Sich fremd werden

Globalisierungs- und Ideologiekritik

Streifzüge 32/2004

von Thomas Seibert

Zur Ideologie gehört, dass ihr Subjekt, also wir selbst, von seinem Eingelassensein in Ideologie zunächst und zumeist gar nichts weiß. Man glaubt, frei das Wort zu ergreifen und zu sagen, was man auf der Höhe der eigenen Erfahrung und „mit bestem Wissen und Gewissen“ denkt – und spricht doch Deutsch. Nicht Deutsch überhaupt, sondern ein bestimmtes, das zum Beispiel eines vierzigjährigen Mittelklasseangehörigen mit akademischem Hintergrund. Dem Sprecher bleibt darin (wiederum zunächst und zumeist) nur zu sagen, was seine Sprache ihm zu sagen erlaubt, er artikuliert zu seiner Zeit an seinem Ort seine Klassen-, seine Genderposition. Die besprochene Welt ist nicht unabhängig vom gesprochenen Wort, sondern wird von ihm erst erschlossen. Eine andere Sprache erschließt eine andere Welt, die Grenzen meiner Sprache, sagt Wittgenstein, sind die Grenzen meiner Welt.

Subjektivität und Apparate der Ideologie

Zu glauben, die HerrIn der eigenen Rede zu sein, ist insofern der erste Machteffekt der Ideologie, mehr noch: wer diesem Effekt erliegt, ist in gewissem Sinn durch Ideologie erst Subjekt geworden: Subjekt einer „freien“ Rede, d. h. der Ideologie. Die ist folglich sehr viel mehr als die bewusst eingenommene „Weltanschauung“: sie ist das Material, in dem die Welt und wir selbst sind, was und wie wir sind. Was von der Sprache gilt, gilt auch von allen anderen Medien der Ideologie, gilt schon von der leiblich-sinnlichen Wahrnehmung und den so oder so wertenden Gefühlsurteilen, die unausweichlich mit ihr verbunden sind: „Dies da ist ekelhaft“ oder „dies da ist wunderbar“ sind schon vor der Aussprache des Gemeinten die tiefsten, weil unvordenklich einverleibten ideologischen Urteile. Und wieder: in Ideologie befangenes Subjekt ist, wer glaubt, sich unmittelbar an seine Gefühle halten zu können.

Ideologie liegt aber auch in jedem Vollzug gesellschaftlicher Praxis, verdichtet sich in kollektiven Handlungsformen, schließlich in Institutionen. Ideologie ist insofern das Ungesagte im Gesagten (das, „mit“ dem gesprochen wird), das Nichtgesehene im Gesehenen (das, „mit“ dem gesehen wird), das Nichtgemeinte in dem, was man tut (das, „mit“ dem gehandelt wird). Ideologien sind die Apparate, durch die und in denen gesellschaftliche Praxis reproduziert wird, und sind als solche, wie Althusser sagt, immer auch „Staatsapparate“.

Globalisierungskritik und Antisemitismus

Was hat das mit der Debatte um Antisemitismus und Globalisierungskritik zu tun? Dies zuerst: diese Debatte wird oft als Streit um „Weltanschauungen“ geführt. Man nimmt den Vorwurf, „Anschlussstellen“ zum Antisemitismus zu „haben“, als kritischen Kommentar zur eigenen „Überzeugung“ und weist ihn deshalb, in fast jedem Fall zu Recht, empört zurück. Die Empörung ist umso berechtigter, als der Vorwurf oft als Angriff auf die Integrität der politischen Person vorgetragen wird. Und dennoch läuft sie leer. Denn die Wahrnehmungs-, Denk-, Sprach- und Handlungsmuster, die Antisemitismus produzieren können, funktionieren unterhalb des subjektiven Bekenntnisses, gehören zur psychophysischen und sozialen Grundausstattung von Subjekten, die in bürgerlicher Gesellschaft, d. h. in bürgerlicher Ideologie leben. Von Subjekten also, die die Welt als „entwurzelt“ und „entfremdet“ wahrnehmen, als Welt, in der alles „Gewachsene“ und „Natürliche“ zunehmend „künstlich“ überformt wird – obwohl doch das „Natürliche“ das „Ursprüngliche“ und „Echte“, folglich das „Wahre“ und irgendwie das „Eigene“ ist. Globalisierung ist ein Name für die rasante Beschleunigung dieses Prozesses der Ent-Naturalisierung, die zugleich Ent-Nationalisierung, Internationalisierung, Transnationalisierung ist. Globalisierungskritik ist dort „anschlussfähig“ zu Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus, wo der Globalisierungsprozess abgewehrt, schließlich umgekehrt werden soll: in einer Rückkehr zum „Natürlichen“, das unversehens und keinesfalls zufällig das Nationale ist. Man muss dabei nicht NationalistIn im Sinn des subjektiven Bekenntnisses sein: die spontane Wertung selbst und die von ihr beförderte Parteinahme gibt hier den Ausschlag. Man muss dazu natürlich nicht bekennende AntisemitIn sein: es reicht, sich angesichts der „Anonymität“ der Globalisierungsdynamik auf die Suche nach den „Drahtziehern“ des Prozesses zu machen: die werden auch dort Züge „des Juden“ tragen, wo der Name bewusst vermieden wird. Kann man wirklich glauben, dass sich unter GlobalisierungskritikerInnen nicht Diskurse und Subjekte finden, in denen so gefühlt, gedacht, gesprochen, zuletzt gehandelt wird? Wohl kaum.

Was also tun?

Zugegeben: am samstäglichen Infostand in der Innenstadt hilft die hier umrissene Ideologietheorie nicht unmittelbar. Doch gibt sie die Richtung einer emanzipatorischen, einer linken Globalisierungskritik an. Wer sich von der Ideologie und ihren Staatsapparaten befreien will, wird sich selbst, seinen spontanen Wertungen und Bindungen fremd werden müssen, wird im übertragenen, vielleicht auch im wörtlichen Sinn MigrantIn werden. Dabei ist nicht die Freisetzung aus der „natürlichen“, im Zweifelsfall immer nationalen Bindung das Problem, sondern deren Tendenz: erfolgt sie im Zug der globalen Landnahme des Kapitals oder im Zug der sie überholenden Internationale sozialer Bewegungen? Riskant daran ist, dass die beiden Tendenzen unterwegs nicht immer sauber getrennt werden können. Globalisierungskritik wird dennoch im radikalen Sinn Ideologiekritik sein müssen: wer „zu Hause“ bleiben will, tendiert nach rechts. Der Nationalstaat, sagt Toni Negri, war „ein Stück Scheiße“.

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