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„Melancholia“

01 Jul 2004

Streifzüge 31/2004

KOLUMNE Rückkopplungen

von Roger Behrens

Pop suggeriert die Unmittelbarkeit einer Welt, deren Zusammenhang nur indirekt zu entschlüsseln ist. Die Ideologie, die sich in der neuesten Popkultur manifestiert, ist selbst ein Resultat höchst vermittelter Mechanismen, wesentlich in musikalischen Figuren geronnene Konkretion einer abstrakt sich und alles durchsetzenden Verwertungslogik. In der Popkultur konvergiert die alte Spannung zwischen dem, was einmal als Basis und Überbau bezeichnet wurde, Produktionssphäre und Reproduktionssphäre, aber auch die Kultur selber, die als geistiger Entwurf bürgerlichen Selbstbewusstseins im 19. Jahrhundert sich verwirklichte in den Formationen von Hoch- und Massenkultur. Als objektiver Geist etwa im Sinne bürgerlicher Sittlichkeit blieb die Kultur im Rückstand gegenüber ihrer eigenen Materialisierung als Technik – eine Ungleichzeitigkeit, die erst von der fortgeschrittenen Kulturindustrie im 20. Jahrhundert aufgehoben wurde: Geist und Technik, Ideal und Material der bürgerlichen Kultur kulminierten schließlich in der Reklame, in der unbedingten Werbung für die Welt, so wie sie ist. Die alten Etiketten von E und U wurden beibehalten, trotz sinnentstellender, ja sinnentleerender Verzerrung: hinter dem ästhetischen und ästhetisierten Ernst versteckte sich der Ernst der Lage, den die Kunst nur noch als Hintergrund ihrer lächerlichen Selbstthematisierung nutzte; in der Kulturindustrie indes, in der mit dem Unterhaltungsbedürfnis der Massen argumentiert wurde, ging es weder um Unterhaltung, noch um die Bedürfnisse, noch um die Masse, sondern schlichtweg um die profitable Kalkulation der Produkte (dass angeblich die Massen – wer immer das auch ist – den ihnen angedrehten Schund verlangen und tatsächlich bedürfen, ist als Argument so fadenscheinig wie das kongruente über den Bildungsbürger, der seine Vorstellungen von anspruchsvoller Kultur mit abgeschmackter Seriösität, Phrasen und Kitsch untermauert). Die Popkultur ist als Tendenz zu verstehen, auf die falsche Aufhebung von E und U selbstkritisch zu reflektieren, indem am vermeintlich Ernsten das Unterhaltende, am durchaus Unterhaltenden das Ernste herausgestellt wird. Was am Pop spannend ist: dass er in Spannungen sich entwickelte. Mit der Popkultur verhält es sich nicht anders als mit dem postmodernen Kapitalismus, dessen Ausdruckszusammenhang Pop ist, überhaupt: Besser lebt man ohne Popkultur, gleichwohl die Vorlockung, dass das Leben mit ihr doch schon gut sei, bleibt. Wer glaubt – und in den Neunzigern war das ja selbst innerhalb der Linken eine recht gängige Position -, dass die Popkultur nicht nur Mittel zum politischen Zweck sein kann, sondern sogar der politische Zweck selbst, die Subversion und Emanzipation in einem, hat sich dieselben Illusionen gemacht, die im Bereich der Politik seit über einem Jahrhundert als Sozialdemokratie bezeichnet werden, nur eben etwas lauter, aufsässiger, jugendlicher. Popkultur war insofern nicht die Kommunikationsverweigerung, sondern das Kommunikationsangebot, elektrisch verstärkte Sozialdemokratie; dass Jürgen Habermas mit Berufung auf Subkulturen zur selben Zeit die kommunikationstheoretische Wende der liberalen Sozialphilosophie einleitete, als diese Subkulturen – Punk und Disco – konsensfähig wurden, mag im Nachhinein als Indikator einer Bewegung verstanden werden, die strukturell schon seit einigen Jahrzehnten die Neue Mitte umkreiste, bis sie dann endlich im Zentrum ankam. Pop heute ist nunmehr die bloße Reklame der Sozialdemokratie, Sozialdemokratie hingegen die Reklame für die Popgesellschaft. Die Popkultur wird zur moralischen Anstalt, zur pädagogischen Schaubühne: die politische Kultur, die sich im Pop wie im Staat der Neuen Mitte gleichermaßen formiert, ist reformistische Krisenverwaltung. Mtv und Ntv sind die ganztägigen Manifestationen dieser Ideologie; für jedes Problem gibt es a) ein Expertengespräch, b) einen Song. Was diese Ideologie kennzeichnet: Gespräch und Song sind die Antworten auf die jeweiligen Probleme. Pop ist nicht mehr der Weckruf, das Kampflied etc. , sondern die Lösung, die Entspannung.

