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Lust auf Befreiung

11 Aug 2012

Fünf Bemerkungen. Sprunghaft

Streifzüge 55/2012

von Lorenz Glatz

Dass Lust der Inbegriff des Guten sei, war eine Position schon in der griechischen Philosophie. Eine von der Pflichtenethik heftig als asozial und unmoralisch gescholtene Auffassung, deren Anthropozentrismus und Individualismus mit ihren durchaus gegensätzlichen Folgerungen freilich nie mehr ausgerottet werden konnten.

1.

Die Schule des Epikur und seiner Anhänger war von Anfang an verdächtig. Ihre Philosophie geht mit Herrschaft nicht gut zusammen und deren Darstellung bei Lukrez ist noch bis Jean Paul ein Trostbuch des intellektuellen Fürstenknechts. Sie wollen nicht nur Aberglauben und herrschaftliche Moral mit ihren rächenden Göttern und ihrem Totengericht beseitigen, ihr anthropismós (Menschlichkeit, als Ausdruck wahrscheinlich vom Sokratiker und frühen Hedonisten Aristippos von Kyrene schon Jahrzehnte vor Epikur geprägt) meint auch Frauen und Sklaven und erkennt damit in der Gemeinschaft der Athener Schule die grundlegenden Ausschlüsse der herrschenden Gesellschaft nicht an. Sie suchen und pflegen angesichts der Schlachterei der Potentaten um Macht und Reichtum abseits dieser Öffentlichkeit im „Verborgenen“ Freundschaft als die Sozialform der Lust.

Lust / Freude (griechisch hedoné, das zu einer Wortfamilie des süßen Geschmacks und sinnlichen Wohlgefallens gehört) ist für Epikur selbstbestimmt, sie ist sinnliche Wunscherfüllung nicht bloß als Vorgang, sondern vor allem als ein mit Lebenskunst und -weisheit erreichter und wachgehaltener Zustand des Wohlbefindens. Lust ist Genuss, von „grobmaterieller“ Sinneslust bis zu „feinstofflicher“ Freude des Geists und Intellekts, sie ist Ziel wie Qualität des guten Leben und Glücks.

Diese Auffassung kann insofern unmittelbar als „natürlich“ einleuchten, als wie in vielen Sprachen so auch im Griechischen die alltägliche, sinnenfällige Befindlichkeit schlicht mit gut und schlecht bezeichnet und mit Lust, Freude, Wohlbefinden bzw. mit Frust / Schmerz / Leid als deren Gegenteil assoziiert wird. Dementsprechend meint Epikur auch, man müsse nicht erst mit Vernunftsgründen beweisen, warum Lust erstrebenswert, Unlust aber zu vermeiden sei, sondern man brauche daran bloß erinnern, so wie dass Feuer heiß, Schnee weiß und Honig süß ist.

2.

Allerdings ist die dabei schon von Epikur beschworene Natur so natürlich wie kulturell, so individuell wie gesellschaftlich geprägt. Stabilität und gar Unveränderlichkeit sind bis ins Innerste kein Charakteristikum der Welt. Des Lebens schon gar nicht. Das ist entschieden erfreulich, denn nicht erst heutzutage tut das Leben vielen von uns oft gar nicht gut und ist die Natur die dafür noch immer populärste Erklärung. Wer die Gesellschaft, in die wir hineingeboren sind, lustig finden will, braucht jede Menge Indolenz und jede Menge Kraft zur Verdrängung. Wer darüber aber nicht nur sich, sondern die Gesellschaft lustig machen will, sollte die Augen nicht verschließen vor dem, was abläuft:

Denn „natürlich“ kennt auch Herrschaft Hedonismus, und Herrenlust fühlt sich nicht minder „natürlich“ an, als wie es Epikur argumentiert. Theoretisiert wird hier weniger als schon seit langem weithin praktiziert. Nicht bloß als brachialer Anschlag einer sozialen Klasse von Machthabern, als brutale Unterwerfung und Ausbeutung der Schwächeren. Herrschaftliche Praxis ist längst schon zu Strukturen geronnen, gewöhnlich und unauffällig geworden, zu einer Praxis, an der viele in der einen oder anderen Weise Anteil haben, hier unterdrücken, dort selber unterdrückt werden, in einer Praxis, in der verschiedene Unterdrückungsverhältnisse zugleich prozessieren, soziale, rassistische und sexistische.

