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Demonetarisierung – Der Diskurs über die Abschaffung des Geldes

25 Mrz 2013

Streifzüge 57/2013

von Franz Nahrada

Es scheint, dass die Zeit der monolithischen politischen Organisationen in der antikapitalistischen Bewegung vorbei ist, dass aber dafür ein neues „organisiertes“ Phänomen die Runde macht, das immer größere Bedeutung gewinnt. Es handelt sich dabei um diskurspolitische Interventionen, den Versuch, über die Klärung bestimmter Begriffe Schwerpunkte in unserem Denken und Handeln zu setzen. Mindestens drei solcher diskurspolitischer Interventionen sind in den letzten Jahren entstanden: der Diskurs um die Solidarische Ökonomie, der Diskurs zu den Commons und zuletzt um das bewusste Negieren des Geldes als Vergesellschaftungsmedium, die Demonetarisierung. (Daneben gibt es freilich noch die Peer-to-Peer Ökonomie, den Diskurs um Susbsistenz und Kreislaufwirtschaften (Circonomy), das Wiederentdecken der Schenkwirtschaft und vieles andere.)

Die Vermutung, dass es sich um verschiedene Aspekte ein und derselben – eben durchaus komplexen – Sache handelt, liegt nahe. Wir können uns ja in verschiedenen Diskursen gleichzeitig betätigen, sie sind gerade nicht ausschließend wie einstmals die Parteiungen. Es scheint mir so, dass es einmal um das grundsätzliche Verhältnis der ökonomischen Akteure zueinander (Solidarische Ökonomie, P2P Ökonomie, Circonomy), ein andermal um den kollektiven Bezug auf die inhaltlichen Elemente des Reichtums (Commons, Subsistenz) und zuletzt eben auch um die Aufhebung der versachlichten und entfremdeten Form der ökonomischen Beziehung selbst (Demonetarisierung, Schenkökonomie) geht.

Die weitere Vermutung ist, dass diese Diskurse nicht nur im Bezug aufeinander, sondern auch immanent viele verschiedene Antworten im Raum der Möglichkeiten entwickeln, wie wir besser leben und wofür wir uns einsetzen können. Ihr Pluralismus erscheint nicht als Mangel, sondern als Voraussetzung einer raschen und kreativen Entfaltung von Praktiken, die nur in ihrer Fülle und Vielzahl ein Jenseits des kapitalistischen Systems möglich machen und Antworten auf die ungelösten Fragen dazu geben.

Eine Welt ohne Geld?

Die Demonetarisierungsdebatte ist dabei so ziemlich der jüngste der Diskurse, und wahrscheinlich der schwierigste. Es wurde schon öfters darauf hingewiesen, dass die Vorstellung einer Abwesenheit des Geldes für viele Menschen so absurd ist wie die Vorstellung einer Abwesenheit der Luft zum Atmen. Wir sind dermaßen davon abhängig, unseren gesellschaftlichen Verkehr über das Geld zu „regeln“, dass uns Geldfreiheit gar nicht denkbar erscheint. Ohne Moos ist nix los und ohne Göd gibt’s ka Musi. Haben nicht alle historischen Erfahrungen gezeigt, dass es beim Zusammenbruch von Geldsystemen „immer“ zu „Ersatzwährungen“ gekommen ist wie etwa Zigaretten; dass das Tauschen doch notwendigerweise ein Wertaufbewahrungsmittel braucht; dass Wirtschaften ohne eine Rechengröße unmöglich ist; dass das Geld nicht nur eine enorm praktische Angelegenheit sei, sondern überhaupt Voraussetzung von Individualität, Unabhängigkeit und Freiheit schlechthin? So sehr durchgesetzt sind diese Überzeugungen, dass selbst diejenigen, die praktische Alternativen zum zusammenbrechenden Geldystem in Gang setzen wollen, dies zuallererst nur in der Form des Geldes denken und tun wollen, sei es als „Regionalgeld“ oder als „Informationsgeld“. Das tauschende Verhalten (ich gebe nur, wenn ich direkten Gegenwert bekomme) erscheint ihnen als Verkehrsform erwachsener Menschen schlechthin. Geld wird im herrschenden Denken zum „Kommunikationsmittel der Bedürfnisse“ verklärt, mit dem schlichten „Argument“, dass im herrschenden Wirtschaftssystem das Bedürfnis ohne Geld stumm und machtlos ist. Da können Millionen Menschen verhungern, Milliarden in verschiedensten Formen der Verwahrlosung existieren, da können Gesundheit und elementare Existenz massenhaft draufgehen, die gute Meinung vom Geld ist nicht totzukriegen, die Vorstellung regiert, dass ohne es alles noch schlimmer wäre. Zumindest war das bis vor kurzem so.

