gar nicht entwickelten Ländern angedeihen lassen. Daher das Zögern der Juncker, Merkel und Schäuble, in diesen Subventions- und Defizitmechanismus einzugreifen. Die deutsche Industrie jammert ja schon wegen der gegen Russland verhängten Sanktionen.

Und wie würde sie erst jammern, wenn überall dort, wo heute noch das „Made in Germany“ heiß begehrt ist, eine eigene industrielle Basis entstünde, die den ärmeren Ländern gestattete, selbst zu produzieren, was sie sich derzeit noch mit Hilfe des auf viele Billionen Dollar angeschwollenen internationalen Kreditsystems „kaufen“ müssen. Davor aber bewahrt uns, „glücklicherweise“, der inzwischen nicht mehr nur „tendenzielle Fall der Profitrate“. Jedenfalls, solange wir in der einen Welt des totalen Marktes zu leben, der ja durch TTIP noch totaler gemacht werden soll. Der Kapitalismus ist ein Konkurrenzsystem, das die Unternehmen, damit sie auf dem freien Markt bestehen können, zur ununterbrochenen Steigerung der Produktivität zwingt. Nur die Fittesten – das sind diejenigen, die mit immer weniger Personal immer mehr Waren produzieren können – überleben. Fitsein auf dem heutigen Niveau der Produktivität aber heißt: gewaltige finanzielle Vorleistungen aufbringen. Die gesamte Volkswirtschaft muss für das Ziel der „Wettbewerbsfähigkeit“ mobilisert werden. Das fängt beim Schulsystem an und hört bei der medizinischen Versorgung noch lange nicht auf. Die technisch versierten Arbeitskräfte müssen ja nicht nur arbeitsfähig, sondern auch arbeitswillig gehalten werden.

Kurz, es sind nur noch wenige Länder, die in diesem Konkurrenzsystem mithalten können. Die Leute, die über frisches Kapital verfügen, sind nicht so blöde, dass sie erst reale Produktionsprozesse anschieben müssen, um zu kapieren, dass die unerhörten Vorlaufkosten, die die High-Tech-Produktion verlangt, über die Vermarktung der neuen Produkte nicht hereinzuholen sind. Heute gibt es Marktanalysen, und aus denen ist zu ersehen, dass die Siemens, Apple, Volkswagen, Nestlé und Roche und wie die Worldchampions alle heißen, immer schon vorher da sind: als die Igel, die munter sagen „Ick bin allhier“. Vorne dran zu sein mit neuen und günstig hergestellten Produkten aber heißt, Spielraum bei der Preisgestaltung zu besitzen: Extraprofit, solange die Konkurrenz mit vergleichbaren Produkten noch nicht auf dem Markt ist. Wir haben es aber nicht mit 1000 Handyherstellern und nicht mit 1000 Automobilfabriken zu tun. Die Marktverhältnisse sind weit übersichtlicher als vor 150 Jahren. Weshalb die (potentielle) Konkurrenz leicht dazu neigt, die weiße Fahne zu hissen. Die Produktion wird möglichst rechtzeitig eingestellt, wie das bei Nokia der Fall war, oder das Neu-Investieren in technisch anspruchsvolle Produktionsprozesse wird in weiser kalkulatorischer Voraussicht gleich ganz unterlassen. Wenn die Mehrheit hungert und die Minderheit an Fettsucht leidet, haben wir, weltweit gesehen, einen im Durchschnitt mäßigen Gewichtsverlust zu verbuchen – das ist das ganze Geheimnis der schon lange gesunkenen Profitrate.

Und in dieser Richtung geht es – vorläufig – weiter. Wie immer effektiv Sie die Produkte herstellen, wie immer preiswert Sie sie machen, Sie müssen sie auch in der entsprechenden Masse verkaufen. Der darin enthaltene Wert, um dessen Vermehrung willen sie produziert wurden, verlangt nach einer zahlungskräftigen Nachfrage. Die aber bricht dank der vielen Verliererregionen, die unser Konkurrenzsystem logischerweise ebenso erzeugt wie die schwergewichtigen Gewinner, vor unseren Augen weg. Hunderte Millionen Menschen ohne Arbeitseinkommen, notwendige Folge der kapitalistischen Produktivität, kommen als Konsumenten nur sehr eingeschränkt in Frage. Entgegen dem Schein, der 1989 vom Ende des russischen Staatskapitalismus erzeugt wurde, hat sich der Bewegungsspielraum des Kapitals verengt.

Was bei Marx erst noch eine „Tendenz“ ist, präsentiert sich heute in zwei für unsere Zeit charakteristischen Phänomenen: in den Millionen von Flüchtlingen, die der Hunger und die Hoffnungslosigkeit aus den an Zahl ständig zunehmenden failed states an unsere Gestade spülen, und in den Supergewinnen der immer weniger und immer größer werdenden Unternehmen, die bislang noch Sieger geblieben sind im globalen Wettbewerb. Aber auch die Sieger können rechnen. Die Gewinne in der Größenordnung von 10, 20 und mehr Milliarden Dollar oder Euro pro Jahr werden in diesem Umfang garantiert nicht reinvestiert. Sie gehen in den Finanzüberbau und blähen diese Supernova des späten Kapitalismus immer noch weiter auf – vorläufig.