Solche Lust ist keine Kommunikation, kein Gemeinsames, hat im Anderen kein Ebenbild, sondern nichts als ein Instrument, das, überwältigt, rechtlich zugesprochen oder schlicht käuflich, nach Belieben zu benutzen, bei Bedarf auch ohne viel Bedenken zu schädigen, ja zu zerstören ist, ob männlich, weiblich oder sächlich, ob Menschen, andere Lebewesen, ob sonst ein Teil der ganzen Welt. Wer dem nur ausgesetzt ist, der bleibt nur selbstvergessene Unterwerfung, Selbstverdinglichung als letztes Mittel noch von Lust.

Derlei Hedonismus gipfelt individuell im Lustmord und sozial im Reichtum schönen Lebens einer kleinen, global verteilten, brutal geschützten, indolenten Minderheit um den Preis von Hässlichkeit und Mangel in Kloakenwelten nebenan. Er ist alt, und er passt perfekt zum, verschmilzt hier und da förmlich mit dem Weltbezug moderner Kapitalverwertung, sie treiben einander an, sind eins ohne das andere nicht machbar.

3.

„Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude. Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht. Ich handelte und siehe, die Pflicht war Freude.“ Diese einst beliebte Stammbuchweisheit (von Rabindranath Tagore) ist mit der ganzen heutigen Lebensweise in einer tiefen Krise. Die Pflicht hat sich zum Sachzwang verdinglicht und verschärft, von dem kein Handeln mehr so recht einen Weg zu unbeschwerter Freude findet und diese selbst schon in den Träumen verblasst.

Die seit Jahrzehnten schwelende Weltkrise der Verwertung gewinnt an Fahrt und schlägt mit Wucht auf deren Subjekte durch. Leistung und Versagen rücken bedrohlich eng zusammen, die Güter, nach denen eins sich verrenken soll und wirklich giert, werden auf der einen Seite unerreichbar, auf der andern schal. Und für die „Laster“, denen ein Mensch so gern verfiele, fehlt mangels „Müßiggang“ oft schon der Anfang.

Jegliche Lust dünnt aus, die mythischen Qualen der Götterfeinde in der Unterwelt, ob die des Sisyphos, des Tantalos, des Tityos oder die der Danaiden, dringen – für den Alltag adaptiert – nach hier heroben. Auch die Tätigkeiten, denen die allseits beneideten wie gescholtenen hohen Funktionäre des gegenwärtigen Herrschaftsprinzips ihre Lebenszeit und -energie hingeben, lassen sich von ihnen selbst oft bei bestem Willen als Lust fast nur noch halluzinieren. Und weiter unten in der Pyramide wird es „natürlich“ weder sinnvoller noch leichter noch gar lustiger. Die Realität in den „reichen“ Metropolen ist so lustfeindlich geworden, dass auch die Freigabe früher mit Ächtung und Tod bedrohter Lüste das Leben nicht mehr lustiger zu machen und am Zunehmen von Burnout und Depression, von Kälte und Aggression nichts mehr zu ändern scheint.

Zugleich freilich verteidigt sich das System gegen seine drohende Auflösung mit greller Affirmation aller seiner Möglichkeiten. Wenn es zwischenmenschlich mit Lust nicht mehr klappt, bleibt noch der „Spaß“: Shopping, Party, „Happy hour“, „Kampftrinken“ und chemisches Design.

4.

