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Die Welt ist nicht genug

20 Dez 2007

von Roger Behrens

Der Kosmopolitismus ist eine Ideologie. Realisiert hat sie sich als Weltpolitik und Weltökonomie, als globaler und korporativer Kapitalismus. Gedanken zu Weltbürgertum, Weltpolitik und Weltrevolution.

Bis zum Beginn der Neuzeit bedeutete Geschichte – zumindest der Ideologie nach – die Verbesserung oder Aufrechterhaltung einer ohnehin schon für gut befundenen Welt. Doch spätestens seit dem Erdbeben von Lissabon 1755 geht es nicht mehr um Verbesserung, sondern um Revolution – um die Rettung einer beschädigten Welt, um Progress, der dem Regress sich entgegenstemmt: Das bestimmt die Dialektik der Aufklärung – und zwar als Widerspruch zwischen richtiger Absicht und falscher Einsicht bis heute. Nachvollziehen lässt sich das an der neuesten Konjunktur des Kosmopolitismus und seiner Derivate (Global Citizenship, Weltgesellschaft usw. ): Anlass ist hier nicht die materielle Verbesserung der Welt, sondern der ideelle Versuch, den jetzigen Globalisierungsprozess zu stoppen. In den jüngsten Publikationen zum Thema wird der Kosmopolitismus stets als Rettung vor der globalen Bedrohung verteidigt.

Die Idee der weltbürgerlichen Gesellschaft fungiert dabei als letzte Instanz, die noch nicht von der Katastrophe erfasst ist; die Katastrophe indes erscheint immer als Naturkatastrophe oder zur Natur gewordene Katastrophe: Terrorismus und Tsunami, Klimawandel und Krieg. Ulrich Beck wärmt sein nach Tschernobyl geprägtes Schlagwort auf, spricht von der »Weltrisikogesellschaft« und ist »Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit« (Suhrkamp 2007). Ernst zu nehmen ist der Kosmopolitismus höchstens als philosophische Notlösung, darin allerdings verzweifelt um die Philosophie selbst bemüht: So kann man es lesen beim Kulturphilosophen Kwame Anthony Appiah in seinen Büchern »Kosmopolitischer Patriotismus. Erbschaft unserer Zeit« und »Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums«, bei der Wissenschaftsphilosophin Isabelle Stengers in ihrem siebenbändigen Monumentalwerk »Cosmopolitiques« und auch schon bei den Sozialphilosophen Daniele Archibugi und David Held in dem von ihnen bereits 1995 herausgegebenen Buch »Cosmopolitan Democracy. An Agenda for a New World Order«.

Die Welt des Kosmopoliten ist eine positive, durch Anschauung gewonnene; genauer: durch Weltanschauung – nach dem falschen Begriff von Ideologie. Und genau das macht den Kosmopolitismus ideologisch, zum notwendig falschen Bewusstsein des Bürgertums: Seine Radikalität bezieht der Kosmopolit aus der Weltanschauung, die er mit der Wirklichkeit verwechselt. Was er über die Welt denkt, ist Meinung; und Meinung beziehungsweise Meinungsfreiheit ist das höchste Gut, welches er kosmopolitisch bewahren möch­te. Hunger und Elend interessieren ihn nur dann, wenn sie in diesem Weltbild akzidentiell auftauchen. Sein Kosmos ist Kultur, seine Politik ist Moral. Der Kosmopolitismus folgt damit dem Kulturalismus, dem er entrinnen will: Er glaubt, mit Nation und Staat nichts zu tun zu haben; seine Sprache soll Weltsprache des Herzens sein – Musik. Bono oder Bob Geldof heißen die Proto­typen dieses neuen Kosmopolitismus, für den es Kapitalismus zwar im Sinne einer globalen Volkswirtschaft gibt, aber nicht als politische Ökonomie.

Ein Fehlschluss wäre es, diesen Kosmopolitismus mit Weltbürgertum zu übersetzen: Welt und Bürgertum waren für den Kosmopolitismus der Aufklärung emanzipatorische Forderungen. Dem gegenüber ist der heutige Kosmopolitismus sowohl in Bezug auf den Kosmos, den er umschließen will, als auch in Hinblick auf die Politik, die er propagiert, ein paradoxer Anachronismus: Als der Kosmopolitismus zum revolutionären Programm erhoben wurde, Ende des 18. Jahrhunderts, war die Welt, zumal die bürgerliche Welt, noch eine Idylle, ein überschaubares Universum, nicht einmal vollständig entdeckt; zugleich konnten die damaligen Kosmopoliten ihre Idee von Weltgesellschaft noch im naturwissenschaftlichen Humanismus begründen (exemplarisch dafür ist Alexander von Humboldts »Kosmos«). Darüber hinaus hatte die Politik noch den Status eines Experiments, war revolutionär: Die Republik war noch konkrete Utopie und noch nicht im Gewaltmonopol eines souveränen Nationalstaates verdinglicht.

Zwei Jahrhunderte später hat sich der Kosmopolitismus realisiert: als Weltpolitik und Welt­ökonomie, als globaler und korporativer Kapitalismus. Von daher ist es ein Trugschluss zu glauben, dass der Kosmopolitismus seine emanzipatorische Kraft mit dem Aufstieg des Bürgertums gewonnen hat; tatsächlich wurde der Kosmopolitismus durch das bürgerliche Zeitalter ad absurdum geführt, indem er nämlich realisiert wurde – negativ, als kapitalistische Weltpolitik, die zu den Verhältnissen geführt hat, die paradox auch für den gegenwärtigen Kosmopolitismus den Nährboden bilden. Wo die materiellen Verhältnisse längst kosmopolitisch sind, kommt der Kosmopolitismus über seinen Idealismus nicht hinaus – die Forderung nach einer weltbürgerlichen Gesellschaft wird paradox: weltfremd und vorbürger­lich. Seine politische Radikalität vermochte der Kosmopolitismus nur dort zu entfalten, wo das Bürgertum selbst noch revolutionär war, welt­revolutionär.

