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Freundschaft!

Zwei Anläufe zu einer Perspektive auf Frieden und Freiheit

Streifzüge 48/2010

von Lorenz Glatz (Überarbeitung des Textes in der Druckausgabe)

0. Etymologische Vorbemerkung

Weil ich meine Großmutter regelmäßig besucht, ihr zugehört und ihre Fragen beantwortet habe, hat sie mich ihren „Freund“ genannt. Das schien mir ungewöhnlich, aber die Etymologie gibt ihr recht: Freund ist ein Mittelwort der Gegenwart und hat eine indogermanische Wurzel mit der Bedeutung „schützen, schonen; gern haben, lieben“. Friede und Frei teilen übrigens diese Herkunft. Friede meint einen gesellschaftlichen Zustand freundlicher Beziehungen, an denen die „Freien“ (die Bedeutung „lieben“ ist im Verb „freien“ noch einigermaßen erkennbar) teilhaben. Diese Bedeutungen schwingen im Deutschen sozusagen als Konnotationen historisch mit, wenn es um Freundschaft als eine spezifische Gestaltung der Beziehungen unter den Menschen geht.

Sie wird nicht bloß als privilegiertes Verhältnis einzelner gestaltet und genossen. Soweit ist das heute Alltagssprache. Darüber hinaus wird aber nach wie vor inmitten der gesellschaftlichen Kälte und – so muss man heute sagen – schleichenden Desintegration alltäglich ohne viel Aufhebens als unsichtbarer und vielfach unbeachteter Kitt des Zusammenlebens uneigennützige, selbstverständliche Freundlichkeit praktiziert, ja seit dem europäischen Hellenismus sagen Philosophen und Religionsstifter, dass darin der grundlegende Zusammenhalt der Menschheit besteht. Erst in der Neuzeit wird ein Gegendiskurs dominant.
Als Rahmenbedingung von Freundschaft freilich wirkt ein anderes gesellschaftliches Phänomen: die Herrschaft. Freundschaft hat sich auf allen Ebenen stets zur ihr verhalten und zu verhalten, seit jene in die Geschichte eingetreten ist. Dabei sind Theorie und Praxis freundlicher Beziehungen die verschiedensten Amalgamierungen mit Herrschaft eingegangen, von der Vaterliebe und kindlichen Anhänglichkeit zwischen Herrn und Volk bis zur fast völligen Vereinnahmung von Freundschaft in die Kumpanei des Krieges und der Konkurrenz. Und doch ist auch die Tradition des Verrats an den diversen Herrschaften, begangen aus Liebe und Freundschaft, nie erloschen.

1. Anlauf. Beiläufig mit Platon

Die enge, frei gewählte Beziehung zwischen gleich Gestimmten, explizit oder implizit begehrlich und sexuell-erotisch, ist der uns naheliegende, sicherlich meistgewünschte Sonderfall, er gilt als das Musterbeispiel von Freundschaft und Liebe. Deren Bereich geht jedoch, wie gesagt, weit darüber hinaus. Freud hat das unter dem Begriff Sublimierung behandelt, als zielgehemmten Eros. Sublimierung gibt es jedoch nicht bloß repressiv, wie Freud es meistens darstellt. Ein dünner Strang zumindest hat auch unter herrschaftlichen Bedingungen eine bessere Perspektive: Geglückte Liebe, erfülltes Begehren nährt auch den Wunch nach Weitung, Verästelung, Verfeinerung, Teilhabe der Andern (ausführlich nachzulesen in Herbert Marcuses Eros and Civilization).

Nicht nur Gleich und Gleich gesellt sich gern, sondern gerade auch die Differenz schafft Begehren, Bedürfnis und Hinwendung. Ja, Freundschaft und Freundlichkeit braucht eins gerade als der schwache Teil in den meistens ungleichen Verhältnissen, die unser Leben ausmachen, es bereichern, schützen – und bedrohen und zur Hölle machen, wenn wir scheitern. Kein Mensch hätte ohne fürsorgliche Pflege wahrscheinlich auch nur das Kleinkindalter überlebt. Ich wähle jedoch das eingangs erwähnte Verhältnis zum Exempel – die ungleichen Beziehungen zwischen Alten und Gebrechlichen und denen, die sie therapieren, pflegen, sich um sie kümmern, ein Verhältnis, das nicht recht in das Bild von der „besten Freundin“ oder dem „Seelenfreund“ passt. Wer hier auf der schwachen Seite liegt, ist in seiner Ungleichheit dem Verlassenwerden und dem Übergriff leicht ausgesetzt. „Gottes Lohn“, den die Siechen für ihre Pflege verheißen konnten, hat samt der Gottesfurcht weitestgehend ausgedient. Und an Nutzen und Brauchbarkeit, an „Gleichwertigem“ hat eins dann vielleicht nie mehr nie jemandem etwas zu bieten.

