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Sackgasse Regionalwährung

29 Mrz 2009

von Andreas Exner

In den Debatten um eine Alternative zum Kapitalismus tauchen ein ums andere Mal zwei Konzepte auf: der Tauschkreis und die Regionalwährung. Beide Konzepte sind miteinander eng verbunden. Und beide wurzeln theoretisch in der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine „natürliche Wirtschaftsordnung“ begründen wollte.

Gesell meinte, im Zins die Wurzel aller Übel erkannt zu haben. Der Zins sei leistungsloses Einkommen. Als solches sei er zu bekämpfen. Gesell führte auch die Krisen auf den Zins zurück. Als Lösung propagierte er Freigeld und Freiland. Während die Freilandidee heute keine Rolle mehr spielt, erfreut sich das „Freigeld“ nach wie vor großer Beliebtheit.

Das sollte Anlass zur Sorge sein. Denn Gesells Analyse ist falsch und seine Ziele können nicht die unseren sein. Seine Kritik am „leistungslosen Einkommen“ sparte den Unternehmergewinn wohlweislich aus. Den Markt hielt er für eine gute Einrichtung. Er meinte allerdings, dass sich dort nicht die „Fittesten“ durchsetzen, da der Zins den Geldbesitzern eine Macht verleiht, die nicht auf eigener Anstrengung beruhe. Erst wenn der Zins beseitigt ist, würden nur mehr die „Fitten“ überleben. Auch Krisen gehörten dann der Vergangenheit an.

All dies ist falsch. Wir wollen die Konkurrenz ja nicht verstärken, sondern müssen sie überwinden. Es kann auch nicht darum gehen, die Marktwirtschaft vom „Kapitalismus“ zu „befreien“. Der Markt ist nur eine Sphäre des Kapitals – der Bewegung von Geld-Ware-Mehrgeld. Das Mehrgeld, das der Vernutzung von lebendiger Arbeit entspringt, spaltet sich dort in Unternehmergewinn und Zins. Den Zins zu kritisieren und den Unternehmergewinn zu verteidigen ist deshalb unlogisch. Auch eine Perspektive ergibt sich daraus nicht.

Kapitalismus ist ein System, in dem alles gekauft und verkauft werden muss. Der Kapitalismus ist deshalb Geldwirtschaft. Er macht alles zur Ware und anstelle direkter Herrschaft oder gemeinschaftlicher Entscheidungen tritt der anonyme Markt. In einem solchen System wird selbst die Lebenszeit zur Ware, Lohnarbeit zur beherrschenden Form von Tätigkeit und die Abhängigkeit von der Kapitalverwertung damit umfassend.

Der Geldwirtschaft ist die Konkurrenz eingebaut. Am Markt wird ja nicht bewusst und gemeinschaftlich darüber entschieden, was für wen von wem und auf welche Art produziert und verteilt wird. Ganz im Gegenteil trennt das Geld die Einzelnen in vereinzelte Einzelne, die nur mehr über ihre Waren und das Geld „kommunizieren“. Die Konkurrenz führt dazu, dass Menschen gegeneinander arbeiten müssen. Und sie führt zu einem Wachstumszwang. Denn ein Unternehmen, das weniger Gewinn einfährt als der Konkurrent, droht über kurz oder lang vom Markt zu verschwinden.

Die Geldwirtschaft bedingt allerdings auch einen Wachstumsdrang: den abstrakten Selbstzweck, aus Geld mehr Geld machen zu müssen. In einer Wirtschaftsweise, in der die Produktionsmittel und Rohstoffe inklusive der Arbeit gekauft werden müssen, und in der alle Waren verkauft werden müssen – wo also Geld den Anfangs- und den Endpunkt der Produktion darstellt – ist das nicht anders möglich. Mit 100 Euro Waren im Wert von 100 Euro zu produzieren macht keinen Sinn. Den macht geldwirtschaftliche Produktion erst, wenn aus 100 Euro zumindest 101 Euro werden.

Diesem Ziel hecheln deshalb alle Unternehmen hinterher. So verselbstständigt sich die Produktion gegenüber den konkreten Bedürfnissen, die sie eigentlich befriedigen sollte. Aus 100 Euro können 101 Euro werden, daraus 1.000, 10.000 und so immer fort. Für das Wachstum der Geldwirtschaft ist kein Ende denkbar, weil sich in ihr immer nur Geld auf Geld bezieht. Konkrete Bedürfnisbefriedigung, die an sich selbst eine Grenze findet, weil niemand endlos durstig ist, unaufhörlich isst, ständig Sex hat, oder gleichzeitig in zwei Häusern wohnt, spielt dann keine Rolle mehr.

