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Ohne kritische Theorie schmeckt’s besser!

25 Mrz 2009

Streifzüge 45/2009

von Martin Scheuringer

Zur Einstimmung zwei Texte zur Lebensart des kritischen Theoretikers:
„Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.

Es war nasskalt; das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht – und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.

Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf-, bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ (Georg Büchner) Der kritische Theoretiker hat Lenzens Wunsch verwirklicht. Er geht am Kopf durch die schöne Welt. Die zweite Weisheit:

„Ach Theodor!
Hättest du doch mal ein Glas oder fünf Gläser zu viel geleert. Hättest du doch mal auf LSD zu Jazz-Musik getanzt. Hättest du doch mal mit Hilfe von Marihuana die Reflexion über deine Reflexion blockiert und dein Denken sich selbst überlassen, um über seine Irrwege zu lachen!

Ach Theodor!
Hättest du doch mal so lange und intensiv gevögelt, dass ein Orgasmus dein Denken für Minuten lahm gelegt hätte!

Ach Theodor!
Einen Marathon hättest du laufen sollen, um das Glücksgefühl nach der Ziellinie zu erleben, fünfzig Längen im Schwimmbad schwimmen, um danach mit geschwellter Brust aus dem Schwimmbecken zu steigen. Die Blicke der Frauen hättest du auf dich gezogen. Mit dem Fahrrad den Berg hinauf- und wieder runterfahren – das wäre dir ein lehrreiches Erlebnis gewesen! Da hättest du ja wirklich mal deinen Körper wahrgenommen, vor allem die schönen Minuten, die er dir nach einer Anstrengung bereitet, das erleichternde Gefühl, sich aus dem Korsett des Denkens in die Körperlichkeit hinein befreit zu haben.

Ach Theodor!
Hast du denn nie voller Hingabe einen Schubert am Klavier interpretiert, sodass du und die Musik eine Einheit waren, sodass du dein Denken hinter dir gelassen und dich für das Musische geöffnet hast?
Dieser traurige Verdacht drängt sich auf, wenn man manches von dir liest, so reflektiert, so durchdacht, so klärend wirkt deine Sprache.

Doch welch Glück! Ich habe eine Stelle gefunden, die zeigt, dass das alles nicht so ernst ist. Theorie ist für dich zweitrangig, Ziel ist es, dem Genuss der Objekte wieder unverdorben frönen zu können.
Denn du hast genossen, du warst nicht der reine Theoretiker, den viele in dir sehen: Man solle sich „bis zur Selbstpreisgabe“ in die Objekte versenken und „in angstloser Passivität der eigenen Erfahrung“ vertrauen. So steht’s geschrieben in den Minima Moralia.

Ach Theodor!
Nun geht’s mir besser. Ich will in deinem Sinne weitermachen.“ (Volksweisheit)

Liebe Reflexions-Polizei!

So nicht. So wie ihr das plant, so wird das nichts. Ja gut, theoretisch betrachtet habt ihr ja recht – ihr sprecht Wahres, wenn ihr die Totalität der Verwertung erklärt und gar den Rausch als funktional denunziert. Diese Einsicht müsse schließlich verbreitet werden. Wahrheit sei zumutbar. Aufklärung Pflicht. Nicht wahr?

Ja, ist wahr. Und ja, es ist traurig, dass die Welt und wir verdorben sind. Das Problem mit dieser ernüchternden Wahrheit ist, dass sie in sich nicht den geringsten Ansatzpunkt zur positiven Veränderung birgt. Je öfter ihr Theoretiker diese Wahrheit unserem Tun vorhaltet, desto weniger wollen wir mit euch zu tun haben. Diese Wahrheit ist abstoßend, und wir identifizieren euch mit dieser Wahrheit, ob ihr das wollt oder nicht. Wir werden euch bald nicht mehr hören wollen.