Aristoteles sah in Ungleichheiten in einer Freundschaft bereits ein Äquivalenzproblem und nahm den „schlechteren“ Freund in die Pflicht, dem „besseren“ zum Ausgleich für seine „mindere“ Qualität ein „Mehr“ an Dienstbeflissenheit zu bieten. In unserem Fall heißt das freilich schnell: Ausschluss von Freundschaft und Freundlichkeit. Aristoteles hat in seiner Ethik wohl nicht daran gedacht, aber in einer voll entwickelten Warengesellschaft, wo die von uns konkret ins Auge gefasste Beziehung zu einem nicht geringen Teil professionalisert und ökonomisiert ist, gibt es für den geforderten quantitativen Ausgleich die allgegenwärtige Patentlösung: Geld, das mystische Ding, das historisch ungemein erfolgreich die qualitativ verschiedensten Dinge in gleichen, leeren Quantitäten von Wert nummeriert. Dieser unpersönliche Regent der Welt, von dem manche Dichter und Propheten in der Antike klagten, dass er die Welt versklave – weil es damals noch einen Hintergrund gab, vor dem das leichter so zu sehen war. In neueren Zeiten ist seine Herrschaft aber so durchgedrungen, allgegenwärtig und selbstverständlich, dass eins sie kaum mehr sieht. Ja, sie gilt als Wohltat, wie sonst könnte man denn heutzutage zu den Dingen und Diensten kommen, die eins zum Leben braucht?

Der Kranke oder Pflegebedürftige unseres Beispiels tritt also heute nicht selten in ein Kunde-Dienstleister-Verhältnis mit seinen Pflegern. Er bringt als Kunde Geld (sein eigenes Vermögen, bar oder als Erbschaft, oder einen geldwerten Anspruch aufgrund von Versicherung und Sozialgesetzgebung) als Zahlung für die konsumierte Leistung ein und stellt so die Gleichwertigkeit her. Soweit die gute Nachricht. Bloß: Gleichwertigkeit beruht auf einer Gegensätzlichkeit von Geldinteressen, die den einen anhält, möglichst wenig für sein Geld zu tun, und die andere, möglichst viel dafür zu konsumieren. Es begegnen da einander im Grund nicht Menschen, sondern bloß auf den Wert bedachtes Geld und geldwerte Leistung. Je weniger der eine für die Bezahlung leistet, je weniger die andere dafür zahlt, desto besser steht der Zahler oder die Bezahlte da. Je mehr solche Wertlogik Richtschnur des Handelns wird, desto mehr kann „Dienst nach Vorschrift“ in Gegensatz zum menschlichen Sinn und Zweck eines Tuns geraten. Ja, in unserem Beispiel führt die Realisierung solcher Logik leicht über kalte Gleichgültigkeit zum Tod.
Hier ist ein kurzer Blick hinaus aus dem engen Raum unseres Beispiels angebracht. Schließlich gestalten wir tagaus tagein in diesen Rollen als Zahler oder Bezahlte den Großteil unseres Lebens und stehen in einer globalisierten Welt auf diese Weise in sachlicher, monetär-rechtlicher Verbindung mit Menschen, die wir zum allergrößten Teil noch nie gesehen haben. Das ist keineswegs so harmlos, wie es klingen mag. Denn Geld und das Recht, auf dem es beruht, sind nicht durch sich selbst stabil. Sie sind bloß geronnene, strukturelle Gewalt, das heißt, es gilt nicht einfach ihr Nennwert, nicht ihr Buchstabe, sondern das, was glaubhaft erzwungen werden kann. Allen schönen Reden zum Trotz sind sie der Status quo gegensätzlicher Interessen, die mehr oder minder brüchigen Grenzbalken von blankem Egoismus. Der gilt nicht zufällig als Gegenteil von Mitmenschlichkeit, als Unmenschlichkeit also.

