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Grob geschnitzt

15 Okt 2012

Streifzüge 56: Konkurrenz

von Franz Schandl

In seinem neuen Band „Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält“ geht Richard Sennett davon aus, dass Kooperation und Konkurrenz austariert werden müssen.

Ehrlich gesagt, man erwartet ein anderes Buch. Es wird nicht geboten, was der Titel verspricht. Wenn überhaupt beschreibt Richard Sennett mehr die technischen Aspekte der Kooperation als deren Struktur und Geschichte. Kaum etwas lesen wir über den Zusammenhang von Koordination und Kooperation, von Vorhaben und Ergebnis, von Plan und Erfüllung, von Hierarchie und Ablauf, von Allokation und Verwertung, Arbeitsteilung und Kommando, Freiwilligkeit und Disziplin. Rein gar nichts finden wir zu Netzwerk oder Synergie.

Sennetts Zugang ist trotz des Umfangs von 400 Seiten ausgesprochen selektiv, ja zufällig. Was ihm auffällt, wird zum Fall, was nicht, nicht. Das Feld wäre weit, doch der Autor macht es eng. Richard Sennett wird den umfassenden Implikationen der Kooperation in keiner Weise gerecht. Sein positiv aufgeladener Handwerks-Begriff idealisiert bloß bestimmte Seiten der Werkstatt. Es entsteht der Eindruck, als sei Kooperation als natürliche Entfaltung des Menschseins zu verstehen, quasi originär. Der Kapitalismus, den Sennett nicht mag, ist höchstens als Gespenst im Hintergrund vorhanden, eigentlich spielt er in der vorliegenden Untersuchung keine Rolle.

Viel Wissen türmt sich auf, es verfestigt sich allerdings nicht zu einer innovativen Analyse. Man hat das Gefühl, fast alles anderswo schon fundierter präsentiert bekommen zu haben. Sennett plaudert viel. Womit nichts gegen eingestreute Geschichten in wissenschaftlichen Texten zu sagen ist, doch wenn Sennett loslegt, hört er nicht mehr auf. Er beginnt zu schwätzen, er illustriert nicht nur, er gleitet ab und verläuft sich nicht selten in irgendwelchen Nebensächlichkeiten. Sprungartig führt der Weg vom alten Konflikt zwischen Lassalleanern und Marxisten über die amerikanische Tea Party zu den Versäumnissen der britischen Labour Party nach den Unterhauswahlen 2010. (S. 69ff.)  Da lesen wir unzählige Seiten über die Konflikte zwischen koreanischen Ladenbesitzern und ihren lateinamerikanischen Arbeitskräften in New York (S. 307ff.), über Beratungsgespräche oder Jobvermittlungen u.v.m. Des öfteren schleicht sich die Frage ein: Warum erzählt er dieses und nicht jenes?

Von den Genen…

Was ist eigentlich Zusammenarbeit? „Kooperation ist in unseren Genen angelegt“ (S. 9f.), behauptet Sennett. Zwanzig Seiten später heißt es jedoch: „Kooperation ist eine mühsam erworbene und keine gedankenlos erlebte Erfahrung.“ (S. 28) Also was nun? Die Begriffsbildung ist durchgehend schlampig. „Kooperation lässt sich nüchtern definieren als Austausch, von dem alle Beteiligten profitieren“ (S. 17), schreibt er. Und: „Mit ,Austausch‘ ist hier die Erfahrung des Gebens und Nehmens bei allen Tieren gemeint.“ (S. 103) Doch der beständige Stoffwechsel ist nicht einfach als Austausch zu fassen. Der Tausch ist eine spezifische historische und nicht überhistorische Form der Transaktion. Jene ist im Tierreich absolut nicht gegeben und auch im Menschenreich nicht stets die Regel, einzig in den kommerziell kodifizierten Geschäften obligat.