Deswegen ist der Demonetarisierungsdiskurs notwendig: und wie auch bei den anderen genannten Diskursen geht es zunächst darum, zu entbergen, dass die herrschende Vorstellung vom Wirtschaften mehr oder weniger ausgeblendet hat, wie sehr unsere vergangene und gegenwärtige Realität voll geldfreier Elemente ist, und dass die allgemeine Ausblendung auch darüber funktioniert, dass man jene in lauter Besonderheiten auflöst, statt etwas Allgemeines darin zu finden.

Von der ursprünglichen gebenden Liebe der Mutter zu ihrem Kind, sozusagen der geldfreien Urerfahrung jedes Menschen, die Genevieve Vaughan als Ausgangspunkt verschiedenster kultureller Praktiken rekonstruiert, über die Ethnographien von Schenkökonomien, Potlach-Ritualen, Stammes-, Hof- und Dorfgemeinschaften, wie sie zum Beispiel die Bielefelder Subsistenzforschung (Mies, Bennholdt-Thomsen, Werlhof) vorgelegt hat, über die Entdeckung von durchaus gewaltigen geldfreien bedürfnis- oder zielorientierten Beziehungsnetzen innerhalb von Orden, Gilden, Organisationen, Unternehmungen hin zu intentionalen Gemeinschaften wie den Reduktionen der Jesuiten in Paraguay, den israelischen Kibuzzim und vielen anderen existiert eine Unmenge an Belegen, die zweifeln lässt an der behaupteten Universalität des Geldes. Moderne Entwicklungen wie die freie Softwareentwicklung oder die wachsende Bedeutung des Freiwilligensektors ergänzen diesen Befund. Während die Vertreter der Commons – auch ausgelöst durch den Wirtschaftsnobelpreis an Elinor Ostrom – einander für die Suche nach dem weltweit Gemeinsamen schon mehrmals trafen, steht das für die den Commons verwandten und mit ihnen sich inhaltlich überschneidenden geldfreien Netzwerken und Praktiken noch aus. Und doch ist das Allgemeine intuitiv zu spüren.

Diese Debatte über und das Ringen um geldfreie Gesellschaften ist ja an sich keineswegs neu; im Urchristentum ist sie genauso zu finden wie in linken Strömungen der organisierten Arbeiterbewegung, im Anarchismus, Maoismus, Trotzkismus, bei Che Guevara: und dennoch erschien der Anspruch auf eine grundsätzliche Kritik des Geldes noch vor wenigen Jahren ein absolut toter Hund zu sein. Vielleicht auch deswegen, weil Geldfreiheit historisch oft genug mit Unterordnung unter ein moralisches Diktat verstanden wurde. Schon Danton wusste aber, dass die Währung der Moral das Blut ist. Die elementare Abscheu davor hat die Geldgesellschaft in einer Art sekundärer Moral lange zusammengehalten, getragen von der irrigen Annahme, dass mit Geld jeder nach seiner Facon selig werden könne und niemanden anderen um Erlaubnis fragen müsse.

Mittlerweile ist konsensual: Das Muster „Geldfreie menschliche Beziehung“ hat durchaus die doppelte Bedeutung, dass einerseits Geld nicht die menschliche Beziehung vermittelt, aber andererseits auch, dass die beteiligten Menschen gewaltfrei miteinander umgehen. Das Andere des Geldes ist eben gerade nicht die Kommandowirtschaft, Rationierung, Zuteilung, Anordnung – sondern die freie Übereinkunft und die Orientierung am menschlichen Bedürfnis, mithin eine Verfassung der freien Individualität. Mittlerweile sind wir geneigt zu erkennen, dass das Geld kein Mittel der Freiheit ist.

