Liebe Leute: Allein hier zu schreiben, dass wir ein Leben ohne Geld wollen, kostet welches. Wer unsere Texte mag, soll dazu beitragen, dass sie hier (ent)stehen können. Wenn wer sich’s leisten kann. Eh klar. Dann aber seid so lieb: Her mit der Marie! Löst uns aus!

Zeitgeist: Moving Forward – It’s the system, stupid

12 Feb 2011

Der dritte Zeitgeist-Film schreitet trotz etlicher Unzulänglichkeiten in die richtige Richtung voran

von Tomasz Konicz

Dieser Film stößt an die Grenzen des Mediums. In 161 Minuten ist Regisseur Peter Joseph im dritten Teil seiner Zeitgeist-Filmserie bemüht, den Zuschauer von der Notwendigkeit einer baldigen Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise zu überzeugen, sowie eine gangbare Systemalternative zu der bestehenden Gesellschaftsunordnung aufzuzeigen. In knappen drei Stunden wird in Zeitgeist: Moving Forward ein gigantischer thematischer Bogen gespannt, bei dessen wissenschaftlicher Erschließung und Bearbeitung in den vergangen Jahrhunderten Kapitalismuskritiker jeglicher Couleur ganze Bibliotheken an Textmaterial produzierten. Seine Premiere, bei der 340 Aufführungen in über 60 Ländern stattfanden, hatte Zeitgeist: Moving Forward am 15. Januar 2011, was wohl den mit Abstand größten Filmstart eines unabhängigen Projekts in der Kinogeschichte markiert. Der Film ist ab dem 25. Januar frei im Internet, unter anderem auf Youtube, abrufbar.

Die vom US-amerikanischen Regisseur und Aktivisten Peter Joseph seit 2007 produzierten – und auf beständig wachsende Resonanz treffenden – Zeitgeist-Filme gelten innerhalb weiter Teile der Linken immer noch als Paradebeispiele verkürzter Kapitalismuskritik. Dieser Ruf haftet den Filmen von Peter Joseph aufgrund der Verschwörungstheorien an, die in seinem Erstlingswerk Zeitgeist: The Movie Verbreitung fanden.

So führte er darin auch einen Teil der Kriege des 20. Jahrhunderts auf das Wirken einer Verschwörung von Bankern und der amerikanischen Notenbank zurück, die die USA in diese Konflikte genötigt hätten, um hieraus Profit zu schlagen. Letztendlich wurden alle auch im ersten Zeitgeist-Film erschütternd visualisierten Verwerfungen, Widersprüche und Konflikte auf das Treiben einer Gruppe machthungriger Menschen zurückgeführt, während die Struktur und innere Antriebsdynamik des kapitalistischen Systems ausgeblendet blieben.

Mit dieser personifizierten, verkürzten Kritik des Kapitalismus bricht der jüngste Zeitgeist-Film radikal.

In einer Schlüsselszene wird deutlich, dass für die derzeitige allumfassende globale Krise keine „korrupten Regierungen, keine finsteren Konzerne oder Kartelle, keine fehlerhafte menschliche Natur, und keine geheime, versteckte Intrige“ ursächlich verantwortlich sind, sondern die „Grundlagen unseres sozioökonomischen Systems selbst“. Und eben dies macht die faszinierende Radikalität dieses Films aus – er bemüht sich, diese sozioökonomischen Grundlangen zu benennen und die Notwendigkeit ihrer Überwindung darzulegen.

Zeitgeist: Moving Forward ist in seiner fast schon entwaffnend naiven, da eigentlich schlicht logischen Herangehensweise radikaler als alle Kapitalismuskritik, die von Filmemachern wie etwa Michael Moore jemals geäußert wurde. Peter Joseph will seine Kritik tatsächlich an der Wurzel des Systems ansetzen und greift dabei die Grundlagen des Kapitalismus frontal an: Geld, Markt, Warenproduktion und Finanzkapital.

