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Nichts ist eigentlich fremd

29 Nov 2010

Ufernde Gedanken zu einem schrägen Begriff und seinen verrückten Schüben

Streifzüge 50/2010

von Franz Schandl

Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Nur, wie kommt er dann überhaupt zum Fressen? Denn alles, was er doch isst, muss er irgendwann einmal kennen gelernt haben. Ist doch so. Gerade das Essen ist etwas Abgetrenntes, Äußerliches, das dem Körper erst zugeführt werden muss, um Innerliches, ja Innerei zu werden. Der Hunger ist eine unhintergehbare Aufforderung zum Essen. Essen ist Integration. Noch dazu eine sehr einseitige, was die Aktivität der Einverleibung ausdrückt.

Niemand wird ernsthaft behaupten können: Ich bin, was ich esse. Auf der Ebene des Stoffwechsels hat diese primitive Aussage allerdings einiges an Berechtigung. Der Körper ist ja unser primärer Lebensraum, aus dem wir nicht austreten können. Verlassen wir ihn, ist es vorbei. Organisch betrachtet ist er nach seiner Zeugung nichts anderes als Reproduktion durch das Verdaute. Wir sind demnach ein Leben lang auf Verdaubares angewiesen. Es kommt nicht aus uns, sondern in uns rein, ist also Fremdkörper, Fremdsubstanz.

Das Eigene und…

Wenn ich Tiere oder Pflanzen zu mir nehme, dann akzeptiere ich sie als Nahrung. Sie eignen sich für das Eigene aufgrund ihrer Fremdheit. Die fatale Erkenntnis kann doch nur die sein, dass ich an mir gar nicht feststellen kann, was fremd und was eigen ist. Jeder Stoffwechsel, aber auch jede Kommunikation erneuert mich und hinterlässt mich als einen anderen. Das Eigene ist Aneignung und damit auch akzeptiertes Fremdes. Wenn das Eigene Angeeignetes ist, dann ist das Eigene eigentlich nicht. Als Ursprüngliches könnte es nicht bestehen. Das Eigene ist so bloß als Werdendes und Vergehendes beschreibbar, Abgang und Zugang sind daher von entscheidender Notwendigkeit. Nichts ist eigentlich! Eigentlich ist nichts!

Um überhaupt etwas als fremd auszumachen, darf es mir sowieso nicht gänzlich unbekannt sein. In dem Moment, wo ich des Fremden gewahr werde, wird es schon ein Eigenes, alleine durch meine Beobachtung erfährt es in mir meinen Eindruck.

Die Gewohnheit der Eigenheiten gibt es nur als Gewöhnung von Fremdheiten. Diese Selbstverständlichkeit, obwohl tagtäglich praktiziert, ist nicht Gegenstand reflektierter Erkenntnis. Das Neue ist das der Zukunft Alte, und das Alte das der Vergangenheit Neue gewesen. Die zeitliche Verschiebung desavouiert jede intransigente und insistierende Spezifizierung. Es mag Eigenes und Fremdes geben, aber es gibt nicht das Eigene und das Fremde.

Und die Gewohnheit, was ist das schon? Sicher ist: Was ich jetzt permanent tue, gestern genauso wie morgen, habe ich vor 50 Jahren überhaupt nicht getan und das werde ich in 50 Jahren keineswegs mehr tun. Meine Permanenz ist eine beschränkte, ein kleiner Schnitt; meine Gewohnheit eine in der Dauer sich verlierende Abgewöhnung.

…die Ausländer

Was an der grassierenden Ausländer-Debatte partout nicht auffallen will, ist der still vorausgesetzte Konsens, dass wir hier über diese da zu befinden und zu bestimmen haben. Da unterscheiden sich Ausländerfeind und Ausländerfreund kaum, mögen ihre Haltungen im Konkreten auch noch so weit voneinander entfernt sein. Termini wie „Ausländerpolitik“ oder „Fremdenrecht“ sagen ja, dass Nichtbesitzer einer EU-Staatsbürgerschaft (im Fall der Roma und Sinti scheint nicht einmal die was zu nutzen!) einer gesonderten Behandlung zugeführt werden müssen. Indes gälte es, diese Zuständigkeit kategorisch in Frage zu stellen. Wer sind „wir“, dass „die“ unter unsere Kompetenz fallen? Was ermächtigt uns zu dieser Kuratel – selbst wenn diese ganz fürsorglich gemeint ist?

