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Wo Arbeit weh tut

21 Jun 1700

Film und Vortrag von Peter Samol
Universität Bielefeld, Raum V2 – 105
Mittwoch, 30.06.2010, 18:00 – 22:00 Uhr

Veranstalter: „Alles für alle!“ (AFA) Bielefeld

Unter anderer Identität heuerte Günter Wallraff (Journalist und Schriftsteller) bei einer Großbäckerei im Rheinland an, die für die Großmarktkette Lidl produziert, und dokumentierte seine Erfahrungen und die Arbeitsbedingungen vor Ort mit versteckter Kamera.Wallraffs Fazit: Wer billig verkauft, muss auch billig produzieren.

Im anschließenden Vortrag wird Peter Samol zeigen, dass es sich hier keineswegs um eine katastrophale Ausnahme handelt, sondern das Gezeigte typisch ist für eine allgemeine Entwicklungstendenz kapitalistischer Gesellschaften. In diesen sind die Verhältnisse nämlich nicht an den Bedürfnissen der Menschen, sondern an denen der Kapitalverwertung ausgerichtet. Ein Betrieb muss rentabel sein, sprich Profit erwirtschaften, sonst verschwindet er sehr bald von der Bildfläche. Den allgemeinen Konkurrenzdruck geben die Betriebe in Form von Arbeitshetze, Entlassungsdrohungen und generell einer allgemeinen Verschlechterung der Arbeitsbedingungen an ihre Beschäftigten weiter. Zugleich ist die Aufgabe der Selbsterhaltung in unserer Gesellschaft fast vollständig an die einzelnen Individuen überantwortet. Jede und Jeder soll sich verkaufen, um sich (und ev. Angehörige) am Leben zu halten. Nun wird aber die Zahl der entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten tendenziell immer geringer. Und das wird angesichts der technischen Entwicklung immer so weiter gehen. Das Ergebnis ist ein offener Widerspruch: Während die Menge der produzierten Waren so groß ist wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit, steigt gleichzeitig die Zahl der von diesem Warenreichtum ausgeschlossen Menschen immer weiter an. Sowohl weltweit wie auch zunehmend innerhalb der wohlhabenden Länder.

Die im Film dargestellten Arbeitsverhältnisse sind insofern typisch, als sie die unvermeidbaren Folgen des „deutschen Weges“, mit der weltweiten Überproduktions- und Unterbeschäftigungskrise umzugehen, beispielhaft aufzeigen. Denn hierzulande konnte zwar der Anstieg der Arbeitslosigkeit bis auf weiteres nahezu gestoppt werden. Sogar in der Krise. Das ging aber mit einem beispiellosen Rückbau der sozialen Standards (Agenda 2010, Hartz-Gesetze etc.) und in Folge dessen auch mit einer deutlichen Verschlechterung einer wachsenden Anzahl von Beschäftigungsverhältnissen einher. Leiharbeit, Minijobs, Teilzeitstellen, unbezahlte Praktika, befristete Beschäftigungsverhältnisse etc. haben seither spürbar zugenommen. Und selbst die weiterhin Normalbeschäftigten haben zunehmend mit einer Aufweichung der Tarifstrukturen zu kämpfen. Infolge der damit einhergehenden Senkung der Personalkosten und in Kombination mit seiner äußerst hohen technischen Produktivität konnte der langjährige Exportweltmeister Deutschland – mittlerweile (nach China) nur noch Vize-Exportweltmeister – seine Waren unschlagbar billig auf dem Weltmarkt anbieten. Mit den Waren wurde auch die Arbeitslosigkeit in andere Länder exportiert sowie die wachsende Lücke zwischen Warenangebot und (inländischer) Nachfrage bis auf weiteres geschlossen; allerdings auf Kosten des Auslands wie der hiesigen Beschäftigten. Wenn jedoch absehbar immer mehr Importländer aufgrund von dortigen Sparprogrammen oder gar Staatsbankrotts wegfallen, dann werden selbst die bisherigen einschneidenden Veränderungen nicht mehr genügen. Ob sich die Probleme, die sich dann aufdrängen, überhaupt noch innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsform lösen lassen, ist mehr als fragwürdig.

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