Ja, es ist so, dass Geld und Recht Egoismus bei den Menschen voraussetzen und dass umgekehrt dort, wo dieser herrscht, am kompetentesten und effektivsten mit Geld und Recht umgegangen wird. Die Schwäche des Berechtigten und Geldbesitzers ist die Chance des andern Egoisten. Und der wird dort, wo der Schutz von Recht und Zahlung dünn oder ausgeschaltet ist, regelmäßig übergriffig, und sei es nur aus sadistischem Vergnügen. Der alltägliche Wandel und Handel der Welt legt davon beredtes Zeugnis ab. Natürlich auch unser Beispiel: Die „Todesengel von Lainz“ in den 80er Jahren waren so wenig Dämonen aus einer anderen, gesetzlos-bösen Welt wie der „Doktor Tod“ im KZ Mauthausen. Sie sind genuine Geschöpfe derselben Logik.
Dass trotzdem (auch für Lohn und Geld) Menschen aufmerksam, ja liebevoll gepflegt und umsorgt werden, ist unbezahlter und unbezahlbarer menschlicher Luxus, Respekt, persönliche Verbundenheit, Freude aneinander – ist die „Freundschaft“ meiner Großmutter oder – verzeiht den dicken Auftrag – ein Triumph menschlicher „Ebenbürtigkeit“ über die Herrschaft der „Gleichwertigkeit“. Das mag immerhin auch nach Geldlogik noch irgendwie einzuzordnen sein bei den Gepflegten, aber auch wer gut und gern pflegt, wärmt sich am An-Sehen und der Zu-Neigung seines Gegenübers, ja – was den Kern ausmacht – einfach am gemeinsamen Menschsein jenseits aller bestimmten Antwort von denen, die da umsorgt werden. Nach Geldlogik gilt so jemand als „Idealist“, hinterrücks vielleicht als dumm. Im Sinn von Freundschaft aber glückt, immer wenn sich das ereignet, ein menschliches Verhältnis, lösen sich Stärke und Schwäche auf: in Glück eben. Der Wolf wird zum Menschen, weil der Eine den Anderen als Menschen erkennt und sich ihm zuneigt. (So löst sich übrigens tatsächlich die banale Alltagsszene in der Asinaria des römischen Dichters Plautus auf, aus der Thomas Hobbes sein „homo homini lupus“ genommen hat. Allerdings ist das Erkennen dort ein Betrug. Es geht dabei nämlich – nicht zufällig – um Geld.)

Nichtberechnende Freundlichkeit hat, weil sie in die geldherrschaftliche Ordnung nicht so recht reinpasst, leicht den Geruch des hilflos Privaten. Immerhin macht sie in unserer eben nicht nach diesem Muster gestrickten Gesellschaft noch soweit Sinn, dass eins sich im Spiegel noch als einen Menschen zum Gernhaben erblicken kann, auch wenn man das in der alltäglichen Konkurrenz eher sparsam zur Geltung bringen wird. Kann aber entwickelte Freundschaft der verschiedensten Art, eine Kette oder ein Netz von Freundschaften sozusagen, zu gesellschaftlicher Relevanz wachsen? Was es dazu brauchte, lässt ausgerechnet der Herrschaftstheoretiker Platon im Dialog Symposion einen gewissen Pausanias sagen, einen der Vorredner, bevor er den großen Meister Sokrates das Wort ergreifen lässt. Pausanias meint mit Blick auf die Tyrannei des Perserreichs, dass es „den Herrschenden nicht bekommt“, wenn die Beherrschten „große Einsichten“, „starke Freundschaften und vertrauten Umgang“ miteinander hätten. Das schürt tatsächlich Hoffnung, nicht bloß auf Emanzipation von persönlichen Herrschaften, sondern vielleicht sogar von einer so ganz und gar liberalen und bloß sachzwänglichen Herrschaft wie jener der Geld- und Kapitallogik. Vielleicht kann Theorie und Praxis von Freundschaft Herrschaft korridieren, wenn die „großen Einsichten“ sich nicht vom „vertrauten Umgang“ trennen.

