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Heimtückischer Provokativ

Nachschuss 21

von Franz Schandl

Auch wenn es diese Woche wieder saukalt geworden ist, gehen die Vorbereitungen zur Euro 2008 in die letzte, heiße Phase. Was die organisatorische Seite betrifft, zeigt sich die Bundeshauptstadt auch gut vorbereitet. In der Ausrichtung von Festen und Events verfügt man hier nicht nur über die notwendige Kompetenz, man hat auch durchaus eine glückliche Hand. Denken wir nur an den „Life Ball“ letzten Samstag am Wiener Rathausplatz. Geschickt versteht man es, Prominenz und Publikum, Ästhetik und Kommerz für sich zu nutzen. So ähnlich, nur eine Dimension größer, soll auch die Fußballeuropameisterschaft 2008 funktionieren.

Pünktlichst wurde am 10. Mai eine neue Teilstrecke der U2 in Betrieb genommen. In kaum 15 Fahrminuten kann man nun bequem das Ernst-Happel-Stadion vom Zentrum aus erreichen. Teile der Innenstadt selbst werden zur Fanmeile umgestaltet und es ist anzunehmen, dass diese sich auch in die angrenzenden Bezirke ausweitet. Auch Kanzler Gusenbauer spricht ganz begeistert von einer „erweiterten Partyzone“. Den Fans wird man in diesen Wochen nicht entgehen können. Für die Konsumenten selbst wird der Spass teuer, so soll das Krügerl (=Halbe) Bier der dänischen Marke Carlsberg über 4€ kosten. Ein wunder Punkt könnte möglicherweise die medizinische Versorgung werden, und zwar, weil die Ärzte mit der geplanten Gesundheitsreform absolut unzufrieden sind. Gedroht wird mit Streiks und Leistungseinschränkungen während der Euro.

Was die mentale Seite betrifft, läuft der obligate Wahnsinn, also die Normalität, zu großer Form auf. Insbesondere der Patriotismus versucht sich in allseitigen Inszenierungen. Das wirkt zwar des Öfteren stümperhaft, ja lächerlich, doch das kann deren Betreiber nicht abhalten. So entzündete sich eine Debatte darüber, ob man seine Lenkwaffe, also das Auto, mit einem Staatswimpel versehen dürfe. Das heimische Kraftfahrgesetz ist da nämlich unbarmherzig antipatriotisch und lässt Fähnchen am Wagen, Staatskarossen ausgenommen, nicht zu. Das empörte das größte Blatt des Landes, die Kronen Zeitung, so sehr, dass sie wahrlich eine Kampagne gegen diese heimatfeindliche Schikane entfachte. Prompt wurde das Gesetz vom Verkehrsminister Werner Faymann (SPÖ) vorübergehend per Erlass außer Kraft gesetzt. Die Krone konnte aufatmen: „EM-Patrioten dürfen Auto schmücken – Faymann hebt Fahnen-Verbot auf.“ Vaterland gerettet, und auch dem Geschäft tut’s gut, verfügt doch das Boulevardblatt über die Erlaubnis des Innenministeriums, eigene Autofahnen samt Staatswappen (Bundesadler) und Aufschrift der Kronen Zeitung herzustellen. Da bleibt jetzt nichts mehr auf Halde.

Dem Spiel mit den Deutschen fiebert man hier schon auf ganz eigene Weise entgegen: „Deutsche! Wir sind auch im Bett besser“, schlagzeilte die Gratisgazette „Heute“ am 14. Mai. Dieser heimtückische Provokativ, eine Mischung aus Minderwertigkeitsgefühl und Allmachtspotenz liest sich des weiteren so: „Deutsche, wir mögen auf dem Rasen nicht unbedingt die Angstgegner sein, doch in Sachen Sex sind wir auf dem besten Weg zum Meister! “ Im Ranking liegen die Österreicher am dritten Rang, die Deutschen nur am neunten. Da der regierende Weltmeister Italien diese Statistik anführt und der regierende Europameister Griechenland am zweiten Platz folgt, ist an der Stichhaltigkeit und Seriosität dieser Argumentation sowieso nicht zu zweifeln.

Zuviel Bumsen ist allerdings auch nicht gut. So hat Teamchef Josef Hickersberger seinen Spielern verboten, ihre Frauen oder Freundinnen mit aufs Zimmer zu nehmen. Besuchen ja, vögeln nicht! Derlei Vergnügungen würden den siegesunsicheren Österreichern wohl zu viel an Spannung nehmen. Gebumst wie ungebumst können die Ösis bei der Euro 2008 aber nicht enttäuschen. Vielleicht sind sie gerade deswegen für einige Überraschungen gut.

Freitag, 23.5.2008