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Ein Leben in einer Welt – Wie Kritik wirksam werden kann

01 Nov 2007

2. Teil

Streifzüge 41/2007

von Lorenz Glatz

Es gibt viel mehr Menschen, denen die Ergebnisse und Früchte der herrschenden Ordnung falsch, gefährlich, ja unerträglich erscheinen, als es Leute gibt, die es für möglich halten, sie zu ändern und es auch versuchen. Es ist die Ordnung der Beziehungen, der Verhältnisse unter uns Menschen und vor allem die entsprechende Ordnung in jedem von uns, die nicht passt, die lähmt, unglücklich und mutlos macht. Kritik an Herrschaft und Kapital und ihren vielfältigen Instanzen – nur solche Fundamentalkritik ist im Folgenden gemeint – zielt auf Beseitigung. Diese Kritik bezweckt die Demontage der destruktiven Maschine Gesellschaft und einen gewaltigen Entwicklungsschub von uns Menschen, die diese Maschine täglich zugleich bauen und erleiden. So wurde es im ersten Teil behauptet. Dazu noch drei verstreute, Gedanken verschiedener Tragweite, destruktive einerseits, aber mit dem Zweck, “Hoffnung in den Trümmern” aufzusuchen und freizulegen.

(Selbst-)Beherrschung

Die wirksamste Seite der Herrschaft und ihrer Verhältnisse ist unsere Selbstbeherrschung. Im Norm(al)fall, wenn wir gut funktionieren, gut drauf sind, führen wir uns im Denken und in unserem Umgang miteinander als (zumindest sich selbst be)herrschendes Selbst auf. Zwischen den Apologeten dieser Gesellschaft und ihren Kritikern ist da oft wenig Unterschied. Überhaupt können “Checker” Sozialkritik meist besser denken und formulieren als die “Lazaruse” der Gesellschaft. Dabei haben die ersteren das “freilich” und “eigentlich” nicht gar so dringend nötig. Man kommt ja selbst doch irgendwie zurecht, aber man kann, soll, muss es sich natürlich noch hier und da und überhaupt verbessern. Vor allem für die anderen, die schlechter drauf und dran sind.

Denn Checkerkritik ist sozial, es geht ihr um Erkenntnis der Verhältnisse, ihrer Logik und Dynamik, um daraus in Arbeitsteilung von Theorie und sozialer Bewegung die Bedingungen für den Bau der “besseren Welt” zu entwickeln. Es wär doch schon was, wenn es wenigstens keiner schlechter ginge als mir schon jetzt, alle ihr Leben mindestens so checkten wie auch ich. Wollten die an den Klippen der Gesellschaft Scheiternden und die kopflos Aktiven nur mittun, die Ränder der Wege zur besseren Welt sind leidlich deutlich abgesteckt, sind meist auch in Büchern nachzulesen, werden auch gerne referiert.

Manchmal freilich fällt (Selbstbe)Herrschen schwer und erscheint uns gewissermaßen als Selbst-losigkeit. Wir “Selbste” kommen uns dann leer vor und vor allem als Vollstrecker dessen, was herrschende Logik eben so verlangt, banal: was halt von uns erwartet wird, mit unseren Wünschen, die wir dann seltsamerweise nicht recht kennen, nichts zu tun hat. Hier begegnen wir wohl dem beherrschten Selbst. Es ist, wenn alles halbwegs rund läuft, “besser zu vergessen”. Es ist unspürbar, verleugnet und versteckt. Wenn es sich bemerkbar macht, dann als Störung, als Dysfunktionalität des laufenden Betriebs. Als “Hintergrundgräusch” ist das bei den meisten gar nicht abzustellen, wenn die Störung aber überhandnimmt, soll man sich wie bei einer Grippe in aller Privatheit auskurieren, sich wieder “einkriegen”, wieder “gesellschaftsfähig” machen.