Aber auch damals blieb die Forderung einer weltbürgerlichen Gesellschaft in der philosophischen Idee gefangen. Immanuel Kant, der hier immer noch die wesentliche Referenz ist, hatte das Problem bereits erkannt, und es kommt nicht von ungefähr, dass er seine politischen Überlegungen unter die philosophische Überschrift einer »Anthropologie in pragmatischer Hinsicht« stellte: Die »allgemein fortschreitende Coalition in eine weltbürgerliche Gesellschaft«, die er »Cosmopolitismus« nennt, ist eine »an sich unerreichbare Idee aber kein constitutives Princip… , sondern nur ein regulatives Princip«. Und was Kant auf der Basis seiner Erkenntniskritik formulierte, erkannte schließlich Marx mit den Mitteln der Kritik der politischen Ökonomie: Die moderne Ökonomie des Kapitalismus findet im Privateigentum ihre »kosmopolitische, allgemeine, jede Schranke, jedes Band umwerfende Energie«, heißt es schon in den so genannten Pariser Manuskripten von 1844. Und im »Kommunistischen Manifest« ist bündig zu lesen: »Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen. Die Bourgeoisie hat durch ihre Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet. Sie hat zum großen Bedauern der Reaktionäre den nationalen Boden der Industrie unter den Füßen weggezogen. «

Das emanzipatorische Motiv des Kosmopolitismus steckt jedoch weder im bürgerlichen Begriff der Politik, noch im politischen Begriff des Bürgers. Revolutionär ist der Kosmopolit nicht als Bourgeois und nicht als Citoyen, sondern als realer Humanist, als Mensch. Bleibt hingegen der Weltbürger Bürger, der die Welt, wie sie ist, als seine Heimat nimmt, ist er nicht mehr als Phileas Fogg, den Jules Verne in 80 Tagen um die Erde reisen lässt: ein Abenteurer. Das zynische Gegenbild dazu ist der staaten- und rechtlose Migrant, den die Kalamitäten des kosmopolitischen Realzustands dazu zwingen, überall in der Welt zuhause zu sein, weil er es nirgendwo ist.

Entscheidend bleibt: Der Universalismus, der dem Ideal der weltbürgerlichen Gesellschaft vorausgeht, ist philosophisch begründet, nicht politisch und schon gar nicht im modernen Sinne (liberal, demokratisch, institutionell). Die Ursprünge dieser Idee finden sich derart bereits in der griechischen Stoa, im proto-materialistischen und rationalistischen Weltverständnis Zenons. Und im Übrigen war bereits diese philosophische Kosmologie mit der politischen Ideologie des römischen Reichs völlig vereinbar. Marcus Aurelius definierte das stoische Weltbild und damit zugleich die philosophische Grundlage des modernen Kosmopolitismus: »Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft… «

Dass solch ein kluger Universalismus von einem Kaiser definiert wurde, war damals höchstens ideologisch ein Widerspruch. Erst wo der Universalismus sich in die Verhältnisse selbst einschreibt, wird er materiell: »Wie sich das Geld zum Weltgeld, entwickelt sich der Warenbesitzer zum Kosmopoliten. Die kosmopolitische Beziehung der Menschen zueinander ist ursprünglich nur ihr Verhältnis als Warenbesitzer. Die Ware ist an und für sich über jede religiöse, politische, nationale und sprachliche Schranke erhaben. Ihre allgemeine Sprache ist der Preis, und ihr Gemeinwesen ist das Geld. « Damit hat Marx jeden heute noch so pseudoradikal wie naiv behaupteten Kosmopolitismus mit dem Hinweis auf die reale kosmopolitische Struktur der globalkapitalistischen Warentauschgesellschaft bündig widerlegt.

Nun wird gelegentlich auch der Widerstand gegen diese weltgesellschaftlichen Verhältnisse als Kosmopolitismus verstanden. Auch bei Marx und Engels findet sich eine Stelle, wo auf die »kosmopolitische Macht des Proletariats« gesetzt wird. Bei Marx und Engels zielte das aber auf die damals herrschenden Regierungen, nicht auf ihre Übernahme oder bloße Affirmation, wie es die Vertreter des kosmopolitisch getarnten Internationalismus und Lokalismus der Multitudes propagieren. Hier braucht es nicht, wie derzeit mit den Alt-Maoisten Jacques Rancière und Alain Badiou diskutiert wird, einen neuen Politikbegriff, sondern die rücksichtslose Kritik der politischen Ökonomie, die einzig noch als radikaler Kosmopolitismus zu vertreten wäre: Dies wäre, nach Ernst Bloch, Umbau der Welt zur Heimat. Solcher Kosmopolitismus ginge nicht nur auf das revolutionäre Erbe der Idee der weltbürgerlichen Gesellschaft zurück, sondern vor allem darüber hinaus: in einen Kosmos, von dem es bisher nur Science Fiction gibt, aber noch keine konkrete Utopie. Die hieße Kommunismus.

Jungle World 48, 20.12.07

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