Mit der Krise von 2008 entstand grundsätzliches Misstrauen gegen die bisher sakrosankte Welt des Geldes. Eine Ahnung geht um, dass nicht die Gier einzelner Menschen „schuld“ ist am Zusammenbruch bisher noch als in obigem Sinn rational empfundener Verhältnisse, sondern dass es gerade die sachgemäße Entwicklung der Logik des Geldes selber ist, die zur massenhaften und unseligen Vernichtung von Reichtum und Lebenschancen führt. Diese Logik funktioniert schon einige Zeit nur mehr durch Simulation, durch Aufrechterhaltung eines an sich schon nicht mehr lebens- und existenzfähigen Zustandes. Das Mittel der Simulation war und ist die Verschuldung, die Erzeugung von Geld aus Nichts beziehungsweise aus dem vagen Versprechen, dass die Schaffung von Geld zur massenhaften Entstehung von geldwertigem Reichtum führt. An diesem Versprechen und am Versuch, es praktisch wahr zu machen, droht unsere Welt gerade zugrundezugehen. Längst reicht unser Planet dafür nicht aus, und aus den Schuldnern werden nicht nur Verlierer und Gewinner, sondern sie alle werden zunehmend Gefangene einer ausweg- und sinnlosen Situation. Wir können beobachten, wie die Institution des Geldes mit ungeheurer Wucht Privatmacht erzeugt, die sogar die bisherigen Herrscher der Welt, die Staaten, auf immer mehr Gebieten herausfordert. Zugleich sind die Werke dieser Privatmacht so wenig durchdacht, so unkoordiniert, so redundant, so lückenhaft, so chaotisch, so aggressiv, so verschwenderisch, dass aller reale Reichtum, alles kulturelle Erbe, alle Zukunft darin verbrannt werden und für wenige Spektakel eine ganze Welt draufgehen muss – wahrscheinlich auch buchstäblich an Überhitzung. Genauso wenig wie wir uns das moralische Spektakel der planwirtschaftlichen, nachholenden Modernisierung geben wollen, wollen wir uns diese „unsichtbare Hand“ geben, die eher eine unsichtbare Faust geworden ist, die zerstört, zerschlägt, würgt.

Ja, und deswegen ist die Frage nach der Welt ohne Geld keine esoterische Fragestellung mehr. Immer mehr Menschen beginnen sich zur Notwendigkeit zu bekennen, dieser verrückten Ökonomie ihren nervus rerum zu ziehen, ihre fundamentale Macht zu brechen. Längst ist auch der prekäre Zusammenhang von Staat und Geld klar geworden. Das Politische, die scheinbar andere Seite der freien Privatwillkür, hat sich nur auf der Grundlage des Geldsystems halten und entwickeln können, das eine konnte das andere nur beherrschen, indem es ihm diente. Der Staat erhält sich durch Steuern und Kredit. Er sorgt für ein Zusammenwirken der Klassen, das den in seiner Währung geldwertigen Reichtum wachsen lässt. Jetzt, wo das Geldsystem zusammenbricht – ausgerechnet durch die Fortschritte in der Produktion des Reichtums, die zugleich Entwertung des Geldes bedeuten – steht auch der Kaiser ohne Kleider da. Die Finanzkrise des Staates ist zur Krise des Politischen selbst geworden, und alle Antworten in dessen Rahmen sind selbst nur mehr prekär und scheinhaft, weil sie immer von der Annahme ausgehen, dass genügend Geld für die Wohltaten des Staates vorhanden sein muss. Die Grundeinkommensdebatte macht hier keine Ausnahme, sie ist einerseits das letzte Opium der Geldsubjekte, aber markiert andererseits auch einen Wendepunkt, indem sie auch schon auf ein Jenseits der Geldbeziehung schaut. Wenn man sich aber auch aus dieser letztlich illusionären Vorstellung heraushalten will, bleibt einem nichts anderes übrig, als das Geld direkt infrage zu stellen.

Diese grundsätzliche Infragestellung der Geldlogik ist aber, wie gesagt, schwierig, weil sie uns aufnötigt, aus all dem, was unsere Existenz heute ausmacht, theoretisch wie praktisch auszusteigen oder zumindest all dies gehörig umzubauen, denn die Abhängigkeiten und Vernetzungen, die das Geld bis hin zur Welt der Produkte und Bedürfnisse geschaffen hat, sind eine surreale Anhäufung von absurden Disparitäten. Und doch sind wir noch in der Aufhebung von genau dieser Geldgesellschaft abhängig.