2. Anlauf. Weg von Thomas Hobbes…

Die moderne Gesellschaftstheorie des Thomas Hobbes beginnt mit einem Angriff auf die aristotelische Anthropologie des zoon politikon, auf das Konzept eines Menschen, der auf ein Zusammenleben in der polis ausgerichtet sei und den eine philía politiké (eine Liebe / Freundschaft in der Polis) mit den anderen Bürgern verbinde. Aber die Polis ist nicht die bewohnte Welt und Bürger sind nicht einmal alle Bewohner. Die Einhegung von Geselligkeit in der Polis lässt es zu, fordert dazu heraus, dem Bürger die Nichtbürgerin, den Barbar, den Feind gegenüberzustellen, der Stadt eine andere, ein unsicheres, feindliches Außen. Hier hat Hobbes eigentlich einen Berührungspunkt mit den kritisierten Alten, er ist aber wesentlich radikaler. Für ihn ist die Feindschaft tendenziell überall, er postuliert die Welt als zu knapp für die Menschen und schon den Naturzustand der Individuen als Krieg aller gegen alle um die erstrebten Lebens-Mittel. Freundschaft im angerissenen Sinn einer menschlichen Potenz zu einem glücklichen Miteinander gibt es bei ihm nicht.

Bloß die drohende Aussicht auf einen frühen Tod im naturgegebenen Krieg bringe die Menschen dazu, ihre unumschränkte Souveränität des Besetzens und Tötens an den absoluten Staat abzutreten und dessen Spielregeln eines gezähmten Wettbewerbs in seinem Bereich zu beachten. Doch nach außen herrscht weiter Mord und Totschlag, wird die innere Konkurrenz gleichgeschaltet und gebündelt, denn zwischen den Staaten herrscht weiter der Naturzustand.

Hobbesʻ Anthropologie ist – wie aus dem bisher Gesagten schon zu vermuten – die zur menschlichen Natur erklärte Logik der zu seiner Zeit endgültig durchgesetzten Geldwirtschaft. Dieser Vorgang der Naturalisierung gesellschaftlicher Phänomene zur Erklärung des herrschaftlichen Status quo war nicht neu, bloß ist diese bis heute weiter- und ausentwickelte Herrschaftslogik wesentlich dichter und ins Leben eingreifender als ihre Vorgängerinnen. Hobbesʻ Befund, dass es keine Freundschaft gibt, ist vor allem eine (in ihrer Wirkung auch zur eigenen Umsetzung beitragende) Prognose der kommenden Entwicklung. Schillers Ballade „Die Bürgschaft“, von einem gewissen Mörus, der da nach einer antiken Erzählung im 4.Jahrhundert v.Chr. „zu Dionys, dem Tyrannen“, schleicht, „den Dolch im Gewande“, nach dessen Verhaftung der Freund mit seinem Leben als Kaution dafür bürgt, dass jener, zur Besorgung einer dringenden Familienangelegenheit enthaftet, nach drei Tagen zur eigenen Kreuzigung wieder erscheint, und der, als er wirklich kommt, um den Freund wieder auszulösen, als gescheiterter Mörder vom gerührten Tyrannen und präsumptiven Mordopfer um seine Freundschaft gebeten wird – diese alte Geschichte ist wohl schon im 19. Jahrhundert nostalgische Rührsal für Heranwachsende.

Der Platz für Freundschaft (so patriarchalisch amalgamiert sie auch sein mochte) war mit dem Vordringen der Geldlogik in alle Lebensbereiche dramatisch geschwunden. Der bittere Spruch, wonach beim Geld die Freundschaft aufhört, wird zur Alltagsweisheit. Die altertümliche Theorie der Freundschaft um des Freundes selbst willen läuft seit Kants schon recht knöcherner Darstellung aus. Was es noch gibt, ist die Hobbes’sche „amicitia forensis“, das nicht immer sehr stabile Zweckbündnis zur Durchsetzung eigener Interessen. Die Praxis menschlicher Verbundenheit wird kanalisiert zu einer Art Waffenbrüderschaft in den Fährnissen des Lebens, vor allem zur Bewährung in den neuen, intensivierten gesellschaftlichen Formen der Konkurrenz, von den wuchernden Formen immer neuer Märkte bis zu den „Stahlgewittern“ des Krieges.
Und doch ist die Differenz der Freundschaft zu ihrer Vereinnahmung in Kampf und Wettbewerb nicht einmal in den Schlachthöfen der Weltkriege völlig verschwunden. „Mitten im Frieden“ aber hat sich in den Jahrzehnten seitdem die Modellvorstellung des noch im intimsten Umgang kalkulierenden homo oeconomicus tief in den Arbeitsmenschen hineingefressen, und heute sind auch schon die unteren Schichten angehalten, sich zum „unternehmerischen Selbst“ (Ulrich Bröckling) zu modeln, das überall, ob bei der Arbeit, im Urlaub, beim Verhandeln oder beim Sex im Bett immer seinen Nutzen maximiert und in der steten strategischen Analyse aller, auch der eignen Mängel und Risken nicht einmal sich selber so wirklich trauen und Freund sein kann. Die Hobbessche Diagnose von etwas, das zu seiner Zeit von vielen noch als menschliche Unvollkommenheit, vielleicht sogar als grundlegende Verderbtheit aufgefasst wurde, ist inzwischen zum Leitbild geworden, der Wolf ist das, was zu sein hat, wer reüssieren will gegen die andern, ja gegen sich selbst.