Wer zu „uns“ kommt, muss werden wie „wir“. Aber wie sind wir? Bin ich auch so? – Wer bei uns bleiben will, muss sich jedenfalls anpassen. „Assimilation ist zwar der Zwang, sie ebnet aber den Leibeigenen die Perspektive, ihren herabgesetzten Status abzustoßen und in die Hemisphäre der Citoyens einzusteigen. Dagegen zielt die integrationale Investition auf die Selektion der Meute, auf die Aufnahme der Nützlichen und den Verweis der Überreste in das Reservat der fremden Herdenmenschen. Selbst das Schlagwort der ,Multi-Kulti‘ kann den wahren Gehalt dieses Projektes nicht verhüllen. Denn sie spielt den Affekt eines friedlichen Zusammenlebens auch unter den Prämissen der Ungleichheiten vor, basiert auf einer postmodernen Version einer Herr-Knecht-Liebelei, macht das ,Deutsche‘ zur Messgröße und leitet davon den Anonymen-Brei ,Nichtdeutsche‘ ab.“ (Necati Mert, Teutonische Yuppi-Junta; Die Brücke 154, 2010, S. 36.)

Was sind Ausländer? – Nun in Zeiten der nationalstaatlichen Aufteilung der Erde, sind Ausländer Menschen, die sich in einem Land aufhalten, dessen Staatsbürger sie nicht sind. So weit, so banal, obwohl in unseren Gegenden diese Empirie noch völkisch aufgeladen ist, ihr also eine natürliche Basis unterschoben wird. Doch selbst wenn diese Aufladung nicht gegeben ist, wird ein trennendes Kriterium, eben die Staatsbürgerschaft, über alle anderen Merkmale gestellt. Die Eigenen sind nicht ausgesucht, sondern werden zugeteilt, von Nation und Staat, Kultur und Religion vorselektiert. Nicht ich entscheide, mit wem ich mich wie vergemeinschaften will, die Zuordnungen sind schon da, ich bin gefordert, sie zu akzeptieren und habe sie fortwährend zu praktizieren. Dem soll ich mich weder entziehen noch widersetzen können. Patriotismus ist staatsbürgerliche Pflicht. Es gilt die Schicksalsgemeinschaft.

Worin liegt etwa meine Gemeinsamkeit mit HC Strache? Außer der gleichen Staatsbürgerschaft, die uns beiden per Geburt verordnet wurde, fällt mir nichts ein. Und selbst wenn sich was finden ließe, etwa dass wir beide geschlechtlich als Männer geführt werden, das gleiche Bier trinken oder gar die Winterreifen einer bestimmten Marke bevorzugen, was sagt das schon? Viel mehr würde mir zu den Differenzen einfallen. Was machen mit dieser essenziellen Dissidenz? Warum soll sie nebensächlich sein, dafür aber die Behauptung „Strache und Schandl sind Österreicher“ eine zentrale Festlegung? Was sagt dieser vertrottelte Satz?

Vielleicht sollten wir bei der Identität doch zwischen Identifikation und Identifizierung unterscheiden. Identifikation bedeutet Kenntnis von etwas; Identifizierung bedeutet Bekenntnis zu etwas. „Ich bin Österreicher“, „ich bin Deutscher“, „ich bin Türke“ kann also verschiedentlich aufgelöst werden. Der gleiche Satz stellt einmal nüchtern fest, was Staatsbürgerschaft ist, im anderen Fall konstruiert und konstituiert er eine Übereinstimmung. Aus einem kruden Da-Zu wird ein leidenschaftliches Ja-Zu!

„Identitäten dienen zur Klassifikation der als Andere, Fremde eingeordneten Spätankömmlinge. Ihnen wird einfach eine Kultur des Unterwertigen zugeschrieben, deren Nuancen mit den konventionellen Werten stammverwandt sind. Das Ziel ist nicht die Gesellschaft der freien Individuen, sondern der kollektiven Zugehörigkeiten. (…) Kulturelle Identität entsteht ausschließlich aus der diskursiven Konstruktion der elfenhaft elitären ,Eigenen‘, die durch den Gegensatz zu einem wirklichen oder bloß vorgestellten blutfremden ,Anderen‘ hervorgerufen sowie abgehoben wird. Gegenüber diesem antizipierten ,Anderen‘ oder dem ,Fremden‘ entwickelt sich Aversion und sogar Hass.“ (Necati Mert, Zivilisation am Pranger, Die Brücke 151, 2009, S. 37.) Dieses Wir konstruiert sich als Zirkelschluss: „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir wissen, wer wir nicht sind und gegen wen wir sind“, so Samuel Huntington. (Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilisations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach, Wien–München 1996, S. 21.) Es geht also um ein beständiges Etikettieren.