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von Hermann Engster

Sehr geehrter Herr Piper,

zu Ihrer Rezension, mit der Sie vermeinen, Varoufakis gleichsam im Vorübergehen erledigen zu können, möchte ich Ihnen ein paar Anmerkungen schreiben.

Varoufakis bezieht sich, wie Sie tatsächlich richtig erkannt haben, auf das Marx’sche Theorem vom tendenziellenFall der Profitrate. Sie zitieren dann Varoufakis‘ Feststellung – „Je mehr aber die großen Firmen die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzen …, desto geringer werden auch die Gewinne der Unternehmen.“ – und bezeichnen dies als „völlige(n) Unsinn“.

Diese Abkanzelung fällt auf Sie selbst zurück. Denn sie macht offenbar, dass Sie von dem von Marx formulierten und von Theoretikern in seiner Denktradition fortentwickelten Theorem nichts verstehen. Erlauben Sie mir darum einige klärende Informationen:

Der Einsatz von Maschinen ist zwar für das einzelne Kapital von Vorteil, aber nur dann, wenn es Mehrwert der (anderen) Kapitale durch den sog. Extra-Profit erzielt, also durch Umverteilung im Zuge der Konkurrenz auf der Ebene der Realisierung der Warenwerte. Die Ausbeutung (bitte den Ausdruck neutral nehmen!) der eigenen Arbeitskräfte geht natürlich zurück, je mehr Arbeiter durch den Einsatz von konstantem Kapital, z.B. in Gestalt von Maschinen, ersetzt werden.

Denn Ausbeutung und Profite sind immer ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis: Würden alle Kapitale nur noch mit Maschinen produzieren und niemand mehr arbeiten und Einkommen erzielen, gäbe es keine Möglichkeit der Realisierung des derart Produzierten durch die Einkommen der Arbeitenden. Dann sind die Maschinen, so viel sie auch produzieren, nicht für die Reproduktion des konstanten Kapitals produktiv, geschweige denn, dass sie Gewinne brächten. Das Manko Ihrer Argumentation besteht darin, dass Sie keinen Begriff vom gesamtgesellschaftlichen Charakter des konstanten Kapitals und der Maschine, der Ausbeutung und der (Mehr-)Wertrealisierung haben.

Zu Ihrer Feststellung in Bezug auf die Banken gäbe es wohl auch manchen Klärungsbedarf, doch ist bei Ihnen leider kein Argument erkennbar, auf das man sich beziehen könnte. Nun ja, die Sachen sind halt schwierig, sogar, das sei zugegeben, für einen Wirtschaftsjournalisten. Ein einfacher Professor für Wirtschaftsmathematik wie Varoufakis kann es sich da leichter machen.

Nur noch ein Detail, das aber als exemplarisch für Ihre Rezension gelten kann: Morpheus im Film „Matrix“ ist nicht, wie Sie feststellen, eine Maschine, sondern ein Mensch und der Anführer der Revolutionäre. Von den beiden Pillen, die er anzubieten hat, haben Sie selbst offenbar die blaue gewählt. Also verbreiten Sie meinethalben weiter Ihre Ideologie der neoliberalen Orthodoxie, aber vermeiden Sie es, mit Überlegenheitsattitüde von Dingen zu schreiben, die außerhalb Ihres eingehegten Denkens liegen. Die rote Pille zu wählen haben Sie ja verpasst.

Überhaupt drängt sich der Eindruck auf, dass Varoufakis – und dies sogar nach seinem Rücktritt – in der SZ zu einem bevorzugten Hassobjekt avanciert ist: am 7. Juli der dümmliche Artikel Ihrer Kolleginnen Gammelin und Schlötzer mit der gehässigen Überschrift „Wie war ich?“, vor einigen Tagen wieder ein ähnlich selbstgefälliger Artikel von Schlötzer, dem sogar die Ehre der Platzierung auf der ersten Seite zuteil wurde, und am 30.7. wieder einer auf der Medienseite. Woher dieser Verfolgungseifer? Was wird da kompensiert? Hat Varoufakis bei Ihnen und anderen in der SZ womöglich eine wunde Stelle getroffen? Dinge zur Sprache gebracht, die Sie nicht so gern hören, weil sie nicht in ihr geschlossenes Weltbild passen und die Sie darum mit blasierter Attitüde abwehren? Warum hat die SZ – im Gegensatz z.B. des „Guardian“ oder der „Zeit“ – nie einen Artikel von Varoufakis publiziert oder gar ein Interview mit ihm geführt? Stattdessen hat die SZ nur hämische Herablassung von sich gegeben. Und keine Spießigkeit ist Ihnen selbst zu billig, bis hin zur (neidgesteuerten?) Schelte für den „Autor mit offenem violetten Hemd als Dandy“. Gilt das Motto „Seien Sie anspruchsvoll!“ eigentlich auch für die SZ im Allgemeinen und Sie selbst im Besonderen?