Wachstumsdrang und Wachstumszwang bedingen Krisen. Weil alle Unternehmen auf Teufel-komm-raus und ohne sich abzusprechen produzieren, wird Kapital immer wieder an der zahlungsfähigen Nachfrage vorbei investiert. Und es kommt regelmäßig dazu, dass Kapital keine ausreichenden profitablen Investitionsmöglichkeiten mehr findet und die Produktion in Folge einbricht. Das im Übermaß angehäufte Kapital wird entwertet, die Perspektiven sehr vieler Lohn- und damit Kapitalabhängigen werden zerstört.

Regionalwährungen ändern an all diese strukturellen Problemen nichts. Es ist auch nicht zu erkennen, welcher entscheidende Unterschied – um ein Beispiel zu nehmen – zwischen dem früheren österreichischen Schilling und dem heutigen „Chiemgauer“ bestehen sollte. Dass kein Zins existiert, kann ja wohl kein Kriterium sein. Japan hatte jahrelang Nullzinsen, und auch die USA sind auf dem besten Weg dorthin.

Was dagegen ansteht, ist, die Geldwirtschaft durch eine direkte Kommunikation der Produzierenden zu ersetzen. Das ist in der Tat schwierig. Aber eine andere Möglichkeit, aus dem Kapitalismus auszusteigen, gibt es nicht.

Dieser Artikel erscheint in der kommenden April-Ausgabe der Monatszeitschrift “Contraste – Zeitschrift für Selbstorganisation“

Zum Weiterlesen: “Bye bye Zinskritik. Über die Grenzen der Tauschkreise und den Unsinn der Freiwirtschaft“

5 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 Zins abschaffen? Kärntner Grüne ökonomisch alphabetisieren! « Grüne/UG – Arbeiterkammer Kärnten meinte am 27. Dezember 2009, 14:34 Uhr

    [...] Sackgasse Regionalwährung [...]

  2. 2 Kapitalismus + Peak Oil = Gesundheitskatastrophe. Post-Fossile Gesundheit in Solidarischer Postwachstumsökonomiebe | Solidarisch G'sund meinte am 14. Juni 2011, 06:08 Uhr

    [...] Perspektive kann nur eine solidarische sein. Auf Regionalwährungen, Tauschkreise, eine „Gemeinwohlökonomie“ oder derlei illusionäres und zumeist auch [...]

  3. 3 Attac = Christian Felber = Gemeinwohlökonomie. Zur Monologie eines Promotionapparats - Streifzüge - Magazinierte Transformationslust meinte am 29. Juni 2011, 17:58 Uhr

    [...] hinzugesellt, die in Social Entrepreneurship, alternativen Wohlstandsindikatoren und Regionalwährungen in einem Meer um sich greifenden Elends, moralischer Verzichtsappelle und autoritär-staatlicher [...]

  4. 4 Ökosozialismus = Verzicht + Freiwirtschaft? | politik news meinte am 28. Juli 2011, 23:07 Uhr

    [...] Konstanz der weltmarktvermittelten Wirtschaftsleistung einhergehen soll. Zugleich propagiert er Regionalwährungen. Diese „könnten Kaufkraft an die Region binden und damit von globalen Abhängigkeiten befreien. [...]

  5. 5 Hella meinte am 8. Juli 2012, 23:29 Uhr

    Auch wenn Regionalwährungen nicht die Lösung aller Probleme darstellen, haben sie doch im Heute und Hier einen nicht zu unterschätzenden Effekt:
    Die verhindern, daß die erarbeiteten Werte aus der Späre der Arbeitenden allzu weit abgezogen und damit jeglicher halbwegs funktionierenden Kontrolle entzogen werden können und sind damit ein wichtiges – vielleicht das einzige wirksame, wie man in Argentinien gesehen hat, Kriminelle Finanzjongleure der “allerhöchsten” Ebene mit etwas Pragmatismus wieder zur Vernunft bringen zu können.
    Jedes Sandkorn, jeder Wert – und sein er noch so klein – auf den Weltbank, Spekulanten, Regierungen, Banken, und kommerzielles Kroppzeug aller Art keinen direkten, ungehinderten und unkontrollierten Zugriff mehr haben, sind wertvolle Puffer, wenn den Wahnsinngen und Machtneurotikern ihr verwerfliches System aus innerer zerrüttung um die Ohren fliegt. Wer es nicht glaubt, beschäftige sich mit der Mississippi- und der Südsee – Blase! (Wir müssen das Fahrrad nicht neu erfinden – die Probleme und Verhaltensmuster sind seit Jahrhunderten (teilweise seit Jahrtausenden!) BEKANNT – dies sollten wir uns endlich eingestehen, auch wenn wir damit zugeben müssen, daß wir bereits die x-hundertste Generation sind, die Lügnern auf den Leim gekrochen ist.
    Es ist leicht, die Spekulanten Währungsknipper, Gebührenjäger, Zinsennehmer und Steuererfinder zu kritisieren – weil: es geschieht zu recht! – ABER: wir sollten darüber nicht verkennen, daß all deren Sauereien nur möglich sind, weil wir, die opfer dieser Entwicklungen und immmer und immer wieder selber zu Idioten machen und nur zu gern auf selbst die abgeschmacktesten Lügen und Tricks hereinfallen.
    Es gelingt uns nichteinmal, wenigstens unsere Kinder zu warnen udn in der nächsten Generation beginnt dieses makabere Spiel wider von vorn.