Menschliche Empfindungen, Wahrnehmungen, Urteile und Handlungen sind Interaktion von Individuen mit Gesellschaft, anderem Leben und der ganzen Welt. Die Menschen sind nicht „Krone der Schöpfung“ und Herren der Welt, sondern deren mitwirkende und mitbewirkte Glieder unter schier unendlich vielen anderen, die in chaotisch-bunter Entwicklung stets neue Gestaltungen und Kombinationen bilden, denen wir ausgesetzt sind, mit denen wir umgehen, die wir hier und da mitgestalten, aber nie schadlos zu beherrschen versuchen können. Franz von Assisi hat erstaunlicherweise in ähnlichen Zusammenhängen gedacht und gelebt, ohne als Ketzer abgestraft zu werden. Was in Europa aber seitdem rechtgläubig nach dem Plot „Macht euch die Erde untertan!“ Folge auf Folge „gedreht“ worden ist, entpuppt sich in aller Realität als Serial zum Horror.

Herrschaft nämlich ignoriert den angedeuteten Zusammenhang von allem, die Sympátheia tōn hólōn, von Anbeginn. Sie hat Scheuklappen, was sie sieht und praktiziert, ist „Machbarkeit“ und „Produktivität“. Deren Potentiale sind nicht einfach „vernünftig angewendet“ gut. Welche Vernunft? Wie produktiv muss sein, was Menschen mit Lust und Liebe tun können? Wer will heute wissen, was das nicht alles ist, wenn wir Gelegenheit dazu bekämen? In Technik, Naturwissenschaft, selbst in der Mathematik weht der Geist der Herrschaft der Verwertung in allen ihren Formen, so wie in der Sprache und wahrscheinlich allem, was sie heute sagen kann.

Die sich akkumulierenden ökologischen, sozialen und individuellen Katastrophen unserer Gegenwart sind die Folge. Menschen agieren in ihren einstudierten Rollen als Herrscher, Manager, Techniker, Ärzte, Lehrer, Handlanger und sonstige „Systemerhalter“ wie der Zauberlehrling in der Ballade. Bloß ohne den Meister, der am Ende die Geister bannt und aufräumt.

Alles, was wir tun können und dringend tun sollten, ist: die Scheuklappen ablegen und extemporieren, wie wir miteinander und mit der Welt auf Du und Du in Wohlbefinden, Freude, Lust auskommen können, statt uns ans verrückte Drehbuch zu halten.

5.

Sigmund Freud spricht von Fantasie und Kunst als Bereichen, die der Lust freien Lauf lassen können, freilich um den Preis gesellschaftlicher Ohnmacht. Vom Umgang mit Freunden als dem sozialen Ort der Lust und des Trosts im unvermeidlichen Schmerz ist in Epikurs Fragmenten und über die Jahrhunderte auch bei von ihm inspirierten Dichtern einiges zu lesen. Allein auch dieser Ort ist in der schon jahrtausendalten Geschichte gesellschaftlicher Unterdrückung ein stets gefährdetes Refugium und bis heute ein gepriesener Ort der Erholung von den Strapazen, mit denen eins sich schon abgefunden hat.

Warum sollten wir uns aber damit abfinden? Es ist doch zugleich ein Ort der Ahnung von dem, was jenseits des Lebens, das wir uns heute antun, möglich sein könnte. Eine Aufmunterung, die Fantasie der Kunst und die Freude und Sicherheit der Freundschaft nicht länger ein Reservat der Lust sein zu lassen, sondern es als ein Reservoir zu nutzen, zur Subversion der Herrschaft, für ein besseres Leben, als einen Ausgangspunkt für ein Leben in Lust, für ein Zusammenleben „in der gegen die“ Herrschaft und über sie hinaus.

Das Hauen und das Stechen, die ultima ratio der Herrschaft und Unterdrückung, sind nicht zu besiegen. Sieger hat die Geschichte schon mehr als genug. Die neuen Sieger sind noch immer zu alten Herren geworden. Gewalt und Kampf hat sie gezeichnet, ihr „Heldentum“ hat sie immer ihren Vorgängern und den Verhältnissen, um die es ging, ähnlich gemacht – ob sie diese verteidigt haben oder sie zerstören wollten.