Weswegen wird jegliche Zusammenarbeit sogleich in die Muster der Ökonomie gepresst und deren scheinbare Axiome zur Beschreibung herangezogen? Warum lässt sich das Etwas-Haben nur als Profit charakterisieren und das gemeinsame Werken bloß als do ut des? Das ist nicht zwingend. Wenn man von etwas etwas hat, hat man noch keinen Profit, sondern allenfalls einen Nutzen. Kooperation kann den Tausch beinhalten oder bezwecken und sie kann auch Profit hervorbringen, aber sie ist nicht Austausch und Profit. Das sollte man nicht durcheinander bringen. Wir haben es hier nicht mit einer nüchternen Definition zu tun, sondern mit schwer ideologischem Vokabular. Kooperation ist übrigens auch keine „Grundhaltung“ (S. 15), wie es gleich eingangs heißt.

Richard Sennett klärt seine Begriffe nicht, sondern setzt sie gleich dem gesunden Menschenverstand als gegeben voraus. Skepsis gegenüber der Sprache ist seine Sache nicht, vieles ist terminologisch grob geschnitzt. Er verwechselt etwa den Egoismus schlichtweg mit dem Individualismus, nur so kann er festhalten, „dass Kooperation heute gegenüber dem Individualismus nicht viel Gewicht auf die Waage zu bringen vermag.“ (S. 256, vgl. auch S. 374) Detto wird Konkurrenz (über die man in diesem Zusammenhang auch mehr hätte schreiben können) unmittelbar als Gegnerschaft dechiffriert. Indes, nicht jede Aversion mündet in Konkurrenz und nicht jede Konkurrenz rührt aus einer Aversion. Im Gegenteil, viele Konkurrenzverhältnisse, müssen die Aversion erst als Form entwickeln, da sie als vorgängiges Motiv gar nicht vorhanden ist. So etwa in der Konkurrenz um ein und denselben Arbeitsplatz. Feindschaft ist ein konstitutionelles wie konventionelles Produkt der Struktur. Wir sind nicht Konkurrenten, weil wir Gegner sind, sondern wir werden zu Gegnern durch die Konkurrenz.

Termini wie „soziale Insekten“ (S. 99) oder „natürliche Kooperation“ (S. 103) sind äußerst fragwürdig. Sie konstruieren doch sehr einfache Vergleiche und saloppe Unterstellungen. Die ständigen Ausflüge ins Tierreich sind überhaupt jenseitig: „Die Nazis kannten keine persönliche Scham, die das Tier in ihnen hätte im Zaum halten können“ (S. 165), schreibt Sennett. Von „Naziwölfen“ (S. 133) ist gar die Rede. Warum müssen immer die armen Tiere für die Nazis herhalten? Lässt sich damit was erklären? Ist es nicht äußerst bequem, die menschliche Destruktivität im Tierreich zu verorten? Warum Wölfe beleidigen? Was immer Wölfe so anstellen, sie betreiben keine Ausrottungspolitik und sie bauen keine Vernichtungslager. Hilft die Unterscheidung in unverschämte Nazis und verschämte Nichtnazis irgendwo weiter? Hält uns primär die Scham davon ab, Nazis zu werden? Geht es in ihr wirklich um die Bändigung tierischer Aggressivität? Ist mit Aggression tatsächlich korrekt benannt, was wir bei Tieren als grausam empfinden? Sätze wie „Das genetisch festgelegte soziale Wissen dieser Insekten ist sehr unvollständig“ (S. 99) machen einen ziemlich ratlos, ebenso: „Als soziale Tiere sind wir zu einer tieferen Kooperation fähig.“ (S. 374)

…zu den Bienen

Kooperation ist durchdrungen von der Reflexion und sie denkt sich vom Ergebnis her. Sie behauptet zumindest zu wissen, was sie will und sie will es gemeinsam bewerkstelligen. Konstruktives Verhalten im Tierreich ist hingegen Folge existenzieller Instinkte und nicht Konsequenz überlegter Kooperation. Da Sennett ausgerechnet die Biene bemüht (S. 98), bemühen wir Karl Marx, der das ebenfalls getan hat: „Eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister“, schreibt dieser im Kapital: „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, dass er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht dass er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muss.“ (MEW 23:193)

