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Wien aus der Wundertüte

20 Aug 2012

Streifzüge 55/2012 – Homestory

von Maria Wölflingseder

Selbst im blickdichten Wien passieren manchmal wahre Wunder an Schau-Spielen. In Wien, wo jeder Streifenpolizist ein Lied zu singen weiß über die „Grundangst des Wieners, Lebenslust zu sehen“. Da muss im Gemeindebau immer wieder mal Streit geschlichtet werden zwischen alteingesessenen Griesgrämigen und feiernden „Ausländern“. Aber was das Alltagsgesicht in der Öffentlichkeit betrifft, haben sich die meisten „Ausländer“ schön brav an die Gegebenheiten der „kühlen“, nördlicheren Breiten angepasst. Auch wenn sie das Lockere und Ungezwungene hier vermissen.

Aber an raren Tagen, bei hochsommerlicher Hitze, heißer als am Mittelmeer, beginnt hier nicht nur der Asphalt zu schmelzen. Dann verwandelt sich das weite emotionale Brachland blitzartig wie die afrikanische Steinwüste Namaqualand nach dem Frühlingsregen in ein riesiges farbenprächtiges Blütenmeer. Erstaunlich, welchen Höchststand der Aufmerksamkeitspegel erreichen kann und zur wievielten Potenz der Wahrnehmungsquotient erhoben werden kann. Da fällt einem erst die an den restlichen 359 Tagen im Jahr herrschende Leblosigkeit auf. Wie meinte eine alte Wienerin, die schon lange in südlicheren Gefilden lebt: „Hier sind alle lebendiger. In Österreich geht es so dahin, und man merkt gar nichts davon.“

Was sonst nichts und niemand schafft, allein die Sonne erweckt Versteinerte zum Leben und rüttelt ihren Schalk im Nacken wach. Immer wieder tauchen Einzelne wie Leuchtbojen aus dem Meer der Nichtssagenden auf, rollen ihr Strahlen wie einen roten Teppich vor mir aus, und ihre Blicke fallen mir um den Hals. Ich mache noch größere Augen als sonst und tanze auf dem Seil, das zwischen uns mit gleicher Wellenlänge von beiden Enden her vibriert.

Welch eine Atmosphäre! Fast fühle ich mich wie in der historischen dalmatinischen Hafenstadt Zadar, über die Stephan Vajda (geb. 1926) schreibt: „Versäumen Sie den Corso nicht. Er hebt beim Sonnenuntergang an und überflutet flugs die innere Stadt. Ein scheinbar sinnloses Auf- und Abgehen, zwischen unsichtbaren Grenzen und magischen Punkten, eine tagtägliche Demonstration der Freude am Dasein, das hier in der Geschlossenheit der Gemeinschaft weder Vereinsamung noch Kommunikationsschwierigkeiten zu kennen scheint; eine schier kultische Prozession der offenen Blicke, der Neugier und der Freundschaft, ein mitreißendes Manifest der nördlich der Alpen bereits fragwürdig gewordenen Lebensform Stadt, die nicht trennt, sondern zusammenführt, die ihre Berechtigung beglückend unter Beweis stellt…“

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