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AUSlauf 55: Kein Zustand

28 Jun 2012

Streifzüge 55/2012

von Petra Ziegler

Nicht genug könnten wir bekommen, jetzt haben wir die Krise, und recht geschieht uns. Dabei lassen wir uns bereitwillig mit Krümeln abspeisen. Wir reduzieren unsere Ansprüche, noch bevor wir Bedürftigkeit eingestehen. Eins schleppt sich, und die Aussichten werden kaum besser. Mit allerlei konsumindustriellen Leckerlis auf halbsatt trainiert, erahnen wir, woran uns mangelt nur schemenhaft. Die leise Verheißung lebendiger Fülle, ein vages Gefühl, eher latent denn akut. Dazu irgendwie unerlaubt. Immerhin schmeckt Sehnsucht bittersüß.

Es geht auch übler: Angst, Missgunst, Rachegefühle, Abwehr, Wut und Ressentiment. Lust auf Abwegen. Unlust. Trübsinnige Leidenschaft nannte es Spinoza, den bekanntlich auch schon die Frage umtrieb, weshalb gar nicht wenige „für ihre Sklaverei, als wäre es ihr Glück“, kämpfen. Galliger Genuss, aus (Selbst-)Unterwerfung gezogen. Die Zumutung, sich den Zumutungen zu entziehen, ist dann nur eine Kränkung mehr. Sieht eins bloße Willkür, persönliche Maßlosigkeit, lasterhaften Schlendrian, erscheint das Verlangen, die systemische Zwangsjacke abzuwerfen, gänzlich unverständlich. Gut geübte Anpassung will mit Vehemenz verteidigt sein. „Weil sie das Glück selbst zu hassen begonnen haben und es in diesem Hass verkleidet genießen, brauchen sie die Fiktion des anderen als eines echten Besitzers des Glücks, den sie dann genauso hassen wie dieses Glück. Denn sie dürfen sich ja nicht eingestehen, dass sie selbst den Hass auf das Glück dem Glück vorgezogen haben.“ (R. Pfaller) Zur Zielscheibe wird, wer sich – wenn auch nur scheinbar – nimmt, was eins sich selbst verbietet. Mindestens simulierte Leistungsbereitschaft darf doch erwartet werden. Wenigstens so tun als ob. Beschissen wird sowieso. Gaukelei bis hin zum Betrug stört den Betrieb wenig, solange sich nicht irgendein Rotzlöffel ganz offen frech am Eigentum vergreift. (Wer sich derart ins gesellschaftliche Out stellt, braucht sich hinterher nicht zu wundern.)

Einem nimmersatten Götzen gedient, einem verrückten Diktat unterstellt, dafür gerackert haben? Es wäre mehr, als eins ertragen könnte. Und nichts, wovon eins wissen wollte. Das Unglück nur beim Namen zu nennen, fordert vorauseilend Denkverbot. Herr und Herrin sein, darauf besteht so ein Ego. Schließlich kann eins heutzutage tun und machen oder auch lassen, was es will und wenn es nur will. Warum wir sollen, ist hier auch gar nicht die Frage. Zugestanden, die Dinge laufen falsch, das schon, es lässt sich schwerlich übersehen. Eins hat ja kritischen Verstand und scheinbar alle Zeit der Welt: Eine gesellschaftliche Alternative mit Rückgabegarantie und Last-minute-Rabatt, zahlbar in monatlichen Raten, derart erschiene adäquat; gibt es nur leider nicht am Markt.

Unsere Spezies scheut kaum ein Risiko, geht es darum, den prekären Status quo zu erhalten. Verlustängste trüben die Sicht. Die Verwerfungen, mit denen uns der Verwertungszwang (bereits handgreiflich) konfrontiert, verschwimmen zum geringeren Übel. Wir halten uns an dem was wir zu haben glauben. werch ein illtum! Der Fetischismus von Ware und Geld hat uns – fest im Griff und lässt nicht locker.

Unsere Realität ist die Konsequenz einer blinden Dynamik, ein Extremfall sachlicher Fremdherrschaft. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Anstatt unser Potential zu verwirklichen, schlagen wir uns um die mickrigen Reste, die bei der Produktion abstrakten Reichtums für uns abfallen. Ein schlichtweg unannehmbarer Zustand. (Selbst wenn die Reste – rein rechnerisch – für alle reichen würden.) Unvereinbar mit der Lust am Leben und dem Leben selbst. Lust, noch einmal Spinoza, „ist der Übergang des Menschen von geringerer zu größerer Vollkommenheit“, geht Hand in Hand mit Entfaltung. Unlust lässt uns und unser geistiges, sinnliches, kreatives Vermögen verkümmern. Ein Vergehen an unseren Möglichkeiten. Letztlich unverzeihlich.

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