Doch auch Sennett weiß: „Bienen beschließen nicht zu tanzen – der Drang danach liegt vielmehr in ihren Genen.“ (S. 347) Eben. Tiere verhalten sich zueinander weder sozial noch asozial. Was uns als sozial erscheint, ist lediglich eine Projektion, die menschliche Verhältnisse auf das Tierreich überträgt. Aus einer Betrachtung wird eine Voraussetzung, die dann zur Natur verklärt und somit jenseits der Kritik angesiedelt wird. Gegen die artenübergreifende Definition der Kooperation gilt es entschieden Einspruch einzulegen.

Nur Menschen verfügen über die Organisation der Organe, so gesehen ist der Mensch auch mehr als ein soziales Tier. Kooperation ist jenseits instinktiver Äußerungen, selbst wenn jene bei diesen Vorlagen findet. Jede Operation, das sagt schon das Wort, führt doch einen Plan aus oder hat zumindest ein Vorhaben in sich, von der Chirurgie bis zur Mathematik, von der Logistik bis zum Militär. Kooperation ist von strategischer Anlage gezeichnet. Keine Operation ohne Operationalisierung! Warum sollte das ausgerechnet für die Ko-Operation nicht gelten?

Wenn wir Kooperation historisch betrachten, dann ist sie eine ganz besondere Kombination menschlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten. Kooperation ist Ausdruck gesellschaftlicher Zwecke und Zwänge, nicht a priori angelegt und als natürliche Entfaltung der Evolution vorgegeben. Kooperation ist zusammenhängende Praxis, die nicht nur objektiven Notwendigkeiten folgt, sondern diese auch umfassend interpretiert und strukturiert. Unter ihr wäre mehr als eine rationelle Arbeitsteilung zu verstehen, denn diese kodifiziert Kooperation ja einseitig nach kommerziellen Kriterien. Aber groß geworden ist sie zweifellos unter den Bedingungen des Kapitalismus. So wäre gerade die immanente Rolle der Kooperation bei der Entwicklung von der Werkstatt über die Manufaktur zur Fabrik, vom Werkzeug zur Maschine, erwähnenswert.

Die Kooperation, wie wir sie heute kennen, ist allerdings die dienstbare Schwester der Konkurrenz. Kooperation ist nicht deren Gegenteil, sondern deren Bestandteil. Keine Konkurrenz könnte ohne Kooperation bestehen. Umgekehrt jedoch gilt das nicht. Kooperatives Handeln jenseits des kommerziellen Profits ist sehr wohl möglich. Die stoffliche und zwischenmenschliche Seite der Kooperation reicht über den schwer lastenden Aspekt der Verwertung, des Sich-verkaufen-Müssens, hinaus. Kooperation ist nicht reine Ökonomie, auch wenn sie in der industriellen und bürokratischen Arbeitsteilung primär als solche auftritt. Das wäre eigentlich der Punkt, wo man ansetzen könnte. Sennett hingegen geht davon aus, dass Kooperation und Konkurrenz lediglich austariert werden müssen. „Das beste Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konkurrenz besteht in der Mitte des Spektrums.“ (S. 121) Ein Satz wie von einem Politiker. Kooperation ist also kein alternatives Modell, sondern bloß ein Modus, der aktuell zu wenig berücksichtigt wird.

