Vivir Bien: Ressourcen für solidarische Lebensweisen
18 Jun 2011
von Andreas Exner
Heute ist viel von Vernetzung die Rede. Wenn es um solidarische Ökonomie und Commons (Gemeingüter) geht, dann steckt sie jedoch erst in den Kinderschuhen. Eine selbst-organisierte Online-Plattform will sie fördern: Vivir Bien
Was unterscheidet die heutige Bewegung für eine solidarische Ökonomie von der Alternativbewegung der 1970er Jahre? Nicht viel, könnte man meinen: wie die Alternativbewegung tritt auch die solidarische Ökonomie für die Selbstverwaltung von Betrieben ein und will nicht-hierarchische Kooperation erweitern. Die Alternativbewegung der 1970er Jahre ist daran gescheitert. Entweder bankrottierten die Betriebe oder sie transformierten sich in normale kapitalistische Unternehmen.
Das ist im Grunde auch das Problem der solidarischen Ökonomie.
Das Neue an der solidarischen Ökonomie
Es gibt jedoch drei entscheidende Unterschiede:
Erstens macht sich innerhalb der solidarischen Ökonomie eine Reihe von Ansätzen stark, die für eine Welt ohne Geld tätig sind. Das ist historisch zwar nicht ganz neu. Doch scheinen die geldfreien Projekte heute viel sichtbarer als im Rahmen der Alternativbewegung der 1970er Jahre. Friederike Habermann hat einen sehr guten Überblick solcher Projekte erstellt.
Zweitens sagt auch der Mainstream der solidarischen Ökonomie, der meint, man könne Märkte irgendwie anders gestalten, dass es wesentlich darum gehen muss, solidarische Beziehungen zwischen den einzelnen Betrieben und Projekten herzustellen. Darin liegt eine wichtige, ja alles entscheidende Lehre aus dem Scheitern der Alternativbewegung der 1970er Jahre.
Drittens gibt es inzwischen einen wachsenden Diskurs der Commons (Gemeingüter). Er unterscheidet sich weniger dem Inhalt nach von solidarischer Ökonomie. Denn diese beruht ganz genauso auf Commons und stellt, im Idealfall, Commons her. Eine Maschine im Besitz der Tätigen ist ein Gemeingut. Und wenn die Produkte an eine Gemeinschaft von Commoners verteilt werden, so dient sie auch der Herstellung und Erweiterung von Commons. Der Diskurs der Commons hat jedoch den Vorteil gegenüber dem der solidarischen Ökonomie, der sich noch selten auf die Commons-Debatte bezieht, dass er sich ganz klar abseits von Markt und Staat positioniert. Daraus ist für die Überlegung, was solidarische Ökonomie sein soll, einiges zu lernen.
Vivir Bien: Tool der solidarischen Vernetzung
Seit rund einem Jahr gibt es eine Online-Plattform, die Ressourcen für solidarische Ökonomien und einer auf Commons beruhenden Lebensweise zusammenträgt. Vivir Bien ist selbst-organisiert und entstand als Teil der Kritischen & Solidarischen Universität (KriSU) im Rahmen der Uniproteste 2009 in Wien. Zwar gibt es momentan (noch) eine Redaktionsgruppe, die sich übrigens über Neuzugänge freut. Wer angemeldet ist, kann andere Leute, die sinnvolle Beiträge liefern können, anmelden. Für alle Angemeldeten ist die Plattform offen und beliebig veränderbar.
Vivir Bien funktioniert nach einem selbst-organisierten Tagging-System ähnlich wie bei Open Street Map, die auch als Kartenhintergrund für die Lokalisierung von relevanten Ressourcen für solidarische Lebensweisen dient. Alle können sowohl die Art der Beschreibung der einzelnen Ressourcen – Gegenständen, Orten, Projekten, Betrieben usw. – gestalten wie sie wollen, als auch die einzelnen Überblickskarten und -ansichten, die ähnliche Ressourcen, z.B. alle Freien Schulen oder alle Volxküchen, zusammenfassen.
