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Alles für alle

01 Jul 2006

Zur Debatte um eine freie Gesellschaft

Streifzüge 37/2006

KOLUMNE Immaterial World

von Stefan Meretz

Jede Gesellschaft besitzt unabhängig von der Form eine basale Eigenschaft: Der Erhalt der Gesellschaft ist durchschnittlich auf die Beiträge der Menschen angewiesen, jedoch vom Beitrag des konkreten Einzelnen unabhängig. Damit sich eine Gesellschaft erhalten kann, braucht sie einen “selbstreproduktiven Mechanismus”. Dieser “Mechanismus” hat konstitutive Funktion, ist das organisierende Moment des gesellschaftlichen Zusammenhangs. Er ist unsichtbar und sorgt doch dafür, dass durchschnittlich alle notwendigen Beiträge erbracht werden. Er konstituiert den Gedankenraum, in dem die Menschen wahrnehmen und denken und lernen, sich im Medium der Gesellschaft zu bewegen und sich zu anderen ins Verhältnis zu setzen. Eske Bockelmann hat in seinem Buch “Im Takt des Geldes” eindrucksvoll beschrieben, wie sich im Übergang zur Moderne buchstäblich alles änderte: das Hören, das Sehen, das wissenschaftliche Denken und das Handeln.

Der “selbstreproduktive Mechanismus” der Warengesellschaft wird bestimmt durch ein Abstraktum: den Wert. Diese Erkenntnis entspricht durchaus dem Alltagsbewusstsein: Geld regiert die Welt. Hat eine freie Gesellschaft, Kommunismus, einen “selbstreproduktiven Mechanismus” oder wird dort alles “bewusst verabredet”? Nehmen wir an, mit dem Wert verschwände ein zentrales organisierendes Moment. Es gibt keine Vorgaben mehr, ob sichtbar oder unsichtbar. Nun gilt es, das gesellschaftlich Notwendige zu verabreden. Was muss durchschnittlich produziert, reproduziert, repariert, organisiert, kurz: getan werden? Wie werden Notwendigkeiten in gesellschaftlicher Größenordnung verabredet? Wie werden auch die Dinge getan, die unspaßig sind?

Zentrale Planung scheidet aus – auch wenn es neue Versuche gibt, Planwirtschaften auf der Grundlage neuer Computertechnologie (theoretisch) zu begründen. Gleichwohl werden Computer und das Internet eine wichtige Rolle spielen. Nur geht es nicht darum, die Gesellschaft zu organisieren und zu planen, sondern darum, dass die Gesellschaft sich selbst organisiert und plant. Selbstorganisation und Selbstplanung sind die Grundlagen, Computer und Internet sind Mittel. Was bedeuten Selbstorganisation und -planung unter den Bedingungen der Abwesenheit des Wertfetischs, des alles durchdringenden und organisierenden Moments der Warengesellschaft? Selbstorganisation und -planung – wofür? Die Antwort scheint mir auf der Hand zu liegen: für die Befriedigung der je eigenen Bedürfnisse.

Um die Bedürfnisbefriedigung geht es auch in der Warengesellschaft, nur ist sie hier nicht “unmittelbar” möglich. Jede und jeder muss den Umweg über das Geld nehmen, muss durch das Nadelöhr des Werts hindurch, nicht in allen Bereichen der Gesellschaft, aber zunehmend in mehr. Auch in einer freien Gesellschaft ist die Befriedigung nicht “unmittelbar” möglich, da der oder die Einzelne nicht alles selbst herstellt oder leicht an das Gewünschte heranreicht. Nur ist die “Vermittlung” in der freien Gesellschaft nicht über ein Abstraktum organisiert, sondern über den Kontakt zu anderen Menschen.

Ist es denkbar, zu beliebigen anderen Menschen zwecks Bedürfnisbefriedigung Kontakt aufzunehmen? Manchmal schon, aber in der Regel nicht. Das wäre viel zu aufwändig, und dafür ist die Gesellschaft in ihrer Struktur viel zu differenziert. Eine Eigenschaft der (halbwegs funktionierenden) Warengesellschaft hat also zu bleiben: die personalunabhängige Verfügbarkeit von Mitteln zur Bedürfnisbefriedigung. Habe ich in der Warengesellschaft aktuell und zukünftig Geld in der Tasche, so kann ich selbstständig entscheiden, auf Reichtümer zuzugreifen – dabei ausgeblendet, dass der Gesamtzustand der Warengesellschaften auch für die Geldhabenden kein stabiler ist.

Das bedeutet für die freie Gesellschaft, dass Güter und Dienste personalunabhängig verfügbar sein müssen – und das verbunden mit der Gewissheit, dass das morgen und übermorgen auch noch so ist. Dann wäre die Gesellschaft als Infrastruktur des je eigenen Lebens reich, stabil und verlässlich. Ich müsste mir keine Gedanken machen, die benötigten Reichtümer wären da und kämen mit wenig Aufwand zu mir. Ich stünde auch nicht permanent unter Verabredungszwang, um mir diese Lebensqualität zu organisieren. Zur Erinnerung: Basale Eigenschaft von Gesellschaften ist, dass konkret ich nicht gezwungen bin, einen notwendigen Beitrag zu erbringen – und sei es eine Verabredung.

Dieser Zusammenhang wurde von Klaus Holzkamp theoretisch verallgemeinert. In der Gesellschaft gibt es kategorial “allgemeine Nutzer” und “allgemeine Produzenten”. Durchschnittlich werden diese “Rollen” wahrgenommen, aber eben nicht zwangsweise personal. Kinder zum Beispiel sind zunächst nur “Nutzer” und entwickeln sich erst nach und nach zu “Produzenten”. Es gibt Menschen, die gehen darin auf, Dinge zu schaffen, andere wiederum darin, vorhandenen Reichtum zu nutzen. Wieder andere machen mal dies und mal das. Selbstentfaltung bedeutet, die je eigenen Möglichkeiten produktiv oder nutzend oder produktiv-nutzend maximal zu entwickeln und individuell auszubauen – unabhängig von der konkreten Tätigkeit. Bedürfnisbefriedigung bedeutet also keinesfalls, bloß nutzender “Konsument” zu sein und vorhandenen Reichtum geschleust durch die Wertöse zu verschlingen – das ist die warenförmig pervertierte Form der “Selbstverwirklichung”. Sondern es bedeutet, egal, ob als “Nutzer” oder als “Produzent”, die je eigene Persönlichkeit maximal zu entfalten und das Leben zu leben.

Also keine Zwangsverabredung. Natürlich werden wir uns verabreden, nicht notwendig individuell bei jeder Handlung. Wie aber entsteht trotzdem Reichtum, Stabilität und Verlässlichkeit? Das Geheimnis liegt im selbstorganisierenden Kern, im “selbstreproduktiven Mechanismus” der freien Gesellschaft. Dieser konstituiert sich nämlich über die Selbstentfaltung des Menschen – sei es als “Nutzer” oder als “Produzent”. Beides wird ohnehin nicht mehr voneinander zu unterscheiden sein: Das eigene Nutzen eines Reichtums ist häufig wiederum ein Produzieren für andere. Die These lautet also: Sind die Menschen von der (Wert-)Leine gelassen, werden sie in ihrer Vielfalt all jenen stofflichen und nichtstofflichen Reichtum schaffen, den eben diese Menschen brauchen – stabil und verlässlich: Alles für alle.

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