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Spiele der Weißen

03 Feb 2006

Um vieles deutlicher als die Sommerolympiade präsentiert sich die Winterolympiade als Heerschau okzidentaler Überlegenheit.

von Franz Schandl

Obwohl es niemand sagt, ist es doch offensichtlich: Die Olympischen Winterspiele sind nicht nur die weißen Spiele, sie sind auch die Spiele der Weißen. Global betrachtet handelt es sich um Reichtums-Vorführungen der Sonderwohlstandszonen des Nordens. Technisches Material, öffentliche und private Ressourcen sind von geradezu ausschlaggebender Bedeutung. Hat man als Leichtathlet aus Kenia oder Äthiopien durchaus Chancen auf Spitzenplätze, so ist Ähnliches im Wintersport gänzlich unbekannt. Dessen Exoten gleichen Außerirdischen. Über deren Fahrstil und mangelnde Eleganz äußern sich die Kommentatoren mitleidig, um ihnen denn doch zu bescheinigen, wie toll es sei, dass sie überhaupt da sind. Die Winterolympiade kennt daher Kernnationen (Mittel- und Nordeuropa, die USA, Canada und Japan) und Randnationen (in absteigender Reihenfolge: Ost- und Südeuropa, Australien, Asien, Lateinamerika, Afrika). Was als fair play sich verkauft, sollte als fairy-tale betrachtet werden. Nicht einmal ein Kampf der Blöcke (UdSSR/DDR gegen USA/Westeuropa) findet nach 1989 mehr statt.

Der Rodler aus Venezuela oder der Schiläufer aus Armenien sind bestenfalls als Staffage zu bezeichnen. Man sieht sie auch höchstens zu Olympia und vielleicht zu Weltmeisterschaften, in den obligaten Saisonbewerben haben sie nichts verloren. Aus dem einfachen Grund, weil sich weder ihre Länder, geschweige denn sie selbst sich das leisten könnten. Im globalen System ist Wintersport ein Sport der Reichen, nicht nur an der Spitze, sondern ebenso in der Breite. Am ehesten noch auszunehmen ist der Schilanglauf, wo die Ausrüstung zwar nicht vernachlässigbar, aber doch nicht von der Relevanz ist wie bei den Alpinen. Da können auch schon mal postsowjetische Esten und Russen gewinnen.

Leistungssportler werden national kontingentiert. Man kämpft nicht einfach für sich – Höheres wird eingefordert. Nationalhymne und Nationalflagge gehören dazu. Seit einigen Jahren auch die Kriegsbemalung der Fans. Und spurt einer nicht – wie etwa der österreichische Schispringer Andreas Goldberger, der einst nach einer Kokain-Affäre blauäugig dachte, er könne für Jugoslawien (! ) springen – dann droht man mit Ausbürgerung und Einreiseverbot. Da ist die Hetz vorbei.

Ein im Spitzensport gebräuchlicher Terminus ist der des nationalen Kaders. Wohlan, nationale Kader sind Kader der Nation. Viele österreichische Olympioniken nennen als ihren Beruf den des Zeitsoldaten, viele deutsche den des Sportsoldaten. Ohne Heer wären diese Kader gar nicht möglich. Athleten sind so Angehörige der wirklichen Streitkräfte, Bestandteil nationaler Truppen im Kampf. Die Front ist da, aber es ist nicht der Schützengraben, sondern die Piste, die Schanze, die Loipe, der Eiskanal. Der Gegner muss im wahrsten Sinne des Wortes geschlagen werden. Für das Nationalgefühl ist ein solcher Sieg und noch mehr der Erfolg ganzer Teams effektiver als tausend Stunden Staatsbürgerkunde. Für die späte Bildung der österreichischen Nation sind die Triumphe der Schinationalmannschaft von geradezu elementarer Bedeutung. Immerwährender als die Neutralität.

