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Stigmergie

29 Mai 2013

Streifzüge 57/2013

KOLUMNE Immaterial World

von Stefan Meretz

Wenn Kooperation nicht das Gegenteil der Konkurrenz ist (vgl. Streifzüge 56/2012) – was dann? Gibt es Formen der Kooperation, die nicht konkurrenzförmig strukturiert sind? Die gibt es, und darum soll es im Folgenden gehen.

Kooperation ist das Zusammenwirken von Individuen mit dem Ziel, ein kohärentes Ganzes zu schaffen. Dabei müssen die Entscheidungen und Aktivitäten der Beteiligten so organisiert und synchronisiert werden, dass die zur Zielerreichung erforderlichen Teilaufgaben zueinander passen und sich ergänzen. Gewöhnlich werden Entscheidungen und Aktivitäten personell getrennt. In hierarchischen Systemen fallen die Entscheidungen „oben“ und werden „nach unten“ – entsprechend differenziert nach Teilaufgaben – „durchgestellt“. Mir wird gesagt, was ich zu tun habe.

Bei den oft als Gegenstück angesehenen konsensbasierten Verfahren treffen alle Beteiligten die Entscheidungen, die anschließend die einzelnen Personen (oder Teilgruppen) umsetzen. Auch hier fallen häufig Entscheidung der Gruppe (als Konsens) und Umsetzung durch je mich (oder meine Teilgruppe) auseinander. Zwar bin ich an der Entscheidung beteiligt, aber um des Findens einer Entscheidung willen stelle ich meine Bedenken oder Wünsche zurück. Der Findungsprozess ist schon aufwändig genug, und um nicht alles zu blockieren, widerspreche ich dem Konsens nicht, doch die Entscheidung ist nicht immer auch die meine. Entsprechend meiner Übereinstimmung mit dem Konsens setze ich die Aufgaben mal motiviert und mal nur gezwungenermaßen um.

Mischformen aus beiden Systemen sind die Regel – von Basisdemokratie mit informellen Machthierarchien bis zum demokratischen Zentralismus linker Kaderparteien, von der Linienorganisation bis zum Lean Management in flachen Hierarchien in Unternehmen. Bei allen Formen sind Entscheidung und Ausführung mehr oder minder deutlich getrennt. Marx identifizierte hierin den Kern der „knechtenden Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit“. Es sind Verfahren der Kooperation, um sich in der Konkurrenz gegen andere besser durchzusetzen. Selbstunterwerfung, Entfremdung und Zwang folgen auf dem Fuß.

Mit Stigmergie geht Kooperation auch ganz anders. Stigmergie ist hinweisbasierte Aufgabenteilung. Bei Wikipedia weisen „rote Links“ etwa darauf hin, wo noch ein Artikel geschrieben werden könnte. In einer To-Do-Liste steht, was noch gebraucht wird. Nicht eine einzelne oder kollektive Instanz weist mir eine Aufgabe zu, sondern Hinweise „schlagen mir vor“, was ich tun könnte – die Entscheidung liegt allein bei mir. Eine Selbstauswahl hat enorme Konsequenzen für die Motivation. Ich entscheide mich nur für Tätigkeiten, die ich wirklich, wirklich tun will.

Damit wird deutlich, dass eine Entfaltung der Stigmergie eine Abwesenheit von Sachzwängen und Fremdbestimmung voraussetzt. Stigmergie braucht die freie Entfaltung der Individualität. Sehe ich mich zur Wahl gezwungen, habe ich also nicht die Wahl der Nichtwahl, weil ich mich fremden Zwängen unterwerfen muss (etwa denen des Geldverdienens), so ist auch die Wirkung von Stigmergie begrenzt. Daher funktioniert Stigmergie auch nicht gut für kleine Systeme. Das wird jede* kennen, die auf die eigene To-Do-Liste schaut und weiß, dass niemand kommen wird, um die Aufgaben für eine* zu erledigen.