Ausgangspunkt ist unter anderem die Feststellung, dass das Geld vom einzelnen Menschen gerade nicht aufgehoben werden kann, auch wenn es spannende Experimente gibt, geldfrei zu leben. Zu dicht ist das Netz der Abhängigkeiten, das um uns gewebt ist, zu wenig haben wir zu geben, auch wenn wir zumindest ab und zu einen Schlafplatz für Couchsurfer zur Verfügung stellen können. Spätestens beim Frühstück sind wir dann wieder von einer ganzen Welt von Ware-Geld-Relationen abhängig. Davon dürfen wir uns nicht beirren lassen. Der Gedanke muss sich herausnehmen, nach dem Grund zu fragen, auch wenn uns das kein Geld einbringt. Und nur wenn wir die Gesetze des Geldes durchschauen, können wir an eine wirkliche Aufhebung denken. Dieses durchschauende Denken hat freilich mindestens vier Dimensionen.

Demonetarisierung als Theorie…

Die erste ist die Erklärung des Geldschleiers. Was ist das eigentlich für ein Kommunikationsmittel, das eindimensional immer nur eines kommuniziert: ich bin so viel, eine Zahl, ein rein quantitativer Ausdruck, und zwar von allem (und daher von nichts!). Ist das nicht extrem verrückt? Die Antwort gibt die Theorie. Weit davon entfernt, ein neutrales Schmiermittel der Ökonomie zu sein, ist das Geld durch seine universell quantifizierende und inhaltsleere Natur nichts anderes als die Form des Wertes: selbstzweckhafter Produktion von Zugriffsmacht auf gesellschaftlichen Reichtum. Geld kann niemals vernünftige Produktion steuern, es ist das Spiegelbild einer für Herrschaftszwecke eingerichteten Welt und von untereinander unkoordinierten Akteuren. Nur deswegen und nur dafür taugt ein „Kommunikationsmittel“, das nichts kommuniziert. Eine ganz zentrale Auflösung dieser Lüge vom Kommunikationsmittel bestünde in der Zurückweisung der Vorstellung, in dieser Gesellschaft würde es arbeitsteilig zugehen. Das Gegenteil ist wahr. Wo Zahlungsfähigkeit erwartet wird, wird von zu vielen redundant zu viel produziert; und dort wo sie nicht vermutet wird, unterbleibt notwendige Arbeit. In der Krise wird diese Nichtkommunikation schlagend und massenhaftes Verrotten und Vergehen von Reichtum ist die Folge. Plötzlich ist die Gesellschaft mit Armut, Krankheit, Gewalt konfrontiert, die sie glaubte überwunden zu haben. Die Wertform des Reichtums ist ein Hindernis für seine inhaltliche Entwicklung geworden, unsere technischen Fortschritte haben den Systemmangel so deutlich und unabweislich gemacht, dass er nicht mehr kompensiert werden kann – es sei denn durch die bewusste Hereinnahme von geldfreien Kräften, die über das System hinausweisen.

Die nächste Dimension bildet die Frage nach der Funktionsweise von geldfreien Gesellschaften – durch ein Denken, das sich die Freiheit nimmt, utopisch und visionär zu sein, und daher auch die Bedingungen präzis anzugeben vermag, die die Weiterentwicklung der Gesellschaft braucht.

Eine dritte Dimension bestünde darin, die oben genannten Triebkräfte und Energien zu identifizieren, die im Bestehenden schon vorhanden sind, um das Geld überflüssig zu machen.

Und erst eine vierte Dimension umfasst die praktische Kunst, diese Triebkräfte zu aktivieren und schrittweise auch untereinander zu verbinden, um wirkliche Veränderung herbeizuführen.

Die erste breite und weltweite Artikulation eines neuen radikalen Demonetarisierungsbewusstseins mit visionärer Komponente wird markiert durch den Film „Zeitgeist – Moving Forward“ des amerikanischen Filmemachers Peter Joseph, der seine Darstellung einer durch Geschäft und Gewalt malträtierten Welt in eine globale Revolte umkippen lässt, die sich spontan durch Wegwerfen von Geld artikuliert. Freilich steht zunächst ein recht fragwürdiges Bild einer geldfreien Gesellschaft bei dieser Wunschvorstellung Pate: die technokratischen Visionen von Jacques Fresco, der ein mit allen notwendigen Daten gefüttertes Elektronengehirn die Bedürfnisse und Ressourcen ein- und zuteilen lässt. Alle haben angegeben, was sie brauchen und wieviel sie freiwillig beitragen wollen, der Computer berechnet die optimale Verwendung der Ressourcen und los geht’s…

…und als Praxis

Hier aber beginnen schon die Debatten. Wo beginnt die Freiwilligkeit? Was ist, wenn sich Bedürfnisse und Ressourcen nicht ausgehen? Hat nicht jeder andere Vorstellungen von der Welt, in der er leben will?
Offensichtlich ist der Diskurs auf diese Weise nicht zu führen. Demonetarisierung kann nicht vorgestellt werden als ein Zustand, den man vielleicht noch mit mathematischen Formeln beschreiben kann. Vielmehr ist Demonetarisierung verbunden mit der durchaus schmerzhaften (gleichzeitig furchterregenden und befreienden) Erkenntnis, dass Geld als Träger der Vermittlung menschlicher Kommandogewalt über fremde Arbeit nur abgelöst werden kann, wenn aus dem wortlosen Kommando des Geldes ein wirklicher Kommunikationsprozess von Menschen geworden ist.