Natürlich finden sich auch einige erhellende Stellen. Was Sennett über Sitzungen (S. 313ff.), über die Caritas als tätige Nächstenliebe (S. 352f.) oder den Kibbuz (S. 356f.) referiert, ist durchaus gehaltvoll. Interessant ist auch, dass unser Autor Kooperation gegen Solidarität in Stellung bringt. Das ist ein spannender Gedanke, freilich verwendet Sennett gerade mal die letzten drei Seiten des Buches dafür. Leider haben sich auch einige Faktenfehler und vor allem Wortwiederholungen  eingeschlichen. Karl Kautsky wurde nicht in Wien, sondern in Prag geboren; und sieben Mal „heute“ im Verlauf einer Seite (S. 182f.) ist doch etwas übertrieben. Lektorate und Übersetzung haben es unter gegebenen ökonomischen Bedingungen nicht leicht, eine ordentliche Zusammenarbeit zu bewerkstelligen.

Überzeugend ist die Lektüre selten, packend wird sie nie. So hat der Band eher den Charakter einer beliebigen essayistischen Rundreise als den einer kritischen Untersuchung. Manches mag anregend sein, aber insgesamt ist die Studie unausgegoren. Man hat das Gefühl, da fahre einer mit dem Schnellzug durch Zeit und Raum, dessen Orientierung sich aus einem Zufallsgenerator speist. Wir sind Zeugen eines labyrinthischen Laufs, der zwar einiges auskundschaftet, aber doch wenig Erkenntnis zu Tage fördert.

Mehr als die präzise These herrscht die abgetragene Phrase. Man spürt wenig Kraft, sowohl theoretisch als auch perspektivisch. Mangelnde Systematik ist das Mindeste, was man dem Band vorwerfen kann. Richard Sennett gehört zu den Autoren, die wissen, dass sich ihre Bücher nicht allzu schlecht verkaufen. Das ist zweifellos ein Nachteil. Es ist, wenn von produktiven Autoren gesprochen wird, nicht unbedingt ein Lob, wenn derlei gesagt werden kann.

Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was unsere Gesellschaft zusammenhält. Aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff, Hanser Verlag, Berlin 2012, 414 Seiten., gebunden, ca. 25,60 Euro.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Stefan Meretz meinte am 15. Oktober 2012, 11:46 Uhr

    »Kooperation ist Ausdruck gesellschaftlicher Zwecke und Zwänge, nicht a priori angelegt und als natürliche Entfaltung der Evolution vorgegeben.«

    Wenn die Gesellschaftlichkeit des Menschen seine Natur ist, folgt daraus, dass auch Kooperation Teil dieser seiner gesellschaftlichen Natur ist. Denn Gesellschaft als solche ist als Kooperationszusammenhang zu begreifen, in den hinein wir uns individuell vergesellschaften. Dass wir das individuell können, ist in der Tat »in unseren Genen angelegt« — da ist Sennett zu verteidigen. Die Frage, die allein ansteht und die eine ums Ganze ist, ist _wie_ wir gesellschaftlich kooperieren. Kapitalismus ist eine mögliche und historisch realisierte Form gesellschaftlicher Kooperation.

    Die Fähigkeit zur Kooperation als »nicht a priori angelegt und … natürliche Entfaltung der Evolution« zu fassen, hiesse in der Konsequenz von einem isolierten, unkooperativen und ungesellschaftlichen Individuum auszugehen, dass noch nicht mal durch so leidvolle Einrichtungen wie Erziehung in die Kooperation zu zwingen wäre, da es die biotische Potenz dazu nicht gäbe (die es bei Tieren nämlich nicht gibt: richtige kategoriale Unterscheidung!). Eine solche Sicht spiegelt mehr die reale Getrenntheit der Warenmonaden in der bürgerlichen Gesellschaft wider als menschliche Natur und Möglichkeiten.

    Einen Gegensatz zur Konkurrenz aufzumachen, ergibt tatsächlich keinen Sinn. Da ist aber die Aussage »Kooperation ist nicht deren Gegenteil, sondern deren Bestandteil« noch zu schwach formuliert. Schärfer müsste es heißen: Konkurrenz ist im Kapitalismus die dominante Realisationsform von Kooperation.

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