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Sozialkritik als Marktsignal

10 Aug 2015

Streifzüge 64/2015

von Nikolaus Dimmel

Hegemonie beruht auf der Integration von Dissens. Als Herrschaftstyp setzt sie Gramsci folgend die Fähigkeit voraus, im Antagonismus der Klassen eigene Interessen als gesellschaftliche Allgemeininteressen zu definieren und durchzusetzen. Hegemonie meint also die Anziehungskraft einer politischen Formation. Die subaltern gehaltenen, unterdrückten Klassen verfallen dabei den Ideen ihrer Unterdrücker. Freilich verläuft der Vektor auch umgekehrt: auch Angehörige der unterdrückenden Klassen können den Ideen der Unterdrückten „verfallen“, wie Bert Brecht gemeint hat. Die Auseinandersetzung um Geltung verläuft also zwischen zwei (oder mehreren) Frontlinien, die objektive Machtverhältnisse intersubjektiv vermitteln und artikulieren müssen. Vom sozialen „Oben“ geht es um Dominanz in Machtverhältnissen durch diskursive und nicht-diskursive Praktiken. Vom sozialen „Unten“ wiederum geht es um Enthüllung, Analyse, Zermürbung oder Desartikulation des „ideologischen Zements“ (Haug/Davidson 2004). Konsequent verstehen Laclau/Mouffe (2012) Hegemonie als Grundprinzip gesellschaftlicher Interaktion. Offen indes bleibt die Frage nach dem Prozess, der diskursiven Formation, nach den Kulturtechniken der Hegemonie.

Hegemonie und Geldfetisch

Nun sind Produktion („Arbeitswelt“), Zirkulation und Reproduktion auf Märkten Grundelement der Verfassung bürgerlicher Gesellschaften. Strategien der Vermarktlichung/Entstaatlichung wiederum stellen hegemoniale Projekte dar, um das „scoring“ der Aneignung und Realisierung von Mehrwert nach oben zu verschieben, aber auch das „containment“ des Widerspruchs zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen vorübergehend zu fixieren. Hegemoniale Projekte, die sich als alternativlos (Sachzwang) oder als modern (Innovation) etikettiert präsentieren, waren vordem Produktionsmodelle wie der Fordismus, Staatssozialismus oder Faschismus. Gegenwärtig freilich löst ein neoliberaler Marktfundamentalismus die inneren Widersprüche der Kapitalverwertung zu Lasten der Subalternen auf (Demirović 2008).

Dabei ist der neoliberal verfasste Kapitalismus abhängiger denn je von der affirmativen, proaktiven, kooperativen Mitwirkung der Subalternen. In der Produktion werden „Arbeitskraftunternehmer“ nachgefragt, welche sich nicht nur mit Unternehmung/Produkt identifizieren, sondern sich selbst bereits als Unternehmen leibhaftig organisieren. In der Zirkulation werden KundInnen nachgefragt, die als „Prosumer“ Co-Produzierende sind, Kosten senken und Erträge der Unternehmen steigern. In der sozialen Reproduktion sind Menschen als KundInnen gefragt, die ihre sozialen Bedürfnisse bereitwillig als Nachfrage auf Märkte tragen und dort den Geldfetisch speisen.

In allen dreien verkörpert Kritik eine essentielle Ressource der Innovation, mit der die Verwertung des Kapitals stets aufs Neue erfolgen kann, trotzdem die relative Größe des Mehrwerts im Verhältnis zum Gesamtkapital rückläufig ist. Selbst die künstliche (Marketing!) Erweckung von Bedürfnissen erweist sich zusehends als beschränkt. Je nach sozialer Klasse sind die Körper zu fett, die Kleiderschränke, Garagen und Terminkalender zu voll. Der menschliche Körper verträgt nur eine limitierte Anzahl von Botox-Einspritzungen und Silikon-Implantaten.

Hegemonie als „Einheit durch Dominanz“ (Lipietz 1992, 27) setzt daher eine aktive und affirmative Integration der Subalternen voraus. Der kapitalistische Metabolismus der menschlichen Arbeitsvermögen erfordert, dass die „echten Lebensumstände“ einer sozialen Formation der Ökonomie einverleibt werden (Storey 2012). Die bloß formelle Subsumtion unter das Kapitalverhältnis reicht nicht hin. Es muss eine reelle sein, worin der Mensch in der Kapitalverwertung gleichsam „aufgeht“ bzw. sich ihr assimiliert.