Solange auch die kritische Theorie der Popkultur keine materielle Gewalt ist, bleibt sie die Spurensuche, der Streifzug durch die Gärten wie Brachen einer noch immer vom Bürgertum gepflegten Landschaft. Anekdoten, Fundstücke werden zu einer Topografie der Tanzfläche; Hip Hop und NuJazz als Horizont, nicht als die Illusion eines Zentrums emanzipatorischer Popmusik. Ein Sampler beginnt mit dem Trompetensignal, mit dem Mahler seine Fünfte Sinfonie im Totenmarsch voranschreiten lässt: Die Verhältnisse zur Tanzfläche ausbauen: DJ Vadmin mischt Popmusik zur Wertkritik; das Recht auf Faulheit verwandeln schließlich 4Hero und Gill Scott zum Manifest gegen die Arbeit: „I don’t wanna to go to work today / I’d rather stay home / and play / video games / I’d rather chill for real / I don’t know how you feal / but sometimes I feel / like / I’m working for nothing / trying to get something …“ (DJ Vadim, , Stereo Pictures Vol. 03′; www.djvadim.com)

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Unmittelbarkeit ist die Chimäre des Pop. Als florierender akademischer Forschungsbereich hat die Poptheorie, die in erster Linie wohl froh ist, sich als Soziologie verkaufen zu können, ohne vom Sozialen handeln zu müssen, nunmehr alle Varianten einmal durchgespielt, ausgerechnet die durchschaubare Ideologie der Unmittelbarkeit als widerständig vorzuführen. Da dieser Widerstand sich gegen nichts richtet und für nichts streitet, bleibt er so harmlos wie der aufs unmittelbare Erlebnis eingeschliffene Popkonsument, und kann folglich alle paar Jahre mit neuen modischen Phrasen noch eine Banalisierungsstufe weitergetrieben werden. Die elektronische Musik der neunziger Jahre lebte von dieser Ideologie; sie wurde erfolgreich von so genannter Poptheorie adaptiert, die ein oberflächlich verstandenes Sampling als Realmetapher für subversive Mischkultur missverstand, die angeblich im Schatten der bösen Kulturindustrie den Aufstand probte. Aber es gab auch die Anarchisten, die ästhetisch wie politisch mit der nötigen Gewalt strategischer Ironie diese Version einer Discorevolution links liegen gelassen haben. Im Rahmen der Documenta 1997 gründeten Marc Weiser (Audio), Lillevän (Video) und Christian Conrad (Audio) Rechenzentrum. Mit , Director’s Cut‘ bieten Rechenzentrum – plus Gastkünstler wie etwa den Trompeter Franz Hautzinger – auf CD und DVD eine Werkschau von Musik und Bildvertonungen, die sich dem originären Werkbegriff freilich entzieht. Das Zitieren wird dadaistisch übertrieben, unter zwischen den elektronischen Klangschnipseln ist Iannis Xenakis genauso wie Yoko Ono wie Iggy Pop durchzuhören. Die Filme illustrieren nicht die Musik, sondern bilden mit dem Ton eine Einheit, werden zur Notation von Kompositionen, die sich der Schrift entzieht und auf die abstrakte Allegorie des Bildes angewiesen ist. Falsch wäre es, das Material kontemplativ genießen zu wollen. Man muss , Director’s Cut‘ schon wie einen Blockbuster sehen, möglichst laut hören und mit entsprechenden Rauschmitteln versorgt (eine Bildersprache, die es eigentlich nahe legt, auch mit entsprechender Lautstärke betrachtet zu werden). So wird die Unmittelbarkeit durchbrochen, die einst als Technokultur propagiert wurde; im barbarischen Zugriff auf Audio und Video gewinnt indes sogar ein Begriff von Unterhaltung Konturen, der mit den ästhetischen Kategorien von Genuss und Geschmack nicht mehr zu fassen ist. Rechenzentrum sind die Melancholiker des falschen Optimismus, der die technische Möglichkeit als soziale Wirklichkeit missdeutet; dagegen beherrscht das kleine Musikkollektiv die Allegorese in technischen Klangbildern: Allegorien technologischer Rationalität, die vom Sound und Image buchstäblich zerrissen wird. Eine Melancholie der elektronischen Medien. (Rechenzentrum, , Director’s Cut‘, CD + DVD / 2LP, Mille Plateaux)