Ich selbst habe jahrelang mit solchem Denken mein Gehirn trainiert und meine Sinnlichkeit und Gefühle verkümmern lassen. Am Ende bin ich nirgends angekommen außer in der negativen Utopie, bald ein emotionaler Krüppel zu sein, der seine freundschaftlichen Beziehungen an diesem „Nein zum Kapitalismus“ ausrichtet, weil er allen Menschen ihre Funktionalität unter die Nase reiben muss und so keine tiefgehende Freundschaft mehr zu Stande bringt. Was hätte es für einen Sinn, mit einem verdorbenen Subjekt Freundschaft zu schließen, wenn dieses nicht einmal für meine Aufklärungsversuche empfänglich ist? So oder noch komplizierter dachte ich und verpasste dadurch Wesentliches, Schönes und Gutes.

Für mich ist dieser Weg abgeschlossen, ich will über das Nein, das diese Theorie setzt, hinaus zu einem sinnlich greifbaren Ziel. Ich will etwas erlebbar machen, das motivieren kann. Das bloße „Nein“ motiviert nur Denker, und die verändern die Welt nicht.

Einem Theoretiker, der wieder ins Leben zurück will, wirft man also nicht vor, nicht mehr reflektieren zu wollen, weil ich diesen Schritt aus einer Reflexion über die permanente Reflexion heraus gesetzt habe. Ich will nicht mehr als Gespenst durch die Welt flanieren in geistiger Distanz zum Inhalt.

Die Beziehung zu mir als sinnlichem und emotionalem Menschen hatte ich als Theoretiker in unbefriedigender Weise geknüpft. Inhalt diente mir als Anstoß zum theoretischen Beweis seiner kapitalistischen Überformung. Freundschaften dienten zum Beweis, dass Beziehungen im Kapitalismus sowieso nicht gut und schön sein können – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Sinnliches durfte sich in meinem Bewusstsein nie voll entfalten, mich in seiner Fülle und Verschiedenheit nie befriedigen, weil ich es immer, so schnell es ging, in eine begriffliche Schublade packte und dann in den Kasten „Vom Kapitalismus Verdorbenes“ schob, der bald voll war mit allem Schönen, das die Welt zu bieten hat. Ständig nötigte mich meine intellektuelle Aufgabe zur Distanzierung vom Sinnlichen: von mir, meinen Mitmenschen und meiner Welt.

Raus aus dem Denken, rein in die Welt!

Mit einem Rausch will ich wieder rein ins Schöne – ich will es in allen Facetten auskosten, ich will mein kritisches Denken für diese Momente ausschalten und mich der Welt der Objekte hingeben wie ein ins Spiel vertiefte Kind.

Diese Einstellung zur sinnlichen Welt sei eine emanzipatorische Forderung ersten Ranges, deklarierte ich, und schon – so schnell kann ich gar nicht berauscht sein – werde ich von der Reflexions-Polizei im Adorno-Gewand zurückgepfiffen: „Du handelst affirmativ, wenn du nicht alles Tun mit kapitalismuskritischer Reflexion begleitest. Nota bene: Du bist immer und überall funktional unter das automatische Subjekt subsumiert.“ So wird einem, bevor er noch trinken kann, das gefüllte Glas aus der Hand gerissen: „Emanzipation gibt’s vorerst nur in der kritischen Theorie.“ Wisst ihr Theoretiker, was ihr uns Menschen antun wollt? Ist euch klar, dass ihr mit euren Analysen unseres Verhaltens keine Hilfe leistet?

Und dennoch seid ihr so dreist und stellt Regeln für unser Tun auf. Ihr setzt das Verbot: „Handelt nicht kapitalistisch!“ Gut, sagt der Mensch, dann eben nicht, ich suche mir Nischen und Ecken und entfalte mich dort. „Haha!“ schreit ihr ewigen Besserwisser dann, „der Kapitalismus, der ist so total; auch wenn du meinst nicht-kapitalistisch gehandelt zu haben, so war dies im Großen und Ganzen – ähm, auf einer höheren Abstraktionsstufe sozusagen – ich weiß jetzt nicht, ob du das verstehst, aber lies mal Hegel, Marx, Adorno, Kurz und ein wenig Kant, dann verstehst du es vielleicht – funktional: Es gibt kein Entkommen!“ Selbst wenn diese Praxis aus einem emanzipatorischen Impetus gestartet wurde, ihr erbringt den furchtbaren Beweis ihrer Konformität.