Das Problem ist, dass der kritische Betrieb, auch seine theoretische Abteilung, diesen Vorgang mit dem affirmativen teilt. Hier liegt vermutlich ein wichtiger Grund dafür, warum so viele Anläufe zur Änderung des Unzumutbaren – ich meine die Herr-schaft und ihre bisher sachlichste Form, die Warengesellschaft – bloß zu neuen Varianten des Alten geführt haben. Gewichtiger jedenfalls als dass vielleicht zu wenig über Gesellschaftsordnungen gedacht, geforscht und erkannt worden wäre. Ja, es läuft darauf hinaus: Emanzipation, Befreiung, die legendäre “andere Welt”, den Kommunismus wird es in der einen Welt und dem einen Leben, die wir haben, nur geben, wenn Verstörung und Gestörtes gerade in kritischen Menschen nicht herrschaftskonform verdrängt, sondern ans Licht gebracht werden. Nicht um per Psychotherapie “hysterisches Elend in gemeines Unglück zu verwandeln” (wie Freud sagt), sondern um Kraft für Widerstand zu gewinnen und um wenigstens in nuce die Beziehungen unter uns befriedigend, erfreulich, liebevoll, solidarisch… und damit Kritik erst wirklich handlungsfähig zu gestalten. Das ist vielleicht der subversive Kern von Gesellschaftskritik. Ihn zu bilden, zu gestalten und zu schützen, braucht es Vorstellungen, Begriffe, Vorgangsweisen und Versuche und abermals Versuche. Wenn anderes als das Herrschende nicht jetzt schon – als “Vorschein” wenigstens – erlebbar wäre, hätte Kritik keine Chance. Wenn Freundschaft ohne Außenfeind nicht jetzt schon – hie und da, aber doch – zu haben wäre, bliebe Konkurrenz ein Muss und die Menschheit als eine vom Wert arrangierte Monadensammlung der Weisheit letzter Schluss.

Es ist möglich, hier ein Stück weiterzukommen. Auch unter Kritikern glaubt sich nicht jeder Macher stets sein Image selber, nicht jeder Powerfrau ist ihr heimliches Unglück unbekannt und nicht alle, die “ausrasten” oder “rausgebissen” werden oder zwischen alledem oszillieren, haben sich in der einen oder andern Weise auch schon aufgegeben. Der souveräne Auftritt als Denker ist so systemkonform wie der in jeder anderen uns zugedachten Rolle, er bringt Kritik nicht weiter und ist auch für jene, die diese Geste eine Zeit lang schaffen, nur das Fake eines guten Lebens. Unsere Empfindungen und Gefühle konstituieren uns als bedürftige Menschen, nur sie lassen uns uns “selbst” als solche erkennen und handlungsfähig werden, als Menschen, die sich an den Verhältnissen stoßen, weil sie einigermaßen warme emotionale Beziehungen zu Ihresgleichen und zur Welt brauchen.

Hoffnung und Sinnlichkeit

Um unser Unglück in dieser Gesellschaft zu wenden (die sich rundum glücklich fühlen, sind aus dem Schneider, sie ficht nichts an, solange sie das schaffen), braucht es für jeden Versuch die Hoffnung auf Gelingen. Nicht einmal das Denken wird noch vorankommen, wenn diese fehlt. Denn nicht nur Aktivisten, sondern auch Leute, die den Kapitalismus mit den Mitteln der Theorie bekämpfen, haben dafür das Motiv, dass ihr Tun auch ihr Leben hier und jetzt schön und frei machen soll. Gerade dieses Gefühl der Hoffnung, dieser unklare sinnlich-emotionale Selbstbezug auf die eigene Bedürftigkeit und Not macht negatives Denken und widerständiges Handeln zur Kritik, zum Teil möglicher Veränderung dieses begrenzten einen Lebens in der einen Welt, die wir haben. Hoffnung erweitert den Horizont wirksamer Kritik beflügelt Fürsorge und Verbundenheit für andere Menschen, über den engen Kreis und über unsere Zeit hinaus. Nur so kann aus dem Zwangskorsett Gesellschaft eine Gemeinschaft (Kommune) erahnbar werden, die die Einzelnen immer schon trägt und ihnen Raum für Entfaltung bietet.

Wo dieser Selbstbezug Hoffnung fehlt oder schwindet, wo er nicht als A und O des kritischen Denkens und Tuns gepflegt wird, bleibt Handeln ohne Perspektive, verblasst die Erkenntnis, wird das Denken schwarz und unfruchtbar. Mehr als die kümmerliche Ersatzbefriedigung, den Schönrednern geistig überlegen zu sein und immer schon gewusst zu haben, wie mies alles ist und noch werden wird, ist dann nicht drin. Höchstens bleibt noch der Wahn von Heldentum und Aufopferung oder gar die verzweifelte Verteidigung des unerträglichen Status quo gegen die in ihm vorgezeichnete Entwicklung zu noch mehr Barbarei.