Wenn es bei Rechenzentrum um Melancholie geht, dann auch in Hinblick auf das, was die existenzialistische Theorie das Absurde nennt. Sartres Roman , Der Ekel‘ sollte ursprünglich nach dem berühmten Stich von Dürer , Melancholia‘ heißen. – Wo indes das Surreale, das Absurde etc. zur kalkulierten Form gerinnt, droht Melancholie in linke Melancholie umzuschlagen, in politische Resignation und ästhetizistischen Defätismus. Musikalische Selbstreflexion, der Bezug auf das immer gleiche eigene Referenzsystem , Pop‘ läuft Gefahr, zum selbstmitleidigen L’art pour l’art zu werden. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Knarf Rellöm, das multiple Bandsubjekt, hat dafür auf , Fehler is King‘ (WSFA 1999) die treffende Formel gefunden: „Verzweiflung ja, Selbstmitleid nein! “

Solche Verzweiflung hieß bei der Band HUAH! 1992 bündig: , Scheiß Kapitalismus‘; nach Auflösung der Band hat Knarf Rellöm weitergemacht: eine Solokarriere, die beides nicht war – nicht solo, nicht erfolgsorientiert. Kaum jemand hat in den letzten zehn Jahren die Idee von Bandkollektiv nicht nur als ästhetisches, sondern vor allem als politisches Konzept in dieser radikalen Weise vertreten wie eben Knarf Rellöm in seinen verschiedenen Arbeitszusammenhängen. Die Musik ist über die Jahre elektronischer geworden, dafür sorgen auch Viktor Marek und DJ Patex. Konzeptuell bleibt der Umgang mit dem musikalischen Material aber dem Punk verpflichtet. Das heißt auch Montage, Collage, neue Versionen, Fragmentierungen und Selbstzitat. Das wunderschöne Klavier von Randy Newmans , Baltimore‘ auf Ladies Love Knarf Rellöms , Bitte vor R. E. M. einordnen‘ (1997); und , Mr. Blue‘, das in einer Elektroversion auf Knarf Rellöm ISMs , Fehler is King‘ (1999) wieder dabei ist. Auf KNARF RELLÖM with the ShiShaShellöm: , Einbildung ist auch ne Bildung‘ ist von dem Song die Basslinie geblieben: , Movin‘; die Widmungen gehen an Robert Wyatt, an Kante und an Bernadette la Hengst. Ein Reisebericht. Die Musik ist tanzbar, aber keine Tanzmusik (so wie die befreundeten Techno-Punx Saalschutz sagen, sie wollen untanzbare Tanzmusik machen); sie bleibt Agitation und Reflexion, ohne zur Kontemplation zu zwingen. Zerstreuung und Experiment sind die beiden Pole, zwischen die Knarf Rellöm kleine musikalische Erzählungen setzt. Auf einer Diskussionsveranstaltung soll er linken Kulturpessimisten, denen RTL und Mtv bloß Schund ist, entgegnet haben: „Ich liebe diesen Schund! Er ist mein Arbeitsmaterial! “ Nicht in den Archiven bewegt sich Knarf Rellöm, sondern er sucht im Gerümpel, das der Kulturindustrie zu wertlos zu sein scheint, als dass sie es aufbewahren müsste. Er ist Lumpensammler. Sich textlich wie musikalisch im Widerspruch zu bewegen, erscheint nachgerade als Notwendigkeit. Die Popkultur verleugnet und kaschiert diese Widersprüche, und mit geradezu schelmischer Freude spielt Knarf Rellöm with the ShiShaShellöm den Verhältnissen ihre eigene Melodie vor: „Nur schlechte Bands heißen Echt und Pur… Auf der Bühne zu stehen und Musik zu machen ist wirklich das Größte auf der Welt. Man ist sein eigener Chef und zugleich angestellt. Mein neues Album ist das beste, das ich je gemacht habe. Für Scheißefresser ist es eine Gabe. Ich werde nicht aufhören, ich selbst zu sein. Millionen sind Mitglied in diesem Verein.“ – , Change is gonna come‘, Widmung: Albert Ayler und Goldene Zitronen. (KNARF RELLÖM with the ShiShaShellöm: , Einbildung ist auch ne Bildung‘, ZickZack / WSFA 2004)