Mit anderen Worten: nur durch die Einübung und das Wiedererlernen einer Betrachtungsweise, in der die eigene Reproduktion, das eigene Bedürfnis im Kontext eines positiven Bezugs zu den Bedürfnissen anderer steht, ist Demonetarisierung zwischen Menschen denkbar. Nur wenn ihnen ihr wirklicher Austauschprozess (nicht das Tauschen von Äquivalenten!) zu ihrem wahren Lebensprozess, zu ihrem wirklichen Bewusstsein geworden ist, können sie sich des Fetischs Geld entledigen. Das wird in verschiedenen Größenordnungen verschieden zu bewältigen sein.

Aber es gilt: Wer dem Geld ade sagen will, der verabschiedet sich auch von einer gewissen Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit. Dies wird ein langer Prozess sein, und er wird nicht an einem, sondern an verschiedensten Orten gleichzeitig beginnen. Vielleicht beginnt er auch mit „Inseln der Demonetarisierung“, mit wieder entstehenden Solidargemeinschaften, die sich in einem „Innen-Außen-Verhältnis“ zur Welt definieren und nach innen hin demonetarisieren.

Wir hören schon wieder Ausdrücke wie „Stamm“ und „Phyle“, und manche warnen vor Tribalisierung. Aber vielleicht ist es doch ganz anders: diese „Inseln“ wissen, dass sie keine Inseln bleiben dürfen, dass jeglicher „lokaler Kommunismus“ immer wieder von der Macht des Geldes vernichtet worden ist. Nun hat es nie in der Geschichte eine derart dichte Kommunikationsbasis gegeben, die den Fortschritt der einen in Wissen und Handlung sofort zum Fortschritt aller machen kann. Nie in der Geschichte sind Menschen aller Kulturen in der Lage gewesen, sich über theoretische und materielle Aufgaben so rasch zu verständigen, sich zu informieren und zu organisieren.

„Crowdfunding“ liefert dafür einen Vorgeschmack, Menschen können auch Ressourcen monetärer Art bündeln, um gemeinsame Anliegen zu realisieren. Auf dieser Grundlage können sie sich zur Aufgabe setzen, die einzig wahre Existenzbedingung einer geldfreien Gesellschaft herzustellen: ein globales Aggregat aus Angeboten, das in Quantität und Qualität, in Originalität und Diversität und vor allem in puncto Sinnhaftigkeit und Kohärenz die Welt des spektakulären und illusorischen Reichtums übertrifft, der als Ergänzung zu offener Repression nach wie vor das Begehren der funktionalen und funktionslosen Massen zu kontrollieren und zu kanalisieren versucht.

Die Antwort liegt also in der Mobilisierung globaler Wissenskooperation ebenso wie in der Bewahrung und Vervielfältigung kultureller Eigenarten; in der Entwicklung kooperativer Kreislaufschlüsse zwischen solidarischen Unternehmungen und Gemeinschaften auf regionaler, kontinentaler und globaler Ebene ebenso wie im Erzielen von neuen Graden der (lokalen) stofflichen Autarkie. Vielleicht ist das Beste das wir sagen können, dass es in der Natur kein Geld gibt – und dass wir von dem grandiosen Zusammenspiel der Prozesse, der endlosen Zahl von Nischen und Besonderungen, der Biotope und Vernetzungen, der genialsten Technologien und der verschwenderischsten Reichtümer und Schönheiten in der Welt vor dem Menschen unendlich viel lernen und es sogar noch viel besser machen können.

7 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 FNietzsche23 meinte am 25. März 2013, 20:54 Uhr

    ZITAT
    “Ja, und deswegen ist die Frage nach der Welt ohne Geld keine esoterische Fragestellung mehr.”

    Werden die Leser dieses Artikels wohl anders sehen.