Das Schicksal der Hoffnung hängt allerdings nicht unwesentlich daran, wie gut Analyse und Aktion den vorgefundenen Bedingungen angemessen sind und – das ist vielleicht der Knackpunkt – ob sie nicht bloß den Geist, sondern auch Phantasie und Emotion beflügeln können.

Engelhafte Theorie oder kritischer Zusammenhang

Moderne Theorie beruht auf einer strikten Trennung von Subjekt und Objekt, wobei ersteres als reiner erkennender Geist und zweiteres als jeweils passives Etwas fungiert. Die alten Philosophen haben schon die Anfänge dieser Art Erkenntnis als göttlich bezeichnet. Daran stimmt wohl, dass es zu den Möglichkeiten der Menschen nicht recht passt, so zu tun, als ließe sich alles, auch wir selbst, tatsächlich zum bloßen Objekt unseres Geistes machen.

Auf jeden Fall bedienen sich auch die Produzenten kritischer Theorie dieser Konstruktion, auch wenn (oder vielleicht sogar umso mehr weil) sie sich auf ihr Objekt, die Gesellschaft des Werts, nicht affirmativ, sondern rein negativ beziehen wollen. Gerade dadurch geraten sie allerdings als Menschen, die doch in ihrem Leben selbst gestalten möchten, leicht in die Lage des “Engels der Geschichte”, wie ihn Walter Benjamin geschildert hat: “Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.” (Über den Begriff der Geschichte These IX)

Diese engelhafte Perspektive auf negative Erkenntnis, modernen Fortschritt und Wehrlosigkeit bereitet als menschliche Lebensform wohl noch erheblich größere Schwierigkeiten. Ich habe kaum Bedenken, dass Theorie statt einer “Festschau” im alten Wortsinn heutzutage einen derartigen, wörtlich niederschmetternden Anblick bieten muss. Bloß, wie soll da ein Mensch emotional abstinent bleiben, die von der Theorie gebotene Distanz des Denkens zu seinem sinnlichen Dasein halten können, ohne an seinen verdrängten Ängsten, Leidenschaften und Begierden auf die eine oder andere Weise zu zerbrechen? Noch dazu wenn ihn gerade die Ungereimtheiten und Schmerzen seiner sinnlichen Existenz zu Empörung und zu kritischem Denken gebracht haben. Kritik mit ihrem Focus auf Veränderung kann mit diesem Engel der Geschichte und solcher Theorie wenig anfangen. Eingreiffähige Kritik entsteht unter und zwischen den Trümmern, um im Bild zu bleiben. Ihr Blick kommt nicht von außen, er ist beteiligt und geleitet von dem lebhaften Interesse, hier innen Handhaben zu finden, um in den Lauf der Dinge einzugreifen.

Der Fortschritt in der Geschichte hilft auch da nicht weiter. Er ist Ideologie der Aufklärung einschließlich des Marxschen Historischen Materialismus. Herrschaft und Unterdrückung haben keine historische “Umwegrentabilität” für die Menschen, die sie erlitten. Sie sind ein Skandal und Gegenstand von Kritik, seit uns Geschichte überliefert ist. Und der Fortschritt der Produktivkraft der Arbeit ist ein Erfordernis von Kapitalverwertung und Wirtschaftswachstum, ein Erfordernis, das diese Produktivkraft der Arbeit zur weltbedrohenden Zerstörungsmaschinerie gemacht hat. Wohlbefinden der Menschen, Einfluss auf die Belange des eigenen Lebens, allgemeine sichere Befriedigung von Bedürfnissen, Entfaltung freundschaftlicher Beziehungen und kreativer Fähigkeiten, derlei Reichtum hat der Fortschritt in der Geschichte für die meisten Menschen kaum je vermehrt. All das war seit langem und ist bis heute Ziel von Kritik.

