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Kritische Kategorien

16 Aug 2010

Streifzüge 49/2010

KOLUMNE Immaterial World

von Stefan Meretz

Die Aufgabe kritischer Kategorien ist es, die immer vorhandene doppelte Möglichkeit, affirmativ oder alternativ handeln zu können, sichtbar zu machen. Der individuelle Mensch im Kapitalismus ist nicht nur Unterworfener der gegebenen, sondern auch Schöpfer von neuen Bedingungen. Die Beschaffenheit der zu schaffenden Bedingungen hängt unter anderem davon ab, welchen Begriff wir von den Verhältnissen haben, die wir schaffen.

In der wertkritischen Linken gibt es die Tendenz, die Seite der vorausgesetzten gesellschaftlichen Bedingungen zu verabsolutieren und die Seite der Handlungen der Individuen unter diese zu subsumieren. Das „Subjekt“ sei nun einmal das „Unterworfene“, die Individuen seien Gefangene der Fetischverhältnisse. Die kapitalistischen Verhältnisse „als Ganzes aufzusprengen“ ist dann der folgerichtige, aber falsche Schluss, zumal unklar bleibt, wer das Aufsprengen noch vollziehen kann, wenn doch alle mit Fetischdiensten beschäftigt sind.

Diese Sichtweise ist nicht nur völlig unangemessen, sondern sie reproduziert auch im Kern die bürgerliche Ideologie von der Quasi-Naturhaftigkeit des Kapitalismus mit umgekehrter Bewertung. Die ursprünglich kritische Rede von der kapitalistischen Verwertungslogik als „zweiter Natur“ mutiert zur definitiven Beschreibung, mit der alles gesagt sei. Gegen „Natur“ kann man schlicht nichts tun, außer das „Sprengen“ des Ganzen, sich selbst eingeschlossen – welch fatale Assoziation.

Abgesichert wird diese hermetische Sichtweise durch eine falsche Verwendung des Begriffs der „Totalität“. Anstatt das Funktionieren des Ganzen in seinen Aspekten zu durchdringen, was die historische Begrenztheit und Überwindbarkeit als Momente der begriffenen Totalität einschließt, kippt die Sicht in eine undialektische Verkürzung um, in der „Totalität“ als „Totalitarismus“ eines Moments missdeutet wird. Die totalitaristische Sicht der vollständigen Unterworfenheit der Subjekte eliminiert einen kritischen Begriff der Handlungsfähigkeit, nach dem Individuen die nahegelegten affirmativen Handlungsformen auch zurückweisen und alternative Möglichkeiten erwägen können.

Dass jedes Handeln im Kapitalismus diesen auch reproduziert, ist eine triviale Erkenntnis. Kritisch wird sie erst, wenn erkannt wird, dass dieses Handeln auch transformatorische Momente haben kann. Das potenziell Gleichzeitige von Affirmation und Transformation, die doppelte Funktionalität, kann nur im dialektischen Denken erschlossen werden, das nicht auf einem monokausalen Entweder-oder beharrt. Wie kann man sich das vorstellen?

Die Grundstruktur des Kapitalismus beruht auf getrennter Privatproduktion, die jene gesellschaftlichen Vermittlungsformen erzeugt, die wir alle kennen: Markt, Äquivalententausch, Wert, Geld usw. Aus individueller Sicht ist das grundlegende Merkmal dieser Vermittlung die Konkurrenz, allerdings einer Konkurrenz, die durchaus auch kooperative Formen der Vertretung von Partialinteressen annehmen kann. In diesem Vermittlungsmodus setzen sich stets die Einen auf Kosten der Anderen durch. Darin eingeschlossen ist jene Selbstfeindschaft, die dadurch entsteht, dass ich der Andere für die Anderen bin, auf dessen Kosten sich diese durchsetzen. Exklusion und Selbstexklusion ist die allgemeine Bewegungsform im Medium der Konkurrenz.

Eine um die andere Möglichkeit verkürzte Handlungsweise bewegt sich ausschließlich in dem nahegelegten kooperativen Konkurrenzmodus. Die um die transformatorische Alternative erweiterte Handlungsform enthält die Perspektive der Konstitution von Verhältnissen, in denen reflexiv die Entfaltung der Einen die Voraussetzung für die Entfaltung der Anderen ist. Der kooperative Inklusionsmodus kann jedoch nicht ad hoc willkürlich im kleinen Rahmen umgesetzt werden, sondern ist stets begleitet vom Handeln in den alten Formen.

Wird der Widerspruch zwischen Altem und Neuem jedoch bewusst gehalten, so ist ein Handeln in der Perspektive der kooperativen Inklusion möglich. Es lassen sich „Inseln der Inklusion“ im „Meer der Exklusion“ durchsetzen. Solche Inseln sind überall möglich, es gibt keinen privilegierten Ort. Es können dies solidarische Aktionen im kapitalistischen Betrieb sein oder der Aufbau von commons-basierten Projekten der Peer-Produktion (freie Software/Kultur/Güter) außerhalb der Verwertungslogik.

Es ist allerdings nicht so einfach, die Ausschlussmechanismen zu durchschauen. Der Ausschluss Anderer erfolgt häufig nicht direkt, sondern vermittelt über mehrere Instanzen. So geht die Verteidigung des Arbeitsplatzes in der solidarischen Betriebsaktion unter den gegebenen Bedingungen schnell auf Kosten jener, die weniger effektiv ihre Interessen artikulieren können oder die ohnehin „draußen“ sind. Der Erhalt des Opel-Werkes in Bochum wurde so auf Kosten der Schließung des Werkes in Antwerpen erreicht.

Die Alternative kann nur die transzendierende Perpektive der Schaffung solcher Bedingungen sein, unter denen der Ausschluss grundsätzlich, also strukturell ausgeschlossen ist, weil die Inklusion das bestimmende Moment der gesellschaftlichen Vermittlung ist. Solche Verhältnisse liegen jenseits von Markt, Wert, Geld, Staat und letztlich auch jenseits jener Arbeit, deren Platz heute vehement verteidigt wird.

Eine etwas anders gelagerte Problematik ergibt sich für Projekte, die sich (mehr oder weniger) bewusst außerhalb der Verwertungslogik gebildet haben – etwa die zahlreichen neuen und alten Commons-Initiativen. Sie operieren zwar grundsätzlich jenseits von Markt und Staat, setzen aber voraus, dass die Teilnehmenden ihre individuelle Reproduktion schon „irgendwie“ absichern werden. Dies geschieht in der Regel unter den konventionellen Bedingungen des Kapitalismus.

Widersprüche wie die hier exemplarisch skizzierten lassen sich nicht vermeiden. Das Adornosche Diktum, dass es „kein richtiges Leben im falschen“ gebe, ließe sich also umformulieren zu der Aussage, dass es „kein widerspruchsfreies Leben im falschen“ gibt. Das jedoch ist mehr, als das Verwerfen jeglichen alternativen Handelns in einer Situation, in der das „Richtige“ nicht in Reichweite ist. Oder anders formuliert: Das bewusst eingegangene widersprüchliche Handeln, nämlich jenes in der Perspektive der allgemeinen Inklusion, ist unter den gegebenen Bedingungen das richtige.

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