Der Film zieht in den ersten drei Kapiteln thematisch immer größere Kreise, vom Individuum über die Gesellschaft bis hin zum Planeten. Der erste Teil des Films, der sich mit dem ideologischen Konstrukt einer „menschlichen Natur“ auseinandersetzt, kann als der gelungenste betrachtet werden. Hier zerlegen mehrere Wissenschaftler die weitverbreiteten Mythen eines genetischen Determinismus als Ursache von Charaktereigenschaften oder kriminellem Verhalten, wie auch die Idee einer in unserer genetischen Disposition gründenden menschlichen Natur. Der ideologische Charakter dieses genetischen Determinismus als ein „Weg zu sagen, wie die Dinge sind, ohne die Art und Weise zu gefährden, wie die Dinge sind“, wird deutlich benannt. Am Fallbeispiel der Disposition zu Suchterkrankungen – die als eine Reaktion auf traumatische Kindheitserlebnisse interpretiert werden – wird dargelegt, wie das Individuum seit der frühen Kindheit im Wechselspiel mit seiner Umgebung geformt wird und wie gesamtgesellschaftliche soziale und ökonomische Faktoren bis in die intimsten zwischenmenschlichen Beziehungen hineinwirken. „Die elterliche Erfahrung, wie einfach oder wie hart das Leben ist, wird an die Kinder weitergegeben. … Das frühe Leben ist ein Vorgeschmack auf die Welt, in der du leben wirst.“ Eine „menschliche Natur“ als solche gebe es nicht, es mache nur Sinn, von der „menschlichen Natur“ in Zusammenhang mit menschlichen Bedürfnissen zu sprechen. „Unsere Natur besteht darin, nicht von der Natur eingeschränkt zu sein“, die Menschen werden durch ihre Gesellschaft geformt, wie es der Neuro- und Verhaltensbiologe Robert Sapolsky formulierte.

Diese individuelle Perspektive, die Rückkopplung auf die menschlichen Bedürfnisse, wird auch bei der Auseinandersetzung mit der „sozialen Pathologie“ beibehalten, unter der unsere Gesellschaft subsumiert wird. Beeindruckend sind auch alle Filmsequenzen, bei denen der beständig zunehmende Konkurrenzkampf – das ewige Rattenrennen, bei dem jeder gegen jeden antritt – mit den gesundheitlichen Folgen für breite Bevölkerungskreise konfrontiert wird. Die Genese des kapitalistischen Menschenbildes, das den Menschen als des Menschen Wolf ansieht, wird vom Kopf auf die Füße gestellt, indem diese Ideologie auf die Herrschafts- und Ausbeutungsstrukturen im Kapitalismus zurückgeführt wird.

Die folgenden Kapitel, die sich mit den verheerenden gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen des kapitalistischen Marktsystems auseinandersetzen, kranken hingegen an einem fehlenden Kapitalbegriff. Dies soll nicht heißen, dass es in der zweiten Filmhälfte keine interessanten, wirklich an den Wurzeln der kapitalistischen Misere ansetzenden Passagen gäbe, doch fehlt diesen – teilweise sich selbst widersprechenden – Ausführungen der gemeinsame Nenner, der die disparat geschilderten Phänomene in Zusammenhang bringen würde. Der Film schildert den Konsum- und Wachstumszwang, die daraus resultierende Verschwendung ökologischer Ressourcen, die zunehmende soziale Ausdifferenzierung, die seit Dekaden schwelende Krise der Arbeitsgesellschaft und auch die globale Verschuldungsdynamik – doch gerade die gemeinsame Grundlage dieser Phänomene in dem krisenhaften Prozess der Kapitalakkumulation, der an innere und äußere Schranken stößt, wird nicht explizit benannt. Peter Joseph schafft es durchaus, gewisse Momente des Prozesses der Kapitalverwertung, bei dem ja das Kapital beständig seine Form von Geld über Waren zu mehr Geld (G-W-G) wechselt, zu erfassen. Doch eben diesen Verwertungsprozess selbst – denn nur aus dieser sich selbst zum Zweck dienenden Bewegung der uferlosen Akkumulation heraus ist Kapital zu verstehen – haben die Macher von Zeitgeist: Moving Forward bei aller Radikalität nicht erfasst. Stattdessen wird im Film verkürzt über „Geldsequenzen“ fabuliert, denen die Marktsubjekte hinterherliefen.

Hieraus resultieren dann die ernsthaften Mängel, die dieses monumentale Werk aufweist. Etwa wenn Geld einfach mit Schulden gleichgesetzt wird und diesem im Endeffekt kein Wert als solcher beigemessen wird – was ja aus rein naturalistischer Perspektive stimmen mag , aber die gesellschaftliche Funktion des Geldes als allgemeines Wertäquivalent nicht berücksichtigt. Generell sind die Abschnitte des Films, die sich mit dem Finanzsystem auseinandersetzen, misslungen, sie führen den Zuschauer in die Irre. Das ist umso bedauerlicher, da der Film ansonsten in vielen Punkten eine bislang von diesem Medium nicht gekannte Radikalität durchhält, die sich auch beim Entwurf der gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus manifestiert.