Dass und ob wir die gegenwärtige Gesellschaft der zunehmend destruktiven Herrschaft der Verwertung mit der Auflösung des Wertverhältnisses und von Herrschaft überhaupt beenden können, liegt in keiner Logik der Geschichte. Die kapitalistische Gesellschaft hat ein inneres Zwangsgesetz der wachsenden Verwertung, dem mit allen Mitteln des Friedens und des Kriegs Geltung verschafft wird. Das Kapital mag ja an einer inneren Schranke oder an den Grenzen der Natur scheitern, Herrschaft und Gewalt kommen damit jedenfalls nicht ans Ende. Wie eine solche postkapitalistische Gesellschaft aussehen könnte, ist bislang eher Gegenstand der Filmindustrie, und die Erwartungen sind rabenschwarz.

Viele erhoffen sich die Befreiung von Kapital und Herrschaft von der baldigen Entwicklung einer “radikal antikapitalistischen Bewegung”, die mittels Aneignung der Ressourcen mit der Gesellschaft des Gelds und der Ware Schluss macht. Doch so denkt sich eins die Überwindung des Kapitalismus wohl doch zu stark nach dem Vorbild Muster der französischen und der sozialistischen Revolutionen. Einige tausend Jahre Herrschaft und vier Jahrhunderte Geldwirtschaft lassen kaum sich im Schwung einer Anti-Bewegung hinwegfegen.

Hier braucht es jede Menge praktische Übung und Erfahrung, analysierendes Denken und Debatten. An den vielfältigen Initiativen z. B. , die sich seit einiger Zeit als “Solidarökonomie” zu verstehen beginnen, interessiert denn auch weniger ihre Kleinheit, Widersprüchlichkeit und Unklarheit, oder all das, was sie mit dem alten Graus ja doch gemein haben. Jeden, der raus will aus der herrschenden Malaise, und grad auch jene, die mit dem Anspruch der Kritik debattieren, schreiben und publizieren, könnte mit mehr Gewinn an solchen Initiativen interessieren, wo man was miteinander kann, wo eventuell Neues entwickelt wird im Denken, in Lebensart und Umgang, wie verwandte Initiativen, wie diese mit dem lokalen Umfeld kooperieren, wie sie mit staatlichen Stellen, mit Kapitalvertretern, mit der Polizei umgehen, wo was wie zu unterstützen und zu propagieren wäre, wozu Kritik angemerkt, Hinweise, Hintergründe, Grundlagen erläutert werden könnten, wie eins sich beteiligen, wo wie sich nützlich machen kann. Und für den Umgang der Denker und Schreiber und ihrer diversen “Schulen” gälte das erst recht.

Worauf es ankäme, wäre ein Zusammenhang von kritischen Menschen, in dem sich die Leute in gegenseitiger Achtung statt mit Verdächtigung, Ironie und Herabsetzung in vielfältiger Weise und verschiedenster Intensität aufeinander beziehen, miteinander kooperieren und die haarigen Probleme eines solchen Umgangs als unabdingbares, “inhaltliches” Erfordernis auf dem Weg einer emanzipatorischen Bewegung verstehen lernen.

1 Kommentar

 Kommentare

  1. 1 Manfred Mäder meinte am 28. September 2010, 15:33 Uhr

    “Weil der innerkapitalistische Entwicklungshorizont verschwunden ist, kann emanzipatorische Opposition nicht mehr in den Kategorien des warenproduzierenden Systems formuliert werden. Das bedeutet aber auch, dass nicht mehr einfach ein leicht definierbarer äußerer Feind bekämpft werden kann, die ‘besitzende Klasse’, die ‘reaktionären Kräfte’, der ‘Imperialismus’ der alteingesessenen Kräfte usw.), sondern auch die eigene (kapitalistisch konstituierte) Subjekt- und Handlungsform zur Disposition steht. Das ist nicht nur schwer zu begreifen, sondern auch schwer zu ertragen.” (Robert Kurz in “Marx lesen”).

    Die eigene “Subjekt- und Handlungsform” steht zur Disposition, im Klartext heißt das auch, das eigene Geworden-Sein als Mann und äquivalent dazu natürlich das Geworden-Sein als Frau. Das Patriarchat, das sich hinter dem verlogenen und uns knechtenden Geldsystem (Schuldsystem) versteckt, lässt aber jenseits des Losertums keine (wahren, authentischen) Identitäten zu weder als Mann noch als Frau. Marx spricht von Charaktermasken, wenn er die „Identitäten“ der Menschen am Ende der kapitalistischen Entwicklung beschreiben will.