Funktionalisierung und Einverleibung

In dieser gezielten Einverleibung eignet sich die herrschende Klasse, mithin: die personifizierten Charaktermasken der herrschenden Ökonomie der Wertvergesellschaftung, den Dissens der Subalternen in eben jenen Formen und Formationen an, in denen das Kapital Ideen verwerten, in Profit verwandeln kann. Deshalb werden in der „open innovation“ der Online-Crowdsourcing-Plattform „People’s Car Project“ von Volkswagen Ideen für das „Auto der Zukunft“ gesammelt und verwertet. Deshalb werden mit dem „Social Business Award Ideen gegen Armut“ unternehmerische Lösungen zur Armutsvermeidung und ‑bekämpfung (von „Coca Cola“ und der WU Wien) prämiert. Deshalb wurden aus Pop, Punk vor Malcolm McLaren, der Ernährung aus biologischem Landbau oder der Langläuferbewegung schließlich verwertbare Musikformate, Mode-Label, ein Schuh-Fetisch und Bio-Abteilungen in Supermarktketten.

Derlei Einverleibung gilt auch für die Sozialkritik, etwa an Armut, Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit oder sozial-ökologischer Devastierung. Mit Boltanski/Chiapello (2003, 68 ff.) lässt sich hier zwischen Sozialkritik und Künstlerkritik unterscheiden. Sozialkritik stellt auf klassenspezifische Verteilungskonflikte und Ressourcen ab, richtet sich nicht nur auf Autonomiegewinne im Produktionsprozess und die Einhegung des Marktrisikos der Verwertung der Lohnarbeitskraft (Dekommodifikation), sondern auch auf das „gute Leben“. Künstlerkritik wiederum richtet sich gegen die Instrumentalisierung der menschlichen Arbeitsvermögen, gegen die Verdinglichung der sozialen Beziehungen und auf die Selbstentfaltung der Menschen. Beide sind ambivalent, zugleich ein Fundus der Optimierung von Kapitalverwertungsprozessen und der Erschließung neuer Nischen kapitalistischer Landnahme. Selbst der Modus der Dekommodifikation, jener Befreiung von Marktzwängen, findet im Gehäuse eines sozialdisziplinierenden Sozialrechts statt, verspricht also Befreiung nur denen, die unschuldige Krüppel, erbarmungswürdige Arme oder auf sonstige Weise mit moralisierbaren sozialen Risiken „geschlagen“ sind.

Sozialkritik thematisiert das Leiden am Kapitalismus (Ehrenberg 2015). Dem kommt die innere Codierung des Neoliberalismus zupass, buchstäblich alles in Arbeit zu verwandeln (Biografiearbeit, Körperarbeit, Trauerarbeit, Sexarbeit, Energiearbeit, Einrichtungsarbeit, Aufstellungsarbeit etc.) und für derlei Arbeit in Form einer Methode (Therapie, Training, Kommunikation, Modifikation, Coaching, Feedback, Aufstellung, Analyse, Beratung, Begleitung) Märkte für Dienstleistungen gegen Entgelt zu etablieren (von der Feng-Shui-Beratung über Coaches für alles bis hin zu Escort-Services).

Jede Kritik an den herrschenden Verhältnissen wird umgehend parzelliert und kartographiert, in einen Phänotypus verwandelt, den man als Defizit einrahmen und in ein behandlungsbedürftiges Dispositiv überführen kann. Die sozialwissenschaftliche Beschreibung der NEET – Not in Education, Employment or Training – führte umgehend zu einem Katalog von Interventions-, Behandlungs- und Trainingsformen, ebenso wie die Anamnese der „street corner society“ mit ihren delinquenten „core members“ und kriminellen Karrieren umgehend in der Sozialarbeit den Typus der „street work“, der aufsuchenden Sozialarbeit, hervorbrachte. Das kapitalistische System lernt also nicht nur aus Kritik, benötigt Kritik nicht nur als Treibsatz der Adaption und Modernisierung, sondern verwandelt den Impuls der Kritik in neue Waren und Dienstleistungen, die vermarktlicht und damit kapitalisierbar gemacht werden.

Zugleich wird Kritik nicht nur funktionalisiert, sondern auch mit Systemimperativen homogenisiert. Erweisen sich MigrantInnen als sozial-kritisch reflektiertes soziales Problem, so wird dies nicht a limine zurückgewiesen, sondern: zuerst als Sozialdienstleistung formalisiert und dann vermarktlicht. Folgerichtig hat das Österreichische Bundesministerium für Inneres 2013 nach einigen Jahren der Sozialpolitiksimulation mit Social-Profit-Unternehmen einen 15-Jahresvertrag mit dem gewinnorientierten privaten britischen Sicherheitsunternehmen „G4S“ zur Auslagerung von Sicherheits- und anderem Personal ins neue Schubhaftzentrum Vordernberg abgeschlossen. In England betreibt das Unternehmen bereits seit mehreren Jahren Abschiebegefängnisse, die für die fortgesetzte Misshandlung von Inhaftierten berüchtigt sind. Für „Unterbringungs- und Bewachungsleistungen für das Schubhaftzentrum Vordernberg“ werden von „G4S“ prekär Beschäftigte aus sozialarbeitsfernen Berufen akquiriert. Entsprechend expandiert der Markt. Seit 1998 fordern Abgeordnete zum Nationalrat, ganz Agenten der kapitalistischen Landnahme, mit Verweis auf England die totale Privatisierung des Schubhaftsystems. Österreichische Unternehmer gründeten vergeblich „Asylum Airlines“, eine private Abschiebe-Fluglinie; nunmehr wird Frontex europaweit einen militärischen Dienstleister damit betrauen, einen größeren Hai im Becken.