Die Welt wird nicht gut und nicht freundlich, wenn die Bösen und die Feinde geschlachtet werden. Kampf und Gewalt sind Teil der Herrschaft, kein Mittel, sie zu überwinden. Sie sind wie der Schweinezauber der Kirke, sie verwandeln die Kämpfer gegen die Herrschaft zu künftigen Herren, versperren den Weg in ein anderes, „lustigeres“ Leben. Es gab, vielleicht gibt es ja noch Kulturen, die wissen, dass, wer kämpft – auch wer kämpfen muss – , „Entsühnung“ braucht und Heilung des Traumas braucht, das seine Seele da unweigerlich erlitten hat. Nur keinen Heldenkult!

Das Unerträgliche, die Herrschaft, ist „abzuwickeln“, aufzulösen in ein Geflecht der Freundschaft freier „künstlerischer“ Menschen. Es gibt kein „Treffen“ (ein altes Wort auch für Kampf und Töten) zwischen der Herrschaft und der Freiheit. Deren Reich ist sozusagen nicht von dieser Welt, jedenfalls nicht von dieser Weltordnung. Es wird wohl stimmen: Ein Weg dahin entsteht im Gehen. Und wir können ihn nicht als Kämpfer gehen, sondern weil wir Lust haben. Es geht nicht „ins Treffen“, es geht um einen Sprung. Freuden-Sprung – deinen, meinen, Unseren.

2 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Martin Gohlke meinte am 11. August 2012, 13:21 Uhr

    Wie wäre es mit Lustkämpfer, lustiger Kämpfer oder lustvollen Kampf? Aber wer weiß… wäre auf jeden Fall zu schön, um wahr zu sein, wir könnten auf den Kampf verzichten. Bedingung dafür ist, mit der Arbeitsgesellschaft zumindest in ihren paranoiden Auswüchsen nichts mehr zu tun zu haben – nur noch im Dasein des bewusst Leidenden an den Zuständen zu existieren, der sich damit ihrer schon enthebt. Wertkritiker, jenseits von den Zwängen familiärer Mitversorgung lebend, Goldbarren im Keller oder sonstwo, dann geht das vielleicht; muss ja kein Vorwurf sein so zu leben – die intelligentere Variante durch den Kapitalismus zu kommen, ist es allemal. Aber gesellschaftliche Transformation geht so nicht.

  2. 2 Lorenz meinte am 12. August 2012, 08:50 Uhr

    lieber martin,

    ich hab vor, mich mit dem thema weiter auseinanderzusetzen. es geht darum, dass der kampf ein soziales verhältnis sein dürfte, das wesentlich zu den verhältnissen der herrschaft gehört und kein mittel ist, diese verhältnisse zu überwinden. freilich heißt das nicht, dass er einfach vermeidbar ist, jedenfalls aber hieße es, dass er nicht zu suchen ist. er mag immer wieder ein unvermeidliches mittel zum überleben sein, zugleich aber hält er uns dort fest, wo wir sind: in der herrschaft. er produziert sieger und verlierer, herrscher und unterdrückte, mehr nicht. ich glaube nicht, dass die erfahrung mit den europäischen revolutionen dem widerspricht.
    wenn dem so ist, stellt sich die frage der emanzipation tatsächlich anders als schon in kommunistischen manifest. sie stellt sich wohl nicht als frage des sieges in revolutionen, sondern z.b. als frage, wie sich entwickelnde alternativen der vernichtung entgehen können.

    im lateinamerikanischen diskurs scheint das übrigens ein thema zu sein. siehe vor allem im unlängst erschienenen cecosesola-buch, aber auch bei zibechi und gestern hab ichs sogar in einem interview mit dem deklarierten klassenkämpfer hector madera aus venezuela anklingen gesehen.

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