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Gleichklang?

Streifzüge 57/2013 – Homestory

von Maria Wölflingseder

Eine Sprechblase voller Fragezeichen braut sich über meinem Kopf zusammen angesichts der Trends, die sich zwischen Debatten über Po-Grapschen und sexuelle Belästigung einerseits und Kontaktarmut andererseits auftun. Nicht nur Wellness-Massagen aller Art, auch Free Hugs und Kuschelpartys werden als Rezept gegen fehlendes Bewegt-Sein und Berührt-Werden gepriesen. Während die Hugs kostenlos sind, muss alles andere selbstverständlich berappt werden. Genauso wie die Benutzung der zahllosen Kontaktplattformen im Internet. Ein lukratives Geschäft in wirtschaftlich miesen Zeiten. – Aber ist an diesen angebotenen Alternativen nicht grundsätzlich etwas verkehrt? Wird da nicht das Pferd von hinten aufgezäumt? Geht es nicht zuerst um das Betroffen-Sein, das Bewegt-Sein, um den Gleichklang. Und dann um die Zuwendung? Bei den angebotenen Alternativen verkürzt sich alles auf die Zuwendung, auf irgendeine Zuwendung, auf eingekaufte Zuwendung. Wären da nicht Glückspillen aus der Apotheke der einfachere Weg? Fehlt da nicht das Entscheidende? Das einmalige Erlebnis der Anziehung, der Inspiration, der Sehnsucht, der Hingabe?

www.gleichklang.de heißt eine viel beworbene „alternative Kennenlern-Plattform für naturnahe, umweltbewegte, tierliebe und sozialorientierte Menschen“. Alternativ scheint sich hier auf den sogenannten „Lebensstil“ der Kunden zu beziehen. Die Art der Partnervermittlung ist jedoch nicht anders als bei anderen Plattformen, sondern höchstens noch „berechnender“. Den Zufall, die Überraschung scheinen nämlich heute alle zu fürchten wie der Teufel das Weihwasser. „Es werden mithilfe eines wissenschaftlichen Fragebogens und eines Persönlichkeitstests relevante Informationen zum Lebensstil und zur Persönlichkeit, aber auch zum Äußeren, erhoben. Auf dieser Grundlage können dann mithilfe eines psychologisch-mathematischen Vermittlungsalgorithmus optimale Partnervorschläge und Freundschaftsvorschläge unterbreitet werden.“ Es geht dabei um eine Ermittlung „mit scharfen Einschluss- und Ausschlusskriterien, Ähnlichkeitsmaßen und einer Umsetzung der sogenannten Fuzzi-Logik“. – Alles läuft generalstabsmäßig geplant ab: Sage mir deine Präferenzen – vegan oder vegetarisch, religiös/spirituell oder a-religiös, deine sexuelle Orientierung (erstaunlich wie viele es da gibt), deine sexuellen Funktionsstörungen, deine Behinderungen und Erkrankungen, deine besonderen körperlichen Merkmale (z.B. dick) und vieles andere – und ich sag dir, wer zu dir passt.

Unter Gleichklang verstehe ich das genaue Gegenteil. Mein Bewegt-Sein und meine Begegnungen entspinnen sich jenseits jeglicher Kategorien und Kriterien, jenseits aller Weltanschauung, ja, jenseits des Verstehens! Gleichklang ist, etwas tief Bewegendes zu erleben, ohne es erklären zu können. Wenn ich einem Menschen begegne, einen Ort erlebe, ein Lied höre, eine Geschichte lese, ein Bild betrachte, kann es passieren, dass die Zeit stillzustehen scheint. Dann, wenn mein Gegenüber mich zum Klingen bringt, weil es auf denselben Ton gestimmt ist, und wir uns gegenseitig auf den Grund der Seele schauen.

Patrick Leigh Fermor, der 1933 als 18-Jähriger zu Fuß von Amsterdam nach Konstantinopel wanderte, beschreibt das in seinem Buch „Mani“ so wunderbar (Frankfurt/M. 2012, erstmals 1958, S. 187, aus dem Englischen von M. Allié und G. Kempf-Allié):

„Langsam bricht der Abend über diese letzten Reste des Mauerwerks herein, die Zikaden werden leiser und verstummen, spiegelglatt schimmert das Meer unter uns, es ist gespenstisch still: eine vollkommen andere Welt. Ein tiefer Frieden herrscht in diesen Ruinen altgriechischer Tempel. Wenn man sich als Reisender an eines der gestürzten Kapitelle lehnt und die Stunden verstreichen lässt, verschwinden alle Ängste und quälenden Gedanken… Fast alles, was geschehen ist, schwindet in einem Reich der Schatten und des Trivialen, und mühelos tritt an dessen Stelle etwas Strahlendes, Einfaches, Ruhiges, das alle Knoten löst und alle Rätsel aufklärt und uns gütig und ohne alles Drängen zuzuflüstern scheint, dass das ganze Leben, wenn man ihm nur eine Chance dazu gäbe, ohne Zwang, ohne Behinderung, ohne die Quälereien des Verstands unendlich glücklich sein könnte.“

Ich kenne dieses unbändige Gefühl, wenn das Glück so selbstverständlich ist, als ob es nichts anderes gäbe.