    ZITAT
    “Wenn man sich aber auch aus dieser letztlich illusionären Vorstellung heraushalten will, bleibt einem nichts anderes übrig, als das Geld direkt infrage zu stellen.”

    Direkt also, Negation und fertig? Das düfte kaum reichen!

    ZITAT
    “Spätestens beim Frühstück sind wir dann wieder von einer ganzen Welt von Ware-Geld-Relationen
    abhängig. Davon dürfen wir uns nicht beirren lassen. Der Gedanke muss sich herausnehmen, nach
    dem Grund zu fragen, auch wenn uns das kein Geld einbringt. Und nur wenn wir die Gesetze des
    Geldes durchschauen, können wir an eine wirkliche Aufhebung denken. Dieses durchschauende
    Denken hat freilich mindestens vier Dimensionen.”

    Wieder oberflächlich und einfach etwas „weggedacht“ ohne zu Ende zu denken.

    Um es hier klar zu formulieren, ein Warenkonsum ohne Geld verlässt niemals die Logik der Warenform und dessen „abtrakten Reichtum“.

    ZITAT
    “Aber es gilt: Wer dem Geld ade sagen will, der verabschiedet sich auch von einer gewissen Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit.”

    Sie haben dem Geld nicht einmal ansatzweise „ade“ gesagt, relativieren aber bereits getätigte Aussagen Ihrer geschuldeten Unmittelbarkeit.

    ZITAT
    „Vielleicht ist das Beste das wir sagen können, dass es in der Natur kein Geld
    gibt – und dass wir von dem grandiosen Zusammenspiel der Prozesse, der endlosen Zahl von
    Nischen und Besonderungen, der Biotope und Vernetzungen, der genialsten Technologien und der
    verschwenderischsten Reichtümer und Schönheiten in der Welt vor dem Menschen unendlich viel
    lernen und es sogar noch viel besser machen können.“

    Der ganze Artikel dürfte auf Menschen – die sich Erklärungsansätze wünschen – reichlich desillusionierend wirken.

    Wenn es soziale Bewegungen gibt, dann ist – im Gegensatz zu diesem abstrakt-romantisierenden Geschwafel – ein Weg von Nöten, der den Protest transformiert, die politischen Instanzen auslässt, sich außerparlamentarisch organisiert und darüber nachdenkt, wie ein Leben nicht nur ohne GELD, sondern ebenso ohne „abstrakte Arbeit“ und Warenform aussehen könnte.

    PS: Sehr irritierend finde ich die Nennug des Verschwörungstheoretikers Peter Joseph, das zeigt, dass hier nichts zu Ende gedacht wurde, er wurde berühmt durch Verschwörungstheorien zu 9/11 und zur „Geld-Mechanik“ und betätigt sich darin – wen wunderts – als Zinskritiker. Hier geht es nicht um emanzipatorische Kritik, hier wird nach Sündenböcken gesucht, und bei diesen „Dokumentationen“ ist der Antisemitismus omnipräsent.

    LG

  2. 2 Franz Nahrada meinte am 26. März 2013, 12:43 Uhr

    Hallo lorenz, wo sind denn die alten Kommentare (eine gewisse Regina und meine Antwort drauf) hin?

    @FNietzsche23:

    Erstens: “ein Warenkonsum ohne Geld verlässt niemals die Logik der Warenform und dessen „abtrakten Reichtum“.” was willst eigentlich -offene Türen einrennen? Die Rede ist beständig von abstrakter Arbeit und Warenform! Aber der Witz ist dass man diese eben durch die Geldform hindurch wahrnehmen kann und, wenn man nicht ein metaphysischer Prediger sein will, auch so vorstellig machen *muss*. “Die erste Bestimmung des Wesens ist dass es erscheint” – das wusste schon Hegel. Ein gescheites Denken knackt übrigens noch jeden Fetisch und vermag an den Phänomenen ihre Genese aufzuweisen. Geld IST nämlich die Form des Wertes, anders ist er, stell Dir vor, zwar real, aber nicht realisiert; und auch seine ideelle Antizipation ist – Geld!

    Zweitens: Das Antisemitismus – Sündenbock – Argumentationsmuster hat sich mittlerweile zu einer veritablen Psychose entwickelt. Es wird Dir schon nicht erspart bleiben das stichhaltig zu machen. Und dass Peter Joseph nicht als ausgebildeter Kapitalismuskritiker das Licht der Welt erblickt hat will ich Dir gerne glauben. Die frühen Filme sind weitgehend zu vergessen. Nur: Zeitgeist Moving Forward ist nicht nur ein Quantensprung aus der verschwörungstheoretischen Ecke heraus, sondern in manchen Teilen, vor allem im ersten, auf die Subjektwelt bezogenen, auch durchaus ernstzunehmende Aufhellung und Ausfüllung von Lücken der Kapitalismuskritik.