Unter dem Titel „Globale ressourcenbasierte Wirtschaft“ wird in einigen logischen Schritten ein Gegenmodell entworfen, bei dem die nachhaltige Förderung, Distribution und Verarbeitung der global vorhandenen Ressourcen in Übereinstimmung mit den grundlegenden menschlichen Bedürfnissen geschildert wird, die unter Zuhilfenahme fortgeschrittenster Informationstechnik und Automatisierung in höchster Effizienz und Ressourcenschonung bewerkstelligt werden soll. Markt, Geld, soziale Hierarchien und Privateigentum an Produktionsmitteln sollen hierbei überwunden werden. Der radikale Gedankenschritt, der hier gemacht wird, verliert aber sehr viel von seiner Wirkung, sobald die Argumentation – in objektiv unnötiger Weise – immer mehr in Details geht und die Stadtentwürfe des US-amerikanischen Architekten und Futuristen Jacque Fresco als verbindliche und absolut „logische“ Vorbilder künftiger Urbanität propagiert. Joseph wirbt hier mit dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivität für die urbanen Visionen seines Mentors, die vielen Zuschauern ob ihrer Sterilität kalte Schauer über den Rücken jagen dürften. In diesen Passagen driftet der Film in Ideologie ab.

Ebenso problematisch ist die naive Wissenschaftsgläubigkeit der Filmemacher, wie auch der sich um Joseph und Fresco formierenden Zeitgeist-Bewegung, die die Umsetzung der anvisierten sozialen Transformation realisieren soll. Joseph und Fresco sollten sich vielleicht einmal fragen, wieso die von ihnen vergötterte Wissenschaft seit ihrer Etablierung im Gefolge der Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise zur Zementierung und Optimierung von Ausbeutung und Unterdrückung so überaus erfolgreich eingesetzt werden konnte.

Dennoch schreitet Peter Joseph mit Zeitgeist: Moving Forward in die richtige Richtung voran. Der Film trifft tatsächlich den Zeitgeist, der Kapitalismus verliert gerade den ideologischen Schleier einer naturwüchsigen, natürlichen Gesellschaftsordnung. Mit einer beispiellosen Geschwindigkeit gewinnt dieser dritte Zeitgeist-Film derzeit an Popularität: Allein auf Youtube konnte das Epos bereits nach knapp zwei Wochen gut 2,5 Millionen Zugriffe verzeichnen. Es ist, als ob das allgegenwärtige Hintergrundrauschen der Kulturindustrie – ähnlich der Anfangssequenz des Films – zur Kenntlichkeit geronnen wäre und seine omnipräsente Deutungshoheit über die Realität verlöre. Immer mehr Menschen wachen aus diesem massenmedial induzierten Schlaf auf, in dem sie durch die Kulturindustrie, durch die Gesellschaft des Spektakels gefangen gehalten wurden, um zu erkennen, in welcher kaputten, die elementarsten menschlichen Bedürfnisse negierenden Welt sie leben. Es ist der allumfassende Krisenprozess der kapitalistischen Gesellschaftsformation, wie er eindringlich im vierten Teil des Films dargelegt wurde, der den Kollaps der ideologischen kapitalistischen Matrix ermöglicht. Trotz aller oben dargelegten Mängel besteht das Verdienst dieses Films darin, diesem Prozess des massenhaften Ankommens in der „Wüste des Realen“, in einer vom Prozess der nur noch dem Selbstzweck dienenden Kapitalverwertung verwüsteten Welt, eine ungeheure Dynamisierung verliehen zu haben.

Link zum Film:

aus: www.hintergrund.de, 09.02.2011

6 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Gregor meinte am 15. Februar 2011, 22:24 Uhr

    „Ebenso problematisch ist die naive Wissenschaftsgläubigkeit der Filmemacher, wie auch der sich um Joseph und Fresco formierenden Zeitgeist-Bewegung, die die Umsetzung der anvisierten sozialen Transformation realisieren soll.“
    Glauben ist das Akzeptieren von Behauptungen in Abwesenheit von positiven Beweisen für diese Behauptungen. Wissenschaft ist das Gegenteil davon. Wie man das beides in ein Wort packen kann ist mir unverständlich. Die Funktionalität und Validität der wissenschaftlichen Methode und die Relevanz der daraus hervorgehenden Erkenntnisse für alle gesellschaftlichen Entwicklungen in unserem Universum sind wohl sehr gut belegt. Von einem Wissenschaftsglauben kann demnach keine Rede sein.
    „Joseph und Fresco sollten sich vielleicht einmal fragen, wieso die von ihnen vergötterte Wissenschaft seit ihrer Etablierung im Gefolge der Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise zur Zementierung und Optimierung von Ausbeutung und Unterdrückung so überaus erfolgreich eingesetzt werden konnte.“
    Ohne Glauben auch keine Vergötterung.