Eingemeindungen, um andere ausschließen zu können, folgen wilden Konstruktionen. Sie bauen auf hartnäckigen Vorurteilen auf und setzen diese gezielt ein. Ihre irre Begründung verstärkt nur ihre Vehemenz. Das „Wir-Österreicher“ oder „Wir-EU-Bürger“ gibt es nicht. Keine Wertegemeinschaft ist anzuerkennen! Wir leben in fragmentierten Gesellschaften, wo nicht wenige Segmente und Szenen, Verrückte und Individuen, sich ganz asynchron zu den herrschenden Normen verhalten (wollen). Und das ist auch gut so. Nur so ist ein halbwegs erträgliches Leben im falschen überhaupt möglich.

Bin ich integriert? Wozu? Worin? Dezidiert nicht!! Und doch auch wiederum schon. Indes will ich nicht dazugehören und mich nicht mit dieser Gesellschaft und ihrem Staat identifizieren. Warum sollte ich? Nur weil ich muss? Weil mein tägliches Handeln die Unterwerfung verlangt, soll ich auch gleich ein Bekenntnis ablegen? Wo immer ich es vermag, versuche ich den Zwängen auszuweichen und in meiner Parallelwelt zu leben. Nicht, dass die mit dem System nichts mehr zu tun hätte, soll gesagt werden, wohl aber, dass sie mir Fluchträume und Auszeiten bietet, wo das Unmittelbare der Struktur ein Minimum erfährt.

Kaum jemand würde hierzulande auf die Staatsbürgerschaft verzichten, denn wir wissen alle, dass die Aufgabe dieses Rechtsstatus Sanktionen nach sich zöge, fiele man doch auf einmal selbst unter das Fremdenrecht. Dass minimale Ansprüche noch immer an der Bürgerschaft in einem Staat hängen, demonstriert, dass wir trotz wie aufgrund bürgerlicher Freiheiten Subalterne geblieben sind, dass der entscheidende Schritt zur Humanität zwar überfällig, aber noch ausständig ist.

Für Ausländer gilt übrigens das Gleiche wie für Inländer. Ausländer sind keineswegs eine liebenswerte Spezies, sie sind auch nicht in ihrem Sosein zu protegieren, sondern lediglich vor den Zumutungen und Übergriffen der Inländer zu schützen. Ausländer sind nicht besser als Inländer, vor allem im Ausland. Inländer wie Ausländer sind weltweit abzuschaffen.

Selektion…

Solange kein Ein und kein Aus davor steht, ist das Wandern eine der anregendsten menschlichen Mobilitätsformen. Die Verlegung des festen Wohnsitzes ist allerdings eine einschneidende Maßnahme; für die Migranten selbst als auch für die alte und für die neue Umgebung. Was stattfindet, ist keine gemeine Bewegung, sondern meist eine ungemeine Entfernung. Menschen verschwinden, und wenn sie nicht untergehen (was mehr als sprichwörtlich vorkommt), tauchen sie woanders wieder auf.

Bereits 1933 schrieb der Faschist Oswald Spengler: „Es kommt nicht auf die reine, sondern auf die starke Rasse an, die ein Volk in sich hat.“ Nicht um „richtiges Blut“ gehe es, sondern um „tüchtiges“, so haben „gesunde, zukunftsreiche Geschlechter von jeher gern einen Fremden sich eingegliedert, wenn er von ,Rasse‘ war, gleichviel zu welcher Rasse er gehörte.“ (Jahre der Entscheidung. Deutschland und die weltgeschichtliche Entwicklung, München 1961, S. 203.) Aufgeklärter Liberalismus betrachtet das, von der Terminologie abgesehen, nicht viel anders. Rainer Münz etwa. Der ist unzufrieden. Da hat er sich doch abgeschuftet in der „Süssmuth-Kommission“, wollte Deutschland das modernste Einwanderungsrecht auf der Welt bescheren, und dann spurt die Politik nicht so, wie es sich der Bevölkerungsexperte vorstellt. Geht es doch um die Rettung deutscher Renten. Verstehen das die Leute nicht? Ohne Ausländer geht nix, sagt Münz. „Es wird auch in Zukunft keine Auswahl attraktiver Migranten nach dem Punktesystem geben“, beklagt er sich (Keine zweite Chance, Die Presse, 15. Jänner 2005, Spectrum, S. IV.).

