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Über Logisches

01 Jul 2008

Streifzüge 43/2008

KOLUMNE Immaterial World

von Stefan Meretz

Mit dieser Kolumne beginne ich eine kleine Serie über Grundbegriffe der “immaterial world”. Es ist trotz häufiger Verwendung keineswegs klar, wovon etwa bei Information, Im/Materiellem, Algorithmus oder auch Gesellschaft die Rede ist. In gebotener Kürze will ich entsprechende Bestimmungen versuchen. Beginnen möchte ich mit einem Begriff, der erst das begriffliche Denken zugänglich macht, mit Logik.

“Ist doch logisch! “, wird gerne ausgerufen, wenn etwas folgerichtig erscheint. Fragt man jedoch nach, was genau das Logische am Folgerichtigen sei, erntet man entweder Wiederholungen in anderen Worten oder – im Ausnahmefall – eine geschliffene formal-logische Ableitung. Dabei ist das intuitive Verständnis des Logischen näher am wahren Begriff als seine formal-logische Reduktion.

Was ist es jetzt aber, das Logische? Als Nicht-Philosoph darf ich mir herausnehmen, schlichter zu schreiben, als dem Gegenstand angemessen ist. Dabei will ich mich auf ein Thema beschränken: auf den Dualismus von formaler Logik und Empirismus und seine Auflösung. Zu Hilfe kommt mir ein viel gescholtener, noch häufiger fehlgedeuteter, meist aber schlicht ignorierter Altmeister: G. W. F. Hegel.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia fasst die Logik als “die Lehre des vernünftigen (Schluss-)Folgerns. Die Logik untersucht die Gültigkeit von Argumenten hinsichtlich ihrer Struktur unabhängig vom konkreten Inhalt der eigentlichen Aussagen. In diesem Sinne spricht man auch von , formaler’ Logik”. Logik wird demnach mit formaler, vom Inhalt absehender Logik identifiziert. Die Fassung als “formale Logik” stammt von Kant: “Als allgemeine Logik abstrahiert sie von allem Inhalt der Verstandeserkenntnis und der Verschiedenheit ihrer Gegenstände und hat mit nichts anderem als der bloßen Form des Denkens zu tun.” (Kritik der reinen Vernunft)

Das inhaltvolle Pendant zur inhaltsentleerten Logik ist die Empirie als “Erfahrung im Sinne von sinnlicher Wahrnehmung, Erhebung von Daten, gezielten Beobachtungen und wissenschaftlichen Experimenten” (Wikipedia). Damit stehen Logik und Inhalt einander äußerlich gegenüber. Viele meinen, dass dies auch so sein muss: Damit eine allgemeine Logik überhaupt auf einen besonderen Inhalt angewendet werden könne, müsse sie inhaltsleer sein. Wäre sie dies nicht, könne sie nicht zu allgemeinen Aussagen gelangen. Anwendbarkeit setze Getrenntheit von Denkweise und zu Denkendem voraus.

Woher wissen wir aber, dass ein zu denkender Inhalt überhaupt in der Denkweise des formalen Logischen gedacht werden kann? Diese Frage kann nicht im Medium der formalen Logik beantwortet werden. Wird die formale Logik auf einen Inhalt angewendet, richtet sie den Inhalt so zu, dass genau jene allgemeinen Schlüsse oder Sätze der formalen Logik bestätigt werden, die ihr zu Grunde liegen: die Sätze von der Identität (Es gilt: A=A), vom Widerspruch (Es gilt nicht: A und Nicht-A) und vom ausgeschlossenen Dritten (Es gilt stets: A oder Nicht-A).

Am Satz vom ausgeschlossenen Dritten kann das Problem gezeigt werden. Der Satz schließt aus, dass gleichzeitig A und Nicht-A gelten können, es gilt immer nur A oder sein unvereinbares Gegenüber Nicht-A – ein Drittes ist nicht möglich. Formal gefasst ist diese Logik wahr, und angewendet auf einen Inhalt wird sie diese Wahrheit hervorbringen. Doch: “Es genügt nicht die einfache Wahrheit” (Volker Braun). Eine einfache, formale Wahrheit führt zu einem Schwarz-Weiß-Denken, zu einem theoretischen Negieren aller Besonderheiten, die nicht im formal-logisch gewonnenen Allgemeinen aufgehen. Eine höhere Form von Wahrheit zeigt sich nur, wenn ich den Inhalt in seiner konkreten Daseinsweise in die denkende Betrachtung aufnehme, und dazu muss ich die formale Logik in Richtung des Inhalts überschreiten. Dies sei am folgenden Beispiel veranschaulicht.

Menschen stellen ihre Lebensbedingungen durch gesellschaftliche Produktion her. Der Satz vom ausgeschlossenen Dritten verlangt nun, dass die Menschen nicht gleichzeitig ungesellschaftlich produzieren können. Genau dies ist jedoch im Kapitalismus der Fall. Voneinander getrennte Produzenten produzieren in privater Form. Erst über den Austausch werden aus den Privatprodukten gesellschaftliche Produkte. Die auch von mir gern verwendete Rede von der ungesellschaftlichen Gesellschaftlichkeit löst den darin liegenden Gegensatz nicht auf, sondern fixiert ihn als Paradox.

Marx hingegen bringt das Fixierte in Bewegung: “Der der Ware immanente Gegensatz von Gebrauchswert und Wert, von Privatarbeit, die sich zugleich als unmittelbar gesellschaftliche Arbeit darstellen muss, von besonderer konkreter Arbeit, die zugleich nur als abstrakt allgemeine Arbeit gilt, von Personifizierung der Sache und Versachlichung der Personen – dieser immanente Widerspruch erhält in den Gegensätzen der Warenmetamorphose seine entwickelten Bewegungsformen.” (MEW 23, 128)

Im Begriff der Ware wird also das scheinbar Gegensätzliche in eine logische (nicht: zeitliche) Bewegung gebracht. Die Ware bildet eine Totalität, die nur durch die logische Reflexion auf ihre Momente verstehbar ist. Die Momente wiederum bestehen nur in ihrem Bezug auf die Totalität der Ware, deren Momente sie sind. Damit wird – nebenbei bemerkt – auch klar, dass der Gebrauchswert als Moment der Ware nicht isoliert und gar überhistorisch existieren kann.

Mit den Mitteln der formalen Logik sind diese Erkenntnisse nicht gewinnbar. Sie zerbricht die inneren Beziehungen der Ware in getrennte Teile, deren Summe ein mit den Mitteln der formalen Logik äußerlich zusammengefügtes Ganzes ergibt. Der traditionelle Marxismus ist davon durchaus infiziert, hält er doch das Denken in Ganzen und seinen Teilen bereits für den Gipfel der Dialektik. Da hilft es nicht weiter, wenn er aus dem formalen “Entweder-oder” ein zur Beliebigkeit tendierendes “Sowohl-als-auch” macht.

Die Trennung der Logik vom konkreten Inhalt hat im Wesentlichen zwei Folgen: Formalismus und Schematismus auf der einen und Empirismus und Positivismus auf der anderen Seite. Eine Überwindung setzt voraus, dass die Denkmittel nicht vom Denkgegenstand getrennt, sondern im Gegenteil ihm angemessen sein müssen. Das einzuschließende Dritte ist die Denkbewegung, die nur die logische Bewegung des Gegenstands selbst sein kann und die im Begriff auf den Punkt kommt. Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist.

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