Der Hintergrund von Vivir Bien ist die Einsicht, dass es darum gehen muss, solidarische Beziehungen zwischen den einzelnen solidarischen Ökonomien, die auf Commons beruhen und versuchen, Commons zu erweitern, herzustellen. Das bedeutet, dass sie sich nicht einfach etwas verkaufen, sondern dass sie bewusst kooperieren.
Was brauchst Du? Was kann ich Dir geben? Wie können wir unsere Aufgaben teilen? Können wir einander unterstützen, indem wir mit einem dritten, vierten, fünften Projekt in der Beschaffung von Rohmaterialien kooperieren? – und so weiter…
Die praktische Frage: wie kooperieren wir?
So viele Fragen kommen auf, wenn man sich einmal bewusst wird, dass der Markt einer solidarischen Beziehung grundsätzlich entgegensteht. Solange solidarische Ökonomie sich in einer kapitalistischen Umwelt behaupten muss, wird es auch darum gehen, Marktbeziehungen solidarischer zu gestalten. Grundsätzlich aber ist der Knackpunkt die Frage, wie wir wegkommen vom Geld. Dazu liefert Vivir Bien zwar keine Lösung, aber Anknüpfungsmöglichkeiten. Nicht nur wird die Bandbreite an solidarischen Ökonomien sichtbar. Es wird auch sichtbar, wo überall unterstützende Beziehungen denkbar wären und notwendig werden, wenn solidarische Ökonomie mehr sein soll als eine Neuauflage der gescheiterten Alternativbewegung.
Literaturtip:
Amann M., Baumgarten N., Billmann L. (Hg., 2010): Solidarische Räume & kooperative Perspektiven: Praxis und Theorie in Lateinamerika und Europa. Mit einem Beitrag von Andreas Exner und Flo Ledermann zu Vivir Bien.
1 Kommentar
Kommentare
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Bernd Bötel
meinte am 16. August 2011, 12:59 Uhr
hr erfreulich, dass in Wien die Vernetzung von Projekten einer alternativen und solidarischen Ökonomie, die auf Gemeingütern beruht, mit vivir bien eine Form gefunden hat.
Wie kooperieren wir? Soweit es sich bei den Projekten um produzierende Unternehmen handelt, die in einem kapitalistischen Umfeld Waren verkaufen müssen, um bestehen zu können, bleibt die Frage allerdings offen, wie man der Marktlogik entkommen kann. Auch genossenschaftliche Unternehmen haben außerdem ein Eigeninteresse daran, dass Überschüsse im Unternehmen bleiben oder an die Genossenschaftler ausgeschüttet werden. Einen etwas anderen Ansatz verfolgt die Idee des Bedarfsnetzes (vgl. http://bedarfsnetz.de). Das Bedarfsnetz ist von Beginn an als Konsumenten-Demokratie konzipiert und benutzt das Internet für transparente Entscheidungsprozesse. Alle Menschen können als Mitglied des Vereins des Bedarfsnetzes nach dem Subsidiaritätsprinzip gleichberechtigt Einfluss auf alle Entscheidungen nehmen, von denen sie selbst betroffen sind, z.B. über das Sortiment von Ladengeschäften und Kaufhäusern des Bedarfsnetzes. Somit bringt das Bedarfsnetz das gemeinsame Konsumenteninteresse für eine bessere Lebensqualität zum Ausdruck. Anstelle einer Orientierung auf einen maximalen Profit für das einzelne Unternehmen wird eine Orientierung am größten gemeinsamen Vorteil für alle möglich. Das Bedarfsnetz bündelt die Macht der Konsumenten gegenüber den produzierenden Unternehmen. Indem sich immer mehr Menschen über das Bedarfsnetz versorgen, entsteht ein neuartiges Wirtschaftssystem, in dem die Menschen schließlich über Qualitäten und Preise, sowie über soziale und ökologische Standards bei der Produktion in demokratischen Prozessen entscheiden.




