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„Ich verstehe mich mit dir gut“

01 Apr 2010

Streifzüge 48/2010 – Homestory

von Maria Wölflingseder

„Ich glaube nämlich, dass jedes Wesen, jedes Ding, jede Landschaft, genauso wie Feuer, Wasser und Luft auf einen Ton gestimmt ist, und manchmal in seligen Augenblicken begegnen wir Figuren oder Orten, die unserer Stimmung vollkommen entsprechen und uns zum Klingen bringen. Ein Glück der Harmonie kann dann entstehen: Zwei schauen sich gegenseitig auf den Grund der Seele. Einer kann Koloratursopran an der Mailänder Scala sein und der andere durchaus Regenwolken über den Donauauen. Der eine Eislieferant in Olmütz und der andere der Handschuh einer betrogenen Frau. Einer Zigarettenschmuggler und der andere das Geräusch einer zugeschlagenen Autotür. Jede Kombination ist denkbar. Die zwei erkennen einander, wissen, dass sie zum selben Stamm gehören und dass der Engel der guten Fügungen sie zu Recht anspucken würde, wenn sie einander leugneten.“ – Das schreibt André Heller über Joseph Roth und seine Protagonisten.

Wie sehr gilt das Beschriebene erst für zwei Menschen. Sympathie oder – ein anderes treffendes Wort – Zuneigung ist unberechenbar und unlogisch, daher unerklärlich. Geradezu magisch, sich von jemandem angezogen zu fühlen. Von Anfang an das Gefühl zu haben, einander schon lange zu kennen. Seelenverwandtschaft – eine Metapher für übereinstimmendes Empfinden. Manche „erkenne“ ich vom ersten Augenblick an, andere entdecke ich mit der Zeit. Freundschaft ist etwas Intimes. Mit Aristoteles, dem es bei der Freundschaft um ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ging, habe ich nicht viel am Hut. Freundschaft als sittliche Tugend? Nein, das wäre für mich etwas zwischen „Nächstenliebe“ und „Solidarität“. Montaigne, für den „das größte Ereignis in der Welt ist zu verstehen, man selbst zu sein“ (la plus grande chose au monde est savoir ètre à soi), fühle ich mich viel näher. Die Freundschaft zu Étienne de La Boétie ging Montaigne über alles. Er fand aber, Freundschaft zu einer Frau – falls sie über geistige Fähigkeiten verfüge (er ist nur keiner solchen begegnet) – könnte noch stärker sein, weil sie Geist, Seele und Körper umfasse.

Es gibt Sätze, die zu Floskeln geworden sind und dabei ihrer vollen Bedeutung verlustig gegangen sind. Solch ein Sätzchen ist: „Ich verstehe mich mit dir gut.“ Das heißt doch: „Ich verstehe mich durch dich so gut.“ Sich selbst im Anderen erkennen. Zwei schauen sich gegenseitig auf den Grund der Seele. Freundschaft eine wundervolle Möglichkeit zu erfahren, man selbst zu sein, durch die Spiegelung im Anderen, durch das vom Anderen Wahr(!)genommen-Werden. – Von hier ist es nicht weit zur Kunst. Sie ist ebenfalls ein großartiges Mittel zur Spiegelung seiner Selbst. Stefan Zweig schreibt in seinem Fragment über Montaigne: „Wer sein eigenes Leben schildert, lebt für alle Menschen, wer seine Zeit zum Ausdruck bringt, für alle Zeiten.“ Auch das gemeinsame Genießen von Kunst, z.B. von Musik, die zweien gleichermaßen nahegeht, kann große Nähe schaffen. Und umgekehrt, was wäre eine bessere Inspiration für poetisches Schaffen als reizvolle Begegnungen. – Nicht umsonst heißt es auch, ein gutes Buch ist, wenn etwas so geschrieben wurde, als ob man es einem guten Freund erzählt hätte.

„Schriftlich und Körperlich – meine bevorzugten Ausdrucksweisen“, so beginnt eines meiner Gedichte. Briefe, Mails, SMS – ein wichtiger Austausch unter Freunden. Ein anregendes Ping-Pong – überlegt und reflektiert. Historische Briefwechsel – Literatur gewordene Freundschaft. Aber sich „sinnlich live“ zu treffen, der spontane, direkte Austausch darf kein Versprechen bleiben. „Unvermögen // Meine Vorstellung / vermag vieles. / Nur eines nicht. / Die Wirkung / deiner Anwesenheit / erzielen“, lautet ein anderes meiner Gedichte.

Freundschaft: Begegnung von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele. Begegnung jenseits von Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Milieu. Und auch jenseits von Weltanschauung. Unter meinen Freunden und Freundinnen sind Alte und Junge, Männer und Frauen, Schriftsteller und solche, die noch selten ein Buch von innen gesehen haben. Potentielle Freunde und Bekannte nach Kriterien der political and sexual correctness zu checken, ist genauso befremdlich wie nur unter Seinesgleichen zu verkehren. Bei der Zusammenarbeit und den Zusammenkünften in Sachen Analyse und Kritik steht eine bestimmte Aufgabe, eine Absicht im Vordergrund. Freundschaften hingegen sind absichtslos. Zuneigung wird in all ihren Varianten und Nuancen verkostet und ausgekostet – zweckfrei wie beim Spiel. Ein „Doppelleben“ ist daraus geworden. Ja, meine Welten sind überaus verschieden.

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