    In gewisser Weise ist es eine perfide Ironie (des „Systems“, der „Herrschaften“, der „Geschichte“ ???), dass ausgerechnet jetzt (da können wir das 20. Jahrhundert getrost mitrechnen), die Frauen mit ins Boot geholt werden, wo der Karren schier restlos an die Wand gefahren scheint. Als an den Urnen die Wähler infolge des ersten Weltkrieges ausgingen, gab man den Frauen das Wahlrecht. Seitdem findet man immer mehr Frauen an vorderster Front des Krisenmanagements. Sicher auch ein Umstand, der den männlichen Teil der Losergemeinde, der nur noch raus will aus der männlich konstituierten Hölle nicht gerade zur Ermutigung gereicht.

    Will man/frau die eigene “Subjekt- und Handlungsform” hinterfragen, wird man/frau kaum um eine Analyse der Herrschaftstechnik herumkommen, die letztendlich aber nur solidarisch und geschlechtsübergreifend geleistet werden kann. Analog den Produktionsverhältnissen haben sich nämlich im Laufe der Jahrhunderte auch die Herrschaftstechniken immer weiter “entwickelt” und verfeinert. Herrschaft funktioniert inzwischen so subtil, dass sie von einer überwiegenden Masse gar nicht als solche wahrgenommen wird. Empfehlenswert hierzu, Foucaults Arbeit: Die Geburt des Gefängnisses.

    Die eigene “Subjekt- und Handlungsform” zu hinterfragen, heißt, nicht nur das eigene individuelle auf wenige Jahrzehnte begrenzte, sondern das historische Geworden-Sein in Betracht zu ziehen, das bei männlichen und weiblichen Biographien, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Die gemeinen, einfachen Männer waren stets auch Opfer von Herrschaft und dennoch waren es gerade diese, die sich immer dann, wenn sich die Gelegenheit bot, in den unzähligen Kerkern und Kriegen der Geschichte, aber auch in den Eheknästen zum Vollstrecker männlicher, sexueller Gewalt gemacht haben.

    “Niemand ist hoffnungsloser versklavt als der, der fälschlich denkt frei zu sein” (Goethe).

    Ein Zustand, der heute erreicht ist, für Goethe war das noch relativ einfach greifbar, weil er am Anfang einer Entwicklung lebte, deren traurigen Höhepunkt wir heute erleben, nämlich die allumfassende Herrschaft des Geldes, was bei genauerer Untersuchung sich als nichts weiter entpuppt als ein weltumfassends System der Verschuldung, das längst in unsere intimsten Bereiche vorgedrungen ist. Herrschaftstechnik ist aber sicher nicht irgendwie ein einzelnes isoliertes Phänomen, sondern ein Puzzle aus unzähligen Teilen (so muß es jedenfalls aus unserer Perspektive erscheinen). Teilen und Herrschen, Grundlage aller Herrschaft, kriegt mann doch nur hin, wenn mann es beispielsweise schafft, dass sich die Beherrschten einander nicht mal mehr zuhören, zuvorderst Frauen und Männer. Wie macht mann das? Indem mann zum Beispiel Sexualität zur Ware macht und Sexualität und Liebe trennt.

    Wie erfolgreich dieses Unterfangen ist, kann man empirisch daran erkennen, wie wenig `gelungenen` Liebesbeziehungen man begegnet.

    Zuhören wäre also angesagt: „Our separation from each other is an optical illusion of consciousness“, zitiert Severin Heilmann Albert Einstein und fügt hinzu, “Vorsicht, Zitat von Einstein”. Da wird’s für den linken Mainstream dann aber richtig heftig, weil „esoterisch“, und Esoterik ist in der radikalen Kritik zu Recht „rechts“ besetzt. Die „linke Eroberung“ der Esoterik, jenseits des von Marx postulierten Verdikts „Opium fürs Volk“ steht meines Erachtens noch aus.

    Ein anderes Einstein-Zitat lautet: „Manche Männer bemühen sich lebenslang, das Wesen einer Frau zu verstehen. Andere befassen sich mit weniger schwierigen Dingen z.B. der Relativitätstheorie.“

    Jetzt müsste man was von Mathematik verstehen, um Eins und Eins addieren zu können.

