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„Burn all Flags!“

01 Mrz 2005

Streifzüge 33/2005

KOLUMNE Rückkopplungen

von Roger Behrens

Kultur in der bürgerlichen Gesellschaft hat primär die Funktion, von den Verhältnissen eben dieser Gesellschaft abzulenken. Pop bewegt sich zwischen den Polen, diese Ablenkung einmal perfektioniert zu haben, aber auch, sich diese Funktionszuschreibung nicht ohne weiteres gefallen zu lassen. Pop ist nicht subversiv, gleichwohl er auch nicht die bruchlose Verdinglichung ist; der Mainstream hat Nebenströme, sonst wäre er nicht der Mainstream; aber diese Nebenströme führen nicht von sich aus in die Utopie, auch wenn sie auf der popkommunistischen Weltkarte längst eingezeichnet ist. Nicht ist Popkultur an sich die Befreiung, und dennoch vermag der Versuch der Befreiung in ihr in Konstellationen zu gerinnen; wo und ob das geschieht, wäre am ästhetischen Gehalt der Produkte zu entschlüsseln, und ist selbst mitnichten unmittelbar. Ebenso wichtig, auch um den Schleier der Unmittelbarkeit zu zerreißen: sich auf den Immanenzzusammenhang einzulassen. Solche Immanenz berührt auch die in der materialistischen Theorie problematische und ungeklärte Frage nach der Materialität des Klangs, also die Frage, ob denn die Politisierung der Kunst, zumal in den Derivaten der Kulturindustrie, hörbar ist?

„Burn all flags! „, steht auf der Bassdrum des Schlagzeugs. Die Band, die unter dem Namen A Silver Mt. Zion auftritt, wurde im Frühjahr 1999 gegründet, teilweise in Personalunion mit den auch musikalisch nicht weit entfernten Godspeed You Black Emperor! – aus Montréal in Kanada, beim Label Constellation zusammen mit Bands wie Fly Pan Am oder Do Make Say Think. Es ist der über den Punk und so genannten Postrock vermittelte Versuch, sinfonische Musik für eine Zeit zu definieren, die Sinfonie, also Zusammenklang, nicht mehr zulässt. Die Parallelen zu Gustav Mahler, insbesondere zur dritten, sechsten, siebten und neunten Sinfonie, dürften nicht zufällig sein. Punk in diesem Fall heißt: hier wird gezeichnet und skizziert, nicht gemalt (was sich übrigens in der Covergestaltung anschaulich verdeutlicht). Also Mahler: der sagte nachdem er im Sommer 1896 seine dritte Sinfonie beendet hatte über diese: „Meine Sinfonie wird etwas sein, was die Welt noch nicht gehört hat. Die ganze Natur bekommt darin eine Stimme und erzählt so tief Geheimes, was man vielleicht im Traume ahnt. Mir ist manchmal selbst unheimlich zumute bei manchen Stellen und es kommt mir vor, als ob ich das gar nicht gemacht hätte.“ Einhundert Jahre später sind es Bands wie Godspeed You Black Emperor! oder eben A Silver Mt. Zion die mit aller Gewalt des musikalischen Materials der trostlosen Wahrheit zum Ausdruck verhelfen, dass dieser Traum ein Alptraum ist, die Unheimlichkeit die Stimme der denaturierten Natur selbst ist, vom Menschen zugerichtet wie auch nur vom Menschen zu befreien…

Es ist eine Haltung zur Musik, bei dem jeder Ton nicht nur das Instrument als verlängertes Werkzeug des menschlichen Körpers bestätigt, sondern auch als technische Prothese, als Entfremdung eben dieses Körpers. Jede Stimme, die zu hören ist, verhallt zugleich in den Effekten, durch die sie geleitet wird. Deutlich wird hier, dass Musik nicht nur die Kunst der Zeit ist, sondern auch die Kunst des Raums. Mit Postrock sind Bands bezeichnet worden, die nach der Krise des Rock – Virtuosität, Ästhetizismus, Materialschlachten, Bluesschema – sich von den Klischees verabschiedeten, um eben einen musikalischen Raum neu abzustecken: die Musik wurde so langsam, so reduziert, dass man das Gefühl bekam, zwischen den einzelnen Tönen hindurch laufen zu können, um sie von jeder Seite zu betrachten, also zu hören. A Silver Mt. Zion übersteigert dies Prinzip fast mit Gewalt. Eine Sprechstimme sagt zu Akkorden, die klingen, als wären sie die letzten noch möglichen überhaupt: „Because the people united is a wonderful thing“, und dann verstummt die Musik. Und das ist die Wahrheit: Ausdruck des Unwahren. Dennoch bleibt die Musik bei der Anekdote, beim Zitat, beim Beiwerk, verzichtet auf jede Form von Überheblichkeit und Anmaßung. Und so schießen diese Sinfonien zu Kristallen zusammen, dunkel, zerbrechlich, traurig und Signatur einer dem schrecklichen Augenblick entronnenen Melancholie. Nach einem Jahrhundert der Extreme, der barbarischen Spannungen, zerreißt noch einmal der Schleier der Romantik, bricht die Musik erneut auseinander: in sinfonische Dichtung: „Fucked-up chamber music! “ Silver Mt. Zion sind heute sechs Musiker: zwei Violinen, ein Cello, ein Klavier, zwei Gitarren, ein Bass (und Kontrabass) – dazu Orgel, Glockenspiel, Tapes, Gesang. Dazu kommen Gastinstrumentalistinnen (Schlagzeug, Horn)… Es gibt Querverbindungen zur minimalistischen Musik, zur Geräuschmusik, zur Programmmusik, zu Klezmer ebenso wie zu Punk und Hardcore.

The Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band, , Born into trouble as the sparks fly upward‘, Constellation 2001; A Silver Mt. Zion, , He has left us alone but shafts of light sometimes grace the corner of our rooms‘, Constellation 2000 – www.cstrecords.com

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