  3. 3 Franz Nahrada meinte am 26. März 2013, 12:46 Uhr

    Ich habs schon gefunden: die erste Version mit den alten Kommentaren ist hier:

    http://www.streifzuege.org/2013/demonetarisierung-der-diskurs-ueber-die-abschaffung-des-geldes

  4. 4 FNietzsche23 meinte am 26. März 2013, 14:54 Uhr

    @Franz Nahrada

    ZITAT
    “Das Antisemitismus – Sündenbock – Argumentationsmuster hat sich mittlerweile zu einer veritablen Psychose entwickelt. Es wird Dir schon nicht erspart bleiben das stichhaltig zu machen.
    Und dass Peter Joseph nicht als ausgebildeter Kapitalismuskritiker das Licht der Welt erblickt hat will ich Dir gerne glauben.”

    Kann es sein, dass Sie nicht wirklich wissen wovon Sie reden?

    “Zeitgeist Movement” und die sog. “Truther” verwenden für die Übertragung antisemitischen Gedankenguts Chiffren im Stile des Sündenbocks.

    Chiffre für die Juden ist die Finanzindustrie, der Jude steht für das raffgiere, böse Kapital.

    Einher geht dies mit Holocaustrelativierung und revisionistischem Gedankengut, Blogs der Anhänger von Zeitgeist-Movement sind mein Zeuge.

    Schauen sie einfach mal auf so abstoßende Seiten wie Infowars.com, dann verstehen Sie vielleicht wovon ich rede.

    Übrigends finde ich Ihre Formulierung, dass es sich um eine “veritable Psychose” handelt doch arg befremdlich, das ist ungefähr so als würden man sagen: “Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…”

    Ehrlich gesagt bereue ich das Abonnement dieses “Magazins” bereits jetzt…was Sie hier von sich geben lese ich zum ersten Mal auf dieser Seite!

  5. 5 Torben meinte am 26. März 2013, 23:29 Uhr

    ich versuche zu differenzieren:
    Zeitgeist Film 1 trägt viele Antisemitische Züge, ob aus Unwissenheit oder Hass. Hab dazu in keiner ersten Diskussion Gegenstimmen gehört. Den zweiten Film hab ich nicht gesehen.
    Beim dritten “Moving Foreward” sind diese Verschwörungstheroretischen Anlehnungen verschwunden und ich fand auch dass dort gute kapitalismuskritische Impulse kamen. Was mir trotzdem aufstößt ist, dass nicht der Versuch unternommen wird, die Aussagen aus dem ersten Film in diesem Kontext zu thematisieren. In wie weit hat da eine Weiterentwicklung stattgefunden? So bleibt immer dieser Zweifel…

    Die “Zeitgeist-Bewegung” geht mir auch oft auf den Keks, Seiten wie Info-Wars sind richtig scheiße. Und da schließt ja vieles an Film 1 an. Ich hab auch schon mit Leuten gesprochen, die sich der Bewegung zurechnen, aber dies Kritik auch teilen. Aber gerade deswegen wäre auch eine Distanzierung zu Verschwörungskram und Antisemitismus gut.

  6. 6 Sozialschmarotzer666 meinte am 2. April 2013, 22:50 Uhr

    @FNietzsche23
    “Nicht(s) zu Ende gedacht” und “nicht wissen, wovon Sie reden” – diese beiden Aussagen charakterisieren ihr eigenes schlaumeierisches Geschwafel ausreichend. Der “Antisemitismus”-Vorwurf wird keinesfalls zufällig vor allem dann verwendet, um (Staats- und/oder Markt-)Totalitarismus, Repression, Vertreibung bis hin zum Genozid – bilderbuchartig in Palästina durch das zionistische Apartheidsregime Israels vorexerziert – zu rechtfertigen und moralistisch unantastbar zu machen. Er ist eine totalitäre Nebelkerze, die davon ablenken soll, worum es wirklich geht.