    Ich versuche, Esoterik raus zu halten: Dass wir getrennt sind, und zwar in so einem elementaren Grundbedürfnis wie der Liebe, ist eine Täuschung des Bewusstseins. Was aber, wenn es ausreicht, Herrschaft auszuüben, indem man auf vielfältige, aber eigentlich banale Weise dafür sorgt, dass diese Täuschung des Bewusstseins aufrechterhalten wird, Teilen und Herrschen eben. Teilen und Herrschen aber, wie ich es verstehe, hat in der mir bekannten Geschichte immer etwas mit der Trennung der Geschlechter voneinander zu tun. Die Frage, die sich mir dabei naiver Weise aufdrängt: War das immer so, gab es die „Vertreibung aus dem Paradies“, oder durchlaufen wir tatsächlich einen Prozess, um die Liebe neu zu erfinden, weil sie auch naturgeschichtlich ein neues Phänomen ist, das sich letztendlich nur unter herrschaftsfreien Bedingungen wird leben lassen. Weil die Liebe unter den Bedingungen von Fortpflanzung und Reproduktion einfach keinen Platz hat oder sagen wir zu wenig. Keine Macht für niemand!  Die Macht muß auch aus den Beziehungen verschwinden!

    Aber Zuhören ist auch noch etwas anderes. Nehmen wir das ‚Urverbrechen’ des 21.Jahrhunderts, den 11.09.2001. Es gibt in den USA inzwischen eine breite Bewegung „trues now“, der auch eine große Anzahl von Architekten, Wissenschaftlern, direkt Betroffene usw. angehören. Ein Wort reicht: „Verschwörungstheorie“ und das Thema ist selbst in den meisten linken Zirkeln weg vom Tisch. Darüber hinaus bezeichnet sich diese Bewegung selbst als „Wahrheitsbewegung“, was für radikale Kritik geradezu ein Fehdehandschuh darstellt. Was aber will radikale Kritik, wenn sie vor so einem monströsen Verbrechen die Waffen streckt, ohne es ganz hausbacken kriminalistisch zu untersuchen? Zuhören täte Not, ist aber nur möglich, wenn man den anderen ernst nimmt.

    Anders formuliert, radikale Kritik ist nur dann eine, wenn sie sich selber ernst nimmt und in der Lage ist, sich immer wieder selbst zu hinterfragen, wozu auch unbedingt die ernsthafte Auseinandersetzung mit eher „fremden“ Positionierungen gehört.

    Jeder kritische Geist steckt nun mal auch in einem Körper. Die Einheit von Körper und Geist, die eigentlich einzufordern wäre, muß aber solange scheitern, solange der Geist etwas antizipieren kann, was dem Körper unter den gegebenen Herrschaftsverhältnissen nicht wird zugestanden werden, die Geister toben sich auf Kosten ihrer körperlichen Bedürfnisse aus, dort wo Körper sich austoben, fehlt es an Geist: Dumm fickt gut, das Sexleben des Philosophen ist eine Katastrophe (frei nach Götz Widmann).

    Dieser Zusammenhang hat in meiner Vorstellung durchaus etwas mit dem Widerspruch von Theorie und Praxis zu tun. Philosophie und somit Theorie ist in der uns bekannten Geschichte etwas rein männlich konstituiertes, während die Frauen in dieser männlichen Geschichte immer, mal brutaler mal dezenter auf ihren Körper reduziert waren und noch sind: Ort der männlichen Reproduktion, abgespalten und ausgegrenzt zum Zwecke der Fortpflanzung und Befriedigung männlicher, meist sexueller Bedürfnisse.

    Aber so ist die Hoffnung, die Sehnsucht nach Freiheit und Liebe ist universell, das eine ist ohne das andere nicht zu haben, also verbindet zwangsläufig Männer und Frauen. Wo universelle Not ist, sollten wir vielleicht öfter auf das zurück greifen, was uns bisher einzig als universelle Sprache bekannt: die Musik, oder wie es in einem Hit der Doobie Brothers heißt: Listen To The Music. Dusty Springfield meinte: “The Only One, Who Could Ever Reach Me, Was The Son Of A Preacher Man“.

    Also Loser, weiter predigen!

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