Zwar gilt nach Siegfried Kracauer die Losung: „Wenn der Unterbau in Ordnung wäre, dürfte man ruhig im Überbau leben“, doch gilt zugleich das kritische Gebot, den Überbau soweit zum Leben herzurichten, dass er den Menschen hilft, diese Gesellschaft in Ordnung zu bringen. Dafür zählt das unbedingte Recht auf Unterhaltung. , The Many Moods of Brigade Nouveau‘ heißt eine bei 9: PM erschienene Kompilation mit annehmlicher, hübscher Sommermusik, die heute unter den Etiketten NuJazz, NuBrazil, House, Downbeat angeboten wird. Es ist mithin eine geschmackvoll aufbereitete Sammlung von Bossa Nova (wobei: die beste Zusammenstellung von Bossa Nova ist immer noch , Blue Brazil. Blue Note in a Latin Groove‘, erschienen bei EMI / Blue Note; und man kann zudem dazusagen, dass man mit den Veröffentlichungen der derzeitigen Brasilienmode kaum etwas falsch machen kann. Auch von den Klassikern, etwa Astrud Gilberto, Elis Regina, Tom Jobim oder Jorge Ben finden sich derzeit gute Angebote in den Regalen). – Nicht umsonst ist Bossa Nova als Muzak schnell vermarktet worden; die brasilianische Avantgarde läuft Gefahr, kleinbürgerlicher Behaglichkeit anheim zu fallen: schnell wird die Musik als Soundtrack einer Angestelltenkultur falsch gehört; tatsächlich drückt sich in ihr allerdings ein Unbehagen aus. Auch wenn davon zwischen den , Many Moods of Brigade Nouveau‘ nicht mehr viel zu hören ist: dafür ist es Latin (Papa Shango, Panaman), Discofunk (Rude Rock Hunter vs. Stephanie Pop), Bar-Jazz (Linda Paris) oder fast Big-Beat (Earl Harbour & The Lagoona Racing Team). – Bleibt Pop insgesamt die Ideologie der Unmittelbarkeit, so ist jedem Intervall doch die Spannung eingeschrieben, die einmal den Schleier dieser Ideologie zerreißen wird. (Various Artists, , The Many Moods of Brigade Nouveau‘, 9: PM / Indigo, 2003)

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