Die aufbrechende Krise der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, deren Wohl und Wehe am Gelingen eines stets wachsenden Kreislaufs von Kapitalverwertung hängt, bringt auch sehr fitte Hobbessche Wölfe außer Atem. Die Erde, die einmal als reiche Mutter aller Menschen galt, ist so knapp geworden, wie Hobbes es voreilig vor bald vierhundert Jahren angenommen hat. Nicht nur ist alles schon vergeben, sie ist auch über große Strecken recht versaut und vieles, was noch vor kurzem unerschöpflich schien, geht zur Neige. Die Krise steigert nicht nur den Druck auf die Seele des Wachstums, die menschliche Arbeit und den steten „Kampf um Arbeitsplätze“, ins Aussichtslose, sondern sie verschärft jede andere Unterdrückung auch – der flexible Widerstand gegen die Gleichberechtigung der Frauen versteift sich wieder, die Diskriminierung der „colored people“, die „Abwehr“ der immer noch und immer weiter zunehmenden „Ausländerflut“ bekommt den mehr oder minder brutalen Zuspruch aller, die Wahlen gewinnen wollen, um wenigstens noch von der Verwaltung des Niedergangs zu profitieren. Und die Rechte und die Güter, die die Benachteiligten und Unterdrückten haben wollen, brechen auch für solche weg, die sie noch haben. Es sieht ganz so, dass „Aufschließen“ zu den Vollberechtigten und „Verteidigen“ des schon Erreichten nicht mehr so richtig greifen, wenn das Bezugssystem selber in den Fugen kracht. Und erst recht schlechte Zeiten für eine freundliche Welt. Und nächstes Jahr verlässlich schlechter.

… hin zu „Frieden, Freiheit, Freundschaft“?

Und die Werte und Normen der Menschenrechte und Humanität? Sie haben wirklich eine lange Tradition. Laktanz, Philosoph und Christ zugleich, hat z.B. schon im 4. Jahrhundert den Begriff des Menschseins ganz ontologisch als unsere gemeinsame Gotteskindschaft definiert, die alle Menschen zu Geschwistern macht. Daraus ergibt sich, dass die „für wilde Tiere zu halten sind“, die „plündern, foltern, töten, vertreiben“, ja dass jeder, „der das Band der Menschlichkeit zerreißt, für einen Brudermörder anzusehen ist“ (die Schwestern wurden ja bis vor kurzem einfach subsumiert). Das Problem von derlei Normen liegt allerdings in ihrer Durchsetzung. Inhalt von Sonntagspredigten in festlich geschmückter Umgebung sind sie schon Jahrhunderte lang, denn Gottes Mühlen mahlen, wie man so weiß, schrecklich langsam. Doch Gott hat regelmäßig engagierte Helfer. Das römische Imperium z.B., dessen hehren Beruf schon 300 Jahre vor Laktanz Vergil in berühmten Worten definiert: „Friedensgesittung aufzuerlegen, den zu schonen, der sich fügt, und den mit Krieg niederzuwerfen, der sich überhebt“. Unzählige kleine und große Friedensstifter, Kirchen und Sekten und die verschiedensten Mächte haben seitdem auf diese Weise Gottes Geboten, der Wahrheit und den Menschenrechten Geltung verschafft und tun es selbstredend bis heute. Die diversen Paces, von der Pax Romana bis zur Americana sind sich verdächtig ähnlich und laufen auf einen empirischen Beweis hinaus, dass Herrschaft und „Friede, Freiheit, Freundschaft“ (die drei Wortgeschwister) von disparater Herkunft und Logik sind.