Münz, der für eine „selektive Zuwanderung nach Kategorien“ eintritt, formuliert nichts anderes als den liberalen Konsens: Ausländer sind gut, wenn sie sich rechnen. Ausländer sind schlecht, wenn sie sich nicht rechnen. Am besten rechnen sich zum Beispiel folgende: „Für Top-Wissenschafter und Topmanager wird ein unbefristetes Niederlassungsrecht geschaffen.“ (Ebenda.) Tja, top muss man halt sein. „Aus ökonomischer Sicht ist Zuwanderung meist ein Gewinn für das Zielland, wenn Migranten arbeiten dürfen. Bei unqualifizierten Zuwanderern ist die Bilanz gemischter. Bei Hochqualifizierten ist der Gewinn klar“, sagt Münz im Kurier vom 24. Oktober 2006.

Lasst „uns“ gewinnen! In einem aktuellen Folder mit dem bezeichnenden Titel „Das Märchen vom bösen, bösen Ausländer“ singt die Wirtschaftskammer Österreich (WKO) ausländerfreundliche Hymnen. Durchaus richtig werden einige Volksvorurteile zurückgewiesen, freilich begründet mit handfesten Interessen des Standorts: Zuwanderung sichere die Pensionen, ohne Zuwanderung wären Gesundheit, Pflege, Tourismus gar nicht möglich. Zuwanderung stärke Innovation, Wirtschaftswachstum und Export. Höherqualifizierten, so der Schluss, muss man die Zuwanderung schmackhaft machen.

Die allseits geforderte „aktive Zuwanderungspolitik“ will genau in diese Richtung tätig werden: „Derzeit haben wir ein System, wo ein unqualifizierter Analphabet aus irgendeinem Bergdorf gleich behandelt wird wie ein qualifizierter Diplomingenieur“, sagt die österreichische Innenministerin Maria Fekter (zit. nach Augustin 280, 2010, S. 4). Es gilt also, die wirtschaftlichen Interessen zum zentralen Faktor zu machen, das meint auch Laura Rudas, die Bundesgeschäftsführerin der SPÖ: „Es sollen Menschen ins Land kommen, die wir brauchen.“ (Standard, 31. Juli 2010, S. 7.) Zweifellos, die in Bosnien ausgebildete Krankenschwester erspart hierzulande den Großteil der Ausbildungskosten.

Wirtschaftliche Interessen von Staaten gehen vor menschlichen Bedürfnissen. Migranten sollen zwar „unsere“ ökonomischen Probleme lösen, ihre Anliegen interessieren „uns“ jedoch kaum. Dass welche kommen müssen, darüber herrscht in der etablierten Politik Einigkeit. Bloß entsprechend selektiert werden müssen sie. Kopfzahl, Ausbildung, Alter, Fristen, Orte – die Kriterien sind zu bestimmen. Der Streit um die Quote war seit jeher einer um das Reglement der Auslese. Selektion will absahnen, sie will anderswo erworbene Kenntnisse und Fähigkeiten hier vernutzen.

…als Konsens

Nicht nur den hiesigen Staatskonsens hat Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer recht plastisch auf den Punkt gebracht: „Die illegale Zuwanderung der letzten Jahre muss gestoppt werden – die führt nicht zur Integration. Zuwanderung sollte nach österreichischen Interessen erfolgen. (…) Ich halte nichts davon, alle Grenzen aufzumachen und zu sagen: Jeder, der will, kann kommen.“ (Österreich, 29. September 2006, S. 10) „Zuwanderung ist kein Recht, sondern ein Privileg. Die Zuwanderung muss zukünftig auf Grundlage der österreichischen Interessen definiert werden“, sagt die SPÖ. (Salzburger Nachrichten, 28. Juni 2006) Zuwanderung ist eine Gnade, die sich nach den Bedürfnissen des „Wirtslandes“ richtet, so denken die Demokraten aller Couleurs. „Ein Bleiberecht wirkt wie ein Staubsauger“ (Standard, 28. Juni 2008, S. 4), folgert Fekter und gibt damit zu erkennen, was von gewissen Leuten, diesen Bergdörflern aller Länder, gehalten werden soll. Staub sind sie, und der Dreck soll gefälligst bleiben, wo er hingehört. Der Schulterschluss ist gegeben.