Der Wettkampfsport ist also keine bloße patriotische Draufgabe, sondern zu einer ganz zentralen Größe nationaler Selbststilisierung geworden. Hauptort unbedingter Identifizierung. In ihm wird das Nationale als eherner Mythos bewahrt und gepflegt. Die Kraft der Nation misst sich an den gewonnen Schlachten. Ausgeschüttet werden Glücksgefühle, die dem Hormonhaushalt zweckdienlich sind, ja ihn nachhaltig prägen können. Wo sind die „Unseren“ gelandet? Auf welchen Plätzen liegen sie? Das sind oft gestellte Fragen in Zeiten permanenter Sportübertragung. Der ganze Einserkanal des öffentlichen Fernsehens wird hierzulande für die Olympiaberichterstattung freigeschaufelt. Da dürfen auch die Politiker nicht fehlen. Anwesenheit ist Pflicht, und die exzessiven Sendezeiten schaffen zusätzliche Auftrittsmöglichkeiten.

Wobei dieser Nationalismus inzwischen weniger volksbezogen ist als standortorientiert, weniger am Stamm interessiert als am Geschäft. Unser Boti, wie Michail Botwinow, der einstige Olympia-Dritte im 30km-Langlauf, per Spitznamen gerufen wird, war ein originäres Importprodukt made in the USSR. Nirgendwo ist man so schnell mit der Einbürgerung wie bei Hochleistungssportlern. Wer sich für die neue Nation verdient macht, dem sieht man die alte gern nach.

Das Bild der Idole, vor allem das der Naturburschen, ist freilich ein televisionäres Trugbild, eine Erscheinung folkloristischer Werbespots. Jene sind vielmehr hochdotierte industrielle Markenprodukte, ständig trainiert, kontrolliert, diszipliniert. Da herrscht Zucht, Uniform und Flagge. Im Leistungssport geht es nicht primär um den sportlichen Wettbewerb, sondern um die kommerzielle Konkurrenz. Man muss die Auftritte der Sportler als Werbeträger bloß genauer betrachten. Die Spektakel, und insbesondere die Olympiaden, gleichen riesigen PR-Festen. Die punzierten Akteure treten an als wandelnde Litfasssäulen. Jeder Trainer, Betreuer, ja Servicemann muss mit Produkten und Etiketten seiner Marke vor der Kamera posieren. Schier, Schuhe, Stirnband, Overall, Pullover, kein Ort entgeht der Verwertung. Solch Großereignisse sind geradezu prädestiniert das herzuzeigen, was man hat und deswegen ist. Wintertourismus und Schierfolge hängen ja ganz eng zusammen. Im Konkurrenzkampf der beiden Alpenrepubliken heißt das: Was des Österreichers Freud, ist des Schweizers Leid.

Präsentiert sich der Norden als potenter Sonderfall, so die Republik Österreich als präpotenter Sonderfall zweiter Ordnung, als Supersonderfall sozusagen. Der Schirennsport ist in Österreich nicht bloß ein nationales Anliegen, er ist das patriotische Projekt schlechthin. Nirgendwo sonst kann das Land sich derart als Großmacht inszenieren wie hier. Jener ist höchstes nationales Gut, protegiert, wo es nur geht. Die Budgets sind überdimensional, offizielle Privilegien für Schistars inbegriffen. Da muss keiner in Monaco Steuern zahlen. Monaco ist in Österreich.

Die Geschichte ist voller Mythen, etwa der des „verhinderten Abfahrtsolympiasiegers von 1972“, Karl Schranz, der vom damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage wegen Verstoßes gegen den Amateurparagraphen (was heute absolut albern klingt) von der Teilnahme an den Spielen ausgeschlossen worden ist. Schranz wurde daraufhin in der Heimat ein triumphaler Empfang bereitet. Gemeinsam mit Kanzler Bruno Kreisky winkte er den erschütterten Massen zu. Es sollte die bedeutendste nationale Kundgebung seit dem Staatsvertrag 1955 sein.

Natürlich gibt es bittere Niederlagen zu beklagen, Sapporo 1972 eben und – nomen est omen – Sarajevo 1984. Aber insgesamt sind wir Österreicher, vor allem in den letzten Jahren, die eindeutigen Dominatoren. Und wenn die ganze Welt gegen uns sein sollte, hier herrschen wir. Der alpine Schisport ist für das heimische Gemüt deswegen so wichtig, weil da das beliebte Match Österreich gegen den Rest der Welt auch immer wieder von Österreich gewonnen werden kann. Dafür ist vorgesorgt, auch diesmal.

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