    Die Wissenschaft als Methodik gab es bereits vor der Einführung von kapitalistischen Wirtschaftssystemen, und wahrscheinlich sogar vor Tauschhandelssystemen.
    Hast du für die Frage, die du hier an Peter Joseph und Jacque Fresco delegierst selbst eine Antwort?

  2. 2 konicz meinte am 17. Februar 2011, 10:31 Uhr

    OK, in aller Kürze: Die wissenschaftliche Methode ist „leer“, sie ist „hohl“. Sie ist reine „Form“ – und somit dem Kapitalverhältnis, der Kapitalform, nicht unähnlich. Die wissenschaftliche Methode ist von jeder Meinung, von jedem Werturteil gesäubert. Und eben dies ist ihr größtes Problem. Sie kann somit zu allen möglichen Zwecken instrumentalisiert werden. Kritik findet innerhalb der wissenschaftlichen Methode nur an ihrer eigenen Form – und nicht an ihren Zielen – statt. Der Wissenschaftler kritisiert, ob die Verfahrensweisen zum Bau beispielsweise einer Atombombe tatsächlich der wissenschaftlichen Methode entsprechen, eine Kritik der Atombombe selber ist aber nicht „wissenschaftlich“. Ausschwitz wurde entlang wissenschaftlicher Prinzipien errichtet, es war eine höchst effizient betriebene, rationalistische Todesfabrik. Der dritte Zeitgeist-Film selber geht beispielsweise bei der Entwicklung der „Ressourcenbasierenden Wirtschaft“ gerade NICHT wissenschaftlich vor, da er anfangs das Überleben der Menschheit zur Maxime eben dieses alternativen Wirtschaftsentwurfs erklärt. Das ist ja auch gut so – nur was soll bitteschön daran „wissenschaftlich“ sein? Das ist ein moralisches, ein ethisches Werturteil, kein wissenschaftliches.
    Wissenschaftsglaube beruht nun darin, in diese rein instrumentelle Rationalität, mittels derer auch Konzentrationslager oder Atombomben höhst effizient betrieben oder hergestellt werden können, alle Hoffnungen auf die Überwindung dieses Schweinesystems zu legen – dass eben nur aufgrund dieser hohlen, zur reinen Methode verkommenen Wissenschaft seine Weltvernichtungspotenzen dermaßen effizient entfalten kann. Welch eine Ironie, nicht wahr?
    Noch ein letztes:  Klar gab es die wissenschaftliche Methode in Ansetzen auch vor dem Kapitalismus, wie auch Geld und Markt. Doch erlebten alle drei ihren Durchbruch erst mit dessen Durchseztung.

  3. 3 StefanMz meinte am 17. Februar 2011, 13:06 Uhr

    Jetzt macht ihr beide einen Kurzschluss und sitzt dem bürgerlichen Wissenschaftsbegriff auf. Es gibt nicht »die« wissenschaftliche Methode. Das hätte die bürgerliche Wissenschaft gern. Von Hegel wissen wir aber, dass eine Methode immer gegenstandsbezogen ist und nicht von diesem, ihrem Gegenstand unabhängig existieren kann. Dies habe ich versucht am Beispiel der Logik und dem Begriff des Allgemeinen zu zeigen.

    Genauso wie das Kapitalverhältnis kein Naturverhältnis ist, auch wenn es so scheint, ist die wissenschaftliche Methode kein universelles Instrument, auch wenn es so scheint. Die Fetischisierung »der wissenschaftlichen Methode« wird geradezu bestätigt, indem man sie bloß ablehnt (oder als solcher zustimmt), aber ihren Anspruch akzeptiert.

  4. 4 Zeitgeist: Moving Forward – It’s the system, stupid | Demonetize it! meinte am 24. Februar 2011, 21:05 Uhr

    […] German version posted at http://www.streifzuege.org/2011/zeitgeist-movin-forward-its-the-system-stupid Source: demonetize.itAuthor: […]

  5. 5 Hinweis meinte am 12. September 2011, 11:22 Uhr

    Vielleicht ganz interssant: http://reflexion.blogsport.de/2011/09/05/zeitgeist-iii-eine-kritik/

  6. 6 Moving forward – but: which way? – Nordwind meinte am 15. März 2018, 11:24 Uhr

    […] nachdem die mir nicht verständliche Euphorie weiter um sich greift, (hier auf SI-Net, in den Streifzügen gleich zweimal und kürzlich auch auf […]

Dein Kommentar

Felder mit Sternchen (*) sind Pflichtfelder. Die E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.




top