Stigmergie eignet sich für sehr große Systeme. Wenn es genug Menschen gibt, so finden auch die Aufgaben, die ich nie machen würde, eine* die sich dafür begeistert. Und Aufgaben, die wirklich niemand angehen will, sind dann auch viel leichter anderweitig lösbar. Das hängt natürlich von den gesellschaftlichen Bedingungen ab. In einer freien Gesellschaft könnten unbeliebte Aufgaben gesellschaftlich redefiniert, technisch wegrationalisiert oder organisatorisch aufgeteilt werden – nicht nach Kriterien der Verwertung, sondern nach Maßgaben unserer Bedürfnisse.

So wie die individuelle Selbstentfaltung braucht Stigmergie ebenso die freie Verfügbarkeit der Beiträge für alle. Niemand setzt freiwillig Hinweise in Lösungen um, wenn diese anschließend privat angeeignet werden. Es ist kein Zufall, dass Stigmergie in Projekten commonsbasierter Peer-Produktion eine große Rolle spielt. Kevin Carson drückt es so aus: „In einer stigmergischen Organisation wird die Intelligenz eines jeden zur Eigenschaft von allen.“

Stigmergie hat die Potenz, die gesellschaftliche Vermittlung über den Markt abzulösen. Die Vergesellschaftung über Ware, Wert und Geld kann aufgehoben werden, die „knechtende Arbeitsteilung“ in Planung und Ausführung, Befehl und Gehorsam, Oben und Unten verschwindet. Commons, denen das Image des Lokalen und Begrenzten anhaftet, bekommen damit eine neue Perspektive. Denn Stigmergie funktioniert nicht nur für Individuen, sondern auch für Kollektive. Aus der Arbeitsteilung wird so die gesamtgesellschaftliche Aufgabenteilung, ein polyzentrisches System stigmergisch vernetzter Commons.

Gelegentlich wird das Preissystem des Marktes als stigmergisch beschrieben. Das ist in mehrfacher Hinsicht falsch. Stigmergische Hinweise, auch Stigs genannt, beziehen sich in doppelter Weise auf Bedürfnisse. Produktive Bedürfnisse werden realisiert, wenn Hinweise auf gewünschte Aufgaben aufgegriffen werden. Nutzungsbedürfnisse hingegen drücken sich selbst als Stigs aus: „Ich bräuchte das und das, hat das wer?“ Solche Hinweise, gleich ob auf die Produktion oder die Nutzung bezogen, sind immer qualitativer Art. Der Preis hingegen ist eindimensional, ist nur Quantität, und er bezieht sich auch nur auf den Bedarf, also auf eine zahlungsfähige Nachfrage.

Stigs operieren nach dem Pull-Prinzip, Preissignale hingegen im Push-Modus. Stigs drücken direkt Bedürfnisse aus, Preise wollen mir etwas verkaufen, egal, ob ich’s brauche oder nicht. Stigs ziehen Kreativität, Ideen, Selbstentfaltung und Energie an, denn alles geschieht freiwillig. Preise fungieren als Mittel der Überredung (Sonderangebot) oder der Bestechung (Arbeitslohn).

Ist Stigmergie die lange gesuchte Form der gesellschaftlichen Vermittlung jenseits von Markt und Plan?

Dank für die Durchsicht an Benni Bärmann, dem (Er-)Finder der „Stigs“.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Sonnenanbeter meinte am 22. September 2013, 11:46 Uhr

    hört sich äußerst interessant an, habe letztes jahr zum einstieg in mein studium die common-basierte peer produktion recherchiert und als gemeinschaftliche Organisationsform (anhand meiner vereinsarbeit in foodcoop, gemeinschaftsgarten, etc.) meinen mitstudierenden nähergebracht.
    ihre arbeit (stefan meretz), fungierte quasi als stig ;) danke vielmals

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