Auch von Seiten der Grünen. Im „Linzer Programm“ der österreichischen Ökopartei aus dem Jahr 2001 kann man das dezidiert nachlesen: „Die Grünen vertreten eine Einwanderungspolitik, die die Interessen, Erwartungen und Hoffnungen potenzieller EinwanderInnen und nicht nur die Interessen des Aufnahmelandes, seiner Wirtschaft und seiner Bevölkerung berücksichtigt. Es geht einerseits um Menschen, die Österreich brauchen und hier ein neues Zuhause finden sollen, andererseits um Fach- und Arbeitskräfte, die Österreich auf Grund seiner Arbeitsmarkt- und Wirtschaftslage braucht und brauchen wird. Die ,Verwertbarkeit‘ der Arbeitskraft darf nicht alleinige (Hervorhebungen von F.S.) Voraussetzung für Einwanderung sein.“

Aber eine wichtige, ja die ausschlaggebende darf sie dieser Rede nach wohl sein. Ohne Zweifel, die Grünen sind politikfähig. Die Interessen von Standorten und Nationen sind auch ihnen heilig. In der Regierung wird diese Politik den gleichen Staatsrassismus pflegen wie jede andere. Wird dieser Realismus Realität, wird sich an dieser nichts ändern. Abgeschoben werden wird. Das Brauchen wird allseits ganz groß geschrieben, es wird als Gegengeschäft betrachtet, als Tauschakt, der eine Win-Win-Situation unterstellt. Wie sagte doch der unvergleichliche Alexander van der Bellen im Mittagsjournal vom 18. Juni 2006: „Wir werden im oberen Bildungssegment Grenzen aufmachen.“ „Was wir nicht brauchen können, sind Leute, die zwei Halbsprachen beherrschen.“ Wos brauch ma de?

Die Brutalitäten der Abschiebepolitik sind jedenfalls nicht als Willkürakte der Frau Innenministerin und ihrer Behörden entzifferbar, sondern setzen lediglich durch, was Sache und Ansicht ist. Fekter & Co sind vielmehr Reibebaum der Aufregung einerseits oder Schutzschild der Verdrängung andrerseits, was meint, dass dieser Konsens verborgen bleiben soll: „Es reicht. Innenministerin Mitzi Fekter ist offenbar außer Rand und Band geraten“, schreibt der Herausgeber von Österreich, Wolfgang Fellner, am 15. Oktober 2010: „Fast jeden Tag lässt sie von der Polizei mit Gewalt harmlose Kinder und gut integrierte Familien abschieben, statt sich endlich um die wahren Probleme der Zuwanderung zu kümmern: um afrikanische Dealer, um Ost-Banden auf Diebestour – um die überbordende Zuwanderung von Minderqualifizierten.“ Das ist doch deutlich überbordend, oder? – Was uns in erster Linie interessieren sollte, ist zweifellos inner Rand und Band: Es reicht schon das, was nicht reicht…

Rein als Raus

Auf diesem Planeten wächst die Zahl der Migranten. Was natürlich der globalen Ordnung ein vernichtendes Zeugnis ausstellt, sagt dies doch, dass immer mehr Menschen von dort, wo sie sind, weg müssen oder weg wollen, weil sie sich woanders ein besseres Leben versprechen. Leute, die benachteiligt sind, wollen sich ihren Teil holen. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass Migration die Funktion erfüllt, billigere Arbeitskräfte verfügbar zu machen. Staatliche Migrationspolitik will stets Aktiva als Profite internalisieren und die Passiva der Kosten externalisieren.

Was in der Debatte verschwiegen wird, ist, dass es sich um einen Ressourcentransfer von weniger entwickelten Gebieten in die Zentren handelt. Es ist umgekehrte Entwicklungshilfe, die hier stattfindet. Vergessen wird immer, dass Emigration einen Aderlass für jene Länder darstellt. Bringt man diesen Aspekt zur Sprache, wird man schnell verdächtigt zu meinen, dass jeder und jede bleiben soll, wo er oder sie ist. Um das geht es nicht. Es geht darum, dass – ganz banal – alle auf dieser Erde gut versorgt sind, weder aus politischen noch ökonomischen Gründen irgendwohin getrieben werden. Dass sie bleiben können, wo sie sind und dass sie sich niederlassen können, wo sie wollen. Der Liberalismus hingegen ist nicht freizügig, er koppelt das Recht des freien Raums an die Verwertbarkeit der Person.

Die, die „Ausländer rein!“ schreien, vertreten, wird eine gewisse Qualifikation unterschritten bzw. eine bestimmte Quote überschritten, nichts anderes als „Ausländer raus!“. Wie heißt es im Amtsdeutsch von Big Brother Germany: „Illegal in Deutschland lebende Ausländer sind ausreisepflichtig.“ So die unselige Süssmuth-Kommission im Originalton. Und wo kein Wille ist, wird die Staatsgewalt nachhelfen. „Ausländer rein!“ ist so die gefinkeltste Variante von „Ausländer raus!“.

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