    Es geht nicht um spezifisch antijüdische (Sündenbock-)Ideologie, es geht um faschistische Ideologie(-Struktur), und letztlich um Herrschaftsideologie und Herrschaftssprache. Und genau derer, also “faschistischer Chiffren”, bedienen Sie sich selbst reichlich! Allein die Verwendung des Begriffs “Antisemitismus”, also eines Begriffes aus der Rassentheorie, der eine solche Chiffre darstellt. Dasselbe gilt für die Verwendung des Begriffes “Verschwörungstheoretiker”. Auch dieser ist eine faschistische Chiffre: Der “Verschwörungstheoretiker” ist ihr persönlicher “Jude”, ihr Ketzer, Häretiker, Abweichler.

    Sie hätten ja so recht, wenn sie bloß zu Ende gedacht hätten, und nicht eigener Paranoia auf den Leim gehen würden (Wenn Franz Nahrada in dem Zusammenhang von “Psychose” spricht, ist das voll zutreffend!). Denn darum geht es tatsächlich im Kern von faschistischer Ideologie: Den Sündenbock, den Ausgestoßenen, den sozialen Parasiten zu kreieren und als Chiffre zu tradieren – um Herrschaftsverhältnisse zu legitimieren, aufzubauen, abzusichern und auszuweiten. Der “Jude” als Vertreter des bösen, parasitären raffenden Kapitals ist bereits eine spezifische Ausprägung einer solchen Chiffre. Eine weitere, nämlich die moderne nachkriegsbürgerliche Variante des ausgestoßenen entarteten Parasiten und Volkszersetzers ist der Verschwörungstheoretiker.

    Angesichts ihrer eigenen Großspurigkeit werden Sie sicherlich daran interessiert sein, in Zukunft etwas differenzierter und zu Ende gedacht habend zu argumentieren. Speziell was Ihren persönlichen Juden, den Verschwörungstheoretiker angeht. Den gibt es nämlich gar nicht. Stattdessen lassen sich neben Verschwörungstheorien auch Verschwörungskritik und Verschwörungsideologien darstellen. Erst letztere sind der Bereich, in dem wir allerhand an (verkappt) braunem Gedankengut in modifizierter, zeitgeistgetriebener Form (nein, nicht bezogen auf die Filme, sondern den echten Zeitgeist), aber auf Basis derselben alten Paranoia und deren rationalisierten/ideologisierten Grundstruktur, den “faschistischen Chiffren” wiederfinden.

    Aber derart undifferenzierte “Juden”-Paranoia, die mal eben sämtliche(!) 9/11-Theorien und vergleichbare Herrschaftskritik mit ihren ausufernden Weltverschwörungs- und sonstigen Zins-/Geldsystem-/Chemtrails-/Viren-/Hohle Erde-/Holocaust-/Illuminaten-Freimaurer-Satanisten-IDEOLOGIEN in einen Topf wirft und mit dem Etikett “JUDE”…. äh… “Verschwörungstheoretiker” versieht, macht sich schlicht und einfach lächerlich und entlarvt sich selbst als totalitär und ja – als faschistisch. Vor allem, wenn großspurig grandiose Erkenntnisse über “antisemitische Chiffren” verbreitet, und dabei aber auch nur faschistische Chiffren tradiert werden.

    Damit ist Kapitalismuskritik, auch Finanzkapitalismuskritik nicht zu zensieren oder bereits grundsätzlich zu verhindern, so wie Sie dies versuchen. Gemessen an Ihrer eigenen Ideologie, könnte ich Sie nicht nur als totalitär, sondern auch als (strukturell) “antisemitisch” abstempeln. Da ich aber lieber zu Ende denke, betrachte ich ihre Argumentation als “faschistisch”, und darum “failed”. Aber es geht auch anders: Man kann bzw. muss Gruppierungen/Bewegungen wie selbsternannte “Truther” und Infokrieger wegen ihrer latenten oder auch offenen faschistischen Gesinnungen kritisieren, aber ohne dabei selbst das “Sündenbock-Chiffre”, d.h. letztlich Herrschaftsideologie und Herrschaftssprache zu bedienen.

    MFG,
    ein Sozialschmarotzer (aus Überzeugung)

  7. 7 Erbe aufteilen meinte am 11. April 2013, 17:27 Uhr

    Ein sehr interessanter Artikel über ein kontroverses Thema. Ich kann deine aufgezählten Punkte durchaus verstehen, allerdings muss ich meinem ersten Vorredner auch recht geben!
    Aber dennoch danke für die Anregung eines neuen Gedankenganges!
    War sehr lesenswert!

    LG,
    Chris von Erbe aufteilen

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