Die einzige Praxis, die ihr als potentiell frei duldet, ist die des kritischen Theoretikers. Ich lade euch daher zu einem Gedankenexperiment ein, um kurz zu zeigen, wohin das führt: Nach jahrzehntelangen Bildungsoffensiven seitens der internationalen Linken haben alle Menschen Marx, Adorno und Kurz verstanden, sie haben theoretische Einsicht in sich und ihre Umwelt erlangt. Was tun diese Menschen? Nichts Entscheidendes. Alle haben sich im Denken auf die Suche nach der Wirklichkeit gemacht, alle haben aufgehört praktisch zu sein. Alle sind Geister geworden. Alle sind voller Hoffnung, dass irgendwoher die Erlösung kommt, doch theoretisch wissen alle, dass sie jeglichen Ansatz als affirmativ denunzieren werden. Niemand weiß ein Ziel, niemand kennt ein sinnliches Leben. Niemand weiß ,wozu er Theorie betreibt, außer für ein nicht mehr greifbares Ziel, das ein leerer Begriff wurde, den alle wie einen Gott heiligen: Emanzipation – nimmt einer diesen Begriff in den Mund, so ergreift die versammelte Theoretikergemeinschaft ehrfurchtsvolles Erschaudern. Manche knien voller Demut vor dem Intellekt des Denkers, der sich traut, diesen Begriff in den Mund zu nehmen, nieder und kauen seine analytischen Brocken wieder und wieder und wieder.

Um aus diesem Dilemma hinauszukommen, schlage ich eine andere Perspektive auf die Welt vor. Diese setzt sich folgenden Ausgangspunkt: Ich handle im Moment des Rausches, der liebevollen Berührung oder der freundschaftlichen Bewirtung eines Gastes nicht kapitalistisch. Diesen Moment des guten und schönen Lebens lasse ich mir von der Reflexions-Polizei nicht aus deren Perspektive betrachten, nicht ins schale Licht der Funktionalität tauchen. Nein, dieser Moment ist meiner, nicht der der Verwertung. Die Erstellung einer kausalen Zeitlinie, die diese Ereignisse unter dem Banner der Funktionalität mit der Bewegung des automatischen Subjekts in Verbindung bringt, ist zwar am Schreibtisch des Theoretikers angebracht, niemals aber im Moment des Genusses. Diese kausale Zeitlinie ist der garantierte Frust für jegliche Lust.

Emanzipation setzt voraus, diese Momente wieder als meine wahrzunehmen, um sie zu genießen. So kann ich sinnlich spüren, was Ziel sein könnte einer Bewegung weg vom Kapitalismus.

Auch nach so einem Moment brauche ich keinen übergescheiten Theoretiker, der mir nachweist, wie funktional ich da war und dort sein werde. Keinen, der folgendes sagt: „Dieses ist doch nicht emanzipativ, und jenes führt auch nur in den Sozialismus, und der war auch kein Honigschlecken. Wenn du lustvollen Sex genossen hast – das war nur, um deine Ware Arbeitskraft in Schuss zu halten. Denke immer daran, wenn du vögelst: Du tust es für die Verwertung des Werts – auf der notwendigen Abstraktionsstufe betrachtet freilich.“

Kritisches Wissen verdirbt dir nicht nur die Erektion, sie richtet ihn auch nicht wieder auf, und wenn du glaubst, mit deinen intellektuellen Spielereien kannst du eine Frau… lassen wir das.

Übe folgendes:

Ich formuliere folgenden Imperativ: „Handle so, dass dein Tun, von einem Betrachter als nicht-kapitalistisch interpretiert werden kann!“ Und umgekehrt: „Interpretiere so, dass das Handeln als nicht-kapitalistisch erscheint.“

Lerne in dieser Art und Weise wahrzunehmen, mach es dir zur Gewohnheit, nicht in jegliches Tun Tausch und Wertform hineinzudenken. Was wir wahr-nehmen, entscheiden wir auf Grund unserer Urteile. Die Theorie im Hintergrund bestimmt unsere Perspektive auf die Oberfläche und unseren Umgang mit ihr. Sie muss geändert werden. Wenn wir unser Handeln als nicht-kapitalistisch erkennen, dann sehen wir die Bruchstücke, die es zu kohärenten Teilen in Form einer emanzipativen Bewegung zusammenzubauen gilt.