    Was ist zu tun?
    Aufklärung! Bildung!
    Und Abschied von der Idee der Gewaltlosigkeit!

    Denn diese führt schnurstracks in die Sklaverei. Warum? Weil es in jeder Generation ein gerüttet Maß an Kriminellen gibt, denen die Verheißung des staatlichen Gewaltmonopols so verlockend vorkommt, daß sie stets ihre kriminellen Ambitionen mit denen des “Staates” zu verflechten suchen und sich unangreifbar zu machen wähnen, indem sie das Gewaltmonopol des Staates – solange es Staaten gibt – unvermeidbar(!!) pervertieren und mißbrauchen.
    (Auch hier wieder: Wer es nicht glaubt, beschäftige sich ein wenig mit (als EIN Beispiel von unzähligen!) der Person des Jonathan Wild und wird in ihm ein Muster für ach so viele andere “hochrangige” Gestalten in Geschichte und Gegenwart erblicken …)

    Wie Gottfried August Bürger schon ganz richtig bemerkte: Der “Großen” Hochmut wird sich erst dann wieder normalsieren, wenn deren Opfer – nämlich wir – die “kleinen” Leute bereit sind, den Kampf aufzunehmen und zwar nicht nur mit worten und absichtserklärungen, sondern mit unerbittlicher Härte gegen sich selbst, gegen Lumpen keinen Zoll mehr zurückzuweichen und kostete es das Leben.
    “Will der Herr Graf ein Tänzchen nun wagen …” ließ Mozart seinen Figaro singen – lange bevor das Volk den Staatsschurken den Hals kürzte – wer traut sich das heute noch zu?! An der zeit wär’s wieder, angesichts “verschwundener” Landesbanken und verbrecherischster Militär-Abenteuer in aller Welt, deren opfer nicht nur die ermordeten Menschen in Afghanistan, Pakistan, Vietnam, Korea, Lybien, Chile, Argentinien, Paraquai, Biafra, usw.usf. sind, sondern genauso die “Steuerzahler” (d.h.: Arbeitssklaven, die nicht einmal selber über die von ihnen geschaffenen Werte bestimmen dürfen!) der Täter-Staaten, die mit ihren sauer erarbeiteten Groschen einspringen müssen, wenn sich jenen Kriminellen Banden, die manch einer noch “Regierung” nennt, wieder mal militärisch verzockt haben und statt fetter Beute unsägliche Schäden eingefahren wurden.
    Die ganze angebliche, derzeitige “Krise” des Westens ist nichts anderes als die Folge der mißglückten militärischen Sauereien im Irak, Afghanistan, Lybien (wieso ist die NATO nicht gegen Pinochet vorgegangen, wenn sie SO gegen Diktatoren ist?) und so weiter …

    Wie die hilflosen Kinder gackern wir über die lügnerischen, betrügerischen, räuberischen, korrupten und mörderischen Regierungen unserer eigenen Länder- aber tun nichts, um ihnen ihr schmutziges Handwerk zu legen…

    Wir sind aus Feigheit an unserem Elende (und dem Milliarden anderer über Jahrhunderte!) – - selber schuld!

    Wenn sich also ein paar der Hasenfüße aufmachen, um mit einer “Regionalwährung” wenigstens ein ganz klein wenig die Andeutung, den Hauch eines Widerstandes gegen das staatlich organisierte Verbrechen zu versuchen, dann ist dies – trotz aller Begrenztheiten – gerade im Angesicht des immer dreister in der Welt wütenden staatlich organisierten Verbrechens – ein Grund zu loben und nicht einer zu kritisieren

    Meint

    Hella

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