Gesellschaftlichkeit als ein Netzwerk freundschaftlicher Verbindungen unterschiedlichster Intensität und Gestalt zwischen konkreten Menschen, die sich so zu einem weltweiten Gewebe Menschheit zusammenfinden, solche Gesellschaftlichkeit ist keine Norm, schon gar keine Realität, sondern ein Vorhaben, das sich auf eine Potenz stützt, die wir an uns erfahren und benennen können. Gesellschaftlichkeit mag eine unabdingbare Voraussetzung menschlichen Lebens überhaupt sein, in ihr sich zu verhalten ist jedoch unentschiedene Potenz jedes einzelnen. Es gibt keine ewige, maßgebende menschliche Natur, die uns vorgibt, wie und was wir tun sollen, wenn wir in „Frieden, Freiheit, Freundschaft“ leben wollen. Wer aber selbst hie und da erlebt hat, dass wir zu Freundschaft fähig sind, dass es Freude macht und befreiend ist, einander als Andere unser selbst, als anders und doch unsresgleichen, anzuerkennen und freundlich aufzunehmen, muss sich mit dem Elend und der Feindschaft der menschlichen Verhältnisse nicht abfinden, kann jene „andere Welt“ für möglich halten und die unerträgliche demontieren, transformieren wollen.
„Ach, wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein“, klagt Bert Brecht „an die Nachgeborenen“. Vielleicht ist das der deutlichste Ausdruck des Scheiterns. Nicht die Verzweiflung, „wenn da nur Unrecht war und keine Empörung“, nicht die verzerrten Züge ob des „Hass(es) gegen die Niedrigkeit“, nicht die vom „Zorn über das Unrecht“ heisere Stimme, erst die summarische und zugleich individuelle Unmöglichkeit, freundlich zu sein, besiegelt die Tragödie und erklärt vielleicht, warum nach der „Flut, in der wir untergegangen“ – und 50 Millionen Ermordete überlebend wieder aufgetaucht sind, nur ein Umbau der Herrschaft, aber keine „andere Welt“ herausgekommen ist.

„Freundlich zu sein“ ist nämlich mehreres: Es ist Motiv, Attraktion, Methode und Zusammenhalt des Vorhabens, es ist nicht ein fernes Ziel, sondern als work in progress schon von allem Anfang Inhalt der Bemühungen, Antrieb für eine Theorie und Praxis, die uns Freundschaft entwickeln und wirksam machen lassen gegen die gesellschaftlichen Grundlagen des „Kriegs aller gegen alle“, der dabei ist, über die Ufer aller seiner Kanäle zu treten. Freundschaft steht daher gegen die glorreiche Logik von Kampf und Sieg, in der Kampf regelmäßig vom angeblichen Mittel zum Sinn und Selbstzweck mutiert. Befreier sind als Sieger immer auch die Erben und Nachäffer der alten Unterdrücker. Wenn eine freundliche Welt möglich sein soll, dann ist die herrschaftliche Gewalt nicht zu kopieren, sondern zu delegitimieren, zu umgehen, zu unterlaufen, zu isolieren, zu demontieren.

Dies zu betonen ist umso wichtiger, als gerade dies ein blinder Fleck ist im Auge von Kritik und Widerstand, in dem „schneidende Schärfe der Auseinandersetzung“, ob nach innen oder außen, weithin als ein Gütezeichen gilt und aus den starken Worten immer schon die Sehnsucht nach dem Zuschlagen tönt. Die individuelle Haltung und die Umgebung, in der sie gefordert ist, lässt sich gerade für gott- und kirchenferne Menschen wie mich mit der Erzählung vom ungläubigen Samariter illustrieren, der sich auf dem Weg von Jerusalem nach Jericho des Mannes annimmt, der unter die Räuber gefallen ist und an dem der orthodoxe Pharisäer und der ebensolche Levit kühl vorbeigegangen sind. (Lukas 10,25–37) Eine Vereinigung und Kooperative solcherart Ungläubiger könnte vielleicht der schon wieder biblische Sauerteig einer freundlicheren Welt sein. Freilich stellen sich eine Menge mehr Fragen, als Antworten absehbar sind. Aber so ist das auf dem Weg zu einem Ziel, das eins mehr wünscht als kennt, auf Wegen, die oft erst zu bahnen sind. Aber nicht allein und „fully addicted to friendship“!