Metabolisch verdaut

Auf diese Weise läuft jede Sozialkritik am Ende auf eine Vermarktlichung hinaus, ist deren Treibsatz. So war die Habermas’sche Kritik an den „kolonisierenden Wirkungen des Wohlfahrtsstaates“ Folie der Legitimation der Privatisierung und Entstaatlichung von sozialen Sicherungsleistungen durch die CDU. Diese Dialektik von Kritik und Reform wird etwa auch an der österreichischen Grundeinkommensdebatte deutlich, in der libertär-emanzipatorische Motivlagen und Forderungen metabolisch verdaut und als repressiv-aktivierende Politiken wiedergegeben werden. Ursprünglich war der sozialkritische Diskurs um die strukturellen Defizite der Sozialhilfe Triebfeder der Debatte um eine „bedarfsorientierte Grundsicherung“ in Österreich. Ziel dieser Debatte war eine Existenzsicherung an der Armutsschwelle. Am Ende kam nach vielgestaltiger Polit-Intervention ein Hartz-IV nachempfundenes, neoliberales „Workfare“-Programm heraus, dessen Leistungen je nach Haushalt 240 bis 390 Euro unterhalb der EU-SILC-Armutsschwelle liegen. Aus „empowerment“ wurde „Aktivierung“.

Bei André Gorz, Thomas Schmid oder Frithjof Bergmann wurden je unterschiedlich Vorstellungen der Kombination von zeitlich reduzierter (oder überhaupt entfallender) Arbeit, Bürger- oder Eigenarbeit und existenzsicherndem Grundeinkommensbezug vorgetragen, der die sozial inkludierende Freiheit impliziert, zur Verrichtung von (Lohn)Arbeit „nein“ sagen zu können. Die neoliberal, heute in der Figur der „in-work- benefits“ (Lohnkostenzuschüsse) implementierte Version dieser Impulse findet sich in einem nicht-existenzsichernden Grundeinkommen, welches die Prekarisierten und Zwangsflexibilisierten in die (Lohn)Arbeit zwingt bzw. in sozial-exkludierender Weise zu einem Leben am Rande der Gesellschaft „verurteilt“.

Boltanski/Chiapello (2003, 86) fassten Sozialkritik mit dem Argument als wirkungsmächtigen Motor des rezenten Kapitalismus, dass der Kapitalismus nicht ohne moralische Rechtfertigung auskomme und deshalb gegen Kritik nicht immun sei. Dem ist nicht beizupflichten. Vielmehr wird der Geist des neoliberalen Kapitalismus durch Kritik gespeist, ein verzerrter Nachhall der Figur der „schöpferischen Zerstörung“ bei Schumpeter. Dies deshalb, weil die Sozialkritik Dauerreform legitimiert, weil Kritik als Rechtfertigung der (Neu)Ordnung von Handlungsweisen und Dispositionen benötigt wird: „never let a serious crisis go to waste“. Alle Kapitalverwertung und Akkumulation erfordert insofern paradoxerweise auch ein subjektives Engagement gegen den Kapitalismus. Alle Sozialkritik, welche den Kapitalismus attackiert, immunisiert und stärkt seinen Metabolismus. Jüngst übernimmt sogar die OECD keynesianische Argumentationsfiguren. Selbst der sich ankündigende Kollaps der Biosphäre ist bloß ein Innovationssignal. Ethisch aufgeladene Kritik an metabolischer Naturzerstörung beantworten die Akteure regulativer Politik daher mit neuen Märkten für Umweltverschmutzungsrechte oder der Herausbildung einer Umweltreparaturindustrie. Auf diese Weise saugt der kapitalistische Geist die an ihm geübte Kritik permanent auf und transformiert jene Kritik in Antriebskräfte der Vermarktlichung.

Literatur
Demirović, A. (2008): Neoliberalismus und Hegemonie, in: C. Butterwegge / B. Lösch / C. Ptak (Hg): Neoliberalismus, Wiesbaden, 17 ff.
Ehrenberg, A. (2015): Das erschöpfte Selbst, Frankfurt.
Haug, W.F. / A. Davidson (2004): Hegemonie, in: HKWM 6/I (www.inkrit.de/e_inkritpedia/e_maincode/doku.php?id=h:hegemonie)
Laclau, E. / C. Mouffe (2012): Hegemonie und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus4, Wien.
Liepitz, A. (1992): Vom Althusserismus zur „Theorie der Regulation“, in: A. Demirovic / H.P. Krebs / T. Sablowski (Hg): Hegemonie und Staat. Kapitalistische Regulation als Projekt und Prozess, Münster, 9 ff.
Storey, J. (2012): Cultural Theory and Popular Culture, New York.

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