Noch mehr Übungen: Wenn du etwas schenkst, so warte nicht auf das Gegengeschenk, wenn du empfängst, fühle dich nicht von irgendeinem Gerechtigkeitssinn zur Gegengabe gedrängt. Denke, dass Schenken dir Freude bereitet – doch denke dies nicht als Gerechtigkeitsersatz, weil du ja etwas gibst.

Du darfst auch tauschen, aber versuche dabei nicht gerecht zu sein. Das heißt nicht, sei ungerecht, sondern: sei nicht gerecht! Denke in die Objekte keinen Wert hinein, demgemäß du sie der anderen Person gibst.

Du wirst erkennen, wie sich das kapitalistische Denken deinem Denken aufdrängt, identifiziere es als feindlich und handle nach deinen schönen Maximen. Du sollst freilich nicht im Kapitalismus scheitern, denke daran, auch affirmativ sein zu müssen. Reflektiere über das Maß deiner Affirmation: Wie viel ist für dich notwendig? In welchen Lebensbereichen mehr, in welchen Situationen weniger? Wie gehe ich mit der Affirmation um? Leugne ich sie, stelle ich mich darauf ein, plane ich bewusste Rituale, um mich davon wieder zu befreien?

Denke nicht daran, dass der Rausch deine Funktionalität wiederherstellt! Genieße ihn in vollen Zügen! Sei dabei gerade kein Theoretiker und auch kein Marktmensch, der sich damit optimieren will!

Liebe Theoretiker! Probiert das mal aus! Vielleicht wollt ihr ja hier einmal davon berichten.

4 Kommentare

 Kommentare

  1. 1 fredge meinte am 29. Oktober 2009, 10:03 Uhr

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ich selbst beginne gerade erst, mich mit der KT zu beschäftigen, doch das Gefühl, ich könnte mir dauerhaft vielleicht mein Gehirn verbrennen, stellte sich recht schnell ein.
    Die KT macht unglaublich Spaß, „stimmt doch alles, irgendwie“. Doch gerade das „irgendwie stimmen“, das ich als Interpretationsangelegenheit der verkopften Theoretiker verstehe, öffnet das Tor zur Selbstindoktrination sperrangelweit.
    Was man mit einer Theorie anfangen kann, die sowieso alles negiert und in die kapitalistische Kategorie steckt, wüsste ich gern. Wenn das Nein das Ziel ist, dann ist mir das zu wenig.
    Und: Alter! Genüsse sind geil und das lass‘ ich mir nicht nehmen. Das Leben ist sowieso supertoll und die KT darf niemals Surrogat sein, nur Zusatz zum Leben.

  2. 2 Swen meinte am 20. Juli 2010, 20:13 Uhr

    Was muss ein Mensch alles gelitten haben, um so einen Quark von sich zu geben.

  3. 3 Vom eigenen Elend und der sinnlichen Wende « critique aujourd‘hui meinte am 28. Juni 2012, 21:02 Uhr

    […] Ohne Kritische Theorie schmeckt’s besser […]

  4. 4 Lockerdor meinte am 19. Oktober 2015, 17:09 Uhr

    „Dieser Moment ist meiner, nicht der der Verwertung.“
    Man ist nicht nur Warensubjekt, sondern auch frei davon, sonst wären wir alle schon tot. Warensubjekt und Individuum sind im Spannungsfeld. Wege raus eröffnen sich daraus; es gibt das Richtige im Falschen, das muss man pflegen und ausbauen: Keimformpolitik wäre das.

    Das Elend des reinen Theoretikers durfte ich schon in jungen Jahren als zwanghafte Persönlichkeit richtig zu interpretieren glauben; ich bin froh darüber, dass ich es immer wieder schaffe, mich von der Gefahr, ein oberverspannter Kopfmensch zu werden, frühzeitig befreien kann und wieder locker und lebenslustig werde. Man kann die Reflektionsmaschine nicht per Beschluss einfach abschalten, aber man kann sich mittels einiger Methoden die so notwendige innere Freiheit (die ein Mitmachen in der Welt einschließt) immer wieder an Bord holen. Methoden sind beispielsweise Meditation, Saufen, Ficken, lange persönliche Unterhaltungen.

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